Dienstag, 10 Mai 2011 00:00

Die Europäische Akademie Bayern - ein Gespräch mit Michael Jörger

geschrieben von  Christian Fey

joerger akademie

Die Europäische Akademie Bayern richtet seit über 30 Jahren Bildungsangebote aus, die sich mit den unterschiedlichen Themen der Europapolitik beschäftigen. Politische Entscheidungen, die auf europäischer Ebene getroffen werden, haben gerade in den letzten Jahren zunehmend hohe Auswirkungen auf die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik. Gleichzeitig ist die politische Bedeutung und Konstitution der Europäischen Union zum Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Debatten (und auch Befürchtungen) geworden (Stichworte: Europäische Verfassung und EU-Erweiterung). Auf Seiten der Bürger ist dabei allerdings oft eine eher diffuse und unklare Wahrnehmung der politischen Gegebenheiten Europas und seiner Zusammenhänge zu beobachten. Wir sprachen in diesem Zusammenahng mit Herrn Jörger, dem Leiter der Europäischen Akademie Bayern.

 

Herr Jörger, angesichts der gerade beschriebenen Situation: Welche Ziele verfolgt die Akademie? Gibt es so etwas wie einen Bildungsauftrag oder bestimmte Bildungsinhalte, die vermittelt werden sollen?

Ziel der Akademie ist es, durch ihre Arbeit die Einigung Europas auf föderativer Grundlage zu fördern. Hierzu werden zahlreiche Seminare, Vortragsveranstaltungen, Planspiele und Studienfahrten durchgeführt. Die angebotenen Veranstaltungen sollen das Verständnis für die unteilbare Freiheit und die personale Würde des Einzelnen, für die rechtsstaatlich-demokratische Ordnung, für die europäische Zusammenarbeit und die Solidarität aller Völker wecken.
Die Bildungsinhalte umfassen dabei das gesamte Spektrum der europäischen Politik.

Wie haben sich die Angebote und die Anforderungen an das Bildungsangebot der Akademie im Lauf der Zeit gewandelt?

Anstelle von mehrtägigen klassischen Seminarformen, unter der Woche oder am Wochenende, sind inzwischen kurzzeitpädagogische Maßnahmen, wie Tagesseminare, Planspiele und Vortragsveranstaltungen mehr in den Vordergrund getreten.
Zum Kerngeschäft der Akademie zählen u.a. Seminare an den Orten der europäischen Politik, in Straßburg, Luxemburg, Brüssel und der deutschen Hauptstadt Berlin.
Außerdem werden Studienreisen zur politischen Bildung in andere Teile der Welt angeboten, um der globalen Orientierung der Europäischen Union gerecht zu werden.
Beispiele hierfür sind Studienfahrten nach Südostasien, Afrika und Südamerika.

Für welche Zielgruppen bietet die Akademie Veranstaltungen an und wo liegen speziell für diese Zielgruppen die besonderen Bedürfnisse und Herausforderungen?

Die Akademie arbeitet mit den unterschiedlichsten Zielgruppen zusammen.
Die Akademie ist Bestandteil der zentralen Lehrerfortbildung. Einer ihrer Schwerpunkte liegt insbesondere in der europapolitischen Fortbildung von Referendarinnen und Referendaren.
In allen Seminarveranstaltungen werden die jeweiligen Kenntnisse der Zielgruppen berücksichtigt und die Inhalte werden den Bedürfnissen angepasst.

Wo sehen Sie die Hauptdefizite im Wissen um europäische politische Prozesse und deren Bedeutung bei ihren Zielgruppen? Oder ist das „Wissen" gar nicht das Problem?

Die Kenntnisse und Zusammenhänge europäischer Politik sind mitunter rudimentär vorhanden. Europapolitische Bildungsarbeit muss sich gelegentlich mit einer affektiven Ablehnung der EU auseinander setzen.

Das Veranstaltungsspektrum reicht von klassischen Formen wie dem Vortrag bis hin zu „moderneren" Formen wie die Durchführung von Planspielen. Welche dieser Formen halten Sie für besonders erfolgreich und zukunftsweisend?

Planspiele und alle Formen Teilnehmer aktivierender Methoden sind besonders erfolgsversprechend. Doch auch traditionelle Formen der Wissensvermittlung wie Frontalvorträge machen für viele Zielgruppen Sinn, sollte zuwenig Zeit sein, um sich ausreichend mit einer Materie zu befassen.

Welche Rolle spielen in ihrer Konzeption die Bildungsreisen? Eine eher ungewöhnliche Form der politischen Bildung und sicher in ihrer Durchführung recht aufwendig. Welche Personengruppen sind hier die Teilnehmenden und wie sind hier Bildungs- und Lerneffekte einzuschätzen?

Teilnehmer von politischen Bildungsreisen kommen aus unterschiedlichsten „Milieus", wobei der Anteil von Akademikern signifikant hoch ist. Die Bildungs- und Lerneffekte sind sehr nachhaltig, weil die Teilnehmenden vor Ort zahlreiche Gelegenheiten haben, sich in Fachgesprächen und Begegnungen einen unmittelbaren Eindruck von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verschaffen.
Diese „Unmittelbarkeit" ist auch der Grund für den Erfolg und die weiter steigende Nachfrage nach diesen Bildungsangeboten.

Herr Jörger, Sie sind Leiter an der Akademie, welches sind ihre Hauptaufgaben in dieser Funktion?

Als Leiter bin ich für Koordination des Programmangebots und die Supervision der Durchführung zuständig. Weitere Aufgaben sind die Sicherung der Finanzierung, die langfristige Personalentwicklung und die Verantwortung gegenüber den Akademie-Gremien.

Können Sie unseren Lesern im Rückblick auf Ihre Arbeit über ein besonders motivierendes und für Sie wegweisendes Erlebnis berichten?

Die Bemerkung auf einem Evaluierungsbogen: „Das Seminar hat mir sehr gut gefallen und das trotz meiner tiefen Abneigung gegenüber Sozialkunde."

Was sehen Sie für ihre persönliche Arbeit bzw. für die Zukunft der politischen Bildungsarbeit als die größten Herausforderungen an?

Um Orientierung zu bieten in einer immer komplexer werdenden Europäischen Union und globalen Konstellation ist politische Bildungsarbeit notwendiger denn je. Die größte Herausforderung wird sein, die finanziellen Voraussetzungen für die Träger von politischer Bildung und ihre Existenz weiterhin sicherzustellen, damit sie ihren demokratischen Auftrag erfüllen können.

Gibt es Institutionen oder Personen, mit denen sie zukünftig (stärker) zusammenarbeiten möchten?

Wir fühlen uns gut vernetzt und haben immer die Augen offen für neue Partner und ihre Anliegen.

Politische Bildung bedeutet für mich....

den Einzelnen in die Lage zu versetzen, sich in einer immer unübersichtlichen Welt zu orientieren.

Erfolgreiche politische Bildung....

ist eine Investition in die Zukunft und ein wirksamer Beitrag für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Europäische Akademie Bayern ist erfolgreich, weil....

sie den Menschen in den Mittelpunkt der Bildungsarbeit stellt.

Herr Jörger, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Christian Fey.

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