Sonntag, 15 November 2009 00:00

Im Gespräch: Fritz Letsch - Theater der Unterdrückten

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

fritz letsch

Das Theater der Unterdrückten wurde von Augusto Boal entwickelt und ermöglicht als politisches Probehandeln politische Bildung von einer anderen, emotionalen, Seite anzugehen. Dabei ist es besonders erfolgreich, "wenn es gelingt, genug Ärger zu mobilisieren, dass daraus Aktivität entsteht," wie Fritz Letsch, Theaterpädagogoe aus München, im Interview erklärt.

Theater als Methode in der politischen Bildung - wie funktioniert das?

Meine Methode kommt aus dem Theater der Unterdrückten. Augusto Boal hat dies in den Sechzigerjahren in Brasilien entwickelt. Es ist eine Methode um mit den Menschen gemeinsam Theater zu machen. Das Publikum wird dazu gebracht, das Stück zu verändern. Es sind also keine fertigen Stücke mit feststehendem Schluss, sondern das Publikum ist eingeladen, das Ende zu verändern.

Wir arbeiten mit dem jeweiligen Thema, bei dem die Leute sich unter Druck fühlen oder bei dem sie etwas verändern wollen.

Das heißt, diejenigen, die das Theater spielen, sind auch Personen, die Teilnehmer sind?

Beides ist möglich. Wenn Betroffene Laien das Stück spielen, macht das viel von der Kraft des Stücks aus das auf der Bühne gespielt wird. In der Regel wird in der Gruppe die Thematik einer Person von einer anderen gespielt. Das ermöglicht der betroffenen Person auch die anderen Lösungswege zu sehen.

Mit welchen Themen arbeiten Sie?

Das kommt zunächst mal auf die Einladung des Veranstalters an. Begonnen hat alles in der Friedensbewegung mit den Fragen, wie wir etwas umsetzen können oder wie wir uns beteiligen können. Zuletzt war das Thema auf einem großen Kongress „Partizipation". Dort haben wir mit Jugendlichen aus allen Bundesländern Szenen dargestellt, bei denen Jugendliche in der Beteiligung behindert werden. Zunächst mal reden alle von Beteiligung. Wir haben dann zum Beispiel mit Pfadfindern mit der Thematik gearbeitet, wo im Jugendverband Beteiligung nicht mehr möglich ist. Oftmals haben die Jugendlichen beispielsweise erlebt, dass ihnen der Bürgermeister etwas versprochen hat und sie hinterher ausgebremst werden. Oder jemand sollte ihr Jugendsprecher sein und steht im entscheidenden Moment doch nicht auf ihrer Seite.

Seniorenarbeit war vor kurzem etwas ganz Neues für mich. Diese braucht noch einmal ganz andere Arbeitsweisen. Ende August gab es in Dresden ein Generationen-Theatertreffen, das war sehr spannend, wie die unterschiedlichen Generationen sich gegenseitig etwas beibringen konnten.

Werden die Stücke im Nachhinein reflektiert?

Ja, eine Gruppe wertet natürlich die Szenen immer aus: Wie war das Ergebnis, wie waren die einzelnen Interventionen, wie haben wir gespielt. Eine mögliche Schwierigkeit kann es sein, dass sich die Gruppe oder das Publikum zu sehr gegen Innovationen wehrt. Da bin ich als Vermittler zwischen Gruppe und Publikum gefragt. Grundlage ist ja, dass Lösungsmöglichkeiten vom Publikum und nicht von der Gruppe kommen.

Was wird bei Theater in der politischen Bildung besonders gefördert?

Ich denke die Einfühlung. Eben nicht nur taktisch umzudenken was sein sollte und sein müsste, sondern zu spüren, wie es jemandem geht, der Unrecht erlebt. Manchmal wird man zunächst hilflos, bevor man dann tatsächlich auf eine andere Lösung oder eine andere Haltung kommt und etwas ändern will.

In Bühnensituationen ist es möglich, sich in Situationen zu versetzen, die wir so nicht erleben oder nicht erleben müssen, zum Beispiel eine ungerechtfertigte Kündigung. Häufig stellen die Teilnehmer fest, dass es Dinge gibt, die sie so auch kennen, aber im Alltag verdrängen.

Gibt es Grenzen, etwas, was diese Methode in der politischen Bildung nicht leisten kann?

Ja klar. Was wir natürlich nicht vermitteln können, ist, wie man sich organisiert. Man kann nur vermitteln, wie man etwas anfängt, wie man die ersten Schritte geht. Aber wie man eine Gruppe aufbaut, welche Strukturen es gibt, da muss die politische Bildung natürlich andere Methoden einsetzen. Theater kann anregen und die emotionale Seite anregen. Ich halte diese aber für enorm wichtig, da ich in ganz vielen Bereichen Resignation erlebe.

Das heißt, das Bewusstsein ist vorhanden, aber der Glaube an Veränderung nicht?

Absolut. Wenn es gelingt, durch Theater genug Ärger zu mobilisieren, kann dadurch Aktivität entstehen.

Viele in Deutschland glauben nicht an diese Methode der politischen Bildung. Ich begegne ständig Personen, die nicht glauben, dass Lösungsvorschläge aus dem Publikum kommen können. Das liegt daran, dass Theater bei uns mit fertigen Stücken verbunden wird, bei denen am Ende der Vorhang fällt.

Für mich ist wichtig, dass diese Methode in 70 Ländern der Welt eingesetzt wird und erfolgreich ist. In Indien beispielsweise wurde die Methode in den Kontext der Tradition von indischem Volkstheater gesetzt. Zurzeit sind die indischen Kolleginnen in Halle und bearbeiten das Thema Gewalt bei Jugendlichen.

Das Wichtigste überhaupt ist für mich, dass Veränderung als machbar erlebt wird.

Gibt es ein besonderes Highlight in Ihrer Arbeit?

Ganz viele und es kommen immer welche hinzu. Beeindruckt hat mich, wie mit der Methode in Afrika zum Thema Aids gearbeitet wird. Sexualität wird dort ja nach wie vor tabuisiert. Es beeindruckt mich, was mit der Methode möglich ist.

Wen erreicht man mit dieser Form der politischen Bildung besonders gut?

Bei Erwachsenen erreiche ich vor allem diejenigen, die schon in einem Bewegungsumfeld sind. Bei meiner Arbeit mit Führungskräften im Visionstheater habe ich erlebt, dass graduell und äußerlich gesehen viel weniger stattfindet als bei Jugendlichen oder politisch aktiven Erwachsenen. Aber die Richtung, das sich etwas bewegt, ist auch in Unternehmen ganz enorm. In festgefahrenen Strukturen erfordert die Veränderung einen enormen Mut. Für Zivilcourage in Firmen ist häufig viel mehr Mut nötig als in anderen Situationen. Wir haben einfach noch keine demokratische Kultur in Unternehmen, ähnlich in der Schule.

Gibt es Einrichtungen oder Institutionen, mit denen Sie in Zukunft gerne stärker kooperieren würden?

Mit der gesamten Pädagogik, insbesondere den Hochschulen. Da könnte ich mir sehr viel mehr vorstellen was möglich wäre. Natürlich auch die politische Bildung an sich.

Wie lässt sich politische Bildung aus ihrer Sicht am besten vermitteln?

Am Punkt Ärger. Meinen Teilnehmer stelle ich in der Regel zu Beginn die Frage, wann sie sich das letzte Mal geärgert haben. Wenn wir Ärger spüren, wollen wir Veränderung. Als Überschrift würde ich sagen: „Ärger ist der Einstieg in die politische Bildung".

Also die eigene Betroffenheit?

Das Wort ist zu neutral. Im Ärger steckt zusätzlich die Kraft. - Und diese Power brauchen wir. „Irgendwie betroffen" heißt: Alle senken den Kopf. - Bei Ärger geht der Kopf erstmal hoch.

Politische Bildung bedeutet für mich...

...aus meinem Ärger wird eine gemeinsame Sache.

Erfolgreiche politische Bildung...

...lässt stabile Strukturen der Zusammenarbeit entstehen.

Theater als politische Bildung ist erfolgreich weil...

...es die Emotionen der Beteiligen aufnehmen kann.

Herr Letsch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt

Kontakt zu Fritz Letsch

per E-Mail: mail@fritz-letsch.de
Tel. 03221/23 52 863

Buchhinweise:

Augusto Boal (1989):
Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler.
ISBN 978-3518113615
Euro 11,00

Simone Odierna/Fritz Letsch: Theater macht Politik.
Forumtheater nach Augusto Boal.Ein Werkstattbuch
2006 ISBN 978-3-930830-38-1 Gautinger Protokolle 36 - Institut für Jugendarbeit Gauting http://www.agspak-buecher.de Euro 19,80

Helmut Wiegand (Hg) (2004):
Theater im Dialog: heiter, aufmüpfig und demokratisch:
Deutsche und europäische Anwendungen des Theaters der Unterdrückten.
Mit einem Beitrag von Augusto Boal
ISBN 3-89821-333-1
Euro 29,90

Gelesen 1425 mal Letzte Änderung am Freitag, 12 September 2014 14:51
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