Samstag, 02 Oktober 2010 00:00

Die 16. Shell Jugendstudie 2010 und ihre Implikationen für die politische Bildung

geschrieben von  Christian Fey
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Am 14. September diesen Jahres stellten die Autoren der 16. Shell Jugendstudie im Rahmen der Bundespressekonferenz in Berlin die Ergebnisse ihrer Studie vor. Unter der Leitung von Prof. Dr. Mathias Albert, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann und Dr. Gudrun Quenzel in Zusammenanarbeit mit TNS Infratest Sozialforschung wurde eine repräsentative Befragung von ca. 2600 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren aus ganz Deutschland durchgeführt, die Einblicke in die aktuelle Lebenssituation von Jugendlichen geben will. Ergänzt werden die per Fragebogen quantitativ erhobenen Daten durch 20 Fallstudien, bei denen mit Jugendlichem mit ganz unterschiedlichen sozialen Ausgangsbedingungen explorative Interviews geführt wurden. Wie tickt sie also, die Generation der Jugendlichen 2010? Und welche Einsichten gewährt die Studie, die für die politische Bildung mit dieser wichtigen Zielgruppe relevant sein können?

 

Wesentliche Ergebnisse der Studie

Der Untertitel der letzten Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2006 lautet "Eine pragmatische Generation unter Druck" und beschrieb eine Generation von Jugendlichen, die sich in der Tendenz konstruktiv in Gesellschaft und Arbeitsleben eingliedern wollte. Für die Studie 2010 stand nach den Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise und den Einbrüchen auf den Finanzmärkten zur Frage, wie sich die Überzeugungen und Einstellungen der jugendlichen Generation heute möglicherweise verändert haben. Der Untertitel, der der aktuellen Studie zugefügt ist, zeigt die grundästzliche Kontinuität zu den Ergebnissen der letzten Studie an: "Eine pragmatische Generation behauptet sich". Der 2006 ermittelte "Druck" ist nach wie vor vorhanden und prägt als

steigender "Bewährungsdruck" das Lebensgefühl der Jugendlichen, die sich vor allem im Bildungsbereich zu einer "aktiven und selbstbestimmten Steuerung der eigenen Lebensführung" herausgefordert fühlen (S. 346). Halt und Unterstützung zu Bewältigung der vor ihnen liegenden Herausforderungen suchen die Jugendlichen dabei vorwiegend im sozialen Nahbereich, bei Freunden und der Familie. Gleichzeitig ist auch der bereits vier Jahre zuvor beschriebene Pragmatismus - verstanden als Handlungsorientierung - weiterhin präsent und fungiert quasi als Bewältigungsstrategie im Sinne eines "tatkräftigen Anpackens", des selbstbewußten Vertrauens auf die eigenen Kräfte und Möglichkeiten - die Autoren benutzen an dieser Stelle charakterisierend Schlagwörter wie "Ehrgeiz" und "Zähigkeit".

Eine Gruppe von Jugendlichen (etwa 10-15% des Gesamtanteils) sind allerdings von dieser Beschreibung ausgenommen, zu ihnen gehören dominierend solche aus bildungsfernen Elternhäusern und den sog. "unteren sozialen Schichten", die sich nicht von ihren ungünstigen sozialen Bedingungen zu lösen vermögen. Der bei ihnen vorherrschende Zukunftspessimismus hat sich im Vergleich zur vorherigen Untersuchung noch vergrößert (Schereneffekt). Bei diesen "benachteiligten Jugendlichen" ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund am höchsten - und hauptsächlich aufgrund der "sozialen Lagerung" ihres Elternhauses (Schichtzugehörigkeit, Bildungsniveau, etc.).

Ausgehend von ihren Beobachtungen bemängeln die Autoren eine verzerrte Wahrnehmung von Jugendlichen in den Medien, denn Gewalt, Mobbing, Komasaufen und co. sind nur für eine deutliche Minderheit der Jugendlichen kennzeichnend.

Die Mehrheit der Jugendlichen zeigt sich dagegen leistungs- und anpassungsbereit, und ist darauf bedacht, die private Lebensführung so zu gestalten, das Schul- und Ausbildungserfolg nicht darunter leiden - was allerdings nicht bedeute, keinen "Spaß" zu haben. Thomas Gensicke, einer der Autoren, formulierte dieses Phänomen kürzlich in einem Interview mit der Zeit so: "Jugendliche verspüren von Eltern und Lehrern einen großen Druck. Aber sie nehmen ihn nicht bedingungslos an. Sie tun das eine, aber lassen das andere deshalb nicht. Sie verteidigen sich gegen den Druck, gehen aber deshalb nicht in Opposition".

Zusammenfassend skizzieren die Autoren die Befindlichkeit von Jugendlichen in Deutschland daher wie folgt: "Die heutige junge Generation in Deutschland bleibt zuversichtlich: Sie lässt sich weder durch die Wirtschaftskrise noch durch die unsicher gewordenen Berufsverläufe und Perspektiven von ihrer optimistischen Grundhaltung abbringen. Mit den Herausforderungen in Alltag, Beruf und Gesellschaft gehen Jugendliche auch weiterhin pragmatisch um. Prägend für diese Generation sind insbesondere eine starke Leistungsorientierung und ein ausgeprägter Sinn für soziale Beziehungen" Gleichzeitig gelte aber auch: "Die Zuversicht der Jugendlichen aus sozial schwachen Haushalten ist dagegen weiter gesunken. Die Kluft zwischen den Milieus hat sich mithin noch verstärkt."

Jugend und politisches Interesse


Die Shell-Jugendstudie 2010 misst ein leicht gestiegenes Interesse an Politik, den sie mit Blick auf den Zeitreihenverlauf als schwach ausgeprägten Trend interpretiert (40% der Jugendlichen von 15-25 interessieren sich für Politik, bezieht man die Gruppe der 12-14jährigen ein sind es noch 37%). Das Niveau der 70er und 80er Jahre wird jedoch für diesen Index weiterhin nicht erreicht. Gruppen mit besonders geringem Interesse an Politik sind der Studie zufolge die 12-14jährigen (21% von ihnen haben Interesse an Politik), Jugendliche aus der Unterschicht (16%) und der unteren Mitelschicht (26%), Jugendliche mit angestrebtem Hauptschulabschluss (18%) und mittlerer Reife (28%). Das politische Interesse von Jugendlichen steht dabei in engem Zusammenhang mit dem politischen Interesse ihrer Eltern - Von den Jugendlichen deren Eltern nur wenig oder gar nicht politisch interessiert sind, sind selbst nur 18% politisch interessiert.

Besonders auffällig ist der Zuwachs an politischem Interesse bei den jüngeren Jugendlichen, vor allem bei der Gruppe der 12-14jährigen. Wenn ihr Interesse auch im Vergleich zu den anderen Altergruppen niedrig ist, so hat es sich doch im Vergleich zur Shell-Jugendstudie 2002 annähernd verdoppelt - auch das Interesse der 15-17jährigen hat in diesem Zeitraum stark zugenommen (von 20 auf 33%). Die Autoren sprechen an dieser Stelle sehr vorsichtig von einem Indiz "möglicher zukünftiger generationaler Verschiebungen" in der Einstellung zur Politik. Thomas Gensicke kommentierte den Zuwachs des politischen Interesses bei den jugenen Jugendlichen in seinem Interview mit der "Zeit" folgendermaßen: "Das ist wirklich sehr interessant und neu, dass besonders die ganz Jungen politisch interessiert sind. Es könnte einen Wandel andeuten. Ansonsten warten wir auf die Repolitisierung der Jugend weniger wegen der Ergebnisse dieser Studie. Nur ein Hobbyastrologe würde das aus der Studie herauslesen wollen. Aber es gibt theoretische Erwartungen. Eine Generation dauert etwa 15 Jahre. Die pragmatische Generation, wie wir die jetzige Jugend seit der letzten Studie nennen, geht zu Ende. Deshalb müssten wir eine neue, politische Generation in der nächsten Studie finden. Die Jugend heute hat Ähnlichkeiten mit der skeptischen Jugend der 1950er Jahre, nur dass diese nicht so flexibel war. Auf die skeptische folgte die 68er Generation [....]Aber Geschichte wiederholt sich nicht. Wir wissen nicht, in welcher Form sich das neue politische Bewusstsein äußern wird. Der Wandel wird sich auch nicht langsam ankündigen sondern abrupt kommen".

Um sich politisch zu informieren greifen etwa ein Drittel der Jugendlichen die Medien Fernsehen (27%), Internet (20%), Tageszeitungen (20%) und Wochenzeitungen (6%) zurück. Die Autoren betonen dazu: "Neben dem Elternhaus als politischer Sozialisationsinstanz und der Schule kommt insbesondere den Medien bei der Aneignung von eigener politischer Kompetenz eine Schlüsselrolle zu" (S. 134).

Zustimmung zu Demokratie und Politikverdrossenheit

Die Shell-Jugendstudie verzeichnet einen Anstieg der "Zufriedenheit mit Demokratie und Gesellschaft", der sich vor allem in einem Zuwachs bei den Jugendlichen mit mittlerer Reife zeigt (61% zeigen sich mit der Demokratie in Deutschland zufrieden) - Unzufriedenheit herrscht vor allem unter arbeitslosen Jugendlichen (nur 44% sind mit der Demokratie in Deutschland zufrieden).

Noch höher zeigt sich die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform allgemein: 83% der Jugendlichen halten die Demokratie für eine gute Staatsform. Von den 9% der Jugendlichen, die die Demokratie als Staatsform nicht befürworten, sprechen sich im Westen 19% für "einen starken Mann oder eine starke Partei" aus, im Osten sind es 9%, während sich ein sozialistisches System im Westen 6% und im Osten 21% dieser Gruppe wünschen.

Das Vertrauen in Parteien als Träger des politischen Systems ist allerdings weiter gering, das selbe gilt für Politiker - fraglich ist allerdings, ob die Redeweise von der "Politikverdrossenheit", die die Autoren der Studie wählen, dem Problemfeld angemessen ist (Das Wort "Parteienverdrossenheit" oder "Politkerverdrossenheit" wäre wohl adäquater, wenn auch aufgund seiner Enge problematisch. Darüber, was die Jugendlichen jeweils unter "Demokratie" verstehen, bzw. welches Verständnis sie vom politischen System in Deutschland haben, gibt die Studie keine Auskunft; sie berücksichtigt es auch nicht in ihrem Forschungsdesign.

Politisches Engagement


Jugendliche engagieren sich der Shell-Jugendstudie nach vor allem dann politisch, wenn Ihnen die Sache, um die es geht "persönlich wichtig ist". Der eigene Bezug, nicht nur kognitiv sondern auch emotional, erscheint bedeutsam zu sein: "Ausgangspunkt für politische Aktionen ist nach wie vor eine eigene Betroffenheit, sei es unmittelbar oder aber mittelbar, indem man sich mit einem gesellschaftlichen Problem persönlich identifiziert" (S. 151). Die höchste statistische Erklärungskraft (als Einzelfaktor) zur Aufnahme einer politischen Aktivität hat folgerichtig das Merkmal "Interesse an Politik".

Die in nebenstehender Grafik dargestellte Übersicht über politische Aktivitäten, bei denen sich Jugendliche vorstellen können, sich zu beteiligen, beinhaltet auch die Frage, wieviele der Jugendlichen, die die Frage bejaht haben, die die entsprechende Aktivität auch schon selbst ausgeführt haben. Rechnet man die angegebenen Antworten auf absolute Zahlen um, ergibt sich folgendes Gesamtbild der politischen Aktivitäten, die Jugendliche schon umgesetzt haben: Teilnahme an einer Unterschriftenaktion (45% ), Teilnahme an einem Warenboykott (24%), Teilnahme an einer Protestveranstaltung (20%), Beteiligung bei einer über Internet/Twitter organisierten Aktion (10%), Beteiligung bei einer Bürgerinitiative (4%), Migliedschaft in einer Partei oder politischen Gruppe (2%).

Jugendpolitik gestalten

Die Autoren der Studie belassen es nicht bei einer reinen Analyse des Status-Quo der Jugendlichen in Deutschland. In einem eigenen Kapitel mit dem Titel "Jugendliche in Deutschland - Optionen für Politik, Wirtschaft und Pädagogik" wagen sie es auch, auf der Basis ihrer gewonnenen Daten eigenen Empfehlungen und Vorschläge für die Gestaltung des Verhältnisses von Jugend und Politik vorzunehmen. Sie problematisieren dabei die vorherrschende Wahrnehmung und Durchführung von Jugendpolitik als "Jugendhilfepolitk" (als Intervention bein Krisen und Problemen) und kritisieren: "Eine umfassende Jugendpolitk, die sich den Lebenslagen und den Interessen aller 12- bis 25Jährigen zuwendet und versucht, die Bedingungen für ihre Entwicklung zu optimieren, gibt es nur in Ansätzen" (S. 348). Ein solches "Gesamtkonzept", wenn auch durch unterschiedliche politische und administrative Strukturen in Deutschland erschwert, sei nötig, um den Herausforderungen und Umstrukturierungen, der die Lebensphase Jugend unterliegt, positiv gestalten zu können. Als Schlüsselelemt erweist sich für die Autoren hier eine "Reform der Schul- und Unterrichtsstrukturen", gerade im Hinblick auf benachteiligte Jugendliche. Jugendpolitik sei deshalb quasi zwingend auch Schulpolitik. Jugendliche wünschen sich, so zeigt die Studie, zum einen mehr Sicherheit, dass ihre schulischen und beruflichen Leistungen entsprechend honoriert werden, zum anderen mehr leistungsunabhängige Wertschätzung. Ein "Gesamtkonzept" Jugendpolitik sollte sich von daher als "Lebensplanungshilfe" verstehen.

Als wirksames Mittel, um den Bewährungsdruck, der auf den Jugendlichen lastet, zu verringern, empfehlen die Autoren "die vollwertige gesellschaftliche Mitgliedsrolle der Jugendlichen ein Stück weit von ihrer starken Verzahnung mit der erfolgreichen Berufseinmündung zu lösen". Sie verweisen dafür beispielhaft auf das skandinavische Modell der Förderung der individuellen Interessen durch akzeptierte Auszeiten. Im Rahmen einer verstärkten gesellschaftlichen Teilhabe können sich die Autoren neben einer Ausweitung des politischen Beteiligungsangebots (z.B. durch Jugendparlamente) auch eine Absenkung des passiven Wahlalters vorstellen.

Fazit

Die 16. Shell-Jugendstudie gewährt wertvolle Einblicke in die Lebenswelt der aktuellen Jugendgeneration, ihre Einstellungen zu Gesellschaft, Politik, Bildung und Beruf, ihre Zukunfts- und Wertvorstellungen, ihre Probleme und ihre Problemlösestrategien. Diese Informationen, von denen einige hier dargestellt wurden, erleichtern das Verständnis für die Befindlichkeiten Jugendlicher als Zielgruppe politischer Bildung. Besonders vertiefte Einblicke lassen sich aus den Kapiteln 3 ("Jugend und Politik: Aktuelle Entwicklungstrends und Perspektiven") und 7 ("Jugendliche in Deutschland - Optionen für Politik, Wirtschaft und Pädagogik") gewinnen - aus diesen Kapiteln stammen der Großteil der hier zusammenfassend dargestellten Inhalte. Spannend wird vor allem die Frage sein, wie die von den Autoren aufgrund ihrer Ergebnisse getroffenen Empfehlungen für Umsetzung einer adäquateren Jugendpolitik von Politik und Medien aufgenommen und in konkrete Innovationen im Bildungssystem und in Beteiligungsprozessen umgesetzt werden.

Links

Die Shell-Jugendstudie 2010 ist zu beziehen im Fischerverlag oder beim Buchhändler ihres Vertrauens

ein Interview in der "Zeit" mit Klaus Hurrelmann mit dem Titel "Die Jugend wird wieder politischer" finden sie hier

ein Interview in der "Zeit" mit Thomas Gensicke finden sie hier

verschiedene Downloads zur Shell-Jugendstudie 2010 (unter anderem auch Video-Interviews mit den Autoren finden sie hier

Die Shell-Jugenstudie ist auch bei Twitter aktiv: www.twitter.com/ShellJustu


 

Gelesen 3691 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 14:34
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