Donnerstag, 30 September 2010 00:00

Demokratix - Transparenz in Studium und Lehre. Im Gespräch: Jan-Mathis Schnurr

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

Jan Mathis Artikelnew

Mit Hilfe von neuen Technologien Bürger und Bürgerinnen an Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen - diese Idee wird von unterschiedlicher Seite erprobt und diskutiert. Jan-Mathis Schnurr, hat eine Plattform geschaffen um auf universitärer Ebene Studierenden Beteiligung zu ermöglichen. Nun gilt es, die Beteiligungsplattform Demokratix bei Studierenden bekannt zu machen. Wir haben mit Jan-Mathis Schnurr über das Projekt Demokratix und die Idee dahinter gesprochen.


Was ist die Idee von Demokratix?

Die Idee von Demokratix besteht darin, mit Hilfe neuer Technologien die Studierenden an den Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen der Hochschule teilhaben zu lasen. Diese Idee hat in den letzten Jahren durch das Web 2.0 immer mehr Verbreitung gefunden. Es sind nämlich häufig die Studierenden, die Probleme und Verbesserungspotenziale an ihrer Universität am schnellsten erkennen. Sie wissen bislang aber nicht, auf welchem Wege sie ihre Anliegen am Besten vorbringen und damit zu einer schnellen Lösung beitragen können. Der Weg über die Hochschulgremien ist für sie meist undurchschaubar, mühsam und langwierig. Demokratix soll ihnen mit einer netzbasierten Plattform die Partizipation an universitäten Entscheidungsprozessen ermöglichen.

Wie funktioniert das?

In der Plattform können Studierende Verbesserungsbedarf an ihrer Universität aufzeigen und Vorschläge zur Lösung einzureichen. Über die diese Lösungsvorschläge kann die Studierendenschaft anschließend abstimmen. Die Hochschulleitung erhält dadurch immer eine aktuelle Übersicht über Verbesserungsbedarf und Lösungsmöglichkeiten aus Sicht der Studierenden. Die Studierenden erhalten außerdem in regelmäßigen Abständen einen Überblick, welche ihrer favorisierten Lösungsvorschläge berücksichtigt wurden.

Wer kann Demokratix nutzen?

Demokratix kann von allen Studierenden benutzt werden. Wir integrieren die Plattform in das zentrale Learning-Management-System (LMS) der Universität Augsburg. Das bringt für uns drei große Vorteile: Erstens ist das LMS den Studierenden bereits bestens vertraut. Zweitens erreichen wir schon zum Start von Demokratix fast drei Viertel der immatrikulierten Studierenden. Drittens erhalten alle Studierenden persönliche, sicher verschlüsselte Zugangsdaten direkt mit ihren Immatrikulationsunterlagen. Die Nutzung der vorhandenen Strukturen sehe ich als den entscheidenden Erfolgsfaktor von Demokratix.

Wie ist die Idee zu Demokratix entstanden?

Ich war bis zum Ende meines Studiums Öffentlichkeitsreferent im Allgemeinen Studierendenausschuss der Universität Augsburg. Im Vorfeld der Bildungsproteste 2009 diskutierten wir bereits seit einiger Zeit, wie wir die Studierenden direkter an Entscheidungen in der Hochschule beteiligen könnten. In dieser Situation kam Patrick Noack auf mich zu. Er arbeitet als Programmierer des LMS der Universität Augsburg und hatte die Idee, es mit einem demokratischen Partizipationswerkzeug zu kombinieren: Demokratix. Mir hat sein Vorschlag auf Anhieb gefallen, daher machten wir uns sofort an die Umsetzung. Unterstützung erhielten wir durch Thomas Sporer am Institut für Medien und Bildungstechnologie , der sich dafür einsetzte, dass wir im Rahmen des Innovationswettbewerbs "betacampus" finanzielle Unterstützung für die Umsetzung der Idee von der Universität Augsburg bekamen.

Wie gehts weiter mit dem Projekt?

Die Programmierung ist fertiggestellt. Demokratix wird zum Sommersemester 2011 für alle Studierenden im LMS der Universität Augsburg verfügbar sein. Wir nutzen das darin enthaltene Mitteilungssystem, um die Plattform bekannt zu machen. Außerdem möchten wir über die Studierendenvertretung und in Lehrveranstaltungen Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

Wie sind die bisherigen Reaktionen?

Unser Konzept erhielt sehr positive Rückmeldungen von Lehrenden und Studierendenvertretern. Besonders gut kam die Idee an, keine vollständig neue Online-Plattform zu schaffen, sondern Demokratix in das LMS zu integrieren. Darüber hinaus gewannen wir eine Förderung im Rahmen des Innovationswettbewerbs Betacampus.

Der Titel Demokratix spielt auf Demokratie/demokratisch an? - Was soll demokratischer werden?

Demokratix soll mehr Transparenz und Mitbestimmung in der Hochschulpolitik ermöglichen. Mit der Plattform ergeben sich für die Verwaltung, die Lehrenden und die Studierenden gleichermaßen Vorteile für das Mitwirken, das Mitdenken und das Zusammenarbeiten bei Entscheidungen.

Gibt es schon ähnliche Projekte/Vorbilder?

Seit einigen Monaten befinden sich einige ähnliche Projekte in der Erprobungsphase, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Politik mit netzbasierten Plattformen transparenter und direkter zu machen. Ein Beispiel ist das Projekt Liquid Democracy der Piratenpartei, das ich in diesem Zusammenhang nennen möchte. Demokratix ist bislang das einzige vergleichbare System, das speziell auf die Abläufe in der Hochschulpolitik zugeschnitten ist. Im Hochschulkontext gibt es bisher nur den "Sag's uns"-Blog der TU Braunschweig.

Gibt es für Sie ein persönliches Highlight innerhalb des Projekts Demokratix?

Während der Programmierung hatte ich viel Vergnügen dabei, Probleme aus meinem Fachbereich einzustellen und dann mit den anderen Enwicklern über Lösungen abzustimmen. Die Abstimmung in Demokratix erfordert nur wenige Klicks und hat etwas spielerisches. Ich finde es spannend, die Meinungen von Beteiligten mit ganz unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen. Besonders fesselt es mich, zu beobachten, wie sich Mehrheiten für Ideen herausbilden.

Inwiefern kann Demokratix politische Bildung leisten? - Was lernt der Nutzer? Oder stärkt das Tool Demokratie an sich?

Die Wahlbeteiligung in den Hochschulwahlen ist traditionell niedrig. Ich nahm im Wahlkampf an der Universität Augsburg an einer Podiumsdiskussion zwischen Hochschulgruppen teil. Wir saßen vor zehn Studierenden - in einem Hörsaal für 200 Zuhörer. Da habe ich schon einmal überlegt, ob es sich überhaupt lohnt, wochenlang Plakate auf dem gesamten Campus anzubringen oder Informationsveranstaltungen und Interviews zu organisieren. Die geringe Resonanz hat aus meiner Sicht vor allem zwei Gründe: Die Studierenden sind vor dem Wahlkampf und dann wieder nach der Wahl zu wenig informiert, welche hochschulpolitischen Entscheidungen getroffen werden und warum. Außerdem haben sie nicht das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können. Das Interesse an Verbesserungen an der Hochschule und vor allem im eigenen Studium ist dagegen groß. Das bemerke ich immer wieder in persönlichen Gesprächen. Es geht also darum, an diesem Grundinteresse anzuknüpfen und Hochschulpolitik außerhalb des Wahlkampfs transparenter zu machen.

Mit Demokratix erreichen wir die Studierenden im Learning Management System. Darin loggen sie sich von Zuhause aus jeden Tag für ihre Lernorganisation ein. Mit wenigen Klicks können Sie sich nun auch darüber informieren, wie das Stimmungsbild innerhalb der Studierendenschaft aussieht, wo Probleme in den Fachbereichen liegen und welche Lösungsvorschläge favorisiert sind. Wenn sich viele Studierenden öffentlich sichtbar in Demokratix beteiligen, erzeugt das einen politischen Druck, Probleme der Studierenden tatsächlich zu lösen. So stärkt Demokratix die Transparenz und Mitbestimmung der Studierenden an der Hochschule.

Wenn wir über das Thema E-Partizipation sprechen: Was sind die aktuellen Herausforderungen im Allgemeinen? Und sehen Sie aktuelle Herausforderungen, die das Thema E-Partizipation der politischen Bildung stellt?

E-Partizipation kann zu einer höheren Legitimität der Politik führen. Auf der lokalen Ebene, teilweise auf der Landesebene halte ich diese Werkzeuge durchaus sinnvoll. Skeptisch bin ich auf der Bundesebene, weil wir es hier teilweise mit komplexen Entscheidungen zu tun haben, über die man als normaler Bürger kaum ausreichend informiert sein kann. Dies sehe ich vor allem bei Entscheidungen von internationaler Tragweite so. Eine aktuelle Herausforderung für das Thema E-Partizipation in der politischen Bildung ist die Beteiligung Deutschlands am Krieg in Afghanistan. E-Partizipation ist in diesem Bereich brisant, weil die Politik in internationalen Zusammenhängen unglaublich schwierig zu vermitteln ist. Dazu kommt: Die Abwägung zwischen der Staatsräson auf der einen Seite und den Gefühlen für Söhne und Töchter, die man möglicherweise in den Tod schickt, ist als einzelner Bürger problematisch.

Was glauben Sie: Kann durch E-Partizipation die Beteiligung weiterer Personen erreicht werden, die sich bisher nicht beteiligt haben? Oder dient es primär als weiteres Tool für Personen, die sowieso schon partizipieren?

Betrachtet man das Beispiel der Schulreformen in Hamburg, dann könnte man meinen, dass sich hier die Eliten besser organisierten und dadurch ihre Interessen verteidigen konnten. Bei Volksentscheiden ist die Beteiligung häufig geringer als bei Wahlen und dementsprechend auch weniger repräsentativ. Die hoch Gebildeten, stark Interessierten, die sich ohnehin politisch engagieren, verfügen mit dem Volksentscheid über einen weiteren Kanal, Einfluss auf die Politik zu nehmen. E-Partizipation steht folglich vor der Herausforderung, die Breite der Bevölkerung zu erreichen. E-Partizipation darf nicht nur die Interessen der Eliten artikulieren.

Gibt es Einrichtungen oder Institutionen mit denen Sie in Zukunft (noch) stärker kooperieren wollen?

In der Hochschulebene kann ich mir im Anschluss an die die Erprobung in Augsburg vorstellen, das Konzept auf weitere Universitäten in Deutschland oder im Ausland auszuweiten. In der nächsten Zeit geht es vorerst darum, die Studierenden, die Studierendenvertreter und die Hochschulleitung in Augsburg für Demokratix zu begeistern.

Wie lässt sich politische Bildung aus Ihrer Sicht am besten vermitteln?

Vor der Vermittlung von politischer Bildung sehe ich das Interesse, das man für sie erst wecken muss. Ansatzpunkte dafür sind eine verständliche Politik und das Gefühl, etwas bewirken zu können. Politik muss verständlich sein, sonst schrecke ich davor zurück, etwas über sie zu lernen. Politik muss transparente Wirkungen haben, sonst verlässt mich der Mut, mich an ihr zu beteiligen. Ich muss das Gefühl haben, dass meine Stimme einen Unterschied macht. In einem öffentliche Online-Diskurs erreicht man das, über einem anonymen Wahlzettel nicht.

Bitte beenden Sie folgende Halbsätze.

Politische Bildung bedeutet für mich...

...zu lernen, wie die Gesellschaft funktioniert, in der ich lebe.

Erfolgreiche politische Bildung...

...ermöglicht es mir, mich an der Gesellschaft zu beteiligen, in der ich lebe.

Demokratix wird erfolgreich, weil...

...wir schon zum Start eine Breite Mehrheit der Studierenden in Augsburg erreichen, sie mit ihren Bedürfnissen und Gewohnheiten abholen und ihnen mit einfachen Werkzeugen Transparenz und Mitbestimmung in der Hochschulpolitik bieten.

Herr Schnurr, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Miriam Apffelstaedt.

Sie möchten mehr über das Projekt erfahren?

Homepage von Jan-Mathis Schnurr

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