Donnerstag, 27 Dezember 2012 00:00

Bürgerbeteiligung verbessert und verändert unsere Gesellschaft

geschrieben von  Kristina Greißl

Fr. Reisinger1

Im Rahmen der Interviewreihe zur "Erwachsenenbildung in der Bürgergesellschaft" schildert Ruth Reisinger, Leiterin der Volkshochschule Aichach-Friedberg, ihre Vorstellungen und Konzepte zum Leistungsvermögen sowie den Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen von Erwachsenenbildung in der Bürgergesellschaft.

Was verstehen Sie unter Bürgergesellschaft?

Für mich bedeutet Bürgergesellschaft, dass eine rege Beteiligung der Bürger an allen kulturellen und politischen Fragen stattfindet, dass sich jeder einbringen und seine Fragen und Anliegen loswerden kann. Außerdem beteiligt der Bürger sich auch aktiv an der Verbesserung, an der Veränderung.

Haben Sie ein Beispiel zu folgender Frage: Wie lebt jemand, für den „Bürgergesellschaft" und gesellschaftliches Engagement sehr wichtig sind?

Wir haben viele Dozentinnen und Dozenten hier bei uns an der Volkshochschule, die sehr engagiert sind und die wirklich einen sehr großen Einsatz zeigen. Zum Beispiel gibt es eine Lehrerin, die seit Jahren Integrationskurse auf Deutsch gibt und die sich darüber hinaus auch sehr darum kümmert, dass diese Migrantinnen und Migranten, die zu uns kommen, im Nachhinein noch eingegliedert werden. Sei es, dass sie ihnen bei Bewerbungen hilft, dass sie immer wieder Treffen organisiert, die Migrantinnen und Migranten bei Behördengängen begleitet, dass sie Kontakte zu Firmen herstellt - da gibt es wunderbare Beispiele. Wir arbeiten viel mit solchen Menschen und sind auf diese in der Erwachsenenbildung auch angewiesen.

Was genau verstehen Sie unter Erwachsenenbildung?

Bei uns gibt es einfach das Prinzip des lebenslangen Lernens. Das steht an oberster Stelle und bedeutet, dass Lernen nicht nach der Schule aufhört, sondern dass jeder versucht, sich persönlich und fachlich weiterzubilden. In diesem Bereich haben wir ganz speziell für die Erwachsenen – aber inzwischen auch für Kinder und Jugendliche – konkrete Angebote in den Bereichen Sprachen, EDV, Gesundheit, (...) Kultur und berufliche Bildung und natürlich auch spezielle Angebote wie Kochen oder kreatives Gestalten. Das ist für mich Erwachsenenbildung, also lebenslanges Lernen in allen unterschiedlichen Bereichen.

Sehen Sie eine Verbindung zwischen Erwachsenenbildung und Bürgergesellschaft?

Ja, natürlich. Ich denke, wenn jemand bereit ist lebenslang zu lernen und somit eine gewisse Neugierde mitbringt, ist das auch ein Mensch, der bereit ist, sich zu engagieren und etwas für die Gemeinschaft zu tun. Ich sehe da einen sehr direkten Zusammenhang, und ich denke, wenn sich jemand zurückzieht und auf seinem aktuellen Stand bleibt, wird derjenige sich nicht öffnen oder sich für gesellschaftliche Themen interessieren.

Welche berufliche Tätigkeit üben Sie in der Volkshochschule in Ihrer Position aus und welche Rolle haben Sie in diesem Themenkomplex?

Ich bin Leiterin der Volkshochschule Aichach-Friedberg und versuche das Angebot der Erwachsenenbildung möglichst breit zu streuen, möglichst qualitativ hochwertig zu machen und auch den sozialen Aspekt der Erwachsenenbildung zu betonen. Die Menschen treffen sich an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten und somit sind immer Begegnungen da. Das ist vielleicht auch das Besondere im Zeitalter der Neuen Medien, dass bei uns hier ein Treffen vor Ort, Gemeinschaft und Kommunikation stattfinden.

Was glauben Sie, hält eine Gesellschaft zusammen? Was ist für eine funktionierende Gesellschaft wichtig?

Also ich denk schon, dass das - wenn ich oben anfange - eine klare politische Führung ist. Aber da ich mich eher auf dem kommunalen Bereich bewege, würde ich sagen, dass gute Netzwerke zwischen der Politik und den Bürgern, zwischen Kommune und Bürgern, oder dem Landkreis und den Bürgern entstehen. Wichtig ist auch, dass bürgernahe Verwaltungen und eine gute Infrastruktur für die Bürger da sind - dass sie sehen, dass sie miteinbezogen werden und etwas für sie getan wird. Dann kann auch Interesse geweckt werden, sich mit zu beteiligen und sich selbst zu engagieren. Das ist nur ein Teilaspekt eines weiten Bereiches.

Und was würde eine Gesellschaft auseinander treiben?

Ich denke es würde eine Gesellschaft auseinander treiben, wenn immer nur von oben irgendwelche Sachen aufgezwungen werden, die vielleicht gar nicht so im Sinne der Bürger sind. Wenn man etwas tun muss, was man eigentlich gar nicht machen will. Und wenn keine Beteiligung der Bürger da ist. Wenn Minderheiten nicht respektiert und nicht einbezogen werden. Wenn keine soziale Gerechtigkeit herrscht. Das spaltet eine Gesellschaft, denke ich.

Haben Sie ein Bild vom idealen Bürger?

Ich denke das sind, wie eigentlich schon gesagt, diese Menschen, die sich engagieren. Also auch Menschen, die einfach über ihren eigenen Kirchturm hinaus schauen, interessiert bleiben, zugänglich und offen sind für andere und ihr eigenes Verhalten reflektieren können. Das ist, denke ich, auch sehr wichtig. Und außerdem, dass man sich für Belange in der Gemeinde, in der Kommune und auch – wenn möglich - bundespolitisch engagiert.

Wann ist für Sie Erwachsenenbildung gelungen? Welche Ziele haben Sie jenseits der Wissensvermittlung? Haben Sie hierfür ein Beispiel zur Verdeutlichung?

Dazu kann ich ein Beispiel sagen. Gestern war eine Dozentin bei mir, die gibt einen Kurs namens „Schenke mir eine Geschichte". Darin schreibt sie zusammen mit den Beteiligten Texte für Kinder und Erwachsene. Diese Dozentin hat anschließend Evaluationsbögen ausgeteilt, auf die sehr positive Rückmeldungen kamen. Sie meinte, sie konnte den Leuten nicht nur vermitteln wie man schreiben kann, welche Tipps und Tricks es gibt, sondern sie konnte auch Freude am Schreiben wecken. Die Teilnehmer hatten das Gefühl es geht eine Tür für sie auf, es gibt etwas Neues im Leben und es gibt auch zum Teil einen neuen Sinn. Wir haben oft positive Rückmeldungen, egal ob es um das Studium Generale oder um einen ganz einfachen Gymnastik- oder Wirbelsäulenkurs geht. Ich denke, wenn die Ziele, die die Leute sich setzen, mit unseren Dozenten und unseren Angeboten erreicht werden können und dies vielleicht ein Stück darüber hinaus geht, dann ist das sehr gelungene Erwachsenenbildung.

Und wo sehen Sie die aktuellen Probleme oder Herausforderungen der Erwachsenenbildung?

Eine Herausforderung ist sicher, wie wir die Leute zu der Aktivität bringen können, weil doch viele denke ich eben durch Fernseh- oder Internetangebote zuhause sitzen und dort festkleben. Die Frage ist, wie wir sie wirklich in unsere Kurse bringen. Und dazu nutzen wir auch die neuen Medien, um das Angebot möglichst für viele Gruppen attraktiv zu machen. Wir versuchen Netzwerke und Kooperationen zu bilden. Das sind sicher Herausforderungen für die nächste Zeit. Gerade im Bereich der politischen Bildung ist es schwierig im ländlichen Bereich. Deshalb bin ich froh über die Zusammenarbeit mit Augsburg und anderen Volkshochschulen. Das wird sicher für die Zukunft ein gangbarer Weg sein.

Wieso ist das im Bereich politischer Bildung eher schwierig?

Viele engagieren sich in Parteien und es ist schwierig die, die nicht in Parteien organisiert sind, in Veranstaltungen zu locken, in denen es um politische Themen geht. Ich hoffe dass wir durch Angebote zum Thema Energie-Wende, was ja wirklich alle betrifft, Interessenten motivieren können.

Welche Konsequenzen hätte es für eine Gesellschaft, wenn sie keine Angebote der Erwachsenenbildung bereitstellen würde, also eine Gesellschaft, die ohne Erwachsenenbildung existieren würde?

Das wäre auf jeden Fall eine ärmere Gesellschaft. Nicht nur im materiellen Sinn sondern im geistigen. Ich denke, dass durch diese Angebote - und das zeigt sich auch immer wieder an den Reaktionen der Leute - die Lebensqualität verbessert wird und die Lebensfreude gesteigert werden kann, was wiederum zu einer höhere Zufriedenheit in unserer Gesellschaft führt. Unsere Gesellschaft wäre also bestimmt auch unzufriedener und vielleicht auch anfälliger für z.B. rechtsradikale Themen. Ich denke schon, dass die Erwachsenenbildung eine ganz weitreichende, positive Wirkung hat.

Dann noch eine letzte Frage: Sehen Sie eine Möglichkeit, wie Erwachsenenbildung sich weiterentwickeln kann, um die Bürgergesellschaft noch besser zu unterstützen?

Da gibt es immer Potential, immer Möglichkeiten. Das hängt zum großen Teil von finanziellen Mitteln ab, die man für die Erwachsenenbildung zur Verfügung hat. Da steht Bayern nicht gerade weit vorne, nämlich an zweitletzter Stelle der Bundesländer. Ich wünsche mir schon ein Bewusstsein auf Seiten der Politiker darüber, dass es wirklich wichtig ist, mehr finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. So kann man an ständig neu auftauchenden Themen bleiben und diese weiterentwickeln. Und das finde ich sehr, sehr wichtig, dass wir gewissermaßen immer am Zahn der Zeit dran sind. Das ist, denke ich, ein ganz wichtiger Punkt.

Schön, Sie haben wirklich einige sehr interessante Dinge angesprochen. Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Interview!

Das Interview führten Laura Merhar und Veronika Yeo.

Gelesen 1578 mal Letzte Änderung am Montag, 20 Oktober 2014 16:52
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