Sonntag, 25 November 2012 00:00

Erwachsenenbildung als Ermöglichungsort für Demokratie

geschrieben von  Kristina Greißl

Ulrich Klemm

Prof. Dr. Ulrich Klemm ist Hochschullehrer im Bereich lebenslanges Lernen und Erwachsenenbildung an der Universität Augsburg. Zuvor arbeitete er von 1984 bis 2004 als Fachbereichsleiter für regionale Erwachsenenbildung an der Volkshochschule Ulm. Seit 2004 ist Prof. Dr. Klemm darüber hinaus selbstständig als Unternehmensberater und Verleger tätig. Wir sprachen mit ihm über Erwachsenenbildung in der Bürgergesellschaft.

1. Was verstehen Sie unter Bürgergesellschaft?

Bürgergesellschaft ist aus meiner Sicht ein historischer Begriff der sehr eng mit der Demokratisierung der letzten 300 Jahre zusammenhängt. Diese Idee der Bürgergesellschaft ist ein Revitalisierungsinstrument für festgefahrene Demokratien. Bürgergesellschaft hat für mich vor allem den Aspekt einer direkten Demokratie, d.h. einer plebiszitären Demokratie oder - radikal gesehen - einer Rätedemokratie im Gegensatz zu einer parlamentarischen Verfasstheit. Ganz entscheidend dabei ist dieser Beteiligungsgedanke, dass der Mensch sich aktiv für seine Belange und für Belange der Gesellschaft einsetzt.

2. Was verstehen Sie unter Erwachsenenbildung?

Erwachsenenbildung ist eng gekoppelt mit dem Aspekt des lebenslangen Lernens. Das heißt, wir müssen „lebenslänglich" und lebensbegleitend lernen - von der Wiege bis zur Bahre, anders könnten wir gar nicht überleben. Das lebenslange Lernen ist eine anthropologische Grunddimension der menschlichen Existenz und Erwachsenenbildung ist dieser Bereich im Kontext des lebenslangen Lernens.

In der Regel spricht man von Erwachsenenpädagogik in einem Zeitfenster von 19 bis 65 Lebensjahren. Und danach beginnt die Seniorenarbeit, die Seniorenbildung, die Gerontologie, die Geragogik.

Wichtig ist zu betonen, dass Erwachsenenbildung sich ständig verändert. Wir haben vor 20 oder 30 Jahren vor allem von einer organisierten Erwachsenenbildung gesprochen, das heißt Erwachsenenbildung fand und findet vor allem in Institutionen statt. IHK, Volkshochschule, Familienbildungsstätte, katholisches Kreisbildungswerk etc. Aber zunehmend müssen wir Erwachsenenbildung auch als eine Form des Lernens außerhalb von Institutionen begreifen; dann reden wir vom selbstgesteuerten Lernen, vom informellen Lernen, vom beiläufigen Lernen. Das ist ein Aspekt, der in den letzten 20 Jahren dominant hinzukommt und Erwachsenenbildung radikal verändert.

3. Welche Verbindung haben für Sie Erwachsenenbildung und Bürgergesellschaft?

Beide haben dieselbe Traditionslinie. Die Bürgergesellschaft hat eine sehr demokratische Tradition und die Erwachsenenbildung auch. Beide Ideen kommen aus der Aufklärung – also dieser philosophisch-politischen Epoche aus dem 18. Jahrhundert. Und dort haben beide Systeme, beide Ideen ihre Quelle und ihre Wurzel. Die Bürgergesellschaft und die Erwachsenenbildung sind beides Kinder des Aufklärungsgedanken. Aufklärung heißt für mich - im Sinne von Kant - die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Da liegt die Quelle von der Bürgergesellschaft und der Erwachsenenbildung.

4. Und welche Rolle spielen Sie in dem Themenkomplex Erwachsenenbildung? Also persönlich, welche Tätigkeit üben Sie aus?

Ich war 20 Jahre lang Fachbereichsleiter einer Volkshochschule, war verantwortlich für Erwachsenenbildungsprogramme in der Region Ulm. Davor hatte ich in Augsburg Erwachsenenpädagogik studiert und bin seit 1994 auch als Lehrbeauftragter bzw. als Hochschullehrer im Bereich der Erwachsenenbildung und des lebenslangen Lernens tätig. Als Unternehmensberater arbeite ich ergänzend im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung.

5. Darf man fragen, was Sie da so unterrichten an der Volkshochschule? Können Sie da Beispiele nennen?

Als Fachbereichsleiter unterrichtet man relativ wenig, man organisiert die Kurse. Ich war verantwortlich für ca. 300 Erwachsenenbildungs-Veranstaltungen pro Jahr, und davon habe ich vielleicht fünf bis sechs selber unterrichtet, und zwar in den Bereichen Politik, Gesellschaft, Pädagogik und Psychologie. Aber ansonsten ist man als Fachbereichsleiter an einer Volkshochschule vor allem als „Bildungsmanager" tätig.

6. Was hält denn Ihrer Meinung nach eine Gesellschaft zusammen, oder was treibt sie auseinander? Also was ist wichtig für eine funktionierende Gesellschaft?

Das ist natürlich eine schwierige Frage. Ich antworte systemtheoretisch und sage: Die Kommunikation der unterschiedlichen Systeme.

Jede Gesellschaft besteht aus verschiedenen Teilsystemen. Es gibt z.B. das ökonomische System, das Gesundheitssystem, das Bildungssystem, das Politiksystem und das Verwaltungssystem. Das sind alles sehr autonome Einheiten innerhalb einer Gesellschaft. Und eine Gesellschaft funktioniert dann besonders gut, wenn die unterschiedlichen Teilsysteme miteinander gut kommunizieren können.

Nehmen sie als Beispiel Schwarzafrika, die Elfenbeinküste oder Nigeria. Da gibt es auch diese ganzen Systeme: Da gibt es so etwas wie ein Gesundheitssystem, ein ökonomisches System, ein politisches System. Die können aber nicht gut miteinander kommunizieren, weil alles auf eine Person zentriert ist. Aber nur, wenn eine ausgeglichene Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Systemen stattfindet, dann kann eine Gesellschaft funktionieren.

Und Bürgergesellschaft ist ja genau dieser Aspekt, nämlich eine bessere Kommunikation zwischen BürgerInnen und zwischen den unterschiedlichen Systemen generieren.

Ein gutes Beispiel für Bürgergesellschaft und für die Systemkommunikation ist „Stuttgart 21". Da sind die „braven" schwäbischen Bürger auf die Straße gegangen, weil sie nicht einverstanden waren wie die Politik mit der Mobilitätsfrage umgeht. Und das ist erstaunlich, weil die schwäbischen BürgerInnen als Inbegriff der Solidität und der Zuverlässigkeit gelten. Seit 50 Jahren wird CDU gewählt. Man ist beständig, man ist zuverlässig, man weiß, was man hat. Auf einmal gehen diese schwäbischen Bürgerinnen, 40- oder 50-jährige Hausfrauen und 70-jährige Rentner – um plakative Beispiele zu nennen - auf die Straße, monatelang und sagen: „So wollen wir das nicht haben". Das ist ein gutes Beispiel für einen Kommunikationsbedarf. Und es hat sich herausgestellt, dass das Projekt „Stuttgart 21" deshalb politisch nicht funktioniert, weil die entscheidenden Machtsysteme, nämlich z.B. Staatsministerium, Parteien und Politik, ganz bestimmte Informationen nicht herausrücken bzw. herausgerückt haben. Und da hat sich der Bürger gesagt: „Ihr wollt mich wohl auf den Arm nehmen? Ihr baut hier einen riesen Komplex, ihr macht uns vor, das kostet (z.B.) 2 Milliarden, und jetzt kostet es auf einmal (z.B.) 4 Milliarden. Und ihr sagt nix. Deshalb gehen wir auf die Straße".

7. Wie sieht im Hinblick auf Verantwortung und Engagement Ihr Bild vom idealen Bürger aus?

Der ideale Bürger ist der, der auch den Mund aufmacht und sich einsetzt. Der sich einmischt. Die Ulmer Volkshochschule hatte in den 1950er Jahren den Leitspruch: „Einmischung erwünscht!". Wir glauben, wenn wir alle paar Jahre zum Wählen gehen, dann ist die Welt glücklich, zufrieden und dann läuft alles. Wir leben in einer Zuschauerdemokratie. Das funktioniert aber nicht! Das führt, wie der Soziologie Robert Michels zu Beginn des. 20. Jahrhunderts bereits sagte, zu einer Oligarchie. Der „ideale" Bürger - zivilgesellschaftlich gesehen - ist ein Bürger der sich einmischt. Nur eine Streitkultur ist der Garant dafür, dass eine Gesellschaft funktioniert. Der Sozialismus ist deshalb auch zusammengebrochen, weil keine Streitkultur zugelassen wurde. Da gab es einen Parteibeschluss – und: die Partei hat immer recht. Das hat 40 Jahre in der DDR funktioniert, dann ist dieses System zusammengebrochen.

8. Glauben Sie, dass eine Gesellschaft aus den sogenannten Aktivbürgern bestehen könnte?

Es muss immer diese Aktivbürger geben, diese engagierten Bürger, die sich einmischen. Neben diesen Aktivbürgern gibt es natürlich Politik, gibt es Verwaltung, die Parteien und so weiter. Die muss es auch geben.

Im Moment haben wir viele Probleme, weil sich die Menschen in den letzten 50 Jahren in Deutschland nur bedingt als souveräne Bürgerinnen und Bürger eingebracht haben. Deshalb ist die Politik, also das professionelle politische System – Parteien und Politikverwaltung – auch teilweise verkrustet. Wir müssen nur die Diskussion über den „Fall Karl-Theodor zu Guttenberg" betrachten. Nur deshalb kann diese Politik sich so verhalten, wie sie sich verhält - so selbstherrlich - weil der Bürger sich nicht einmischt. Das heißt, es muss diese Aktivbürger geben, ansonsten geht die Demokratie den Bach runter.

9. Welche Funktion hat Erwachsenenbildung in der Gesellschaft?

Erwachsenenbildung ist vor dem Hintergrund des lebenslangen Lernens ein ganz zentraler Faktor. Warum wird Erwachsenenbildung immer wichtiger?

Nicht nur, weil sich die technologische Entwicklung, weil sich gesellschaftliche Systeme in immer kürzeren Intervallen verändern und weil die Herausforderungen an den Erwachsenen andere werden. Wir können heute nicht davon ausgehen: ich habe einen Beruf, ich studiere etwas, und dann bin ich 40 Jahre lang im gleichen Job. Das ist eine Illusion, das gibt es zunehmend weniger.

Aber ich sehe noch einen zweiten Aspekt, und das ist ein sehr gesellschaftskritischer: Ich glaube, und das kann man auch mit Zahlen belegen, dass die Erwachsenenbildung deshalb wichtiger wird, weil unser Schulsystem zunehmend sein Versprechen nicht einhalten kann. Ich will das an zwei, drei Zahlen auch belegen. In der Bundesrepublik haben wir ca. 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Das heißt, etwa 12 bis 13 Prozent aller Deutschen können nur bedingt lesen, schreiben und rechnen. Ein funktionaler Analphabet ist jemand der Worte lesen kann, aber keine Sätze, der Zahlen lesen kann aber keine Zahlenkombinationen. Und diese 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten, die kommen in weiten Teilen aus unserem Schulsystem, aus der Mitte unserer Gesellschaft. Das sind überwiegend keine Frauen oder Männer mit Migrationshintergrund. Die gibt es auch, die sind oftmals bereits funktionale Analphabeten in ihrer Heimatsprache - und in Deutsch. Aber es kommen zunehmend mehr junge Menschen aus unseren Schulen, die nur bedingt lesen, schreiben und rechnen können. Das heißt, unser Schulsystem versagt offensichtlich zunehmend bei der Vermittlung der Kulturtechniken? Die zweite Zahl: es verlassen jährlich ca. sechzig- bis achtzigtausend Jugendliche ohne einen Schulabschluss deutsche Schulen. Das heißt, wir müssen nach dem Grundgesetz mindestens neun Jahre in die Schule gehen, der Staat garantiert aber nicht, dass jeder der in die Schule geht, auch einen Schulabschluss erreichen kann. Das ist dramatisch und nicht akzeptabel. In diesem Sinne hat die Erwachsenenbildung eine Aufgabe.

10. Welche Ziele, außer der Wissensvermittlung, sollte Erwachsenenbildung haben?

Man muss über die Welt nachdenken können, also der Gedanke der Aufklärung, der Gedanke von Kant, nämlich die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Erwachsenenbildung heißt vor allem „Denken lernen", und das Lernen wieder zu lernen. Erfolgreiche Erwachsenenbildung ist, wenn ich Souveränität erreicht habe, wenn ich mein Leben selber gestalten kann, wenn ich nicht abhängig bin von anderen. Das ist erfolgreiche Erwachsenenbildung. Eine Stärkung des Selbstwertgefühls, des Selbstbewusstseins. Und da spielt natürlich Wissen eine Rolle.

Ich bin aber auch ein Gegner von dieser Kompetenzorientierungseuphorie. Wir reden im Moment sehr viel von und über Kompetenzen, und das greift aus meiner Sicht zu kurz. Wir müssen wieder mehr über Bildung reden. In der Erwachsenenbildung werden Kompetenzen vermittelt. Da gibt es die persönliche Kompetenz, methodische Kompetenzen, Fachkompetenzen, und so weiter. Darüber vergessen wir aber, dass das Fundament von Kompetenz Bildung und Persönlichkeit ist.

11. Denken Sie also, dass der Prozess der Erwachsenenbildung wichtiger ist als das eigentliche Ergebnis?

Das ist eine gute Frage. Ja, das würde ich so sehen. Wie heißt es so schön? Der Weg ist das Ziel.

Der Output ist wichtig in der Erwachsenenbildung, aber noch wichtiger ist diese Auseinandersetzung mit einem Thema. Ob das jetzt Qui Gong ist, ob das Schwäbische Küche ist, ob das Gewürzsträuße basteln ist oder eine Sprache oder politische Bildung; der Weg – und die Leidenschaft, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das ist das Entscheidende.

Um Wissen anzuhäufen brauche ich keine Erwachsenenbildung. Ich gehe ins Internet und bekomme dort das Wissen, das ich brauche. Aus diesem Wissen Bildung zu generieren, das macht die Erwachsenenbildung. Heute verwechseln wir oftmals Wissen mit gebildet sein, aber das ist falsch! Gebildet sein heißt, wenn man aus verschiedenen individuellen Wissenspoolen etwas situationsunabhängig analysieren kann und danach zu einer Handlung fähig ist.

12. Wo sehen Sie aktuelle Probleme und Herausforderungen der Erwachsenenbildung? Also zum Beispiel eher im Bereich der Finanzierung oder der Motivation? Wenn ja, wie kann man diese Motivation eventuell steigern?

Da haben sie zwei wichtige Punkte angesprochen. Ich würde noch einen dritten Aspekt hinzufügen: Die Institutionen. Diese sind teilweise veraltet. Die Institutionen der Erwachsenenbildung arbeiten teilweise noch so wie in den 1980er Jahren. Das sind drei zentrale Elemente, und angesichts der Herausforderungen für die institutionelle Erwachsenenbildung müssen wir bei allen drei Faktoren ansetzen und Veränderungen herbeirufen.

Das heißt, wir müssen schauen, wie wir die Bildungsbereitschaft – oder besser: die Lernbereitschaft – von erwachsenen Menschen anregen können. Wir reden zunehmend von bildungsfernen Gruppen. Diese 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten, das sind bildungsferne Gruppen, die scheuen alles was mit Schule oder Volkshochschule zusammenhängt. Da machen die einen großen Bogen drum herum, weil sie schlechte Erfahrungen mit Schule und Lernen gemacht haben. Also, wie kann ich die Motivation steigern, um Lernen zu wollen?

Zweitens, wie kann ich die allgemeine Erwachsenenbildung besser finanzieren? Das Erwachsenenbildungssystem ist in seiner Finanzierung absolut veraltet, denn es stammt aus den 1970er Jahren und bringt uns nicht weiter.

Und drittens, die Einrichtungen müssen sich verändern. Das heißt, wie kann ich aus einer Volkshochschule oder einer Industrie- und Handelskammer eine lernende Einrichtung machen, die mit gesellschaftlichen Entwicklungen mitgeht? Institutionen haben den Drang, so zu bleiben wie sie sind, sich nicht zu verändern. Die Universität ist dafür auch ein Beispiel.

13. Welche Konsequenzen hätte es für eine Gesellschaft, wenn sie ohne Erwachsenenbildung existieren würde?

Das wäre ein Drama! Aber das ist eine gute Frage! Erwachsenenbildung, lebenslanges Lernen, man sagt ja auch lebenslängliches Lernen, von der Wiege bis zur Bahre, überall sind Pädagogen mit dabei. Ich bin einer, Ihr seid Pädagoginnen, überall mischen die Pädagogen mit. Ist das so gut? Es gibt auch viele die sagen: Pädagogen lasst uns doch mal leben! Nicht immer nur lernen! Ich will leben, ich will nicht nur lernen, ich bin ich! Wir sollten in der Pädagogik, in der Bildung auch mehr über Muse nachdenken. Manchmal vielleicht mehr Muse statt Pädagogik.

14. Nun zur letzten Frage: Wie kann sich Erwachsenenbildung weiterentwickeln, um die Bürgergesellschaft besser zu unterstützen? Werden die Menschen genug über das Angebot informiert, das besteht?

Das Problem daran ist, dass der Bereich der politischen Weiterbildung ein extrem Kleiner ist. Die Erwachsenenbildung und die Weiterbildung sind zu 95 Prozent mit Sprachen, mit Gesundheit, mit EDV, mit andern Dingen ausgeschöpft. Der Bereich der politischen Bildung macht etwa maximal fünf Prozent aus. Ich habe vor wenigen Wochen eine Volkshochschule untersucht. Da haben wir im Bereich „Politik, Gesellschaft, Umwelt" einen Anteil von ca. einem Prozent am Gesamtumfang des Programms festgestellt.

Die Erwachsenenbildung kann sich nur dann stärker in die Bürgergesellschaft einbringen, wenn sich die Erwachsenenbildung eben auch als eine politische Institution versteht. Im Moment verstehen sich sehr viele Erwachsenenbildungseinrichtungen als wissensvermittelnde Institutionen, als Kreativ- und Sprachschulen, als Yoga-Schulen und so weiter. Das ist auch gut so – aber: Eine Erwachsenenbildungseinrichtung muss sich ebenso als eine politische Einrichtung verstehen, dann kann eine Erwachsenenbildungseinrichtung auch im Bereich der Bürgergesellschaft einen wichtigen Beitrag leisten. Ohne ein politisches Bewusstsein in der Erwachsenenbildung funktioniert diese Schnittstelle Bildung und Bürgergesellschaft nicht.

Dabei wollen sich im Moment sehr viele Bürger engagieren. „Stuttgart 21" ist ein Beispiel. Andere Beispiele sind etwa die Attac-Bewegung, bei der sich die Menschen in einem umfassenden Sinne um Umwelt und Politik kümmern oder die Occupy-Bewegung, wo auf einmal gesehen wird, was für ein Moloch diese Finanzwirtschaft ist. Und solche Bewegungen, wie Occupy, wie Attac oder wie Stuttgart 21 müssen von der Erwachsenenbildung aufgegriffen werden. Erst dann können sie sich eigentlich auch als eine politische Einrichtung verstehen. Man muss an der Volkshochschule nicht unbedingt einen Kurs anbieten, „Wie funktioniert die Bundesrepublik?", „Was unterscheidet Bundesrat von Bundestag?" und „Wie wird gewählt?". Das können wir einfacher und schneller aus dem Netz abfragen. Wir brauchen aber Orte, an denen wir uns politisch engagieren können. Und: Politik ist immer der Alltag. Wir benötigen Wege zu einer „alltäglichen Erwachsenenbildung" – um mit den Worten des Pädagogen Lutz von Werder zu sprechen. Mein Fazit: Wir brauchen Erwachsenenbildung als einen Ermöglichungsort für Demokratie!

Das Interview führten Sonja Bader und Melissa Braunger.

Gelesen 1667 mal Letzte Änderung am Montag, 20 Oktober 2014 16:52
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