Donnerstag, 15 Oktober 2009 00:00

Im Gespräch: Nanne Wienands, Sozialpädagogin an der Fachakademie für Sozialpädagogik Hof

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

wienands

Neuland ist eine Reise durch Kleinstädte und Dörfer in Ostdeutschland. Der Film zeigt die alltäglichen Probleme mit denen die Menschen zu kämpfen haben und lässt diese zu Wort kommen. Er zeigt gescheiterte und erfolgreiche Projekte, die diesen Problemen entgegen wirken. Die Fachakademien in Hof zeigten den Film zu Beginn des Schuljahres in einer Vormittagsveranstaltung und diskutierten anschließend mit dem Macher des Films Holger Lauinger. "Insgesamt herrschten bei den Studierenden gleichzeitig Betroffenheit und eine Aufbruchstimmung," so Nanne Wienands, Lehrerin an der Akademie für Sozialpädagogik in Hof und Organisatorin der Veranstaltung. Wir haben mit Frau Wienands gesprochen.

 

Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Veranstaltung gekommen?

Ich habe den Film bei einer Abendveranstaltung im Urlaub an der Ostsee gesehen. Während der Veranstaltung kam mir der Gedanke, dass ich diesen Film gerne an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Hof zeigen würde. Ich habe mich gleich mit Holger Lauinger, der diesen Film gedreht hat, darüber unterhalten.

Was hat Sie an Neuland berührt und was war Ihnen besonders wichtig?

Berührt hat mich, dass im Film die unterschiedlichsten Projekte gezeigt werden, die alle aus der Bevölkerung heraus gewachsen sind.
Gezeigt werden sowohl Projekte die gescheitert sind als auch erfolgreiche Projekte. Es wird die Entwicklung in unterschiedlichen Regionen der neuen Bundesländer gezeigt. Hof liegt in der Grenzregion der alten Bundesländer und ich konnte viele Parallelen feststellen: Der Bevölkerungsschwund, das Sterben der kleinen Ortschaften und die Hilflosigkeit der Bevölkerung gegenüber der Entwicklung. Dies ist in Ost und West durchaus vergleichbar, auch wenn die Dramatik sich nicht eins zu eins entspricht. Die ist im Osten weitaus stärker.
Dazu kam, dass in dem Film ein Projekt gezeigt wird, das sich mit der Auseinandersetzung mit Rechtsextremen und Rechtsradikalismus befasst. Dies hat mich berührt, da unsere Schule eine „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist. Mir war es wichtig, zu Beginn des Schuljahres diesen Film zu zeigen, damit alle unsere Studierenden an der Fachakademie unser Anliegen verinnerlichen. Es war mucksmäuschenstill als der Film lief und es kam hinterher zu einer gleichzeitig sachlichen als auch emotionalen Diskussion. Eingeladen war auch Dr. Simone Richter(http://www.politische-bildung-bayern.net/content/view/139/41/), die die Projektstelle gegen Rechtsextremismus in Bad Alexandersbad betreut. Frau Richter hat von ihrer Arbeit berichtet, das war für die Studierenden sehr interessant. Unser Schulleiter Pfarrer Achim Schäfer und ich haben den Zusammenhang zum Erzieherberuf hergestellt. Die Thematik hat eine ganze Menge mit dem Beruf der Erzieherin bzw. des Erziehers zu tun: Man muss als Erzieher wissen, in welchem soziokulturellen und sozioökologischem Umfeld man arbeitet. Für die Diskussion war von besonderer Bedeutung, dass etwa die Hälfte unserer Studierenden aus Sachsen und Thüringen kommen. Auch ein Teil unserer Praxisstellen liegt in diesen Bundesländern. Dadurch besteht natürlich eine enge Verbindung zu den jeweiligen Lebensräumen und ein intensiver Austausch.

Kann das Bewusstsein, das durch die Veranstaltung hergestellt wurde, auch die Praxis ihrer Studierenden beeinflussen?

Ich glaube, es ist klar geworden, dass man den Menschen nicht hilft, in dem man große Leuchtturmprojekte installiert. Das heißt, es wird ein Projekt mit viel Geld verwirklicht, das von oben herunter geplant und auf die grüne Wiese gestellt wird. Das funktioniert so nicht. Besser ist es, festzustellen, wo die Bedürfnisse der Menschen liegen, was können und wollen sie unterstützen. Man muss sich die Frage stellen: Was kann mit Engagement von unten so gefördert werden, dass es erfolgreich wird?
Dazu braucht es manchmal keine Millionen Euro an Fördermitteln, sondern nur eine wohlwollende fachliche Begleitung und die Sicherstellung der erforderlichen Kosten.
Im Film wird auch gezeigt, dass einige gute Gedanken durch die Bürokratie zunichte gemacht werden. Ich denke, der Film macht dafür sensibel und bewirkt, dass man ganz anders wahrnimmt was vor Ort passiert.

Welche Themen haben die Studierenden in der Diskussion besonders beschäftigt?

Eine Schülerin fühlte sich darin bestärkt, selbst in ein Wohnprojekt einzusteigen oder selbst eines zu gründen. Eine weitere hat ihre Betroffenheit darüber ausgedrückt, in welchem Ausmaß soziale Not herrscht und sich Städte in den neuen Bundesländern verändern. Im Film wird das Beispiel Reichenbach sehr ausführlich beleuchtet. Dort haben sich ganze Stadtteile verändert. Insgesamt herrschten bei den Studierenden gleichzeitig Betroffenheit und eine Aufbruchstimmung. Viele sagten, sie hätten nun einen besseren Blick bekommen und könnten bestimmte Vorgänge besser zuordnen, in dem sie zum Beispiel die wirtschaftliche Situation von arbeitslos gewordenen Eltern besser nachvollziehen können und die Notwendigkeit einer guten Betreuung von Kindern sehen. Unsere Studierenden sind ja zum großen Teil in der Zeit der Wende zur Welt gekommen.
Es ging auch um die Frage, ob man einem anders geprägten Land unsere gesellschaftliche Struktur überstülpen kann.
Bereichernd war die Anwesenheit von Herrn Lauinger, der den Blick auf bestimmte Ausschnitte des Films und auf seine Absichten lenken konnte.

Gab es für sie ein besonderes Highlight?

Das Highlight waren die Diskussionen, die sich nach dem Film ergeben haben. Diese haben lange nachgewirkt und wurden Tage später noch weiter geführt. Es hat mich berührt, dass die Veranstaltung so einen nachhaltigen Effekt hatte.

Was ist Ihnen bei der politischen Bildung für den Erzieherberuf besonders wichtig?

Zunächst einmal ist es uns allen wichtig, dass die Studierenden sich für das politische Alltagsgeschehen im lokalen Bereich wie auch auf weltpolitischer Ebene interessieren. Es ist für einen Erzieher dringend notwendig zu wissen, in welchen Zusammenhängen man lebt. Das ist für Gespräche mit Eltern von Bedeutung, aber auch für die Kinder, die Fragen stellen.
Ein politisches Bewusstsein ist für einen Erzieher aus meiner Sicht unabdingbar. Daran arbeiten wir durchgehend und fächerübergreifend während der fünf Jahre dauernden Ausbildung.

Gibt es besondere Herausforderung, die Sie in der politischen Bildung für den Erzieherberuf sehen?

Herausforderungen sind grundsätzlich die Erfahrungen, die die jungen Menschen heutzutage in jede Ausbildung mitbringen. Die Jugendlichen haben eine ganz andere Kindheit erlebt als z. B. ich sie erlebt habe. Das ist nicht mehr vergleichbar. Die Interessen, technischen Möglichkeiten und Informationsmöglichkeiten sind anders. Es ist meines Erachtens wichtig, deutlich zu machen, was heutzutage politische Realität ist. Zum Beispiel bewusst zu machen, dass es auch heute noch Hunger, Krieg und Folter gibt. Selbstverständlich ist es auch wichtig, die Studierenden zu motivieren zur Wahl zu gehen.

Welche Aktionen haben Sie im Rahmen des Projekts „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" noch durchgeführt?

Eine ganze Reihe: Zum Beispiel eine Ausstellung über jüdische Fußballer im Dritten Reich; wir haben Konfirmanden durch eine Ausstellung begleitet, die sich mit den Opfern rechtsextremer Gewalt auseinandergesetzt hat. Wir haben Gespräche mit Zeitzeugen organisiert und uns über rechtsextreme Symbolik informiert. Im Januar werden wir das Theaterstück 8.8 des BDKJ Bamberg aufführen. Zudem planen wir in diesem Schuljahr eine Veranstaltung über Menschenrechte.
Das Projekt „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist von über 90% der Studierenden befürwortet worden. Es ist Grundlage für Diskussion und schafft Bewusstsein.

Wie lässt sich politische Bildung aus Ihrer Sicht am besten vermitteln?

Am besten ist es, wenn man die jungen Menschen weiterbildet die sich schon interessieren. Darauf kann man aufbauen. Sie haben dann wieder Einfluss auf andere. Am wichtigsten ist es, dort anzuknüpfen, wo die jungen Menschen stehen und dies dann stetig zu ergänzen.

Politische Bildung bedeutet für mich...

...mich aktiv selbst zu beteiligen.

Die Veranstaltung zu Neuland war erfolgreich weil...

...weil der Film interessant war und wir Gäste eingeladen haben, die mit uns diskutiert haben. Das hat sehr viel Nähe erzeugt.

Frau Wienands, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt

Weitere Informationen zum Film, einen Trailer sowie Kontaktdaten von Holger Lauinger finden Sie auf der Homepage Neuland denken.
Einen Bericht über das Projekt finden Sie hier (http://www.politische-bildung-bayern.net/content/view/636/45/).

www.neuland-denken.de
www.filmgalerie451.de/film/neuland/
www.sein-im-schein.de

Sein im Schein Filmproduktion
Rungestr. 22-24 R 542
10179 Berlin
tel: 030-24085660
info@sein-im-schein.de
www.sein-im-schein.de

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