Dienstag, 15 September 2009 00:00

U18-Wahlaktion in Bayern: ein Gespräch mit Bastian Dietz von der Koordinierungsstelle des BJR

geschrieben von  Theresa Riechert

dietz bastian

Die Wahllokale zur Bundestagswahl 2009 öffnen dieses Jahr teilweise bereits am kommenden Freitag. Der Grund dafür? Die deutschlandweite Aktion „U18" bittet alle Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren an die Wahlurnen, um das Wählen so selbst zu erleben. Doch die Kinder und Jugendlichen sind nicht nur zum Wählen aufgerufen, sondern sie organisieren die Wahl auch selbst: errichten Wahllokale, basteln Urnen und informieren sich, um den möglichen Fragen der Wähler gewachsen zu sein. Die Wahlsimulation, die erstmals in Bayern durchgeführt wird, koordiniert der Bayerische Jugendring (BJR). Wir sprachen mit Bastian Dietz, dem Ansprechpartner für Bayern.

 


Herr Dietz, in ein paar kurzen Sätzen: Was verbirgt sich hinter der Aktion „U18"?

„U18" ist eine Wahlsimulation, bei der Kinder und Jugendliche die Bundestagswahl 2009 möglichst originalgetreu nachempfinden. Dahinter steht die pädagogische Absicht, dass sie durch das eigene Wählen lernen, wie der Ablauf ist und welche Grundsätze beachtet werden müssen. Zum Beispiel erfahren sie, dass man eine Wahlkabine so aufstellt, dass von Hinten niemand reinschauen kann. Damit lernen sie praktisch durch ihr eigenes Tun, den Grundsatz der Geheimheit der Wahl, was man ansonsten ganz abstrakt erklären würde. Und so etwas selbst Erfahrenes hält natürlich auch viel länger vor.

Wieso erreicht Ihres Erachtens die Aktion „U18" die Kinder und Jugendlichen?

Also man muss dazu sagen, dass die Altersgruppen, die am häufigsten zur „U18"-Wahl gehen, zwischen 14 und 16 Jahre alt sind. Gerade diese Altersgruppe ist politisch am interessiertesten. In diesem Alter möchte man die Welt verändern, wie man vielleicht aus seiner eigenen Jugend noch weiß, und das nutzen wir für die Aktion „U18" und demonstrieren damit zugleich, dass die Jugendlichen eigentlich sehr gerne am politischen Meinungsbildungsprozess teilnehmen würden. Sie dürfen es nur nicht, obwohl sie es eigentlich könnten: sie verstehen, wie das funktioniert, was dahinter steckt und „U18" zeigt, dass Kinder und Jugendliche eigentlich schon gewillt sind, sich an der Demokratie Deutschlands zu beteiligen.

Die Jugendverbände plädieren ja seit längerem für eine Herabsenkung des Wahlalters. Kann man die Aktion „U18" auch als „Protestaktion" zur Unterstreichung dieser Forderung interpretieren?

Es ist sicherlich keine Protestaktion, aber es zeigt einfach, dass die Zeit reif ist für eine Wahlalterherabsenkung, da die Jugendlichen eigentlich sehr politisch interessiert sind. Natürlich nicht alle Jugendlichen, aber das gilt ja auch für die Erwachsenen. Jugendliche interessieren sich für politische Zusammenhänge, sie interessieren sich für bestimmte Themen, ob das Bürgerrechtsthemen sind wie Datenschutz und Freiheitsrechte, die oftmals ganz eng mit ihrer Lebenswelt verbunden sind oder ob es sich um Themen wie Umweltschutz, Innen-, oder Lokalpolitik handelt. Also Jugendliche interessieren sich schon sehr stark für politische Themen, auch wenn sie das vielleicht in einer Umfrage jetzt nicht selbst als politisches Interesse benennen würden. Das andere wichtige Argument für eine Absenkung des Wahlalters ist, dass die Jugendlichen im Alter von 15, 16 Jahren noch zur Schule gehen und dadurch im Sozialkundeunterricht oder durch Kooperationsaktionen von Schule und Jugendarbeit, wie zum Beispiel „U18" jetzt, an das Thema Politik herangeführt werden können. Dürfen sie erst ab 18 wählen, sind sie zum Großteil schon aus der Schule draußen und ein pädagogischer Zugriff kann nicht mehr stattfinden.

Diesen Freitag, am 18. September, ist der Wahltag von „U18". Wie läuft dieser Tag ab, wie kann man sich das vorstellen?

Das läuft wahrscheinlich ganz unterschiedlich ab. Die Wahllokale vor Ort, die von Schulen, Jugendverbänden und Schulen, Jugendzentren und Jugendtreffs oder von irgendwelchen freien Jugendgruppen eingerichtet werden, haben sehr wenig Zeit, Geld und Ressourcen dafür. Deshalb sieht das vor Ort ganz unterschiedlich aus. Was ihnen gleich ist: die Wahllokale öffnen meistens morgens und haben dann bis 18 Uhr geöffnet. Die benötigten Wahlurnen stellen die Gruppen selbst her, wobei diese zugleich an einem Wettbewerb auf der U18-Internetseite teilnehmen können. Außerdem motivieren sie andere Kinder und Jugendliche dazu, wählen zu gehen und ihre Stimme für die Kandidaten der antretenden Parteien abzugeben. Das ist allen gleich. Der Wahlort kann aber ganz unterschiedlich sein: in der Schule, dem Jugendzentrum, am Marktplatz oder sogar in einem Bushäuschen, das eine Gruppe Jugendlicher betreut, die sich dort oft trifft. Es ist ganz vielfältig, wie der Wahlort dann tatsächlich aussieht und wie aufwendig das Ganze durchgeführt wird. Man kann im Vorfeld verschiedene pädagogische Seminareinheiten anbieten und die Wahl vor- und nachbereiten, aber das hängt von dem jeweiligen Partner vor Ort ab.

logo u18

Die Wahl wird also auch von Jugendlichen durchgeführt?

Ja genau. Das bietet eine gute Lernmöglichkeit. Im Idealfall sieht das so aus, dass man beispielsweise eine Jugendzentrumsleitung hat, die an der Aktion teilnehmen möchte und sich dafür vielleicht fünf bis zehn Jugendliche sucht, die auch Lust dazu haben. Die gründen dann eine „U18"-AG, bereiten das Ganze vor und arbeiten sich in das Thema ein, damit sie mögliche Fragen beantworten können. Dadurch lernen diese bereits einiges und die jugendlichen Wähler können ihre Fragen an Gleichaltrige richten und von diesen beantworten lassen.

Was passiert dann nach der Wahl?

Was auf jeden Fall passiert ist, dass die Stimmzettel ausgezählt werden. Man öffnet die Wahlurnen, zählt die Stimmen aus und leitet das Ergebnis per Fax oder Internet an die „U18"-Wahlzentrale in Berlin weiter. Dann wird online bundesweit abrufbar sein, welches Wahllokal welches Ergebnis hat und wie die Ergebnisse auf Landes- und Bundesebene aussehen. Zusätzlich ist es natürlich möglich und wünschenswert, die Wahl nachzubereiten. Dazu sind verschiedene Seminarbausteine verfügbar, die Anregungen für eine Reflexion geben: Wie sieht das Ergebnis aus und was bedeutet das jetzt. Was ist das Ergebnis der „tatsächlichen" Bundestagswahlen? Man kann das miteinander vergleichen, man kann mit den Kindern und Jugendlichen diskutieren, ins Gespräch kommen und sowohl im Bereich der schulischen, als auch der außerschulischen Bildung daran politische Inhalte und Fragen behandeln.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher als Koordinierungsstelle in Bayern gemacht?

Das Projekt wurde ursprünglich 1996 in Berlin gestartet und in Berlin ist es so, dass mittlerweile 285 Wahllokale existieren, das sind im Prinzip fast alle normalen Wahllokale, die dann auch „U18"-Wahllokale sind. In Bayern haben wir das erste Mal bei der „U18"-Aktion mitgemacht. Beim BJR haben wir dann erstmal in den Kalender geschaut und gesehen, dass es am letzten Schultag der ersten Schulwoche stattfindet, was eigentlich beinahe ein Supergau für uns war, weil die Schulen in der Regel in dieser Zeit etwas anderes zu tun haben als eine Aktion der außerschulischen Jugendbildung durchzuführen und die Jugendarbeit noch relativ fertig von den Sommerferien-Aktionen ist. Deshalb waren wir nicht sonderlich optimistisch. Wir haben, als wir die 70 Wahllokal-Marke erreicht haben, gesagt: „okay das ist jetzt hervorragend, besser kann es gar nicht mehr werden". Aktuell haben wir in Bayern aber sogar 142 Wahllokale, so viele, wie es außerhalb von Berlin sonst noch nie gab und wir führen das darauf zurück, dass die Strukturen der Jugendarbeit in Bayern relativ gut sind: Wir erreichen unsere Kreis- und Stadtjugendringe vor Ort und die sind ja im Endeffekt diejenigen, die das dann umsetzen.

Mit welchen Institutionen / Einrichtungen würden Sie in Zukunft gerne noch stärker kooperieren?

Ein ganz großes Thema für den BJR ist die Kooperation von Jugendarbeit und Schule. Wir befassen uns damit schon länger und es wird immer mehr. Es darf aber auch noch mehr sein. Gerade die Aktion „U18" hat unerwarteter Weise einen sehr positiven Effekt auf die Kooperation gehabt. So stellen wir fest, dass es an vielen Orten das erste Mal ist, dass Jugendbjrlogo.gifarbeit und Schule zusammenarbeiten. Gründe dafür sind wohl die zeitliche Begrenzung, das Thema, das in den Schulen behandelt wird und mit dem sich Lehrer und Schulleiter gut identifizieren können, aber auch die handlungsorientierten Methoden aus der Jugendarbeit. Letztendlich treffen sich die beiden Institutionen Jugendarbeit und Schule ganz toll in der Mitte. Wir erfahren jedenfalls sehr viel Unterstützung von Seiten der staatlichen Schulämter, die die Aktion beworben haben. Ich würde mir eigentlich wünschen, dass es im Bereich der politischen Jugendbildung mehr Aktionen gibt, wo die verschiedenen Institutionen zusammenarbeiten. Es wird jetzt in den nächsten Monaten und vielleicht auch Jahren darum gehen, ein neues Jugendprogramm für Bayern zu entwickeln und darin die Jugendbildung mit Inhalt und mit Geld auszustatten und dann wird es sehr spannend sein, ob politische Jugendbildung in diesem Jugendprogramm der Bayerischen Staatsregierung verstärkt vorkommen wird.

Wie lässt sich politische Bildung Ihres Erachtens am besten vermitteln?

Politische Bildung lässt sich meines Erachtens am besten dadurch vermitteln, dass man einen Mehrwert für den Lernenden schafft. Politische Bildung kann nicht einfach im „freien Raum" passieren, wie das oft im Sozialkundeunterricht passiert, dass man ganz abstrakt irgendwelche Institutionen, Zusammenhänge und Verfahrensabläufe vorträgt oder auswendig lernt. Politik ist eigentlich ganz lebendig und man kann Politik auch sehr gut erleben. Ich glaube, wenn man politische Jugendbildung betreibt, dann muss man sehr viel auf das Erlebnis setzen und muss Jugendliche dazu anleiten, dass sie praktisch politisch tätig werden, vielleicht in der Schülervertretung, vielleicht vor Ort in einem Jugendgemeinderat und wenn das Ganze vernetzt ist und wenn es betreut und begleitet wird, dann kann man da sehr viele Lerneffekte bewirken und das wäre eigentlich der Idealfall von politischer Bildung. Ganz nach John Deweys Prinzip „lernen durch Handeln".

Politische Bildung bedeutet für mich ...

... es allen Menschen und besonders Jugendlichen zu ermöglichen, an der Gesellschaft teilzuhaben.

Erfolgreiche politische Bildung ...

... fängt bei den Jugendlichen an.

Die Aktion „U18" ist erfolgreich, weil ...

... Kinder und Jugendliche an unserer Gesellschaft teilhaben wollen.

Herr Dietz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Theresa Riechert

Nähere Informationen:
Ansprechpartner Bastian Dietz, BJR:
E-Mail: dietz.bastian@bjr.de
Tel: 089/5145861 oder 0170/5861230

Pressemeldung:

pdf icon  Pressemeldung des BJR vom 15.09.09

Antworten auf häufig gestellte Fragen:

pdf icon  FAQ U18

Die Bayern-Seite auf www.U18.org (Informationen, Materialien):
http://www.u18.org/27.0.html

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