Freitag, 01 August 2008 00:00

Interview mit Theresia Kuchinka vom Integrativen Haus für Kinder in Halfing

geschrieben von  Miriam Apffelstaedt

2008_pixelio_kindergarten__stephanie_hofschlaeger_150.jpgPolitische Bildung und demokratische Erziehung im Kindergarten wird im Integrativen Haus für Kinder in Halfing gelebt.

In diesem Jahr erhielt das Integrative Haus für Kinder ein Zertifikat für seine Arbeit vom Bildungswerk und der Akademie des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes. Als Grundeinstellungen stehen vor allem die Wertschätzung jedes Individuums und die Gleichstellung aller im Vordergrund. Gleichzeitig sollen individuelle Kompetenzen, Selbsttätigkeit, Eigenverantwortung und demokratische Mitwirkung gefördert werden. Neben dem Kindergarten umfasst das Integrative Haus für Kinder in Halfing zudem eine Krippe sowie einen Hort für Kinder bis 14 Jahren.Wie politische Bildung im Kindergarten aussehen kann und welche Herausforderungen es gibt, darüber haben wir mit Theresia Kuchinka, Leiterin des Integrativen Hauses für Kinder in Halfing gesprochen: „Kinder sind wesentlich politischere Wesen als man denkt."

Frau Kuchinka, welche Idee, welches Konzept steht hinter dem Integrativen Haus für Kinder?
Also grundsätzlich ist es der Auftrag außerschulische Bildung, Erziehung und Betreuung für alle Kinder Halfings anzubieten.
Unser Leitbild heißt: „Mit Freude leben - den Alltag meistern - die Zukunft gestalten". Dieses haben wir uns ganz bewusst gegeben. Das ist ein hohes Ziel. Dieses versuchen wir mit allen Menschen, die hier im Haus leben jeden Tag zu verwirklichen.
Wir wissen aus den Grundsätzen der Entwicklungspsychologie und Pädagogik, dass jedes Kind eine Bindung braucht. Wir haben darüber nachgedacht, wie wir es erreichen können, dass ein Kind eine gute Bindung zu mindestens einer Person hier im Haus haben kann. Daher haben wir kleine Gruppen von 10 Kindern.
Unsere Grundeinstellung ist, dass jeder wertvoll ist.

Wie kann ich mir demokratische Strukturen im Integrativen Haus für Kinder vorstellen?
Wir haben ein demokratisches System in allem was wir machen. Das fing schon bei der Konzeptentwicklung an. Vor drei Jahren haben wir die Kinder, die in die Schule gegangen sind, in Einzelinterviews gefragt: „Wenn ihr noch mal in den Kindergarten gehen würdet, wie müsste der sein, damit der euch noch besser gefällt?"
Da haben wir ganz viele Anregungen von den Kindern bekommen. Wir haben die Kinder teilhaben lassen an ihrer Welt. Dann sind wir zusammen daran gegangen das ganze Haus mit den Kindern gemeinsam zu verändern. Bei der Veränderung haben Kindergartenkinder, der Jahrgang, der in die Schule gekommen ist und die Mitarbeiter sich beteiligt. Das war sehr interessant, denn die Kinder haben uns zum Beispiel deutlich gemacht, dass es ihnen in den großen Gruppenräumen viel zu laut ist. Sie wollen auch mal in Ruhe etwas machen, so dass nicht immer jemand zuguckt. Wir haben das dann umgesetzt und haben auch das Konzept verändert. Das Kind kann bei uns individuell entscheiden, was es tun möchte. Wir müssen daher die Kinder befähigen und dafür sorgen, dass sie die nötigen Kompetenzen für diesen Freiraum erwerben. Hierfür ist es natürlich auch notwendig die Erzieherinnen weiterzubilden. Wir führen regelmäßig Fortbildungen zum Beispiel zum Thema „Werte" durch. Dieses demokratische System ist bei uns in allem. Auch der Name „ein Haus für Kinder" ist ganz bewusst gewählt. Weil wir gesehen haben, dass Kinder in ihrer Umgebung nicht mehr die Möglichkeit haben ihre Welt zu erkunden. Und zwar so, dass nicht ständig jemand hinterher läuft. Das haben die Kinder sehr deutlich gemacht: „Wir wollen nicht ständig, dass ein Erwachsener zuguckt." Das Kind darf bei uns wertfrei etwas ausprobieren, sozusagen mit Versuch und Irrtum. Es kann somit in einem geschützten Rahmen eigene Erfahrungen sammeln. Jetzt ist es so, dass die Kinder sich auch ganz klar selbst Regeln geben. Wir haben nur ganz wenige Regeln, die aus Sicherheitsgründen vorgegeben sind. Alle Regeln geben sich die Kinder eigentlich selbst. Es funktioniert so, dass es eine Problemstellung gibt und die Kinder entwickeln dann Lösungsmöglichkeiten. Bei uns gibt es eine kleine Konferenz, eine Co-Konferenz und eine Hauskonferenz. Das sind alles demokratische Systeme. Das funktioniert sehr gut. Wir haben festgestellt, dass die Kinder sehr schnell Handlungssicherheit gewinnen. Es herrscht ein Wir-Gefühl. Wenn zum Beispiel ein Kind Durst hat, gibt das Andere ihm etwas aus seiner Flasche ab. So werden Sozialkompetenzen geschult. Dies sind auch politische Themen: Wie sind Gremien aufgebaut und wie kann man sich als Einzelner darin einbringen. Das leben wir hier.

Warum bereits Demokratieerziehung im Kindergarten?
Wenn nicht in diesem Alter, wann dann? Ich denke, genau in diesem Alter will das Kind ja explorieren, es will seine Welt erkunden. Und da lernt es dann automatisch demokratische Kompetenzen, weil es sie braucht, um in der Welt zu Recht zu kommen.

Wie viel politische Bildung ist mit Kindern möglich?
Also ich denke, wir sind die Basis für politische Bildung. Weil wir für das, was ein politisch denkender Mensch braucht die Grundlage schaffen. Und politische Bildung im engeren Sinne, dass es einen Bürgermeister gibt, dass wir Gemeinderäte haben, dass es ein Gemeindehaus gibt, wofür die da sind, die ganze Gemeinwesenvernetzung, das interessiert auch Kinder. Immer nach der Methode vom engeren Kreis immer weiter, je nach Kompetenz. Verantwortung zu übertragen ist auch ein wichtiges Prinzip für uns. Wie viel möglich ist sagen uns die Kinder. Also ich denke, eigentlich ist das grenzenlos. Kinder sind wesentlich politischere Wesen als man denkt. Sie wissen das natürlich nicht, aber sie zeigen es und melden es uns zurück. Zum Beispiel in Abstimmungsverfahren.

Was ist das Besondere für Sie am integrativen Haus für Kinder?
Das Besondere ist, dass es eine lernende Organisation ist. Hier kann keiner sagen: „So wie wir das letztes Jahr gemacht haben, so machen wir das heuer wieder." Dieses Haus lebt mit den Kindern. Jedes einzelne Kind darf hier seine Bedürfnisse und seine Wünsche mit einbringen. Die Kinder entscheiden eigentlich wo es lang geht. Es wird den Erwachsenen hier nie langweilig.


Welche Herausforderungen sehen Sie?
Es gibt immer Herausforderungen. Die größten Herausforderungen sind eigentlich immer die Rahmenbedingungen. Im Rahmen der politischen Bildung und der Demokratieerziehung sind es die Erwachsenen. Ich glaube, dass die Eltern manchmal mit ihren Kindern, die hier sehr kompetent aufwachsen nicht Schritt halten können. Wir müssen noch besser Transparenz herstellen. Bei uns ist jeder sehr wichtig, die eigene Meinung wird wertgeschätzt. Da müssen in anderen Lebenswelten der Kinder bessere Verknüpfungen geschaffen werden. Ich glaube, da erleben Kinder manchmal Brüche. Das ist eine Herausforderung, das Schritthalten der Erwachsenen. Wir bitten die Eltern zu kommen, wenn sie Fragen haben, damit es eine Offenheit und eine Vertrauensbasis gibt.

Gibt es für Sie ein persönliches Highlight?
Ganz ehrlich, die Arbeit hier hat ganz viele Highlights. Und zwar ganz viele ganz kleine. Zum Beispiel: Wir sind neulich mit den Gruppen in die Bücherei gegangen. Jede Gruppe durfte sich ein Buch aussuchen. Die haben sich dort hingesetzt und jeder hat sein Buch den anderen vorgestellt. Da mussten wir Erwachsenen gar nicht dabei sein. Die haben das ganz alleine gemeistert. Dann haben sie diskutiert und anschließend haben sie wirklich abgestimmt. Bei dieser Gruppe ging die Abstimmung acht zu zwei aus. Eines der Kinder konnte das ganz schwer verkraften. Es kam zu mir und hat gesagt: „Du, ich hab gar kein Buch." Dazu kam ein anderes Kind aus der Gruppe und hat gesagt: „Doch, du hast ein Buch, das haben wir uns gemeinsam ausgesucht." „Aber ich wollte das doch nicht." Dann hat das Kind ihm noch mal erklärt: „Aber weißt du noch, wir haben gemeinsam abgestimmt und Acht waren dafür. Und die Acht sind mehr als Zwei." - Also Politik pur.

Gibt es Einrichtungen oder Personen mit denen Sie in Zukunft noch mehr kooperieren wollen?
Schule zum Beispiel. Das Haus für Kinder ist ein System. Die Kinder kommen anschließend in die Schule. Diese ist sehr an dem Individualansatz interessiert. Es wird viel gesprochen über die Methoden, damit die hier gewonnen Kompetenzen auch nahtlos zum Einsatz kommen. Diese Sachen müssen transportiert werden. Auch was die Erwachsenenbildung anbelangt. Da denke ich, dass es für uns natürlich schon eine Hilfe wäre, wenn die Erwachsenen die Sichtweise der Kompetenzförderung bekommen. Das ist schon schwierig, wenn wir das alles allein schaffen müssen. Oder auch für Familien: Wie schaut ein demokratisches Familienleben aus. Da könnte ich mir Workshops gut vorstellen.

Politische Bildung bedeutet für mich...
...ein wichtiges Instrument auf dem Weg zu einem verantwortungsbewussten Mitglied der Gesellschaft.

Erfolgreiche politische Bildung...
...trifft alle Menschen.

Das integrative Haus für Kinder ist erfolgreich weil...
...es eine Welt für Kinder ist, die Kinder gestalten dürfen.

Frau Kuchinka, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt.

 

Weitere Informationen zum Integrativen Haus für Kinder sowie zum Konzept der Einrichtung erhalten Sie bei:

Integratives Haus für Kinder
Bussardstraße 20
83128 Halfing

Telefon: 08055-903235
Fax: 08055-8972
E-Mail: kinderhaus.halfing@web.de 

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