Mittwoch, 15 Juli 2009 00:00

Aktion09 – Gib Deiner Meinung eine Stimme! – Interview mit Projektleiterin Julia Pfinder

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

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Im Superwahljahr 2009 setzt die Aktion09 - Gib deiner Meinung eine Stimme! darauf, dass Jugendliche andere Jugendliche für Politik begeistern können. Jugendliche werden als Multiplikatoren ausgebildet, um anschließend gemeinsam mit anderen Aktionen zu starten, die auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen. Wir haben mit Julia Pfinder gesprochen, Projektleiterin von Aktion09 im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung.

 

Frau Pfinder, das Jahr 2009 gilt als Superwahljahr. Rund 3,5 Millionen junge Menschen sind das erste Mal aufgerufen, wählen zu gehen. Doch viele Jugendliche nehmen dieses Recht nicht wahr, die Wahlbeteiligung der Erstwähler ist gering. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal fühlen sich viele Jugendliche durch die Politik nicht direkt angesprochen. Im politischen Alltag aber auch speziell im Wahlkampf tauchen nur vereinzelt Themen auf, die für Jugendliche bedeutsam erscheinen und mit ihrem Leben zu tun haben. Oft fehlt den Jugendlichen auch fundiertes Wissen. Sowohl über das politische System als auch über die Wahlen. Dadurch stellt sich der Zugang zu Politik schwierig dar. Das kann Ohnmachtsgefühl und Desinteresse auslösen. Politische Partizipation ist ihrem Blickfeld oft entrückt. Dies trifft auch auf die Jugendlichen zu, die nicht wählen dürfen, da sie entweder noch zu jung sind oder nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit Aktion09 - Gib Deiner Meinung eine Stimme! an?

Wir versuchen, mit Aktion09 Jugendlichen ein Forum zu bieten. Insbesondere für diejenigen, die sich mit politischen Themen bislang gar nicht auseinandersetzen und sich über gängige Kanäle der politischen Bildung nicht angesprochen fühlen. Die politischen Geschehnisse im „Superwahljahr" sollen als Brücke dienen. Unser Konzept stellt Jugendliche in den Mittelpunkt des Geschehens und gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Themen selbst zu wählen, zu gestalten und zu vermitteln. Sie sollen erleben, dass es möglich ist, im eigenen Umfeld etwas zu verändern.

Wie schaffen Sie es, die Jugendlichen zu erreichen?

Aktion09 arbeitet mit dem Peer-to-Peer-Ansatz. Dieser geht davon aus, dass Jugendliche offen für neue Erfahrungen und neues Wissen sind, wenn ihnen diese durch andere Jugendliche vermittelt wird. Nur sie selbst sind Experten ihrer Lebenswelt und wissen, was Gleichaltrige interessiert und bewegt. Wenn ein Jugendlicher von etwas überzeugt und begeistert ist, folgt ihm der Freundeskreis oft darin. Wir versuchen, den Einfluss und das Vertrauen der Jugendlichen untereinander zu nutzen. Wir machen es zum Fundament der gemeinsamen Arbeit. Lern- und Vermittlungsprozesse finden bei Aktion09 auf Augenhöhe statt und sind authentisch.

Wie sieht das konkret aus? Was lernen die Jugendlichen bei Aktion 09?

Die Jugendlichen werden zu Politik-Experten ihrer Lebenswelt! Dazu treffen sie sich in regionalen Gruppen mehrfach zu Wochenendseminaren und analysieren mit Unterstützung von Pädagogen und Trainern ihre Lebenswirklichkeit. Sie vergleichen ihre Lebenssituation mit ihren Wunschvorstellungen: Welches sind unsere Ziele, Interessen und Anliegen? Was fehlt, damit unsere Wünsche erfüllt werden? Was wäre der erste Schritt zur Verwirklichung?
Dies stellt einen unmittelbaren Bezug zum Leben und direkte Betroffenheit her. Es eröffnet Perspektiven, um Engagement und Strategien zur politischen Einflussnahme zu identifizieren, zu entwickeln und zu artikulieren. Die Jugendlichen können ihre Interessen einer größeren Öffentlichkeit präsentieren und für Unterstützung werben. Indem sie beispielsweise Flyer mit ihren Anliegen erstellen, Videos drehen oder Podiumsdiskussionen mit den zuständigen Politikern organisieren.

Was können die Teilnehmer durch Aktion09 nachhaltig bewirken?

Aktion09 soll eine Initialzündung sein. Die Jugendlichen lernen, wie sie sich organisieren, wie sie direkten Einfluss auf Entwicklungen in ihrem Umfeld nehmen und etwas bewegen können. Sie werden in ihrer Multiplikatorenrolle gestärkt und nutzen diese, um andere Jugendliche einzubeziehen. So erfahren die Jugendlichen Bestätigung und werden motiviert. Aktion09 bietet den Jugendlichen Raum zum Experimentieren und zur Interessenartikulation.
Diese positive Erfahrung wird sie darin bestärken, sich weiter zu engagieren und ihr Wissen weiterzutragen.

Nach einer ersten Orientierungsphase und der Ausbildung während der Wochenendseminaren setzen die Jugendlichen das Gelernte nun in Aktionen um. Welche Mittel nutzen sie, um auf ihre Interessen aufmerksam zu machen?

Die Aktionen sind so unterschiedlich wie die Jugendlichen selbst. Der Hamburger Azubistammtisch e.V. bearbeitet das Thema „Wahlrecht für Ausländer" und spricht dabei unterschiedliche Medien wie Radio und Film an. Gleichzeitig informieren die Jugendlichen mit Flyern über das Thema und laden zu Podiumsdiskussionen ein.
Die Jugendlichen des Jugendfreizeitzentrums Moskito in Eisleben hatten sich vor Aktion09 nicht mit politischen Projekten beschäftigt. Nun haben sie in kürzester Zeit eine Ausstellung zum Thema „Jugend - Freizeit - Zukunft" auf die Beine gestellt. Zusätzlich haben sie Mitte Mai vier Landtagsabgeordnete aus unterschiedlichen Parteien zu einer Talkrunde eingeladen, mit denen sie zum Thema „Superwahljahr 2009" diskutiert haben. Momentan planen sie ein Rockkonzert, bei dem die Wahlen und die Notwendigkeit der Beteiligung daran vermittelt werden. Auch hier sollen Bundestagsabgeordnete dabei sein.
An diesen Beispielen wird ersichtlich, wie die Jugendlichen es schaffen, den Kreis der Interessierten und Engagierten zu erweitern und andere Menschen einzubinden.
Wichtig ist es, dass die Jugendlichen keine Berührungsängste haben und auch auf Entscheidungsträger zugehen. Dies scheint bislang auf einem guten Weg zu sein.

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Die Wochenendseminare, bei denen die teilnehmenden Jugendlichen als Multiplikatoren ausgebildet werden, sind demnächst abgeschlossen. Die ersten Aktionen haben stattgefunden. Welche erste Zwischenbilanz ziehen Sie?

In den Seminaren wurden 60 Jugendliche ausgebildet, die nun aktiv andere Jugendliche ansprechen. Ich freue mich, dass die Abbrecherquote über den - für die Jugendlichen - langen Zeitraum von vier Monaten minimal war und dass sie es in dieser Zeit geschafft haben, ihre eigenen Interessen herauszubilden. Alle Aktionen haben eine klare politische Dimension. Ich glaube, wir sind damit auf einem guten Weg, die Jugendlichen langfristig für politische Themen zunächst in ihrem unmittelbaren Umfeld, später auch außerhalb davon, zu interessieren und sich weiterhin dafür einzusetzen und stark zu machen.

Gibt es für Sie eine persönliche Motivation?

Ich selbst glaube nicht an das vorherrschende Bild, dass Jugendliche und junge Erwachsene politisch uninteressiert sind. Vielmehr ist öfter das Problem, dass sich die Politik nicht für die jüngeren Generationen interessiert. Daher wünsche mir, dass neue Ideen entwickelt und Anstrengungen unternommen werden, um die Personen zu bestärken, die wenig Einfluss und Fürsprecher ihrer Interessen haben. Und dass positive Beispiele öfters und stärker kommuniziert werden.

Gibt es Einrichtungen oder Institutionen mit denen Sie in Zukunft stärker kooperieren wollen?

Ja, insbesondere migrantische Selbstorganisationen, Hauptschulen, Schulsozialarbeit und Träger der politischen Bildung.

Politische Bildung bedeutet für mich...
Erkennen und reflektieren der eigenen Werte, Haltungen und Interessen, Wissen um Möglichkeiten der Artikulation und Einflussnahme, Empowerment.

Erfolgreiche politische Bildung...
zielt ab auf Mündigkeit, Reflexions-und Urteilsfähigkeit, Glaube an Selbstwirksamkeit und Fähigkeit zur Selbstorganisation auch in jenen gesellschaftlichen Gruppen, bei denen die Erreichung dieser Ziele einen längeren Atem und ein größeres Maß an Kreativität erfordert.

Aktion09 - Gib Deiner Meinung eine Stimme! ist erfolgreich weil...
wir auf die Stärken der Jugendlichen setzen, ihnen ermöglichen, eigene Ziele zu identifizieren und Wege zu beschreiten, um bei deren Verwirklichung viele Erfolgserlebnisse sowie eine Menge Spaß zu haben.

Weitere Informationen erhalten Sie bei:

Julia Pfinder
Tel. 089/97395384
E-Mail: julia.pfinder@aktion09.de

Projektskizze, Logos, Informationen über teilnehmende Einrichtungen erhalten Sie hier

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