Sonntag, 15 März 2009 00:00

Memminger, Josef (2007): Schüler schreiben Geschichte

geschrieben von  Christian Fey
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„Schüler des Gymnasiums sollen geistig besonders beweglich und phantasievoll sein, gern und schnell, zielstrebig und differenziert lernen sowie über ein gutes Gedächtnis verfügen. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich ausdauernd und unter verschiedenen Blickwinkeln mit Denk- und Gestaltungsaufgaben auseinanderzusetzen und dabei zunehmend die Fähigkeit zu Abstraktion und flexiblem Denken, zu eigenständiger Problemlösung und zur zielgerichteten Zusammenarbeit in der Gruppe entwickeln" - Auszug aus dem Lehrplan für das Gymnasium in Bayern - Kapitel 1.1. Abschnitt 2.
Mit seiner Monographie „Schüler schreiben Geschichte - Kreatives Schreiben im Geschichtsunterricht zwischen Fiktionalität und Faktizität" möchte Josef Memminger einen akzentuierten Beitrag zur methodisch-didaktischen Ausgestaltung des Geschichtsunterrichts im Sinn des zitierten Lehrplans leisten.

Akzentuiert ist dieser Beitrag deshalb, weil er mit seiner Arbeit ein Plädoyer für eine stärkere Integration kreativer Schreibformen in den Geschichtsunterricht leistet. Diese Methode(n) sind seiner Meinung nach in ganz besonderer Weise dazu geeignet, die eigenständige und motivierte Auseinandersetzung mit geschichtlichen Themen, die Herausforderung zur Übernahme unterschiedlicher und gegensätzlicher Perspektiven, die Anwendung flexiblen Denkens auf Sachthemen, die Wiederholung und Vertiefung von Inhalten sowie fächerübergreifendes Lernen gleichermaßen in sich zu integrieren.

 

Zum Inhalt

Dabei steht dem Autor stets das Spannungsverhältnis von Fiktionalität und Faktizität vor Augen - denn es gibt sicherlich jene, die diese Art von Methode, gerade im Bereich der Geschichte, wo es doch um historische ‚Fakten' geht, mit Argwohn betrachten. Memminger widmet der theoretischen Fundierung seines methodischen Ansatzes - sicher auch auf dem Hintergrund möglicher Einwände - ein eigenes Theoriekapitel. Seine Stellung zum eben beschriebenen Spannungsverhältnis lautet dann wie folgt: Nicht Fiktionalität versus Faktizität, sondern „Fiktionalität (wo es möglich und zweckmäßig ist) und Faktizität". Sein Statement lautet: „Dass Fakten und Tatsachen nicht verfälscht werden dürfen, ist eine zwingende Voraussetzung. Vielmehr sind alternative Zugänge zur Geschichte gefragt, die Fantasie und Kreativität in Anspruch nehmen".
Kreatives Schreiben heißen dabei für Memminger alle Formen des Schreibens, die über Analyseaufträge oder die bloße Wiedergabe von Fakten oder Wissen hinausgehen, also z.B. spielerische, prosaische oder fiktive Formen annehmen und Phantasie und Kreativität besonders ansprechen. Gelingt diese Art zu schreiben in der Umsetzung durch die Schüler, spiegelt sie dadurch nachweislich „die Fähigkeit zu historischem Denken und Verstehen" wider.
Damit sie gelingt, liefert Memminger nicht nur eine theoretische Analyse, sondern stellt eine ganze Reihe von praktischen Beispielen aus eigener Erfahrung und der Erfahrung von Kollegen unter dem Motto „Kreatives Schreiben im Praxistest" ausführlich vor, freilich nicht ohne sie auf wissenschaftliche Weise zu bewerten und die Effekte auf Seiten der Schüler mittels qualitativer Forschungsstrategien zu untersuchen. In diesem Zuge werden einzelne Unterrichtsarrangements bzw. -einheiten inklusive der Ergebnisse der kreativen Schreibaufgaben dargestellt und bewertet - mit teilweise erstaunlich positiven Leistungen auf Seiten der Schüler. Sein Fazit: Schüler können, wollen und sollen kreativ schreiben.

Darüber hinaus bietet ein eigener Teil des Buches demjenigen, der Anregungen für die eigene Praxis sucht, eine unter Berücksichtigung von Kategorien wie Zieldimension, Jahrgangsstufe und Anspruchsniveau geordnete Übersicht mit über 30 verschiedenen Formen kreativen Schreibens, darunter so verschiedene wie beispielsweise: „Acrostics bilden", „Tagebucheinträge verfassen", „Quellen perspektivisch umschreiben", „zu Bildern schreiben", „Glossen schreiben", „Dialoge und Streitgespräche schreiben", „Lyrik produzieren" u.a.m. Positiv fällt hier auf, das der Autor alle diese Formen mit gelungenen, leicht nachvollziehbaren und verständlichen Beispielen illustriert.

Fazit

Der Titel „Schüler schreiben Geschichte" ist seiner Konzeption nach in der Hauptsache für den Geschichtsdidaktiker in der Schule resp. dem Gymnasium gedacht - der grundsätzliche methodische Zugang zum „Inhalt" Geschichte ist jedoch auf andere Vermittlungskontexte und Schulformen übertragbar, wodurch sich die Zielgruppe der potentiell Interessierten für dieses Werk ausweitet. Wenn auch kreatives Schreiben nicht die Methode der Methoden ist - was Memminger auch gar nicht vermitteln will - so werden dem Leser doch sehr schnell und facettenreich mögliche Anwendungsgebiete der Methode des kreativen Schreibens vor Augen gemalt, die ihm helfen, sein bereits vorhandenes Methodenrepertoire in diese Richtung zu erweitern. Wer also „Vermittlungstätiger" in Bezug auf historische Inhalte ist, für den könnte sich Memmingers Titel in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht zu gleichen Teilen (!) als Inspirationsquelle lohnen.


Titel: Schüler schreiben Geschichte - Kreatives Schreiben im Geschichtsunterricht zwischen Fiktionalität und Faktizität
Autor: Josef Memminger
Erschienen: 2007
ISBN: 978-3-89974384-5

Zu beziehen bei:
www.wochenschau-verlag.de

 
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