Donnerstag, 18 Juni 2009 00:00

Gespräch mit Frau Ellen M. Zitzmann über das Bildungsprogramm CHANGE

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

2009 e zitzmann

CHANGE ist ein Erziehungs- und Bildungsprogramm des Vereins Power for Peace und tritt gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit und für Toleranz und Demokratie ein.

Das Programm thematisiert Konflikt- und Krisensituationen, Gefühle und Emotionen. Konstruktive Lösungen werden gemeinsam mit der Zielgruppe, ideologiegefährdete Jungen und jungen Männern, erarbeitet und präventiv, positiv auf Lebensgeschichten eingewirkt. Im Mittelpunkt steht die biografische Selbstreflexion, der Erwerb von Wissen und die praktische Anwendung erworbener Konflikt- und Problemlösungsstrategien. Wir haben mit der Gründerin und Vorstandsvorsitzenden des Vereins Power for Peace, Ellen M. Zitzmann gesprochen.

 

Frau Zitzmann, was ist, kurz gesagt, die Idee des Projekts CHANGE?

Wir möchten mit unserem Projekt auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse gezielte und strukturierte Präventionsarbeit gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern leisten.

Welche Ziele verfolgen Sie?

Uns ist die Reduktion und vor allem die Prävention von gewalttätigen und fremdenfeindlichen Einstellungen besonders wichtig. Hier arbeiten wir unter anderem eltern- und bezugspersonenorientiert. Wir möchten aber auch soziale und emotionale Kompetenzen stärken und Schutzfaktoren bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufbauen. Weitere Ziele des CHANGE-Trainingsprogramms sind die Persönlichkeitsentwicklung und Lebenslaufplanung.
Durch kooperative Lernmethoden, heterogene Lerngruppen, die zur Verbesserung interkultureller Beziehungen beitragen und durch das Training sozial-kognitiver Fähigkeiten, möchten wir darüber hinaus dem Vorurteilsdenken und der Vorurteilskriminalität vorbeugen.

Wer ist an dem Projekt CHANGE beteiligt?

Wir arbeiten mit sehr vielen verschiedenen Kooperationspartnern zusammen. Konkret sind das: das Bundesprogramm „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche, das Bayerische Staatsministerium der Justiz und für Verbraucher-schutz, die Jugendstrafanstalt Laufen-Lebenau in Oberbayern, die Kriminologische Zentralstelle (KrimZ) Wiesbaden, der Verfassungsschutz Hamburg und der Ernst Klett Verlag, Stuttgart. Zudem fungiert meine Firma „ZEMprocessConsulting" in Tutzing als Unterstützung und das Projekt ist immer wieder auf die Hilfe von freiberuflichen SpezialistInnen in den Bereichen Internet, Marketing und Pressearbeit sowie auf das Engagement erfahrener Trainerinnen und Trainer angewiesen. Wir sind auch sehr froh um die Hilfe von Eltern, Bezugspersonen, Lehrerinnen und Lehrern, sozialpädagogischen und psychologischen Fachkräften und den Beamtinnen und Beamten der Justizvollzugsanstalten.

Wie nehmen die Jungen und jungen Männer das Trainingskonzept auf? Sind sie zunächst zögerlich?

Ganz im Gegenteil! Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gerade die männlichen Jugendlichen und die jungen Männer sehr positiv reagieren. Bisher gab es weder „Abbrüche" noch „Hinauswürfe". Den Teilnehmern gefällt die Themen- und Methodenvielfalt, wie auch der kooperative Führungsstil und die vertrauensvolle (Lern-)Atmosphäre. Unter www.powerforpeace.de kann man sich direkte Feedbacks der teilnehmenden Jugendlichen in unserem PfP-Podcast-Programm anhören.

Was ist das Besondere an CHANGE?

Bei CHANGE handelt es sich um ein strukturiertes und ausbaubares Präventionsprogramm mit der Möglichkeit zum selbsttätigen Lernen, anhand von Arbeitsbüchern, Portfolio, Lehrer- und Mentorenhandbüchern.
Ab 2010 werden wir auch ein interaktives Familientraining anbieten, da uns die Einbindung von Eltern und Bezugspersonen sehr wichtig ist.

Das Programm zeichnet sich zudem durch seine Methodenvielfalt aus: Wir arbeiten mit einer Kombination aus Stoffvermittlung, interaktiven Übungen, Selbststudium und Arbeitsgruppen. Es wird auch versucht, auf Grundlage der Genderpädagogik jungenspezifische Bedürfnisse und Interessen zu berücksichtigen.

Es ist uns wichtig, dass Jugendliche gezielt auf der persönlichen Ebene angesprochen und mit Erfahrungen konfrontiert werden, die für sie nachvollziehbar sind. So ist es ihnen dann auch möglich, andere Realitäten wahrzunehmen und zu akzeptieren oder beispielsweise Verständnis für Flüchtlinge zu entwickeln, wodurch Vorurteile über das angebliche Luxusleben von Migrantinnen und Migranten in Deutschland relativiert werden können.

Wir versuchen auch, einen Bezug zu Gleichaltrigen aus anderen „Welten" herzustellen, beispielsweise durch die Lebensgeschichten von jungen Widerstandskämpfern wie es zum Beispiel der 18-jährige Walter Klingenbeck im Dritten Reich war.

Gewinnbringend ist immer die Einbeziehung von beispielsweise Beamten der Justizvollzugsanstalten. Auch der Kontakt zu unterschiedlichen Berufsfeldern (z.B. Schreinerei, Schlosserhandwerk, Tischlerei, Maurerhandwerk...) macht das „reale Leben" für unsere Zielgruppe erfahrbar.

Die Durchsetzung von Regeln, sowie eventuell notwendige Grenzsetzungen erfolgen bei CHANGE sach- und verhaltensbezogen.

Was motiviert Sie mit dem Projekt CHANGE zu arbeiten?

Diese Tätigkeit erweitert meinen Horizont und schult meinen Geist. Es freut mich, dass ich jungen Menschen gerade in Zeiten von gesellschaftlichen Krisen und Veränderungen auch anhand meines eigenen Lebenswegs Wissen, Erfahrung und die Bedeutung von Bildung vermitteln kann.

Die unverbrauchte und frische Lern- und Arbeitsdynamik bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereitet mir in der Arbeit mit ihnen besondere Freude. Ihre hohe Experimentier- und Bewegungsfreudigkeit empfinde ich als sehr spannend, herausfordernd und anregend.

Gibt es für Sie ein persönliches Highlight in Ihrer Arbeit mit CHANGE?

Ich denke, dass es sehr viele Höhepunkte in meiner Arbeit gibt, die meist mit den unmittelbaren Lernerfolgen der Teilnehmenden zu tun haben. Es freut mich, wenn junge Menschen mit weniger Ängsten in die Zukunft blicken, oder ihre eigene (Lebens-)Situation realistischer einschätzen können. Einmal hat beispielsweise der soziale Dienst der JVA über einen Teilnehmer gesagt: „Vor der Inhaftierung war er Mitglied in einer rechtsradikalen Gruppe. Er hat sich im Verlauf des Trainings von dieser Gruppe distanziert. Das Training unterstützte ihn und zeigte ihm Alternativen für eine konstruktive Zukunftsgestaltung auf."

Welche Herausforderungen sehen Sie in der politischen Bildung, wenn Sie an Ihre Erfahrungen aus dem Projekt CHANGE denken?

Zukünftig wird es für das Projekt weiterhin wichtig sein, Erkenntnisse aus verschiedenen fachwissenschaftlichen Bereichen, wie der pädagogischen Psychologie, der Pädagogik, Soziologie und der Kriminologie aufzugreifen, sich auszutauschen und entsprechende Experten einzubinden. Diese Erkenntnisse gilt es in praktische Handlungsansätze und -konzepte umzusetzen und gemäß den realen Anforderungen anzupassen. Wie Sie sehen, nehmen wir die Verantwortung für die interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr ernst.

Wie lässt sich politische Bildung am besten vermitteln?

Politische Bildungsarbeit muss bedarfs- und erfahrungsorientiert, allerdings ohne erhobenen Zeigefinger funktionieren. Ich denke, hier geht es immer um die schrittweise und langjährige Umsetzung einer großen Vision, die ohne Geduld und ohne ein dem Menschen zugewandtes Menschenbild nicht auskommt.
In meinen Augen ist politische Bildung ein wichtiger Mosaikstein im Zusammenspiel mit anderen (Fach-)Bereichen. Mitunter kann sie anderen (Fach-)Disziplinen die Augen öffnen und sie miteinander vernetzen.

Mit welchen Einrichtungen und Personen würden Sie in Zukunft gerne (noch) stärker kooperieren?

Ich kann mir vorstellen, mit der Polizei und der Justiz sowie mit Jugendämtern noch intensiver zusammenzuarbeiten. Aber auch die Kooperation mit Institutionen der Aus- und Weiterbildung, wie Akademien und Universitäten ist für unser Projekt von großer Bedeutung.

Politische Bildung bedeutet für mich...
... das Bewusstwerden demokratischer Prozesse und das Erleben von demokratischem Handeln.

Erfolgreiche politische Bildung...
... hinterfragt und erneuert sich und bietet eine Kommunikationsplattform für alle Menschen, unabhängig von Bildung, Status, Religion, Kultur und Sprache.

Das Projekt CHANGE ist erfolgreich...
... weil wir Vertrauen, verbunden mit Respekt, Toleranz und Empathie als tragendes Fundament in unsere Beziehungen einbringen. Zum Selbstverständnis des Vereins gehört darüber hinaus ein Experimentierfeld, in dem alle Mitwirkenden gleichberechtigt zusammenarbeiten und ihre Fähigkeiten einbringen können.

Frau Zitzmann, wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt

Die Programmbroschuere von CHANGE können Sie sich pdf hier als PDF-Dokument herunterladen (1.27 Mb).
Hier finden Sie den Verein Power for Peace im Internet.

Gelesen 1420 mal
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten