Mittwoch, 13 März 2013 00:00

"Einmischung erwünscht" - Plädoyer für die Bürgergesellschaft

geschrieben von  Kristina Greißl

Lothar Heusohn

Lothar Heusohn ist Fachbereichsleiter der Sektion "Politik, Gesellschaft, Umwelt, Männerakademie und Dozentenfortbildung" an der Volkshochschule Ulm. In dem Interview zum Thema "Erwachsenenbildung und Bürgergesellschaft" geht es insbesondere um Möglichkeiten und Grenzen von Erwachsenenbildung in unserer heutigen Gesellschaft. 


Was verstehen Sie unter Bürgergesellschaft?

Bürgergesellschaft meint ganz klassisch eine stärkere Partizipation von Bürgerschaften und Kommunen an der (großen) Politik, als das bisher in den repräsentativen Demokratien der Fall ist. In einer Bürgergesellschaft mischen sich auch „Nicht-Politiker" in politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge ein, denn alle Bürgerinnen und Bürger verstehen sich hier zunehmend als Selbstakteure, die sich an der Gestaltung von gesellschaftlich-politischen Verhältnissen aktiv engagieren wollen.

Was verstehen Sie persönlich unter Erwachsenenbildung?

Für mich bedeutet Erwachsenenbildung mehr als die viel diskutierte Anpassungsqualifizierung, bei der es darum geht, die Menschen für den globalisierten Welt- und Arbeitszusammenhang mit seinem enormen Innovationspotential und den sich rasend schnell wandelnden technischen und sozialen Entwicklungen fit zu halten. Genau damit verdienen jedoch viele Volkshochschulen ihr Geld.

Ich als Vertreter der Politischen Erwachsenenbildung der Volkshochschule Ulm bin sehr froh, dass meine Einrichtung seit ihrer Gründung in den späten 1940er Jahren da eine etwas andere Richtung eingeschlagen hat und bis heute den zentralen Anspruch vertritt, Bürger und Bürgerinnen zu befähigen, sich selbst in die Verhältnisse wie beispielsweise Stadt- oder Verkehrsentwicklung und andere Dinge einzumischen. „Einmischung erwünscht" lautet unser Motto – ganz nach der Lebenshaltung unserer Gründerin Inge Aicher-Scholl. Das ist meines Erachtens eine wunderbare Formel für die politische Erwachsenenbildung, die hoffentlich Strahlkraft über Ulm hinaus entwickelt.

Denn Volkshochschulen müssen Orte sein, an denen man sich austauschen kann, an denen gemeinsam über Dinge reflektiert wird und wo einem jedem die Möglichkeit geboten wird, stärker am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der Erwachsenenbildung kommt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, die dafür benötigten Kompetenzen an die Menschen zu vermitteln. Zu nenen wären hier vor allem die Fähigkeit, eigene Interessen zu erkennen und die Kraft, durch eine aktive Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse nicht mehr nur Objekt von Fremdbestimmung zu sein. Das halte ich für die wesentliche Aufgabe von kritisch-politischer Erwachsenenbildung, die Zusammenhänge erläutern, Verbindungen herstellen, Hintergründe aufdecken und gesellschaftliche Verhältnisse kritisch hinterfragen muss.

Welche Verbindung sehen Sie zwischen Erwachsenenbildung und Bürgergesellschaft?

Erwachsenenbildung muss meiner Meinung nach Bürgerinnen und Bürger im Umgang mit offiziellen Institutionen und Behörden fit machen, denen der Laie ansonsten strukturell unterlegen ist. Hier müssen die Erwachsenenbildungseinrichtungen, die ja im Dienst der Bürgerschaft stehen, den Leuten den Rücken stärken und sie dazu befähigen, mit Politikern auf Augenhöhe mitdiskutieren zu können. Bei uns in der VHS Ulm gibt es da zum Beispiel Kurse, in denen Techniken des sicheren Auftretens oder des Sprechens in der Öffentlichkeit gelehrt werden. Das ist deshalb so wichtig, weil Bürgerbeteiligung in bestimmten Einrichtungen teils als Störfaktor erlebt wird und eingedämmt werden soll.

Zumeist bleibt da Bürgerengagement dann auf den Sozialbereich beschränkt, wo gemeinsam gerade mal ein Park, ein Spielplatz oder ähnliches gestaltet wird. Aber dem Sinn nach meinen Bürgerbeteiligung und Bürgergesellschaft deutlich mehr. Sie implizieren etwa die tatsächliche Gestaltung von Bau- oder Verkehrsplanung, wo es richtig ans Eingemachte geht, inklsuive Investitionen und hohen Geldbeträgen. Genau dort sehen Verwaltungen oder Stadtparlamente Bürgerintervention jedoch gar nicht gern. Ich sage nur: Stichwort Stuttgart 21.

Was hält für Sie eine Gesellschaft zusammen?

Für mich ist bei der Beantwortung dieser Frage wesentlich, dass wir uns heute in der Nach-Ära der 1970er Jahre, in der zahlreiche soziale Bürgerinitiativen wie die Ökologiebewegung oder die Anti-AKW-Bewegung entstanden sind, befinden. Die Menschen dieser Epoche wollen nicht nur zuschauen, wie andere für sie entscheiden, sie wollen selbst aktiv partizipieren. Genau das schafft dann Akzeptanz für Gesellschaft an sich. Beteiligung ist ein wesentlicher Faktor, wenn wir vom Zusammenhalt einer Gesellschaft sprechen. Man muss den Leuten deutlich vor Augen führen, dass es ihre Gesellschaft ist. Es ist ihr Leben und dieses Leben haben nicht andere für sie zu gestalten. Sie müssen es selbst gestalten. Das schafft wiederum Identifikation, die eine Gesellschaft stärker zusammen wachsen lässt.

Außerdem spielt die Frage der Gerechtigkeit eine zentrale Rolle. Denn wenn eine Gemeinschaft in sehr starke Armut auf der einen, und eine skandalöse Konzentration von Reichtum auf der anderen Seite gespalten ist, muss sie auseinander driften.

Was ist Ihr Bild vom idealen Bürger?

Das Idealbild der Bürgergesellschaft ist der gebildete Mensch, der unentwegt aktiv ist. Ein solches Bild entspricht der antiken Vorstellung des guten Polis-Bürgers oder der Utopie des demokratischen Bürgers, auf die zahlreiche Demokratiekonzepte und –theorien referieren. In Einzelfällen mag es das auch tatsächlich geben, aber eine solche Haltung von allen 80 Millionen Menschen der Bundesrepublik zu erwarten, ist völlig illusorisch.

Daher sieht mein Bild vom idealen Bürger so aus, dass das jemand ist, der sich phasenweise in Projekten engagiert beteiligt, sich dazwischen aber auch immer wieder Ruhepausen gönnt. Voraussetzung ist da allerdings, dass die Menschen begreifen können und wollen, was in der Gesellschaft los ist, dass sie Hintergründe verstehen lernen, Interessen entwickeln und verfolgen und insofern als autonome Subjekte handeln können, die nicht nur alles über sich ergehen lassen, sondern eingreifen können in die Gesellschaft, um sie zu gestalten.

Wann ist Erwachsenenbildung gelungen?

Für gelungene Erwachsenenbildung gibt es keine kurzfristigen Erfolgsmodelle. Das ist ein langwieriger, teils zäher Prozess, bei dem wir als Volkshochschulen in unseren Bemühungen nicht nachlassen dürfen. Denn längerfristig verändert das etwas bei den Menschen, sie bekommen mehr Vertrauen in sich selbst, was dazu anspornen kann Dinge ins Positive zu verändern. Das sehe ich beispielsweise an meine Politikkursen in der Frauenakademie, in denen mir die Teilnehmerinnen oft erzählen, dass sie sich im Nachhinein für viel mehr Sachen interessiert haben und Statements in der Zeitung oder den Nachrichten nicht mehr sofort eins zu eins geglaubt haben. Gelingt es, Menschen dazu anzuregen auch einmal kritisch nachzudenken und sie für ihren Alltag tatsächlich zu „empowern", dann ist Erwachsenenbildung gelungen.

Wie kann sich Erwachsenenbildung weiterentwickeln, damit sie die Bürgergesellschaft besser unterstützen kann?

Die zuständigen Organe zur Erwachsenenbildung müssen alle Kräfte daran setzen, das Angebot so auszugestalten, dass Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit haben, gestärkt aus dem Kursprogramm heraus zu gehen, im Idealfalls sogar als selbstständigere Wesen mit neuem Selbstvertrauen. Das ist auch meine Aufgabe, unsere Aufgabe, das Politische in der politischen Erwachsenenbildung: Nicht nur das Fähnchen zaghaft hochzuhalten, sondern es geradezu einzurammen, das ist die eigentliche Aufgabe.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Veronika Bauregger.

Gelesen 1676 mal Letzte Änderung am Montag, 20 Oktober 2014 16:48
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