Dienstag, 24 Februar 2009 00:00

Gerhard Himmelmann. "Demokratie Lernen – als Lebens, Gesellschafts- und Herrschaftsform"

geschrieben von  Christian Fey
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Wie kann sich politische Bildung in Theorie und Praxis den Herausforderungen der Zukunft erfolgreich stellen? Mit welchem Selbstverständnis und mit welcher inhaltlichen und didaktischen Ausrichtung wird dies gelingen können? Wie kann politische Bildung vor allem im so wichtigen Bereich der Schule bzw. der unterschiedlichen Schulformen und Stufen sinnvoll gestaltet und kohärent umgesetzt werden?

 

Zur Intention des Autors...

Zur Diskussion und Klärung dieser Fragen möchte Gerhard Himmelmann, Professor für Politische Wissenschaft und Politische Bildung im Seminar für Sachunterricht und Politik der Technischen Universität Braunschweig, mit seiner Monographie „Demokratie Lernen - als Lebens, Gesellschafts- und Herrschaftsform" auf 343 Seiten seinen Beitrag leisten. Dies ist für ihn vor allem vor dem Hintergrund der hohen Bedeutung einer erfolgreichen politischen Bildung für den Bestand unserer gesellschaftlichen Ordnung dringlich, denn „Demokratie muss in jeder Generation neu erworben werden" (Münchner Manifest vom 26. Mai 1997).
Himmelmanns Vorgehen besteht darin, den Begriff der politischen Bildung zunächst in seiner Vielfalt und seinem Facettenreichtum, aber auch in seiner scheinbaren Beliebigkeit und unklaren Identität in seiner historischen und aktuellen Situation darzustellen, um sich auf die Suche nach einem integrierenden Konzept zu machen, das sich sowohl für vergangene wie auch aktuelle Ansätze der allgemeinen und schulischen Bildung - und natürlich im speziellen auch der politischen Bildung - als anschlussfähig erweist. Es geht also nicht um die Darstellung oder Rechtfertigung eines „neuen" und „besseren" Ansatzes im Sinne einer Polarisierung, sondern um den Versuch einer konstruktiven Weiterführung, in der die Tradition der politischen Bildung in ihrem Kontext gewürdigt und aufgenommen werden soll. Diese Würdigung leistet Himmelmann in professoraler Breite - wenn man diesen Begriff gebrauchen möchte. Sein Beitrag zeichnet sich durch eine große Vielzahl an Bezügen zur Ideengeschichte und Praxis der politischen Bildung aus, in der die jeweils unterschiedlichen Positionen zu den einzelnen Themenbereichen immer zumindest stichwortartig, zuweilen auch ausführlicher, dargestellt werden (man beachte das enzyklopädisch anmutende Literaturverzeichnis von ca. 700 Titeln). Dies gelingt Himmelmann ohne textliche Brüche und ohne den Fluss seiner eigenen gedanklichen Ordnung zu unterbrechen.


Inhaltliches...

In Anlehnung an die Tradition Kurt Gerhard Fischers betrachtet Himmelmann das „Demokratie-Lernen" als die eigentliche Aufgabe und damit auch als das wesentliche Prinzip der politischen Bildung. Damit ist dem Begriff der politischen Bildung, der seiner Natur nach eher amorph und unbestimmt ist, ein konkreter Gehalt zugewiesen. „Demokratie-lernen" ist nun für ihn nicht einfach „nur" das Lernen von Wissen über Demokratie im Allgemeinen, über bestimmte Demokratien oder über konkrete demokratische Prozesse. Der Begriff des „Demokratie-Lernens" ist bei Himmelmann viel weiter gefasst - er wird durch die Teilbereiche „Demokratie als Lebensform", „Demokratie als Gesellschaftsform" und „Demokratie als Herrschaftsform" expliziert, denen der Autor jeweils ausführliche Kapitel widmet.

Unter dem Stichwort „Demokratie als Lebensform" wird ein bis auf John Dewey zurückgehender Traditionsstrang beschrieben, den man als soziale, lebensweltliche oder auch anthropologisch-kulturelle Dimension von Demokratie bezeichnen kann - diese Dimension hat am stärksten von allen dreien einen erfahrungsorientierten und daher individuellen Charakter.
In etwas abstraktere Gefilde führt uns der Autor dann in seinem Kapitel über „Demokratie als Gesellschaftsform". Dort wird in loser Anlehnung an bestehende soziologische Gesellschaftstheorien die freiheitlich demokratische Gesellschaft als ein Gesamtsystem beschrieben, das wiederum durch besondere Regelungssysteme belebt und erhalten wird, die von Himmelmann in Unterkapiteln näher erklärt werden: „Pluralismus und Gruppenkoordination, Konflikt und Konfliktregulierung, Konkurrenz, Markttausch und Solidarität, Offenheit und Öffentlichkeit, Zivil- und Bürgerschaftlichkeit".
Auf der Ebene der „Demokratie als Herrschaftsform" werden dann erwartungsgemäß institutionelle Aspekte einer verfassten demokratischen Grundordnung und deren Funktion und Verhältnis im Gesamtsystem erörtert - insbesondere geht der Autor hier auch auf die konkreten Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland in ihrer historischen Bedingtheit ein. „Demokratie" wird von ihm grundsätzlich als ein sich im Fluss befindendes politisches Experiment gedeutet, dass die Sicherung der grundlegenden Menschenrechte zum Ziel hat.
Gegen Ende seiner Ausführungen bündelt Himmelmann seine vorwiegend fachwissenschaftliche Darstellung und setzt sie fachdidaktisch zum bestehenden Schulwesen in Beziehung - er wählt als programmatisches Schlagwort dafür die Erziehung bzw. Bildung zur „demokratie-kompetenten Bürgerschaftlichkeit". Die Ebenen der Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform werden als zu vermittelnde Schwerpunktsetzungen jeweils den Schulstufen Grundschule, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II zugeordnet. Dabei betont Himmelmann, dass es ihm nicht nur um eine curriculare Strukturierung geht, sondern insgesamt auch ein sich in der Lebenswelt Schule vom Lehrpersonal zu verwirklichendes Handlungsprinzip gemeint ist - der Aspekt der Demokratie als Lebensform sollte sich in diesem Sinn also permanent durch alle Schulstufen hindurch verwirklichen. Als konkrete Hilfestellung für die Umsetzung gibt der Autor dem Leser in recht knapper Form Kompetenz- und Lernzieldefinitionen an die Hand, die durch den Nachtrag zur zweiten Auflage in Form eines eigenständigen Kapitels erfreulicherweise vertieft werden.


Abschließendes...

Auch wenn sich Himmelmanns Titel vor allem an Fachpublikum und an angehende Lehrer der ersten oder zweiten Phase der Lehrerbildung richtet, ist er trotzdem in einer zugänglichen Sprache geschrieben und somit auch für ein breiteres (interessiertes) Publikum verständlich. Die Untertitelung als „Lehr- und Arbeitsbuch" findet sich nach eingehender Auseinandersetzung mit der Struktur von „Demokratie lernen" gerechtfertigt: es gibt sicher Monographien die man einmal lesen und dann gedanklich „abhaken" kann - diese gehört nicht dazu; d.h. dass auch mehrmaliges Lesen hilfreich und das Nacharbeiten oder Erforschen einzelner Abschnitte gewinnbringend sein wird. Dazu sind auch die vom Autor zu jedem Kapitel gestellten „Fragen zum Text", die im Anhang bereit gestellt werden, eine gute Hilfe.

Wer also die eingangs gestellten aktuellen Fragen teilt und für die eigene Praxis und das eigene theoretische Denken nach Lösungsansätzen sucht, oder wer auch einfach nur sein Wissen zur Situation der politischen Bildung in Deutschland verbreitern und besser fundieren möchte, für den wird sich die Anschaffung von Gerhard Himmelmanns „Demokratie lernen" lohnen.


Titel: Demokratie Lernen - als Lebens, Gesellschafts- und Herrschaftsform
Erschienen: Wochenschauverlag, 2007
Autor: Gerhard Himmelmann
ISBN: 978-3-89974162-9
Preis: 23,60 EUR
Zu beziehen bei: http://www.wochenschau-verlag.de/ 

Gelesen 2359 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 14:54
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