Mittwoch, 02 Juli 2008 00:00

Gespräch mit Marion Schäfer vom Kinder- und Jugendforum in München über den Kinder-Aktions-Koffer

geschrieben von  Redaktion

Das Münchner Kinder- und Jugendforum hat schon einige Projekte zur Förderung gesellschaftlicher Partizipation von Kindern initiiert. Auch der Kinder-Aktions-Koffer bietet schon jungen Kindern vielseitige Möglichkeiten, sich an der Gestaltung Ihrer Stadt zu beteiligen.
Wir trafen Marion Schäfer vom Kinderforum und sprachen mit ihr über die Chancen des Projekts „Auf die Perspektive kommt es an - Münchner Kinder mischen mit. Der Kinder-Aktions-Koffer."

Hallo Frau Schäfer. Was ist denn eigentlich der Kinder-Aktions-Koffer?

Der Kinder-Aktions-Koffer ist ein Methodenset zur Beteiligung von Kindern und jüngeren Jugendlichen an der Stadtentwicklung und -gestaltung. Es handelt sich tatsächlich um einen Koffer, der ein umfassendes Methodenhandbuch, Fotoapparate und Filme, ein Aufnahmegerät mit Mikrofon und einen Kassettenrekorder beinhaltet.

Im Kernstück des Koffers, dem Methodenhandbuch, sind alle unsere Erfahrungen zur Beteiligung von Kindern an der Stadtentwicklung aufgeführt, wie beispielsweise eine Stadtteilumfrage oder ein Psychotest „Was für ein Stadtteiltyp bist du?", aber auch Theater- und Medienaktionen. Anhand von Altersempfehlungen und Angaben zum benötigten Material und der Zeit können die MultiplikatorInnen die für Ihre Situation passende Methode auswählen und dann sofort mit der Umsetzung beginnen.

Wann und weshalb wurde das Projekt ins Leben gerufen?

MitarbeiterInnen des Kinder- und Jugendforums haben die Erfahrung gemacht, dass viele Personen, die mit Kindern arbeiten, häufig theoretisch schon daran interessiert sind, nach den Interessen von Kindern zu forschen und in dieser Richtung weiterzuarbeiten, dies in der Praxis allerdings aufgrund eingeschränkter Zeitressourcen selten umgesetzt wird. Daher wollten wir den Aufwand für MultitplikatorInnen so gering wie möglich halten und hatten 1999 in Moosach die Idee, ihnen ganz konkrete Ideen und Materialien an die Hand zu geben und so die Beteiligung von Kindern auszuweiten.

Wer kann den Koffer nutzen?

Der Koffer ist zunächst für alle bestimmt die mit Kindern arbeiten. Also beispielsweise LehrerInnen, HortmitarbeiterInnen, LeiterInnen von Ministrantengruppen oder auch Menschen, die in Asylbewerberheimen tätig sind. Ihnen soll dabei geholfen werden, die Partizipation von Kindern anzuregen.

Es gibt insgesamt fünf dieser Koffer in München und sie sollen zusammen für eine überschaubare Zeit von ca. zwei bis fünf Monaten in einen von 25 Stadtbezirken verliehen werden. In dem interessierten Bezirk machen wir vom Kinderforum zunächst einen Informationsnachmittag für alle Akteure im Stadtteil. Anschließend gibt es eine verantwortliche Person im Stadtteil, die den Verleih der Koffer koordiniert.

Wie muss man sich den konkreten Einsatz des Kinder-Aktions-Koffers vorstellen?

Wenn man mit dem Kinder-Aktions-Koffer arbeiten möchte, empfehlen wir mit dem Stadtteilfragebogen zu beginnen, um herauszufinden welche konkrete Themen in der Stadt - wie beispielsweise Verkehr oder Freizeitmöglichkeiten - die Kinder wirklich interessieren. Zu diesen und anderen Themen finden sich im zweiten Teil des Handbuchs konkrete Aktionsvorschläge, die natürlich als Anregung gedacht sind und eigenen Ideen nicht im Wege stehen sollen.



Logo des Projekts


Die Kinder machen dann beispielsweise einen Stadtteilspaziergang, interviewen die dort lebenden Bürger und machen dann vielleicht eine Fotoausstellung zu Freizeitmöglichkeiten in ihrem Stadtteil. Wir betreuen die Aktion auch während der Durchführung ein wenig, indem wir für Fragen und Probleme ansprechbar sind und beispielsweise schon organisatorische Vorbereitungen für eine Abschlussveranstaltung gemeinsam mit den MultiplikatorInnen treffen. Diese Veranstaltung ist meist eine Art Forum, auf dem die Kinder noch einmal öffentlich vortragen können, welche Dinge sie im Stadtteil stören, was sie sich wünschen und was ihnen gut gefällt. Hier übernehmen die dazu eingeladenen PolitikerInnen und MitarbeiterInnen aus der Stadtverwaltung Patenschaften für die Anträge der Kinder und bemühen sich darum, dass diese so bald wie möglich umgesetzt werden. Diese Funktion übernimmt auch unsere wichtigste Kooperationspartnerin, die städtische Kinderbeauftragte, die nach der Abschlussveranstaltung Treffen mit den Erwachsenen und den Politikern organisiert und mit der Stadtverwaltung zusammenarbeitet, um den Prozess der Umsetzung voranzutreiben.

Ein Jahr nach Abschluss des Projekts wird vom Büro der Kinderbeauftragten von jedem Stadtteil und allen Aktionen eine Dokumentation erstellt, die alle Anliegen und Anträge der Kinder, den Verlauf des Projekts und auch erste Ergebnisse zusammenfassend darstellt.

Das Besondere an diesem Projekt ist die enge Kooperation von Verwaltung und freien Trägern, unter Einbeziehung von lokaler Fachbasis und Stadtbezirkspolitikern.

Was ist Ihnen an dem Projekt besonders wichtig?

Uns geht es nicht nur darum, bei den Kindern ein Interesse am Stadtteil zu wecken, sondern vor allem darum, dass die Kinder merken, wenn sie sich für etwas interessieren und engagieren und ihre Meinung öffentlich kundtun, dann werden ihre Anliegen im möglichen Rahmen auch umgesetzt. Natürlich machen wir den Kindern bereits im Vorfeld klar, dass es sich hier nicht um ein Wunschkonzert handelt, dass sie jedoch den Erwachsenen ihre Anliegen unterbreiten können, dass sie ernst genommen werden und dass versucht wird, diese so weit wie möglich unter Einbindung der Kinder zu realisieren. Ziel ist es, möglichst viele Kinderanliegen in möglichst kurzer Zeit umzusetzen, aber auch die mittel- und langfristigen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Um die Kinder nicht zu frustrieren, ist eine möglichst zeitnahe Umsetzung auch nur kleiner Aspekte sehr wichtig.
An dieser Stelle sei auch der Kinderplanbauwagen genannt, ein Projekt des Vereins Urbanes Wohnen / Grüne Schul- und Spielhöfe, mit dem wir häufig kooperieren, wenn es um die konkrete Umgestaltung beispielsweise eines Pausenhofs geht.

Wesentlich für den Erfolg des Koffereinsatzes ist zudem die Anwesenheit einer verantwortlichen Person im Stadtteil, die das Projekt koordiniert und Menschen mobilisiert, da wir von außerhalb gar nicht den Blick für alle wichtigen Aspekte vor Ort haben können.


Kinder mit dem Kinder-Aktions-Koffer

Welche persönliche Motivation haben Sie, den Kinder-Aktions-Koffer zu betreuen?

Ich merke, dass hier etwas in Bewegung gerät. Durch unsere Koordination der Projekte sitzen viele Akteure aus einem Stadtteil zum ersten Mal an einem Tisch und arbeiten nachdem wir weg sind zusammen weiter. Man bringt oft einen Stein ins Rollen.

Welche konkreten Erfolge wurden beispielsweise mit Ihrem Projekt erzielt?

In Berg am Laim konnte beispielsweise eine neue Freizeiteinrichtung für Kinder und Jugendliche errichtet werden. Das war ein sehr großer Erfolg. In anderen Stadtteilen wurden Streetballkörbe aufgehängt oder die Straßenbeleuchtung an einigen Stellen optimiert. Die Ergebnisse der Aktionen sind so vielfältig wie die Interessen der Kinder.

Mit welchen Personen oder Institutionen würden Sie gerne enger zusammenarbeiten?

Wir hätten gerne noch mehr Partner in der Verwaltung und da vor allem Menschen, die die Idee unseres Projekts gut finden, die sich also auch die zusätzliche Arbeit machen möchten, die die Auseinandersetzung mit den Kinderinteressen mit sich bringt. Diese direkte Arbeit mit den Kindern hat aber natürlich einen großen langfristigen Nutzen, nämlich das langfristige Engagement der Bürgerinnen und Bürger für Ihre Stadt. Davon würden wir gerne viele Menschen in der Verwaltung, der Politik und im Speziellen an der Stadtspitze überzeugen.
Für das Gelingen der Aktionen ist der persönliche Kontakt zu den MitarbeiterInnen in der Verwaltung von großer Bedeutung.

Politische Bildung bedeutet für mich...
... die Kinder und Jugendlichen dazu zu motivieren und sie darin zu bestärken, ihre Meinung zu vertreten und nicht zu sagen „Da kann man ja sowieso nichts machen!".

Erfolgreiche politische Bildung...
...bedeutet, dass man mit einem Projekt weiteres Engagement bei den Menschen bewirkt.

Unser Projekt ist erfolgreich weil...
...viele verschiedene Akteure an einem Tisch sitzen.

Frau Schäfer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Erika Rempel

Das Münchner Kinder- und Jugendforum finden Sie hier im Internet:
http://www.kinderforum-muenchen.de/

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