Montag, 31 Januar 2011 00:00

Praxisbuch Demokratiepädagogik (Edelstein, Frank, Sliwka; 2009)

geschrieben von  Claudia Huth
Artikel bewerten
(0 Stimmen)

Das von Wolfgang Edelstein, Susanne Frank und Anne Sliwka herausgegebene Praxisbuch zur Demokratiepädagogik ist ein Sammelband, das in die Ergebnisse der Demokratiepädagogik einführt und Anregungen zu dessen Umsetzung gibt. „Demokratiepädagogik umfasst pädagogische Bedingungen und Aktivitäten zur Förderung von Kompetenzen, die Menschen benötigen, um an Demokratie als Lebensform teilzuhaben und diese in Gemeinschaft mit anderen aktiv zu gestalten; [...]" heißt es in der Einführung von Wolfgang Edelstein (S. 9f). „Dabei geht es um den Erwerb von Kenntnissen über Demokratie, den Erwerb von Kompetenzen für Demokratie und um Prozesse des Lernens durch Demokratie im Kontext gemeinsamer Erfahrung demokratischer Verhältnisse" (S. 10).

Nach weiteren grundsätzlichen Überlegungen zu „Demokratie als Praxis und Demokratie als Wert" stellen die Autorinnen und Autoren in sechs Bausteinen Handlungsfelder dar, die zur demokratischen Schulentwicklung beitragen sollen. Dabei werden die theoretischen Darstellungen durch insgesamt 80 Kopiervorlagen ergänzt, die die Möglichkeit geben, die Anregungen in den eigenen Unterricht zu übertragen. Ziel ist der Erwerb der Schülerinnen und Schüler eines „demokratischen Habitus´", der über die Schule hinausgehen und Teil des Sozialcharakters werden soll. Desweiteren soll die Verantwortungsbereitschaft, das soziale Handeln und das zivilgesellschaftliche Engagement gefördert werden - theoretisch.

 

Die sechs Bausteine für Unterrichtsgestaltung und Schulalltag

Der erste Baustein „Demokratische Schulgemeinschaft" thematisiert vorrangig die Leitgedanken von „Just Community". Dabei werden verschiedene Formen des kooperativen Lernens und andere Projekte vorgestellt. Weiterhin geht es in diesem Baustein um den Klassenrat, dem sogenannten „Chefsystem" und um die Dilemmadiskussion.

Der „Klassenrat" wird im gleichnamigen Baustein 2 aufgegriffen und vertieft. Für die Autorin Birte Friedrichs ist der Klassenrat die gelebte Demokratie und ermöglicht ein höchstmögliches Maß an Partizipation. Hier geht es vor allem darum, Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit zu bieten, regelmäßig ihre Wünsche und ihr Lob, aber auch Kritik offen an Mitschüler/innen, Lehrer/innen oder Situationen zu richten. Dabei dienen nicht nur die Arbeitsblätter zu den Regeln für den Klassenrat den Lehrer/innen.

Konzentrationsübungen und Kopiervorlagen zur Erstellung eines Protokolls können eine hilfreiche Unterstützung auch außerhalb dieses Kontextes sein. Besonders auffällig an Baustein 2 sind die angebotenen Alternativen zu vielen Teilen des Grundkonzeptes, die die praktische Umsetzung durchaus realistisch machen und für den Schulalltag somit geeignet sein können. 

„Mediation und konstruktive Konfliktbearbeitung" nennt sich der 3. Baustein. Nach recht ausgedehnten, jedoch präzisen Einführungen zum Konfliktbegriff und zur Mediation, stellt der Autor Helmolt Rademacher verschiedene Übungen vor, die zum einen das Konfliktverhalten in den Blick nehmen bzw. analysieren und zum anderen bestimmte Gesprächstechniken vorstellen bzw. zum Einüben einladen (zum Beispiel das Aktive Zuhören und die Mediativen Fragetechniken). Die umfangreichen und zum Teil aufwendigen Übungen sind eher für ältere Schüler oder Erwachsene, für den Schulalltag auch aus Zeitgründen daher kaum umsetzbar.
Baustein 4 „Partizipation im schulischen Umfeld" wird anhand eines Beispiel- Projektes vorgestellt, das sehr nett und nach einem hohen Lerneffekt klingt, jedoch kaum umsetzbar mangels Zeit erscheint. Allerdings bieten die methodischen Anregungen eine große Hilfe für Lehrer/innen und Schüler/innen.

Baustein 5 gibt einen Einblick in „Service Learning- Lernen durch Engagement". Dabei sollen die Schüler/innen neben fachspezifischem Wissen entwicklungspsychologische und didaktische Grundlagen erhalten, in dem sie wöchentlich außerschulisches Engagement zeigen und ihre Erfahrungen reflektieren und ihr jeweiliges Projekt evaluieren. Vor allem durch die Benotung der Leistungen der Schüler/innen, kann man den existierenden Leistungsdruck nicht bestreiten und es besteht die Gefahr der Überlastung bzw. der Überforderung.

Der letzte Baustein führt in das „Demokratische Sprechen" ein. Hier werden das kooperative Lernen, die Debatte und die Deliberation vorgestellt und diskutiert. Die vorgestellten Methoden sind weniger für jüngere Schüler geeignet und eher ungeeignet für den Schulalltag. Nichtsdestotrotz bietet Baustein 6 vor allem für den außerschulischen Bereich eine gute theoretische Grundlage zur Debatte und Deliberation.

Fazit

Die Mischung aus Wissensvermittlung und Aufzeigen von Anwendungsmöglichkeiten ist gut gelungen. Zudem erleichtern die 80 Arbeitsblätter den Einstieg in die verschiedenen Methoden und dienen als Handlungsanregung. Auch wenn einige Methoden für die Schule eher ungeeignet sind, da der Kosten-, Zeit- und Kraftaufwand zu groß ist, bietet das „Praxisbuch Demokratiepädagogik" einen guten Überblick unter anderem über Mediation, Debatte und Service Learning. Aus diesem Grund ist der Sammelband durchaus auch Dozenten bzw. Erwachsenenbildnern zu empfehlen.

Doch, wie bereits erwähnt, ist die Umsetzung der Bausteine in die Schulpraxis schwierig. Alle vorgestellten Methoden verlangen unheimlich viel Engagement von Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern, neben Zeit und teilweise Kosten. Nicht nur die Durchführung ist aufwendig, sondern auch die Vor- und Nachbereitung. Weiterhin sind Lehrer/innen, aber auch Schüler/innen dem Druck ausgesetzt, den Vorgaben, im Speziellen dem Lehrplan, gerecht zu werden. Verlagert man aber bestimmte Aktivitäten auf die Zeit nach dem Unterricht, geht den Schüler/innen, natürlich aber auch den Lehrer/innen ihre Freizeit verloren. Die Realisierung der im „Praxisbuch Demokratiepädagogik" dargestellten Projekte und Methoden ist alles andere als leicht; die 6 Bausteine stellen daher eher einen bildungspolitischen Idealismus, wie und was Schule sein könnte, dar!

Links

Das Buch ist zu beziehen beim Beltz Verlag oder bei der Bundeszentrale für politische Bildung

Gelesen 1479 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 14:18
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten