Donnerstag, 26 November 2009 00:00

Kinder ohne Einfluss? - ZDF-Studie zur Beteiligung von Kindern in Familie, Schule und Wohnort

geschrieben von  Christian Fey
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Im Rahmen der logo!-Fachtagung, die das ZDF anlässlich des 20. Jubiläums der Kindernachrichtensendung logo! Vom 12.-13. November 2009 veranstaltete, stellte der Sender eine von ihm in Auftrag gegebene repräsentative Studie zur Kinderbeteiligung in Deutschland vor. Befragt wurden insgesamt 874 Kinder aus deutschsprachigen Haushalten sowie deren primäre Erziehungsperson. Die Autoren der Studie interessierte vor allem die Wahrnehmung, die die Kinder selbst bezüglich der Bedeutung und der Intensität ihrer Mitbestimmung haben. Prof. Dr. Dr. Helmut Schneider, Prof. Dr. Waldemar Stange und Prof. Dr. Roland Roth zufolge ist die Studie die erste und bisher einzige Studie, die sich in Deutschland diesem Themengebiet auf empirischem Weg in der Altersgruppe von 8 bis 12 Jahren widmet.

Die Untersuchung konzentriert sich auf die für Kinder wichtigen Lebensbereiche Familie, Schule und Kommune und wertet diese Bereiche getrennt voneinander aus. Während im Bereich der Familie auch die Aussagen der Erziehungsperson in Bezug zu den bei den Kindern erhobenen Ergebnissen gesetzt werden, geschieht dies im Kontext der Ergebnisse für den Bereich der Schule (Lehrer) und der Kommune (Politiker, Verwaltungspersonal) leider nicht - wohl aus Gründen des Erhebungsaufwands. Teilweise wird hier ausgleichend auf Ergebnisse einer Studie des Deutschen Kinderhilfswerks e.V. verwiesen, die sich allerdings hauptsächlich mit rechtlichen Beteiligungsstrukturen auf Landesebene befasst.

Auffallend sind bei der Studie des ZDF vor allem die Unterschiede, die zwischen den untersuchten Lebensbereichen existieren. So etwa, wenn es um die Bedeutung geht, die Kinder der eigenen Mitbestimmung in den verschiedenen Bereichen beimessen. Während in der Familie für mehr als 80% der Kinder Mitbestimmung „sehr wichtig" (24,4%) respektive „wichtig" (58,8%) ist, sinken die entsprechenden Werte für den Bereich Schule auf 13,8% beziehungsweise 46,5%, also ca. 60%. Insgesamt zeigt sich, dass Kindern Mitbestimmung zwar in allen Bereichen wichtig ist, dass es aber eine Diskrepanz zwischen beigemessener Bedeutung und tatsächlicher Erfahrung gibt, die im Bereich Schule und Kommune am deutlichsten zu Tage tritt. Das Empfinden über das Ausmaß bzw. der Intensität ihrer Mitbestimmungsmöglichkeiten ist vor allem für den Bereich der Schule und auch der Kommune gering. So ist jeder vierte Schüler der Meinung, dass er in der Schule „überhaupt nicht" mitbestimmen kann (zur Auswahl standen die Antworten: „sehr viel", „viel", „wenig", „überhaupt nicht"). Für den Wohnort geben sogar mehr als die Hälfte der Kinder an, „überhaupt nicht" mitbestimmen zu können.

Insgesamt sehen die Autoren noch deutlichen Handlungsbedarf auf dem Weg einer besseren und konsequenteren Umsetzung der strukturellen Partizipation von Kindern gegeben. Dabei sei sich nicht ein Mangel an „gewusst wie" das Hauptproblem, sondern ein Einstellungs- und Handlungsdefizit auf Seiten der erwachsenen Verantwortungsträger (Eltern, vor allem aber: Lehrer und Mitglieder der kommunalen Politik und Verwaltung).
Sie kritisieren dabei direkt die Schule in ihrer herausragenden Rolle als Sozialisationsinstitution: Sie stelle „nicht in ausreichendem Maße Demokratieerfahrungen" bereit. Ebenfalls sehen sich die Autoren aufgrund ihrer Ergebnisse genötigt, eine Reihe von Forderungen aufzustellen, die allesamt darauf abzielen, ein notwendiges Gesamtkonzept „Partizipation" zu fördern und zu ermöglichen, dass sich auf alle drei beschriebene Bereich bezieht.

Zu diesem Forderungen gehören unter anderem:

  • Das zivilgesellschaftliche bürgerschaftliche Engagement von Eltern sollte stärker gefördert werden, auch mit dem Argument, dass es hier offenbar Zusammenhänge mit der Partizipation der Kinder in der Familie gibt.
  • Die Beteiligungsrechte von Schülerinnen und Schülern müssen ausgebaut werden.
  • Eine genuine Partizipationspädagogik bzw. Partizipationsdidaktik der Schule ist zu entwickeln und auszubauen.
  • Die Schule wird unter dem Gesichtspunkt des breiteren Ausbaus von Partizipation auch den Blick nach außen wenden und zivilgesellschaftliches und bürgerschaftliches Engagement als Partizipationserfahrung von Kindern organisieren müssen.
  • Die Partizipation von Kindern im Nahbereich der Kommune muss massiv ausgebaut und strukturell abgesichert werden. Daher müssen sich auf der kommunalen Ebene die Einstellungen und Haltungen der Erwachsenen massiv verändern.
  • Auf Ebene der Kommune muss durch geeignete Maßnahmen das eindeutig vorhandene Aktivierungspotenzial ausgeschöpft werden. Eine stärkere Förderung der kommunalen Beteiligung am Wohnort muss einerseits eine optimierte Informationspolitik mit kinder- und jugendnahen Medien, andererseits eine Erweiterung des Angebotsspektrums (vielfältigere Mitbestimmungsformen im Rahmen eines Gesamtkonzeptes) umfassen.
  • Für die Partizipation von Kindern und Jugendlichen müssen außerdem die erforderlichen Rahmenbedingungen (personell, finanziell) zur Verfügung gestellt werden. Die Kommunen müssen - wenn sie es ernst meinen - speziell qualifizierte Personen einstellen, die - wie es im Rahmen der Partizipationskampagnen in England geschehen ist - sich allein um die Organisation der Kinder- und Jugenddemokratie kümmern

Wer sich näher mit der hier vorgestellten Studie befassen möchte, kann diese auf den Seiten des ZDF als .pdf-Dokument herunterladen. Ob und wie die von den Autoren für den Rahmen einer wissenschaftlichen Studie sehr weitläufig formulierten Forderungen umzusetzen sind, ist der öffentlichen Diskussion und allgemeinen Aufmerksamkeit aller Funktionsträger würdig.

Gelesen 1535 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 14:44
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