Diese Seite drucken
Montag, 08 September 2014 00:00

Im Gespräch mit Klaus-Peter Hufer

geschrieben von 

2014-05-26HUFER02

Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer hat ein Konzept entwickelt, um gegen populistische, fremdenfeindliche, rassistische und rechtsextreme Sprüche vorzugehen: das Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Das Training ist mittlerweile in einer Vielzahl von Institutionen und Initiativen in Deutschland, Österreich und Südtirol durchgeführt worden. Es ist ein interaktives Konzept, das nicht leiterzentriert ist. In erster Linie erarbeiten sich die Teilnehmenden die Handlungsstrategien, Argumente und das dazu gehörende Sachwissen selbst.

Was steckt als Grundidee hinter dem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen? Wie sind Sie auf das Argumentationstraining gekommen?

Auf die Idee des Argumentationstraining bin ich durch ganz eigene, persönliche Erfahrungen gekommen. Oft habe ich mich selbst schon konfrontiert gesehen mit platten Aussagen die mich glatt überrumpelten, und über die ich mich oft im Nachhinein sehr ärgern musste.

Wie haben Sie das Projekt entwickelt?

Dazu muss man vorneweg sagen, dass die Politische Bildung ein schweres Geschäft ist. Sie erweckt bei vielen Adressaten den Anschein, als würde sie "nichts bringen". Ich habe mich daher auf die Suche nach rethorischen Elementen begeben. Rhetorik ist in der Erwachsenenbildung nachgefragt. Und ich wollte ein Seminar entwickeln, das zudem Selbstsicherheit vermittelt, sich zu engagieren und Widerspruch einzulegen. Schon lange ärgern mich Rechtsextremismus und -populismus und ich finde, wir müssen Formen und Wege finden, um dagegen anzuhalten.

Ich habe ein entsprechendes Konzept entwickelt, welches ich in Kursen an der Volkshochschule ausprobieren und überprüfen konnte. So sind nach und nach Publikationen entstanden. Durch die Arbeit mit vielen Gruppen in Deutschland, Österreich bzw. Tirol kamen neue Erfahrungen und Aspekte hinzu. Ich selbst habe 200 Veranstaltungen, Vorträge, Seminare und Workshops gehalten und darüber hinaus Trainer ausgebildet, die meistens unabhängig vom mir dieses Training durchführen.

Was waren die wichtigsten Erfolge im Zeitverlauf?

Manchmal, wenn ich mitbekomme, dass eine Institution oder Organisation völlig unabhängig von mir das Training durchführt, freue ich mich, dass das Konzept so gut ankommt. Außerdem habe ich durch meine eigene Arbeit mit dem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen viele Gruppen, Organisationen und tolle Menschen kennen gelernt, welche sich gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus engagieren. Es gibt Tausende von Menschen in Deutschland, die "nein" sagen zu Fremdenfeindlichkeit, zum Hass auf Andersdenkend und Anderslebende, zu Rassismus und Rechtsextremismus. Das zu erfahren ist ein gutes Gefühl.

Gab es besondere Highlights? Haben Sie Lust uns eines näher zu schildern?

Ein ganz besonderes Highlight ist für mich jedes Mal das Aufatmen von Menschen, die an diesem Seminar teilnehmen. Zu sehen, dass sie das Gefühl entwickelt haben, gestärkt zu sein, dass sie weniger ohnnmächtig gegen Stammtischparolen sind und sich in der Lage sehen, in einer für sie akzeptablen Weise zu reagieren. Natürlich bin ich auch sehr darüber erfreut, dass sich das Seminar einen Namen gemacht hat und mittlerweile in vielen Institutionen aktiv angewandt wird.

Wie gehen Sie mit kritischen Reaktionen bezüglich des Argumentationstrainings um?

Kritik nehme ich zur Kenntnis. Gutwillige Kritik nehme ich sehr ernst und versuche, sie in meiner Arbeit umzusetzen. Aber es gibt auch Kritiker, denen ich empfehle, dass sie ein besseres Modell entwickeln sollen.

Was verstehen Sie unter einer Stammtischparole?

Stammtischparolen das sind aggressive, zugespitzte, platte, dogmatische, vereinfachende, Schwarz-Weiß-Malereien bzw. Vorurteile in sprachlicher Form, die dazu führen, das sie die Welt in „richtig" und „falsch" einteilen, um so Minderheiten oder abweichende Meinungen als „anders" zu diskriminieren und um ihnen die sozialen und politischen Rechte abzusprechen. Im Grunde sind Stammtischparolen selbstgerechte Mitteilungen von Menschen die meinen, ihre Meinung wäre schon allgemeingültig.

Können Sie mir einen Tipp geben, wie ich beispielsweise im familiären Rahmen auf Stammtischparolen von Verwandten eingehen kann? Wie reagiere ich am Besten um diese zu relativieren?

Oh, dass ist natürlich eine schwere Situation. Denn in der Familie herrscht eine emotionale Nähe bzw. Bindung an die Menschen, die diese Parolen mitteilen. Das macht es um einiges schwieriger, damit umzugehen als in Seminaren oder Situationen wo man einem Fremden gegenüber sitzt. Innerhalb der Familie besteht ein Spannungsfeld zwischen Emotion und Rationalität. Man muss Nähe und Distanz bewahren, um zu einer ausgeglichenen Balance zu gelangen. Aber ich denke, es ist immer am Besten, seine Meinung zu sagen. Es ist ja durchaus möglich, den richtigen Ton zu finden, um mit Angehörigen und Freunden wertschätzend umzugehen. Aber seine Meinung mitzuteilen ist insofern sehr wichtig, damit man sich im Nachhinein nicht über sich selbst ärgert und sich mit gutem Gewissen im Spiegel ansehen kann.

Vielen herzlichen Dank, Herr Hufer, für das nette Gespräch.

Das Interview führte Gwennaelle Mulliez für das Netzwerk politische Bildung Bayern.

Weiterführende Literatur:

argumentationstraining gegen stammtischparolen-9783879200542 xxl

Klaus-Peter Hufer (2008): Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen. 8. Auflage. Schwalbach/Ts.: WOCHENSCHAU Verlag. Zu erwerben hier.

3-89974245-1

Klaus-Peter Hufer (2006): Argumente am Stammtisch – Erfolgreich gegen Parolen, Palaver und Populismus, 6. Auflage Schwalbach/Ts.: WOCHENSCHAU Verlag. Zu erwerben hier.

Gelesen 2966 mal Letzte Änderung am Freitag, 12 September 2014 16:50
Gwennaelle Mulliez

Das Neueste von Gwennaelle Mulliez

Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten