Dienstag, 03 November 2009 00:00

Bertelsmann Stiftung: Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008

geschrieben von  Irina Schumacher
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Der Reiz des Religionsmonitors liegt ganz klar im wissenschaftlichen Aufbau der Untersuchung und seiner dreidimensionalen Auswertungsmethode. Der Aufbau des Buches in drei Kapiteln ermöglicht es dem Leser, thematisch gegliederte Analysen und Ländervergleiche besser zu verstehen. Die Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Beiträgen zu ausgewählten Themen interessant und spannend beleuchtet. Die im Titel des Buches gestellte Frage Woran glaubt die Welt? wird in großen Teilen beantwortet, wobei die arabischen Länder unterrepräsentiert sind und hier ein wichtiger Anteil in der religiösen Landschaft fehlt. Dennoch bringen die Ergebnisse aus der Befragung in Marokko überraschende Erkenntnisse zutage. Besonders stark und aussagekräftig sind die Ergebnisse zur europäischen Religiosität, die religiöse Pluralisierung und zugleich Toleranz gegenüber anderen Religionen erkennen lassen.

 

Der Aufbau der Untersuchung und das Befragungsinstrument des Religionsmonitors 2008

Eine besondere Herausforderung dieser Befragungsstudie ist die Erfassung von kulturellen und interreligiösen Dimensionen, die einerseits bereits in der Entwicklung des Erhebungsinstruments und andererseits beim Auswertungsverfahren berücksichtigt werden mussten. Woran glaubt die Welt? Ist eine treffend formulierte Frage, mit der die interkulturelle Vielfalt der befragten Personen erfasst wird. Die Befragten stammen wortwörtlich aus der ganzen Welt. In der quantitativen Erhebung wurden 21.000 Menschen aus allen Kontinenten befragt.

Eine Besonderheit der Erhebung stellt die konzeptionelle Verschränkung soziologischer, psychologischer, religionswissenschaftlicher und theologischer Elemente dar, die zudem sowohl empirische als auch analytische Elemente erhebt. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Semantik der Indikatoren gelegt. Die interdisziplinäre Verschränkung findet sich in der Entwicklung von Kerndimensionen der Religiosität wieder: Intellekt, Ideologie (Glaube, öffentliche Praxis, private Praxis, Erfahrung, Konsequenzen im Alltag. Die Zentralitätsstufen, die aus der Religionspsychologie stammen, bilden eine Querdimension. Der Zentralitätsindex erfasst die individuelle Relevanz der Religiosität innerhalb eines Landes und eröffnet damit neue Möglichkeit für Ergebnisanalysen.

Das dreidimensionale Konstrukt des Auswertungsverfahrens bezieht zu den Kerndimensionen die persönliche Ausprägung der Religiosität ein, womit eine dynamische Auswertungskomponente hinzukommt.

Aufbau des Buches

Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt. Zu Beginn finden Sie ausführliche Erläuterungen zum Aufbau der Untersuchung, zum Auswertungsverfahren und eine theoretische Einbettung der Fragestellung. Im ersten Kapitel werden Länderanalysen vorgenommen. Das zweite Kapitel widmet sich thematisch ausgewählten Ländervergleichen und im dritten und letzten Kapitel „Thematische Zugänge“ greifen Experten ausgewählte Fragestellungen auf und diskutieren diese. Im Anhang finden Interessenten den Fragenkatalog, Auflistung der Länder, sowie das methodische Vorgehen. Alle Graphiken zur internationalen Religiosität finden Sie ebenfalls im Anhang. Zudem finden Sie beiliegend eine CD-Rom mit Grundauswertung, Methodenberichten und Umfrageprotokollen.

Das erste Kapitel - Ausgewählte Ländervergleiche

Karl Gabriel analysiert in seinem Beitrag die Entwicklung der großen Kirchen in Westdeutschland bis heute und bezieht in seine Analyse die Ergebnisse des Religionsmonitors ein. Insgesamt nahm die Bedeutung der beiden großen Kirchen in Westdeutschland nach ihrer Hochzeit in den 1960ern kontinuierlich ab. Wobei der Höhepunkt der Kirchenaustritte in Ost- und Westdeutschland nach der Wiedervereinigung erreicht wurde. Für die Zukunft der Kirchen in Deutschland geht er von einer Entwicklung aus, die „zu einem unverkrampfteren Umgang mit einer sich verändernden, in ihrer Existenz, aber unangefochtenen religiösen Kultur“ aus (Gabriel, 2009).

Der Bevölkerungsanteil von Nichtreligiösen mit 65,8 Prozent in Ostdeutschland macht die Untersuchung im Rahmen des Religionsmonitors besonders spannend. Matthias Petzoldt beschäftigt sich mit der religiösen Lage im Osten Deutschlands. In diesem Zusammenhang widmet er sich ausführlich dem Thema der religiösen Indifferenz. Zu interessanten Ergebnissen kommt er beim Vergleich der öffentlichen und privaten religiösen Praxis. Da stellt er kaum Unterschiede zwischen den beiden Bereichen fest. Mit den Konsequenzen aus diesen und weiteren Ergebnissen setzt er sich ausführlich auseinander.

Ist Religionslosigkeit überhaupt möglich? Oder ist die Religion momentan wieder auf dem Vormarsch? Diesen Fragen widmet sich Monika Wohlrab-Sahr in ihrer Analyse.
Wie über Religion gesprochen wird, was Befragte unter Religion verstehen und wie sie über religiöse Erfahrungen sprechen, untersucht Armin Nassehi. Die Ergebnisse aus der qualitativen Analyse heben die persönliche Kompetenz und sprachliche Inkonsistenz hervor.

Während die ersten Beiträge sich mit deutschlandspezifischen Fragestellungen und Analysen befassen, setzt sich Beata Zarzycka mit Religiosität in Polen und José Casanova mit Religiosität in Spanien auseinander. In beiden Ländern gehört die Mehrheit der Bevölkerung dem Katholizismus an. Ein überraschendes Ergebnis stellt die außerordentlich hohe Anzahl von Spaniern dar die angeben zu meditieren, wobei hier weder alters- noch geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen sind. Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern sind in Polen weniger Säkularisierungsprozesse erkennbar. Dennoch kann man anhand der Ergebnisse gesamtgesellschaftliche Individualisierungsprozesse sehen.

In Marokko, dem einzigen arabischen Land, in dem die Erhebung des Religionsmonitors stattgefunden hat, entsprechen einige Ergebnisse aus dem Religionsmonitor nicht den Erwartungen. Beispielsweise lehnen 45 Prozent der Befragten die Aussage nach dem Einfluss der Religiosität auf ihre politische Einstellung ab. Sonja Hegasy setzt sich zunächst kritisch mit dem Befragungsinstrument des Religionsmonitors auseinander und verweist auf länderspezifische Besonderheiten, die gewisse Einschränkungen in der Befragung darstellen. Insgesamt zieht sie in ihrem Fazit folgende Schlussfolgerungen zu Befragungsergebnissen: „Sie zeigen, das die marokkanische Gesellschaft trotz eines Gefühls der Bedrohung Globalisierungsprozesse in der Mehrheit befürwortet und dass es entgegen weit verbreiten Annahmen stark individualisierte Formen von Religiosität gibt“.

Klaus Hock befasst sich mit der Bedeutung der Religion in Nigeria, einem weiteren afrikanischen Land in der Befragung von Religionsmonitor. Dabei ist zunächst eine große Vielfalt an Religionen feststellbar, wobei sich größere Anteile der Bevölkerung zum Islam oder Christentum bekennen. Die traditionellen afrikanischen Religionen nehmen stark ab und werden kaum noch angegeben.

Während in den anderen Ländern ein Rückgang an ritualisierten Formen des Glaubens zu beobachten ist, stellen Rituale ein wesentliches Kennzeichen der indischen Kultur dar. Michael von Brück beschreibt die gegenwärtige Entwicklung von Religion(en) in Indien. Große Differenzen bezüglich der Ergebnisse zeichnen sich im Hinblick auf ein Stadt-Land-Gefälle ab und sind bei der Analyse unbedingt zu berücksichtigen.

Die religiöse Situation in den USA ist dominiert von der Vielfalt der Religionen. Ein interessanter Vergleich zwischen Deutschland und USA in der Frage der Zentralität der Religionen zeigt eindrucksvoll die Differenzen in dieser Frage. Die Einstufung der Bevölkerung als hochreligiös zeigt beispielsweise die Unterschiede: In Deutschland sind es 18 Prozent während es in USA 62 Prozent sind. Im abschließenden Abschnitt stellt Hans Jonas bezüglich der analysierten Ergebnisse zwei mögliche Zukunftsszenarien vor.

Das zweite Kapitel – Ausgewählte Ländervergleiche

Im zweiten Kapitel werden ausgewählte Ländervergleiche vorgestellt. Die Ergebnisse im europäischen Vergleich zeigen meiner Ansicht nach zwei Schwerpunkte: die Pluralisierung der Religionen und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen religiösen Traditionen. In spirituellen Fragen unterscheiden sich die Länder unwesentlich, wobei die institutionelle Verbundenheit zur Kirche in Italien und Polen stärker ausgeprägt sind. Im west- und osteuropäischen Vergleich ist die stärkere religiöse Orientierung der westeuropäischen Länder erkennbar, wobei die russische Bevölkerung der russisch-orthodoxen Kirche eine größere Bedeutung beimisst, als vergleichsweise die Ostdeutschen der evangelischen oder katholischen Kirche. Zudem ist in Großbritannien und Australien eine ähnlich wachsende religiöse Toleranz zu beobachten neben einer zunehmenden Polarisierung der Menschen in religiös und nicht religiös. Ein Vergleich der europäischen Länder mit den USA und Lateinamerika lässt zum einen eine Wiederbelebung der Spiritualität in Europa erkennen und zum anderen eine anhaltende Lebendigkeit der Religion in den USA und Lateinamerika.

Das dritte Kapitel – Thematische Zugänge

Die Analyse der Religionsprofile des europäischen Katholizismus deutet auf „epochale Transformationsprozesse“ hin. Bemerkenswert sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Religiosität. Beispielsweise sind 41 Prozent der Frauen und im Vergleich dazu nur 27 Prozent der Männer hochreligiös, wobei die geschlechtsspezifischen Unterschiede unter jüngeren Befragten geringer sind.
Im protestantischen Profil lassen sich zwei unterschiedliche Richtungen erkennen. Das westeuropäische protestantische Profil lässt eine Weltoffenheit sowie religiöse Toleranz erkennen, die zugleich mit einem persönlichen Erfahrungsfeld verbunden ist. Die amerikanischen Kirchen weisen währenddessen eine stärkere Lebendigkeit auf, um den Preis stärkerer Gebundenheit und geringerer Offenheit.
Die weltweite Entwicklung und wachsende Bedeutung der Pfingstbewegung machen eine genauere Betrachtung dieser Religionsbewegung notwendig. Interessant ist in diesem Zusammenhang folgende Feststellung: „Je flexibler eine Religionsgemeinschaft ihre identitätsbildenden religiösen Gehalte den Bedingungen anpassen kann, umso größer ist ihr Erfolg bei den Betroffenen, vor allem bei raschem sozialen Wandel. Das ist das Erfolgsrezept der Pfingstbewegung“ (Schäfer 2009, S. 561).
Im Ländervergleich werden die Daten der befragten Muslime aus Israel, Indonesien, Marokko, Nigeria und Türkei zu Religiosität, der öffentlichen und privaten Religionspraxis sowie Glaubensvorstellungen analysiert.
In den weiteren Beiträgen widmen sich Autoren den Generationen. Welche Rolle spielt Religion und Spiritualität in den verschieden Lebensabschnitten der Menschen? Dabei ist auffallend, dass sich die junge Generation auf eine vielfältige Art und Weise mit Religion und Spiritualität befasst und die ältere Generation nicht zwangsläufig gläubiger ist. Eine interessante Analyse der Daten bezieht die Frage nach der neuen Popularität der Spiritualität ein, nach einer neuen Entwicklung und eine Ausweitung des Religionsbegriffs, dem Beachtung geschenkt werden muss.

Adressaten des Buches

Die wissenschaftlichen Analysen und Beiträge der Autoren richten sich an Leser mit Vorwissen. Insbesondere der Aufbau und die Auswertungsstrategien bedürfen empirischen Hintergrundwissens. Die Analysen und ländervergleichende Beiträge, sowie Beiträge im dritten Kapitel können von allen Interessenten gelesen werden.

Warum ist dieses Buch lesenswert?

„Der Religionsmonitor möchte neue Ansätze für einen künftigen Dialog zwischen den Religionen aufzeigen. Zudem macht er auf die gesellschaftliche Relevanz von Religiosität in den meisten Ländern unserer Welt und als Grundlage der Kulturen aufmerksam“, so Martin Rieger in seinem einleitenden Beitrag zu Beginn des Buches. Tatsächlich bekommt der Leser einen interessanten und spannenden Einblick in die Bedeutung des Glaubens und das religiöse Erleben von Befragten. Besonders spannend ist die Darstellung von Ergebnissen im Ländervergleich. Die Autoren setzen sich einerseits mit länderspezifischen Fragestellungen und Trends auseinander und vergleichen andererseits verschiedene Fragestellungen zwischen den Ländern. Das angestrebte Ziel, einen Beitrag für den künftigen Dialog beizutragen wird teils erreicht. Die Religiosität in weiten Teilen der Welt wird erfasst, allerdings müssten außer Marokko noch weitere arabischen Länder in der Befragung erfasst werden, um das Ziel des künftigen Dialoges vollständig erreichen zu können.

Weitere Informationen:

http://www.religionsmonitor.com/ 
Interessierte Leserinnen und Leser können hier einige gestellte Fragen aus dem Religionsmonitor anonym beantworten.

Woran glaubt die Welt?
Auf dieser Seite finden Sie das Inhaltsverzeichnis des Buches und einige Leseproben.

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Woran glaubt die Welt?

Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008

1. Aufl. 2009, 788 Seiten mit CD-ROM, gebunden mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-89204-949-4

49,00 € Zzgl. Versandkosten

Gelesen 1114 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 14:48
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