Jan-Werner Müller: Was ist Populismus? Ein Essay

geschrieben von  Fritz Multrus

„Populisten, wohin das Auge reicht“ – mit dieser Feststellung beginnt Jan-Werner Müller, der Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University lehrt, sein schmales, aber gehaltvolles Bändchen über das brandaktuelle Thema. Der Autor will nicht tagespolitischen Aufgeregtheiten nachhecheln, sondern grundsätzliche Fragen, was Populismus eigentlich ist oder wer wirklich ein Populist ist, behandeln.

Eine ganze Reihe von Journalisten und Wissenschaftlern geht davon aus, dass z. B. „Demokratie Populismus braucht“. Demgegenüber formuliert Jan-Werner Müller als Hauptthese, dass Populismus „häufig als demokratisch, gar radikaldemokratisch erscheinen“ kann, entscheidend ist jedoch, „dass Populismus an sich nicht demokratisch, ja der Tendenz nach zweifelsohne antidemokratisch ist.“ Er setzt sich mit den verschiedensten Bewertungen in der Theorie auseinander und grenzt den schillernd Begriff auf zwei wesentliche Merkmale ein: Populismus ist zuerst eine ganz bestimmte Politikvorstellung, bei der „einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen.“ Entscheidend ist dabei zweitens der moralisch-politische Alleinvertretungsanspruch, das „Volk“ zu repräsentieren: „Nur wir vertreten das Volk!“ Das hat zur Folge, dass man sich nicht für die Partizipation der Bürger interessiert und einen dedizierten Antipluralismus vertritt, der keine anderen Parteien und Meinungen braucht. Mit knappen, aber vielfältigen Beispielen wird die Praxis der Populisten aufgezeigt, die diese Hauptthese illustrieren und bestätigen. In einem letzten Teil setzt sich der Autor mit dem „demokratischen Umgang mit Populisten“ auseinander. Diese Vorschläge sind differenziert und bemerkenswert. Er plädiert dafür, dass populistische Parteien weder verboten noch mundtot gemacht werden sollen, weil damit nur deren These bestätigt werde, ein Machtkartell der etablierten Eliten lasse keine Kritik zu. Der Zuspruch der Populisten erkläre sich auch daraus, dass sie „wichtige Symptome für real existierende Herausforderungen einer Gesellschaft sein können.“ Allerdings heißt dies nicht, „dass man die Problembeschreibung der Populisten eins zu eins übernehmen muss.“ Für den Autor besteht die Antwort auf den Populismus „nur in der Auseinandersetzung und nicht in automatischem Ausschluss.“ Dabei setzt er sich auch mit politischen und demokratietheoretischen Themen wie der Repräsentationskrise, dem Vorschlag für einen Linkspopulismus und für ein demokratisches und nichtpopulistisches Europa auseinander.

Dieser brillante Essay ist kein Schnellschuss zu einem hochaktuellen Thema, sondern eine fundierte und anspruchsvolle politikwissenschaftliche und demokratietheoretische Analyse, die die politische sowie wissenschaftliche Diskussion über den Populismus auf eine solide Grundlage stellt.

 

Geschrieben von Fritz Multrus.