Dienstag, 16 September 2008 00:00

Interview mit Ruth Knöpfle, pädagogische Leiterin vom ASP in Augsburg

geschrieben von  Irina Schumacher

In der Kinderstadt lernen die Kinder selbständig zu handeln und erleben in einer natürlichen Umgebung demokratische Entscheidungsprozesse. Die Kinder werden mit den Fragen des Alltags konfrontiert und entwickeln dazu selbständige Lösungsstrategien. Zum Leben in der Kinderstadt gehören neben den Bürgerrechten auch die Bürgerpflichten, wie die Arbeit in der Kinderstadt. Die Kinderstadt-Arbeitnehmer werden an verschiedene wirtschaftlich und sozial ausgerichtete Einrichtungen vermittelt. Bei anstehenden Entscheidungen oder Problemen findet eine Bürgerversammlung statt, die den Bürgern in der Kinderstadt die Möglichkeit bietet, über verschiedene Fragen zu diskutieren und zu entscheiden. Die Regierung in der Kinderstadt liegt auch in Kinderhand. Die Bürgermeister werden von Kindern und für Kinder gewählt, was zum Lernen und Erleben einfacher demokratischer Prozesse gehört.

 

Frau Knöpfle wie kommt man auf die Idee, so ein Projekt wie die Kinderstadt zu veranstalten?

Wir hatten das Projekt bereits 2003/2004 schon einmal durchgeführt. Damals war das ein großer Erfolg und es kamen immer wieder Anfragen, so ein Projekt nochmals durchzuführen. Da der Vorbereitungsaufwand für so ein Projekt sehr hoch ist und es auf den Schultern eines relativ kleinen Teams lastet, waren wir nach vier Jahren Pause wieder dazu bereit dieses schöne Projekt nochmals zu realisieren.

Welche Erfahrungen machten Sie während des Projektes mit Kindern? Was nehmen die Kinder aus diesem Projekt mit?

Das erstaunliche ist, wie schnell die Kinder sich in den relativ komplizierten Strukturen der Kinderstadt zurechtfinden. Die Komplexität der Strukturen liegt in den vielen verschiedenen Einrichtungen der Kinderstadt. Es gibt hier ein Rathaus, ein Arbeitsamt, wo die Kinder nach einem Arbeitsplatz suchen können. Dazu gehören auch solche Formalitäten wie beispielsweise die Arbeitskarte abzeichnen lassen. Auf der Arbeitskarte finden die Kinder die Tätigkeitsbeschreibung für ihren Arbeitsplatz und was sie laut dieser tun müssen, dann müssen sie die vorgegebenen Arbeitszeiten beachten und bei der Bank ein Konto eröffnen, auf das dann der Lohn für die erledigte Arbeit eingehen wird. Aber sie entwickeln ganz praktische Kompetenzen, wissen wie sie sich selbständig machen können und wo es in der Kinderstadt die besten Cocktails und die besten Kuchen gibt. Sie durchschauen schnell die Strukturen und haben dabei einen riesigen Spaß daran, neue Dinge zu entdecken, zu entwickeln und zu lernen.

Man hat den Eindruck, dass die Kinder in der Kinderstadt spezielle Kompetenzen entwickeln. Was sind ihre Erfahrungen?

Es gibt Kinder, die sich in der Projektzeit spezialisieren und beispielsweise einige Tage in der Post arbeiten oder auf der Sozialstation. Aber im Laufe der Projekttage bekommt man gemeinsam mit den Kindern ihre individuellen Wünsche und weitere Erfahrungsmöglichkeiten heraus. Durch den Einsatz an verschiedenen Orten der Kinderstadt werden den Kindern auf eine spielerische Art und Weise z.B. wirtschaftliche Kompetenzen vermittelt. Bei selbständiger Tätigkeit wird auch in der Kinderstadt die Gewerbesteuer fällig. Aber auch die Sorge um die Kundschaft und überhaupt die Entwicklung einer Geschäftsidee gehören zu den elementarsten Aufgaben eines Bürgers in der Kinderstadt. Dadurch, dass Kinder mit verschiedenen Alltagsfragen konfrontiert werden und eigene Erfahrungen machen können, selbständig lernen Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, gehen sie nach den Projektwochen mit einem gesteigerten Selbstwertgefühl heraus und dem verstärkten Gefühl, selbständig etwas bewirken zu können. Neben diesen praktischen Fertigkeiten entwickeln die Kinder unter anderem Konfliktlösungskompetenzen. Obwohl sehr viele Kinder in der Kinderstadt agieren, gab es noch keine größeren Streitigkeiten. Die Kinder lernen ihre eigene Meinung zu äußern und Kompromisse einzugehen.

Insbesondere bei den Bürgermeisterwahlen wird der Aspekt der politischen Bildung besonders deutlich. Was waren Ihre Erfahrungen in diesem Punkt?

Die Bürgermeisterwahlen waren sehr spannend, weil die Kandidaten und die Bürger der Kinderstadt das Ganze sehr ernst genommen haben. Man merkte, wie gerade während des Wahlkampfs nicht nur der Spielgedanke im Vordergrund stand, sondern die ganze Aktion von den Kindern ernst genommen wurde. Es war ein regelrechter Krimi, weil die Kandidaten bei der Auszählung immer knapp geführt haben, was für einige bereits ein Grund für schlaflose Nächte wurde. Am Wahlvorabend wurde die Aufregung für alle spürbar, weil die Kinder vor ihren Reden sehr aufgeregt waren und häufig trotz genauer Vorbereitung in Aktion etwas anderes herauskam.

Nach dem letzten Tag in der Kinderstadt, was wären für Sie die Ziele, die Sie erreichen wollen?

Natürlich ist das erste Ziel, dass die Kinder schöne Ferien bei uns verbracht haben. Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Selbständigkeit die wir hier vermitteln wollen. Wir erhoffen uns, dass die Kinder die aus diesem Projekt herausgehen anders an die alltäglichen Dinge und Herausforderungen herangehen und sich mehr zutrauen nach den Wochen als Bürger in der Kinderstadt. In diesem Projekt wird, neben den selbständigen Problemlösungskompetenzen, die Meinungsbildung und die Kommunikationsfähigkeit auf eine besondere Art und Weise gefördert. Wir erhoffen uns, dass diese Kompetenzen auf andere Handlungsfelder wie z.B. die Schule übertragen werden. Unsere Erfahrung war, dass die Kinder aus dem Projekt Kinderstadt sich mehr am Schulleben engagieren und solche Ämter wie z.B. das des Klassenspreches in der Schule übernehmen.

Welche Ziele der politischen Bildung werden in der Kinderstadt erreicht?

Die Kinder lernen ihren eigenen Standpunkt zu reflektieren und zu argumentieren, im Gespräch mit anderen Kindern andere Meinungen und Standpunkte zu akzeptieren und einen Konsens zu finden oder auch zu versuchen die anderen von der eigenen Sache zu überzeugen und trotzdem nicht nur beim Argumentieren zu bleiben, sondern die vorgenommenen Ziele umzusetzen in konkrete Handlungen.

Frau Knöpfle, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

Das Interview führte Irina Schumacher

Abenteuerspielplatz Hammerschmiede

Päd. Leitung: Ruth Knöpfle
Neuburger Straße 299
86179 Augsburg
Tel.: 0821-70 99 18
Fax: 0821-747 39 46
E-mail: asp-augsburg@gmx.de


Einen Beitrag über das Leben in der Kinderstadt finden Sie hier

 

Gelesen 1241 mal Letzte Änderung am Sonntag, 21 Dezember 2014 13:54
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