Dienstag, 12 August 2008 00:00

„Nation und Exklusion – der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen“ von K. Ahlheim & B. Heger

geschrieben von  Erika Rempel
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Der Satz „Ich bin stolz, Deutsche(r) zu sein" gehörte lange Jahre zum exklusiven Repertoire rechtsextremen Denkens, ist inzwischen aber mehrheits- und mittefähig; nicht erst seit der schwarz-rot-goldenen Euphorie des WM-Sommers 2006.
Dass dieser Stolz der Deutschen, Deutsche zu sein aber nicht frei von Nebenwirkungen ist und wie er mit Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Schlussstrichmentalität in Verbindung steht, zeigt diese Abhandlung anhand vieler aktueller und repräsentativer Daten sowie durch anschauliche Tabellen und Diagramme.

 

Zu Beginn untersuchen die Autoren den Anteil der Menschen, die sehr stolz sind, Deutsche(r) zu sein im zeitlichen Verlauf, nach Altersklassen strukturiert und in Zusammenhang mit der politischen Orientierung. In Deutschland sind wieder mehr Menschen stolz auf ihre Nation, auch Jüngere sind zunehmend stolz und besonders viel Nationalstolz lässt sich in der Gruppe der politisch rechts orientierten finden. Der Anteil „sehr stolzer" Befragter in der Unterschicht ist bedeutend höher, als in der Oberschicht und mehr Menschen ohne Schulabschluss sind sehr stolze Deutsche, als Menschen mit Abitur. Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit Betroffene sind ebenfalls häufiger stolz Deutsche(r) zu sein. All diese Tatsachen mögen vielleicht nicht neu sein, Klaus Ahlheim und Bardo Heger weisen hier aber auf einen selten erwähnten, sehr interessanten Zusammenhang hin:
„..., die Verlierer um Globalisierungs- und Modernisierungsprozess, die etwas suchen, auf das sie gleichwohl stolz sein können, vor und unabhängig von allem eigenen Verdienst und trotz sozialen Abstiegs und gesellschaftlicher Deklassierung - sie finden es in der eigenen Nation, im Deutschsein. Und diese Form von Kompensation, vielleicht gar Eskapismus wird von den Gewinnern des neoliberalen weltweiten Kapitalismus... im Feuilleton und in der Politik auch noch angeboten und propagiert. Nationalstolz erleichtert... 'denen da unten' ihr Los und erleichtert 'denen da oben' ihre Herrschaft und lässt ihre Privilegien nach dem Motto 'Alle in einem Boot, alle im Stolz aufs Vaterland vereint' unangefochten - Nationalstolz als solider Kitt und Garant des gesellschaftlichen Status quo" (Ahlheim, K.; Heger, B. 2008. S. 37f.).

Im folgenden Kapitel wird der deutsche Nationalstolz explizit zur Zeit der Fussball-WM 2006 untersucht und die Ergebnisse belegen den viel beschworenen neuen „unverkrampften" Nationalstolz keinesfalls. Der Anteil der sehr stolzen Befragten steigt von 19 Prozent im Mai 2006 auf schließlich 46 Prozent in der Zeit vom ersten bis zum vierten Juli - nach dem Sieg gegen Argentinien im Viertelfinale. Dieser Anteil sinkt nach der Niederlage gegen die italienische Mannschaft abrupt auf 28 Prozent. Offensichtlich war dieser anschwellende Stolz nicht Ausdruck der Freude der gastgebenden Nation über das gelungene Fussballlfest, denn dieses ging auch nach dem vierten Juli noch weiter. Es lag wohl „... vor allem in dem schönen Gefühl [begründet], zu den Siegern zu gehören - und das ist schließlich so neu nicht" (ebd. S. 47).

Klaus Ahlheim und Bardo Heger beleuchten anschließend den Aspekt der Fremdenfeindlichkeit. Hier zeigt sich unter anderem, dass in Westdeutschland 17 Prozent der Befragten deutlich fremdenfeindliche Einstellungen aufweisen und weitere zehn Prozent dies sogar in starkem Maße tun. Fremdenfeindlichkeit ist also auch im Jahr 2006 noch Thema im Denken vieler Deutscher und benötigt auch keine überdurchschnittlichen Ausländeranteile in der Umgebung der Befragten.
Bei diesem Thema wird in einer weiteren Befragung auch deutlich, dass die Mehrheit der fremdenfeindlich eingestellten Befragten eine der großen Volksparteien wählen würde. Die Autoren kommen also zu dem Schluss: „Fremdenfeindliche Einstellungen sind nicht nur am rechten Rand der Wählerschaft verbreitet, sie reichen weit hinein in die Mitte der Gesellschaft" (ebd. S. 65).

Spannend wird es dann noch am Ende des Kapitels, wo der Zusammenhang von Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit untersucht wird. Hier kommen die Autoren zu dem Schluss, dass der Anteil der Personen mit fremdenfeindlichen Vorurteilen unter den „sehr stolzen" Deutschen mehr als doppelt so groß ist, wie unter den Menschen, die „gar nicht stolz" sind, Deutsche zu sein. „Nationalstolz ist ohne Exklusion, ohne Ausgrenzung der Fremden und Anderen so einfach nicht zu haben..." (ebd. S. 76f.).

Diese Tatsache schafft nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa Probleme, was im vorletzten Teil des Buches beleuchtet wird.

Hier werden die europäischen Länder in der Ausprägung ihres Nationalstolzes miteinander verglichen und die Abschottungsmentalität in Europa anhand vieler Befragungen untersucht. Viele Statistiken lassen Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit als Kompensation gerade der Verlierer des Globalisierungsprozesses erscheinen.

Im letzten Kapitel wird dann noch unter anderem der Zusammenhang von Antisemitismus und Nationalstolz aufgezeigt und das unerfreuliche aber zu erwartende Ergebnis lautet, dass unter den „überhaupt nicht stolzen" Deutschen nur 14 Prozent der Befragten deutlich antisemitische Einstellungen vertreten, während es bei den „sehr Stolzen" 34 Prozent sind.

Klaus Ahlheim und Bardo Heger konnten mit ihrer Untersuchung also zeigen, dass Nationalstolz häufig mit Fremdenfeindlichkeit, antisemitischen Einstellungen und einer Schlussstrichmentalität einhergeht. Dies ist nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa der Fall und zwar „... nicht trotz, sondern als Folge eines entfesselten und globalisierten neoliberalen Kapitalismus" (ebd. S. 115).

Das Buch zeigt endlich eine ganz andere Sicht auf das Thema Nationalstolz und fordert so zur Nachdenklichkeit auf angesichts der allgegenwärtigen nationalstolzen Stimmung.


Ahlheim, K.; Heger, B. (2008):
Nation und Exklusion. Der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen.
Schwalbach, 125 Seiten.
ISBN:978-3-89974391-3
12,80€

Das Buch ist im Wochenschau-Verlag in der Reihe „Politische Analysen" erschienen.

 

Gelesen 1365 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 15:11
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