Donnerstag, 19 März 2009 00:00

Renate Grasse/ Bettina Gruber/ Günter Gugel: Friedenspädagogik

geschrieben von  Irina Schumacher
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Dieses Buch bietet einen Einblick in die Grundlagen, Entwicklungen und zukünftigen Chancen von Friedenspädagogik. In der demokratischen Gesellschaft spielt die gewaltfreie Erziehung und Bildung eine zentrale Rolle. Das Buch bindet auf der theoretischen Basis einen historischen Umriss der Friedenspädagogik ein und erlaubt einen Einblick in die praxisorientierten Fragen der Umsetzung von Friedenserziehung in der modernen Gesellschaft. Es bezieht die zentralen Themenfelder wie Feindbildkonstruktionen, Umgang mit Gewalt und Konfliktmanagement, Medienpädagogik und Erinnerungsarbeit ein.

 

Zu den Herausgebern:

Renate Grasse ist Pädagogin und Mitarbeiterin in der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik München. Seit 2003 arbeitet sie im Stiftungsrat der Petra-Kelly-Stiftung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Friedenspädagogik, Medienpädagogik, Partizipation, Gewaltprävention, Konfliktbearbeitung in Arbeitsfeldern der Jugendhilfe, friedenspädagogische Projektarbeit mit Jugendlichen.
Bettina Gruber ist geschäftsführende Leiterin des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik in Klagenfurt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Kulturwissenschaftliche Friedensforschung, Friedenspädagogik, Interkulturelles Lernen, Jugendpolitik, Partizipation.
Günther Gugel ist Diplom Pädagoge und Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik Tübingen e.V. Er ist Lehrbeauftragter für Friedenspädagogik an der Universität Tübingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Gewaltprävention, Konfliktbearbeitung, Globales Lernen, Neue Medien, Didaktik und Methodik der Politischen Bildung.

Inhaltliche Zusammenfassung

Zu Beginn streift das Buch die Entwicklungslinien von Friedenserziehung und Friedenspädagogik sowie die Erkenntnisse über die entscheidende Rolle von Bildung und Erziehung als Schlüsselqualifikationen der Friedenspädagogik. Es gibt einen Umriss über die Bedeutung von Frieden sowie der Friedensidee in verschiedenen historischen Epochen und wagt einen kurzen Rückblick auf die geschichtlichen Impulse und die Entwicklung bis zur heutigen Zeit. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Aufgabenbeschreibung der Friedenserziehung von Hartmut von Henting auf dem Evangelischen Kirchentag 1967 gelegt. Insgesamt greift das Buch nicht nur auf die Grundlagen der Friedenspädagogik zurück, sondern internalisiert die neuen Gedanken, die unter anderem die Aufklärungsprozesse und die Konfliktforschung, das neuerwachte Umweltbewusstsein und die Nachhaltigkeit, sowie Umweltbildung und interkulturelles Lernen implizieren.

Grundlagen

Der Beitrag von Dieter Senghaas analysiert die makropolitischen Rahmenbedingungen und stellt dabei das zivilisatorische Hexagon mit den Kernbereichen (Demokratische Partizipation, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltmonopol, Interdependenzen und Affektkontrolle, Soziale Gerechtigkeit und Konfliktkultur) vor und erläutert diese im Zusammenhang mit der Kultur des Friedens.

Christoph Wulf thematisiert in seinem Beitrag Friedenskultur und Friedenserziehung in modernen Zeiten der Globalisierung. Dabei betont er, um eine grundsätzliche Umorientierung zu erreichen, bedarf es nicht nur der Notwendigkeit eine „Kultur des Friedens" zu begründen, sondern auch einer Umorientierung in vielen kulturellen Bereichen, dabei würde „Bildung für alle" und die Bekämpfung von Armut einen wesentlichen Beitrag dazu leisten. Um diese fundamentalen Ziele zu erreichen, stellt er die dazugehörigen Handlungsfelder vor und illustriert anhand von zwei Projekten, welchen Beitrag die Religionen und Künste in der Erreichung dieser Ziele leisten können. Ausdrücklich wird die Friedenserziehung als ein zentrales Element mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit hervorgehoben.

Günter Gugel setzt sich mit dem Begriff „Friedenserziehung" auseinander und analysiert deren Grundfragen und Grundannahmen. Dabei werden die facettenreichen Zusammenhänge zu verschiedenen Themenfeldern, die einerseits kontrovers und anderseits analog zu Friedenserziehung stehen, aufgezeigt. Diese gedankliche Auseinandersetzung mündet argumentativ in der Praxis der Friedenserziehung, im tatsächlichen Tun und Handeln von Personen, die, sei es in der Familie, Vorschule, Schule oder in den Medien, Lernkonzepte und Gedanken der Friedenspädagogik in der Bildungsarbeit vermitteln.

Praxisansätze

Christian Büttner diskutiert das Thema „Macht, Angst und Gewalt in pädagogischen Beziehungen". Zunächst differenziert er den Begriff der „strukturellen Gewalt" und verbindet diesen mit den Akteuren der pädagogischen Beziehung, die sich hinter solchen Institutionen und Systemen verbergen. Mithilfe eines Fallbeispiels schildert er eindrucksvoll das pädagogische Vorgehen und persönliche Erfahrungen einer Mitarbeiterin, die sie im Reflexionsprozess eines pädagogischen Betreuungsverhältnisses machte und diese Erkenntnisse auf ihre persönliche Erfahrung mit den institutionellen Machtverhältnissen überträgt. Schließlich setzt er im Ausblick drei Faktoren in Bezug zueinander Macht-Angst-Gewalt.

Reiner Steinweg kontrastiert bereits im Titel seines Beitrags zwei auf den ersten Blick kontroverse Begriffe: Gewalt und Gewaltfreiheit in der Friedenspädagogik. Diesem Dissens begegnet er mit der Begründung der unerlässlichen Selbstreflexion und der Wirkung von Friedenspädagogik ohne dabei unter Ideologieverdacht zu geraten. Um diesem Anspruch gerecht zu werden setzt er sich mit dem Gewaltbegriff auseinander, um wiederum zurück zu den Zielen und Inhalten der Friedenspädagogik zu kehren und diese im Hinblick auf Gewalt und Gewaltfreiheit zu überprüfen. Wie die Friedenspädagogik an verschiedenen Orten erfahrbar gemacht werden kann, veranschaulicht er anhand eines Beispiels aus einer Hauptschulklasse.

Friedrich Glasl setzt sich mit dem Thema soziale Konflikte auseinander und behandelt in seinem Beitrag nicht nur die Formen der sozialen Konflikte, sondern auch die Eskalationsstufen und die Ansätze zur Konfliktlösung. Der persönliche Umgang mit Konfliktsituationen, der von bestimmten Vorannahmen und Grundeinstellungen geprägt ist, beeinflussen verstärkt des Konfliktverhalten, das Denken, Fühlen und den Umgang mit Konflikten. Die Konflikte durchdringen verschiedene Bereiche des Lebens und entwickeln eine Dynamik, die das Denk- und Verhaltensmuster bestimmt. Diese Dynamik beschreibt er in den neun Stufen der Eskalation. Wobei bei der Entwicklung von nachhaltigen Konfliktlösungsansätzen an den neun Stufen der Eskalation angeknüpft wird und damit die verschiedenen situativen Voraussetzungen einbezogen werden.

Bettina Gruber thematisiert in ihrem Beitrag die Rolle der internationalen Jugendbegegnungen, die seit geraumer Zeit einen wichtigen Beitrag für das interkulturelle Lernen und die Friedenserziehung leisten. Sie betont die Nachhaltigkeit solcher Begegnungen, die der Überprüfung von vermittelten Einstellungen dienen. Dabei hebt sie hervor, dass das Harmoniebedürfnis die Wichtigkeit von produktiven Konflikten verkennen lässt und gerade diese ein hohes Maß an Kompetenz im Konfliktmanagement erfordern.

Ilse Schimpf-Herken stellt den Zusammenhang zwischen Erinnerungen und Geschichte her. Wie Erinnerungen gepflegt, reflektiert und verarbeitet werden, wie mit Erinnerungen gearbeitet wird gehört zur Friedens- und Erinnerungsarbeit. Der gegenwärtige Umgang mit der geschichtlichen Vergangenheit und die Gedenkstättenpädagogik bespricht sie unter Einbeziehung von kritischen Aspekten und neuen Herausforderungen. Wie die Prozesse der Erinnerungsarbeit tatsächlich angeregt werden können, wird an Beispielen verdeutlicht.

Georg Auernheimer erörtert am Beispiel Islam und Muslime die Wirkung von Feindbildern. Nach der begrifflichen Auseinandersetzung mit Feindbild und Rassismus folgt ein historischer Rückblick auf die Entstehung und Wurzeln solcher Feindbilder. Die aus dieser Diskussion entstehenden pädagogischen Konsequenzen werden anhand der Schulbuchanalayse besprochen.

Renate Grasse diskutiert die Wirkung von Medien und ihren Stellenwert für die öffentliche Diskussion über Gewalt. Welche Rolle spielen die Medien und ihr Einfluss für die Entstehung von Jugendgewalt? Dabei richten sich die Überlegungen gegen die Bewahrpädagogik hin zu einer Medienpädagogik, die einen konstruktiven Umgang mit Medien und die Herausbildung von Medienkompetenzen fördert. Hinsichtlich dieser Förderung werden die friedenspädagogischen Ziele in den Ausbau von Handlungskompetenzen einbezogen.

Perspektiven

Uli Jäger stellt die Frage nach der Bedeutung von Friedenspädagogik in Konflikt- und Kriegsregionen. Obwohl die Friedenspädagogik im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit noch eine untergeordnete Rolle spielt, gibt es dennoch eine Reihe von Projekten, die diesen Gedanken aufgreifen. Dabei hebt er die Kinder und Jugendlichen als die wichtigsten Zielgruppen hervor. Perspektivisch macht er auf einige Spannungsfelder in diesem Bereich aufmerksam die es noch zu lösen gibt.

Im letzten Beitrag setzt sich Werner Wintersteiner mit den zukünftigen Chancen für die Friedenspädagogik des 21. Jahrhunderts auseinander. Er umreißt die aktuellen Aufgaben und Ziele der Friedenspädagogik in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und rückt die neuen Entwicklungsrichtungen, wie die Zunahme von wissenschaftlichen Publikationen, die zur Etablierung und Fortentwicklung der wissenschaftlichen Disziplin beitragen, in den Vordergrund.

Adressaten dieses Buches

Dieses Buch ist an alle Interessenten, die einen Einblick in die Grundlagen und Perspektiven der Friedenspädagogik bekommen wollen, gerichtet. Insbesondere Studenten, Pädagogen, Praktiker und Wissenschaftler erhalten Informationen zur aktuellen und historischen Entwicklung von Friedenspädagogik. Die ausführlichen Literaturlisten und auch Linktipps laden zum Weiterlesen ein.

Warum ist dieses Buch lesenswert?

Dieses Buch ist lesenswert, weil die Friedenserziehung in der modernen demokratischen Gesellschaft einen zentralen Stellenwert aufweist und dieses Buch die Herausforderungen und Lösungsansätze der Friedenskultur in einer faszinierenden Vielfalt unter Einbezug von praktischen Einsätzen vorstellt.

Weiterführende Links:

Auf dieser Seite finden Sie weitere Informationen zur Publikation:
http://www.agfp.de/angebote/materialien.html

Hier finden Sie einen Beitrag zum Thema:
Gewalt in der Gesellschaft

Weitere Informationen zur Friedenspädagogik und die Grundlagen finden Sie hier:
http://www.dadalos-d.org/frieden/grundkurs_1.htm

Hier finden Sie Informationen zum EU-Programm JUGEND IN AKTION
http://www.jugend-in-aktion.de

Renate Grasse/Bettina Gruber/Günter Gugel (Hg.) 2008: Friedenspädagogik. Grundlagen, Praxisansätze, Perspektiven. Reinbek bei Hamburg

Gelesen 1266 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 14:50
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