Montag, 20 August 2012 00:00

Nachgefragt: Jochen Arntz, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, über seinen Schreibworkshop im Rahmen der Nacht der Demokratie

geschrieben von  Kristina Greißl

arntz jochen

In den Tagen vor der Nacht der Demokratie, vom 28.09. bis 30.09.2012, bietet der Journalist Jochen Arntz eine Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche in der Jugendbildungsstätte Babenhausen an. Wir haben mit ihm gesprochen und ihn zu den Zielen und Inhalten des Workshops befragt, der sich als ein Beitrag zur Rolle der Medien im großen Thema der Demokratie versteht.

1. Würden Sie zum Einstieg bitte sich selbst und ihre Arbeit kurz vorstellen?

Ich bin Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung im Reportage-Ressort, der Seite 3. Ich kümmere mich also um längere Texte, Reportagen und Portaits in der Zeitung. Gemeinsam mit meinen Kollegen denke ich darüber nach, was eine gute Geschichte für uns sein könnte, welche Themen wir auf der Seite haben sollten, was die Leser also besonders interessieren könnte. Ich arbeite zusammen mit den Autoren, Reportern und Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung und betreue ihre Texte. Gelegentlich schreibe ich auch selber Reportagen für die Seite 3.

2. Wie sieht ihr Bezug zur journalistischen Nachwuchsarbeit aus?

Normalerweise gebe ich Reportage- und Redigierworkshops an Journalistenschulen, arbeite also mit Profis zusammen. Bei der Nacht der Demokratie diskutiere ich erstmals auch mit Kindern und Jugendlichen über die Zeitung und das Schreiben, worauf ich mich freue. Denn ich bin überzeugt davon, dass die Tageszeitungen im Zusammenspiel mit den digitalen Medien dann eine Zukunft haben, wenn wir auch die Jüngeren, die Kinder und Jugendlichen, als Leser gewinnen können. Und weil nicht nur ich dieser Meinung bin, haben wir bei der Süddeutschen Zeitung eine eigene Kinderzeitung, die als Beilage viermal im Jahr erscheint - und die ich für ein sehr spannendes und interessantes Projekt halte. Das sehe ich schon am Interesse meiner beiden Töchter an dieser Kinderzeitung. Außerdem glaube ich, dass gutes Schreiben immer wichtig ist, ob ich nun Artikel für eine Zeitung oder eine Website schreibe.

3. Was kann man sich unter Ihrem Schreibworkshop im Rahmen der Nacht der Demokratie genau vorstellen?

Wir werden uns zusammensetzen und darüber nachdenken, was gute Themen sind, was uns interessiert und worüber wir berichten wollen. Während der Phase des Ausprobierens, des Recherchierens und des Schreibens hoffe ich, den Kindern und Jugendlichen näher bringen zu können, wo die Unterschiede oder auch die Gemeinsamkeiten zwischen einem Artikel für die Zeitung oder die Schülerzeitung und einem Beitrag auf facebook oder Twitter liegen. Ich möchte sie hinführen an ein Schreiben nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Letzteres ist ja nicht ganz unwichtig, wenn wir von Demokratie reden. Wenn die Texte dann fertig sind, besprechen wir sie in der Gruppe und überlegen uns mögliche Verbesserungen. Und wenn dann noch Zeit bleibt, können wir uns Gedanken darüber machen, weshalb es gerade heute noch Sinn macht, eine Zeitung zu lesen - und warum wir manchen Geschichten Aufmerksamkeit schenken und anderen nicht.

4. In welchem Bezug steht Ihr Workshop zur Demokratie?

Für mich steht jede Form des sich öffentlich Äußerns, also auch das Schreiben, immer in einem gewissen Bezug zur Demokratie. Das ist es auch, was ich den Kindern und Jugendlichen gerne vermitteln würde. Egal ob Kommentare, sachliche Artikel oder auch Reportagen. Sie alle tragen einen Teil zu dem bei, was Öffentlichkeit ausmacht, ob man das nun mit dem großen Namen Demokratie belegen will oder nicht. Jedes funktionierende Gemeinwesen braucht unabhängige Medien, über die man sich umfassend informieren kann, und die mir als Bürger auch die Möglichkeit bieten, mich zu äußern und öffentliche Debatten mitzugestalten. Die Besonderheit der Tageszeitung in diesem Prozess besteht übrigens darin, dass sie ihren Leserinnen und Lesern ein Gefühl der Gemeinsamkeit geben kann, die Gewissheit sich über etwas unterhalten und debattieren zu können, dass alle kennen, weil es so für alle in der Zeitung steht. Das ist im Netz nicht immer gegeben.

5. Werden Sie auch im Anschluss an die Schreibwerkstatt ihre journalistische Perspektive auf der Nacht der Demokratie einbringen?

Ich werde auf der Nacht der Demokratie das Manifest von Karl Philipp Moritz mit dem Titel „Ideal einer vollkommenen Zeitung" aus dem Jahr 1784 vorstellen. Er erläutert darin, zu einer Zeit, in der das Zeitungswesen noch etwas Neues war, seine Vorstellungen eines perfekten Blattes, das sich an die gesamte Gesellschaft richtet, das so geschrieben ist, dass es alle verstehen können und das eine breite Vielfalt wichtiger Themen abdeckt. Möglicherweise bräuchten auch wir heute, fast 250 Jahre später, noch einmal so eine Debatte über unsere Zeitungen. Das würde ich gerne mit den Besucherinnern und Besuchern im Anschluss an den kurzen Vortrag diskutieren.

6. Zum Schluss: Was erwarten oder erhoffen Sie sich persönlich von der Nacht der Demokratie?

Ich bin neugierig zu erfahren, ob die Besucher der Nacht in Augsburg Journalismus überhaupt noch als wichtigen Bestandteil von Demokratie erfahren. Und was sie von Journalisten heute erwarten, besonders die Jüngeren.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Gelesen 1463 mal Letzte Änderung am Freitag, 12 September 2014 14:50
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