Donnerstag, 13 September 2007 00:00

Interview mit Raphael Brandmiller, Vorsitzender des Stadtjugendrings Augsburg

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Wir haben mit Sebastian Kochs, dem Projektleiter und Raphael Brandmiller, dem Vorsitzenden des SJR Augsburg über das Projekt 11Tausend gesprochen.

Herr Brandmiller, wie sind Sie auf diese Projektidee gekommen?


Die Grundidee für so ein Projekt ist bereits vor ca. 2-3 Jahren entstanden. Wir haben einfach festgestellt, dass wir bei Veranstaltungen wie z.B. X-Large, PopCity oder zu Themen wie der Fußball-WM sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn wir aber beispielsweise die Thematik Jugendarbeitslosigkeit ansprechen so gut wie gar keine.

Durch diese fehlende Aufmerksamkeit in der Bevölkerung resignieren die Jugendlichen schnell – nach dem Motto, „Wir können uns zwar für die und die Themen einsetzen, aber es verändert sich ja letztlich doch nichts“.

Die Idee war daher schon ganz am Anfang, eine Plattform zu schaffen, vielleicht auch unhabhängig von den traditionellen Wegen und Kommunikationswegen, mit der wir es zum einen hinbekommen, dass die jugendpolitischen Themen wieder relevant werden, dass die Leute merken: „das ist wichtig, das brennt“.

Und auf den anderen Seite den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, gesellschaftlich zu partizipieren und somit aus diesem „ich kann doch machen was ich will, ich hab eh keine Chance etwas zu ändern“ rauszukommen. Wir wollten nicht hinnehmen, dass die jungen Leute politisch desinteressiert sind bzw. als desinteressiert dargestellt werden. Wir wollen versuchen, diesen Trend umzukehren: wir glauben nicht, dass die jungen Menschen politikverdrossen sind, sondern wir glauben, dass die Politik junge Menschen zu wenig mitnimmt. Alles, was wir in der Politik machen, basiert im Endeffekt auf Strukturen, die 50 Jahre alt sind, aber alles andere drum herum hat sich komplett verändert: die Jugend von heute lebt anders, hat komplett andere Interessen.


Deswegen ist die Community auch ein wichtiges Element von 11Tausend, um den Kommunikationsprozess zwischen uns, der Politik, jungen Menschen und anderen Institutionen, die sich beteiligen wollen, gut hinzubekommen. Eine weitere Säule, die 11Tausend stützen soll, drückt der Slogan: „Deine Stadt dein Ding“ aus. In der Stadt passiert ja im Moment ganz viel: FCA-Fans, Musik-Bewegung etc. Jugendliche nehmen ihre Stadt viel bewusster und auch selbstbewusster wahr als noch vor ein paar Jahren. Das ist ein Prozess, den wir weiter verstärken wollen. 11Tausend soll ein Netzwerkprojekt sein, hinter dem die gesamte Stadtgesellschaft steht.

Was denken Sie, wie werden die PolitikerInnen reagieren?


Unsere Hoffnung bzw. Zielvorstellung ist natürlich, dass die Politiker sehen, dass Potential da ist und versuchen, jugendfreundliche Politik zu machen, sowie jugendrelevanten Themen in ihren Programmen Gewicht zu geben. Außerdem sind wir die Ersten in Deutschland die versuchen, diesen Trend positiv umzukehren, da kann sich kein Politiker dagegen stellen.

Was wäre Ihre Vision, Ihr Fernziel für das Projekt?


Dass 11tausend in 5 Jahren ein absoluter Begriff ist, dass jeder weiß, für was es steht. Ich wünsche mir, dass es wirklich eine Plattform ist, auf der jugendpolitische Themen transportiert werden. Dass es dazu führt, dass junge Menschen sich wieder mehr politisch und gesellschaftlich engagieren und mehr gehört werden. Und natürlich würde es mich freuen, wenn das Modell irgendwann über Augsburg hinaus in der einen oder anderen Form probiert werden würde. Für mich ist das einfach ein Herzensthema.

Wenn Sie die Wette gewinnen (wovon ich ausgehe) was wird sich dann verändern?

In der Stadt, bei den /für die Jugendlichen, bei den Politikern?
Durch die Wette wird sich, denke ich, noch gar nichts verändern, erst dann, wenn wir es schaffen, die Plattform zu etablieren.

Welche Kooperationspartner wären für Sie vorstellbar, möglich, gewünscht, hilfreich?


Wir würden uns wünschen, dass das Projekt von der Stadtgesellschaft getragen wird. Von daher sind für uns als Kooperationspartner alle quer durch die Stadtgesellschaft denkbar. Unternehmen, die Sponsoring in unterschiedlichsten Formen anbieten, Institutionen und Verbände, Uni, Schulen, LehrerInnen, Vereine, Theater, Medienpartner, Einzelne - ganz breit gefächert. Uns ist nur wichtig, dass wir damit etwas Neues generieren. Ansonsten sind wir für alle Ideen offen.

Ist das eigentlich nicht ungewöhnlich: Sie gewinnen eine Wette und bieten trotzdem einen Wetteinsatz an?


Ja, aber es ist ja keine Wette, bei der jemand dagegen wettet. Wenn wir den Wetteinsatz einlösen, wenn wir nicht gewinnen, wäre es etwas kontraproduktiv. Und wer wettet bei diesem Thema dagegen?

Und was passiert, wenn Sie die Wette nicht gewinnen?


Für mich ist es nicht entscheidend, ob wir gewinnen oder nicht. Es ist auch ein Ergebnis, wenn wir nicht gewinnen. Man muss dann überlegen, warum und man muss sehen, wie man mit diesem Ergebnis dann weiter umgeht. Was konkret nach dem 2. März passiert - so weit sind wir noch nicht. Es wäre aber viel zu schade und zu kostenintensiv, 11Tausend dann aufzugeben.

Kennen Sie bereits ähnliche Projekte oder Untersuchungen?


Ich glaube, wir sind deutschlandweit im Moment die Ersten, die versuchen, diesen Trend umzukehren.

Was müsste eine Kommune, eine Stadt als erste Schritte unternehmen, um etwas Vergleichbares zu realisieren?
Wenn man die Idee übernimmt, muss man auf jeden Fall noch ein geeignetes Kommunikationsmedium entwickeln, wobei das sicherlich nicht immer eine Community sein kann und muss. Außerdem muss man relativ schnell eine Emotionalisierung schaffen, muss die jungen Leute mitnehmen, sie dort abholen wo sie sind und keine Aktion mit erhobenem Zeigefinger starten. Ich würde auch sagen, dass man für so ein abstraktes Thema einen Aufhänger braucht, auch um die nötige Akzeptanz zu bekommen, und zusätzlich noch ein paar eigene Ideen. Ansonsten kommt es einfach auf die Strukturen der Stadt oder der Kommune an.

Welchen Stellenwert hat in Ihrer Einrichtung politische Bildung?


Wir versuchen, dass es einen hohen Stellenwert hat.

Welche Art politischer Bildung betreibt der Stadtjugendring selbst?


Die klassische politische Bildung gibt es so eigentlich nicht. Die Jugendverbände machen teils mehr teils weniger politische Bildung. Auf niederschwellige Art und Weise findet politische Bildung statt. Wir sind aber keine klassische Bildungseinrichtung.

Warum halten Sie die Stärkung von politischer Bildung für wichtig?


Ich halte sie deswegen für wichtig, weil es im Endeffekt die Möglichkeit für jeden Einzelnen ist, seine Meinung in die Gesellschaft einfließen zu lassen. Außerdem beinhaltet Sie auch, die Kompetenz zu erwerben, bestimmte Dinge einschätzen und reflektieren zu können.

Welche Defizite sehen Sie in der politischen Bildung?


Defizite sehe ich zum einen in den Schulen, das sagen auch die Jugendlichen selbst. Ich war neulich im Jugendzentrum und es ging um das Thema Wahlalter ab 14. Da haben die meisten schon selbst gesagt: „Wollen wir nicht, wir sind zu wenig informiert, wir würden das aber gerne in der Schule lernen wollen.“ Und auch außerhalb der Schule wird sich zu wenig Mühe gegeben, die Jugendlichen anzusprechen.

Wie kann Politik Ihrer Meinung nach am besten vermittelt werden?


Wir müssen es schaffen, Politik spürbar, erlebbar und greifbar zu machen. Jugendliche müssen wissen, was es bedeutet, Politik zu machen. Man muss den jungen Leuten die Chance geben, zu erfahren, das sie etwas bewegen können, wenn sie sich für was einsetzen. Wir müssen bewusst machen, was bestimmte politische Entscheidungen bedeuten.

Politische Bildung bedeutet für mich / unsere Einrichtung…
…dem Großteil, wenn nicht allen Jugendlichen so viel Basics zu vermitteln, dass jeder in der Lage ist, für sich selbst politische Entscheidungen treffen zu können und getroffene politische Entscheidungen reflektieren zu können.

Erfolgreiche Politische Bildung ist…
…die, auf die Jugendlichen Lust haben und nicht als zusätzliche Belastung oder langweilige Veranstaltung sehen.

Unser Projekt wird erfolgreich, weil…
…ganz viel Engagement und Herzblut drin steckt. Ich glaube, dass es wahnsinnig wichtige Themen sind, für die wir viele Mitstreiter finden werden und das Projekt so durch die Gesamtheit der Beteiligten, vor allem durch die Jugendlichen, zum Erfolg getragen werden muss.

Haben Sie einen konkreten Wunsch, sehen Sie Möglichkeiten zur Kooperation?
Ich würde mir generell einen Draht zur Uni wünschen. Natürlich möchte ich auch mit anderen zusammen zu überlegen, wie man die Schulen für 11tausend gewinnen kann.

Herr Brandmiller, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nina Turani

Bericht vom Jour Fixe zum Thema 11Tausend

Das Projekt 11Tausend

 

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