Montag, 03 Dezember 2007 00:00

Interview mit Simone Richter, Projektstelle gegen Rechtsextremismus

geschrieben von  Redaktion

Seit Februar 2007 hat Simone Richter die neu geschaffene Stelle gegen Rechtsextremismus inne, welche im Evangelischen Bildungszentrum Bad Alexandersbad angesiedelt ist. Das Bayerische Bündnis für Toleranz, die evangelische Landeskirche sowie die Stadt Wunsiedel verfolgen damit das Ziel, gemeinsam die Initiativen gegen Rechtsextremismus in Bayern zu vernetzen. Die Projektstelle fungiert als Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche, ebenso wie für Eltern und Lehrer. Gleichzeitig wird damit eine Plattform für Begegnungen und Fachgespräche geschaffen. Wir haben mit Frau Simone Richter über ihre Projektstelle gegen Rechtsextremismus gesprochen.

 

Was ist die Idee Ihrer Projektstelle?

Die Projektstelle hat sich herauskristallisiert als Beratungs-, Vernetzungs- und Koordinierungsstelle.
An mich wenden sich ganz unterschiedliche Personen mit ihren Fragen. Um eine kurze Liste aufzustellen: Wir haben Anfragen von Bürgermeistern, Mitarbeitern der Kommunen, die sich plötzlich mit dem Thema konfrontiert sehen. Auch Ordnungsämter melden sich hier, um zu erfahren, wie sie zum Beispiel ein rechtsextremes Konzert verbieten können.
Eltern melden sich bei mir, weil ihre Kinder in irgendeiner Weise mit der Rechtsextremenszene sympathisieren. Oder Eltern, deren Kinder Opfer geworden sind. Oftmals rufen Bürger an, die wissen wollen, wie sie zum Beispiel eine Initiative gründen können.
Wenn Anfragen kommen, bin ich die Vernetzungsstelle. Das heißt, ich bin weder Psychologin, noch Pädagogin oder Juristin. Aber ich weiß, wo die Experten sitzen. Ich vermittle dann weiter. Die Leute miteinander ins Gespräch zu bringen, das ist es, was Vernetzungsarbeit ausmacht.
Vernetzungsarbeit heißt auch, dass ich bayernweit arbeite. Ich schaue, welche Aktivitäten es in Bayern gibt und wie diese voneinander profitieren können oder sich auch gemeinsam weiterbilden können.
Zudem koordiniere und organisiere ich Veranstaltungen, berate bei der Planung, helfe bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder nutze die Adressverteiler der Projektstelle, um Veranstaltungen publik zu machen.

Was ist das Hauptziel?


Das Hauptziel ist natürlich das Thema Rechtsextremismus auf die öffentliche Agenda zu setzen und in das Bewusstsein der Menschen zu rücken.
Wir dürfen nicht vergessen, dass Rechtsextremismus sich innerhalb unserer Gesellschaft abspielt und nicht nur Minderheiten betrifft. Es geht nicht nur darum, eine rechtsextreme Szene bei den Jugendlichen zu verhindern und aufzulösen. Wir haben das Thema zum Beispiel auch bei den Senioren fest verankert.

Was ist der bedeutendste Aufgabenbereich?


Ich denke, die größte Bedeutung hat die Vernetzungsarbeit. Gerade auf lokaler Ebene gibt es unglaublich viel Engagement, Aktivitäten und Zivilcourage im Alltag. Es ist wichtig zu sehen, dass es diese engagierten Leute gibt, man kein Alleinkämpfer ist und das Rad von neuem erfinden muss. Wir müssen uns zusammentun. Damit wir sehr schnell viele Leute mobilisieren können. Langfristig sollte die Netzwerkarbeit auch in Richtung Demokratiearbeit gehen.

Welchem Aufgabenbereich würden Sie sich gerne noch mehr widmen?


Ich selber bin durch die Koordinierungstätigkeit stark im organisatorischen Bereich eingespannt. Ich würde gerne mehr Zeit aufbringen können um fachlich zu arbeiten, um selbst noch mehr Vorträge zu halten, mit Jugendlichen zu diskutieren, Workshops zu machen und Aufklärungsarbeit zu betreiben.

Haben Sie ein Beispiel für ein politisches Aufklärungs- und Begleitprogramm, das Sie koordinieren?


 Unsere dauerhafte Begleitung gilt dem Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mir Courage“ (www.schule-ohne-rassismus.de). In Wunsiedel sind alle Schulen diesem Projekt angeschlossen. Ich stehe hier mit den Schüler- und Lehrerteams im Kontakt und überlege mit Ihnen, welche Aktionen wir starten können die gewinnbringend sind und den Schülern Spaß machen. Das ist ein ganz wichtiges und langfristiges Projekt. Ich würde mir wirklich wünschen, dass sich mehr Schulen in Bayern diesem anschließen.

Was wünschen Sie sich für Ihr Projekt? Gibt es Fernziele?


Langfristig würde ich mir wünschen, dass die Projektstelle irgendwann als unbefristete Stelle etabliert wird. Ich denke, das ist auch ein wichtiges Zeichen, um einen politischen Impuls zu geben und zu zeigen, dass wir uns langfristig mit der Thematik beschäftigen. Es muss ja nicht immer den Titel „Projektstelle gegen Rechtsextremismus“ tragen. Man kann den Schwerpunkt auf das Thema „Toleranz – Demokratie – Menschenwürde“ verlagern und neue Schwerpunkte setzen.


Für meine Arbeit wünsche ich mir Menschen,die bereit sind ihre Kraft, ihre Ideen, ihre Freizeit, ihre Motivation einzubringen. Ich habe ganz viele faszinierende Personen kennen gelernt, die versuchen, in ihrem Bereich, mit den Möglichkeiten und der Kraft die sie haben, etwas zu bewegen. Ich wünsche mir, dass sich noch mehr dem anschließen und mit uns den Weg der Toleranz gehen.

Mit wem würden Sie gerne noch stärker kooperieren?


Ich kann mir eine intensivere Kooperation mit den Schulen vorstellen.
Wenn ich von einer intensiveren Kooperation mit Schulen spreche, meine ich damit Kinder, Jugendliche, Lehrer, Multiplikatoren und Eltern. Eine Idee ist es, einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche für das Thema Rechtsextremismus in jeder Schule zu haben. Das könnte ein Schüler, ein Lehrer, ein Pädagoge oder auch eine Sekretärin sein. Eine Person, die sich mit dem Thema auskennt und sich auch regelmäßig fortbildet. Diese wäre dann Ansprechpartner für Schüler, Lehrer oder auch Eltern.

Würden Sie mir ein Beispiel einer erfolgreichen Vernetzung von Ihrer Stelle aus berichten?


Wir sind einen großen Schritt bei der kommunalen Vernetzungsarbeit vorangekommen. Wir hatten jetzt das „1. Treffen bayerischer Kommunen gegen Rechtextremismus “ mit 180 Teilnehmern aus ganz Bayern. Dieses Treffen hat gezeigt, dass der Bedarf hoch ist, sich auf kommunaler Ebene auszutauschen. Aufgrund der großen Resonanz wird es in Zukunft regelmäßig das „Wunsiedeler Forum“ für Mitarbeiter von Kommunen und motivierte Bürger geben.

Gibt es etwas, was Sie besonders motiviert?


Motiviert werde ich durch den großen Andrang und den großen Bedarf der sich zeigt. Da steckt eine Energie und Dynamik dahinter, mit der sich was verändern lässt. Gemeinsam ein Bollwerk gegen den Rechtsextremismus zu werden, das ist es, was mich beflügelt.

Welche Defizite sehen Sie im Bereich der politischen Bildung im Themenbereich „Rechtsextremismus“?


Wir können noch weitere Experten gebrauchen, die für Fachvorträge angefordert werden können. Personen, die sich als „Botschafter der Toleranz“ zur Verfügung stellen.
Außerdem würde ich mir wünschen, dass sich auf universitärer Ebene etwas tut. Zum Beispiel ein Lehrstuhl für Rechtsextremismus in Bayern. Wissenschaftliche Arbeiten in diesem Bereich wären wichtig um regelmäßig den Rechtsextremismus zu studieren, damit sich Praxis und Wissenschaft gegenseitig verstärken können.

Wie kann das Thema am besten vermittelt werden?


Auf kreative Art und Weise. Insbesondere im Bereich der Jugendarbeit. Wir sollten Freizeitangebote für Jugendliche schaffen, besonders dort wo diese fehlen. Die Konzeption dieser Angebote sollte so sein, dass Jugendliche das Gefühl haben, sie können kommen wie sie sind. Interessante Angebote ohne sich binden zu müssen. Wenn die Jugendlichen offen sind und bereit dazu, sollten in Gesprächen politische Themen angesprochen werden.


Angebote sollten Interaktion und Kreativität fördern und nicht nur zum konsumieren geschaffen sein.
Im Bereich der Erwachsenbildung ist die Basisaufklärung wichtig.


Eine Erinnerungskultur zu etablieren, ist sowohl für Erwachsene als auch Jugendliche wichtig.

Politische Bildung bedeutet für mich…
Arbeit am Menschen. Menschen zu beflügeln, im demokratischen Bewusstsein zu leben. Und die Situation wie wir sie haben aktiv mitzugestalten und die positiven Errungenschaften zu erhalten.

Das Projekt ist erfolgreich weil…
…sich viele verschiedene Personen aus vielen verschiedenen Metiers zusammengetan haben, um für die Demokratie den Kampf gegen den Rechtsextremismus zu bestreiten.

Frau Richter, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Miriam Apffelstaedt.
 

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