Donnerstag, 10 Juli 2008 00:00

Dagmar Richter (Hrsg.) (2007): Demokratie-Lernen in der Grundschule. Schwalbach/Ts.

geschrieben von  Irina Schumacher
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Dieses Buch gibt nicht nur die erste Orientierung im Kontext politischer Bildung im Sachkundeunterricht, sondern greift theoretische und praxisorientierte Aspekte des politischen Lernens im Unterricht und außerhalb der Schule auf. Die Autoren ermöglichen mit ihren Beiträgen die Zugangsweise zum Themenkomplex und geben einen umfassenden Einblick in den aktuellen Stand der Forschung. Aktuelle Themen und didaktische Ansätze für den Sachunterricht werden dargestellt und mit Hilfe von konkreten Beispielen für den Unterricht veranschaulicht. Dabei beschränken sich die Beiträge nicht nur auf den schulischen Bereich, sondern greifen übergreifende und außerschulische Aspekte auf.

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Der erste Teil fasst thematisch die Beiträge zusammen, die Orientierung und Rahmenbedingungen des Themenfeldes klären.
Im ersten Beitrag analysiert Peter Massing drei Ansätze der politischen Bildung in der Grundschule. In diesem Zusammenhang wird die kontroverse Debatte um konzeptionelle und didaktische Umsetzung der Politischen Bildung „von Anfang an“, also schon in der Grundschule, geführt. Dieser Beitrag setzt sich mit den drei Hauptrichtungen in dieser Debatte auseinander und untersucht diese auf ihre Ansatzpunkte, die von den Aspekten des sozialen Lernens bis hin zu politischem Lernen reichen und in ihrem gemeinsamen Schnittpunkt „Demokratie-Lernen“ zu stehen scheint. Wie nun fachdidaktische und methodische Schritte mithilfe von Basiskonzepten zu erarbeiten sind, kann auf unterschiedlichen Wegen geschehen. Allerdings sollte es im ersten Schritt über die Differenzierung der Bereiche des Sozialen und des Politischen geschehen.

Dagmar Richter stellt in ihrem Beitrag die Frage nach dem notwendigen Erwerb von politischen Kompetenzen bei Grundschülerinnen und Grundschülern. Dabei verweist sie zu Beginn auf bestehendes Gemenge von sozialen und politischen Lernen in der aktuellen Diskussion, das sich erschwerend auf die Lernzielformulierung und –kontrolle auswirkt. Ferner erläutert sie Kompetenzdimensionen, die sich an einem engen Kompetenzbegriff orientieren. Die erste Kompetenzdimension ist das Fachwissen, das mit dem Bezug auf die Basiskonzepte erörtert wird und zum Schluss anhand einer grafischen Darstellung den Zusammenhang von Fachkonzepten und den Kontexten verdeutlicht. Zu den anderen drei Kompetenzdimensionen, die thematisiert und diskutiert werden, gehören Erkenntnisgewinnung, Kommunikation und Bewertung.

Bernhard Ohlmeier setzt sich thematisch mit den politischen Sozialisationsprozessen von Kindern im Grundschulalter auseinander. Zum besseren Verstehen von Sozialisationsprozessen bei Kindern erläutert er die Zusammenhänge anhand des interaktiven Sozialisationsmodells des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts. Zentral stehen in der Betrachtungsweise dieses Modells die Wechselbeziehungen von politischen Sozialisationsprozessen von Grundschulkindern, die gesellschaftliche Institutionalisierungsprozesse auf der einen Seite und die intrapsychischen Prozesse der Persönlichkeits-entwicklung auf der anderen Seite berücksichtigen. Außerdem bezieht er in seine Analyse die Unterscheidung von weitem und engem Verständnis der politischen Sozialisation ein. Diese komplexen Zusammenhänge bedürfen einer mehrdimensionalen Analyse, die die umfangreichen theoretischen Perspektiven einbezieht.

Anke Götzmann befasst sich mit den Ergebnissen aus der lernpsychologischen Forschung zum politischen Wissen von Grundschülern und gibt dazu einen theoretischen Überblick und erörtert aktuelle Entwicklungen in diesem Themenfeld. Über die Analyse verschiedener empirischer Studien kommt die Autorin zum Ergebnis, dass die Kinder bereits logische Denkstrukturen zu poltischen Aspekten aufweisen und über naive Theorien zur Politik verfügen.

Dagmar Beinzger und Isabell Diehm setzen sich mit der politischen Bildung im Kindergarten und Vorschulbereich auseinander. Im elementarpädagogischen Bereich findet seit der konjunkturellen Debatte in den 50ern und 60ern das Thema politische Bildung oder auch politisches Lernen kaum Interesse. In ihrem Beitrag nehmen die Autorinnen Bezug zu den US-amerikanischen Untersuchungen aus dieser Zeit und kontrastieren diese zu den aktuellen Forschungsansätzen in der politischen Bildung im vorschulischen Bereich. Dominierend erweisen sich in diesem Bereich Ansätze, die die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und Entwicklung von Ich-Stärke implizieren. Im Fazit wird die Bedeutsamkeit des sozialen und politischen Lernens als zwei zusammengehörende Bereiche, die aufeinander bezogen sind hervorgehoben.

Reingard Knauer erörtert in ihrem Beitrag die außerschulische Partizipation von Kindern. Dass die Partizipation von Kindern nicht nur wünschenswert, sondern notwendig ist, steht außer Frage. Das Recht auf Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist auf verschiedenen Ebenen bereits gesetzlich verankert. Somit stellt die Partizipation eine gemeinsame Aufgabe von schulischen und außerschulischen Einrichtungen dar. Wie kann aber die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Entscheidungsprozessen gefördert werden ohne sich auf ein einseitiges Nutzen von Potentialen zu reduzieren. Mit dieser Frage macht die Autorin kritisch auf Nutzen und Rechte von Partizipation Kinder und Jugendlicher aufmerksam.

Der zweite Teil enthält Beiträge, die sich mit Themenfeldern des Unterrichts auseinandersetzen.
Joachim Detjen stellt didaktische Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung im Sachunterricht am Beispiel der Kommunalpolitik dar. Da die Kommunalpolitik zur unmittelbar erfahrbaren Lebenswelt der Kinder gehört, bietet sich gerade dieses Themengebiet für den ersten Zugang zur Politik an. Zunächst gibt der Autor eine Übersicht über die kommunale Selbstverwaltung in Deutschland, um aufbauend darauf konkrete didaktische und methodische Möglichkeiten und Anregungen für den Sachunterricht zu entwerfen sowie anhand Aktionen aus der Praxis zu verdeutlichen.

Jürgen Hasse greift die historischen Wurzeln des Sachunterrichtes, die in der Heimatkunde liegen und im Dritten Reich zu ideologischen Zwecken missbraucht wurden, auf und analysiert den Begriff Heimat in den heutigen Lehrplänen. Weiterführend wird die Bedeutung von Heimat in einer globalisierten Welt erörtert und Ansatzpunkte für eine politische Heimat-Kunde skizziert.

Dagmar Richter fokussiert in ihrem Beitrag „Familie“ als politisches Unterrichtsthema. Der sensible Zugang zu diesem Themenbereich erfordert zunächst eine Auseinandersetzung mit den sozialwissenschaftlichen Fachkonzepten von Familie, um diese von biologischen oder verwandtschaftlichen Beziehungen unterscheiden zu können. Nach der Begriffsklärung werden einige Beispiele für mögliche Zugänge zu diesem Themenbereich, insbesondere durch die Verdeutlichung des Spannungsverhältnisses von privat-öffentlich, vorgestellt. Einen weiteren Themenkomplex stellen die Themen Autorität und Macht mit unterschiedlichen kulturellen und millieuspezifischen Ausprägungen dar. Anknüpfend daran wird das Themenfeld der Kommunikation diskutiert, das mit wachsender partnerschaftlicher Beteiligung von Kindern an Entscheidungsprozessen in der Familie eine zunehmende Aufmerksamkeit und Übung verdient.

Gisela Wegener-Spöhring beschäftigt sich mit den Kinderrechten in der Grundschule. Dazu knüpft sie zunächst allgemein an Rechten, Regeln und Normen an und setzt sie dann kritisch in Bezug zu Rechten und Partizipationsmöglichkeiten an Grundschulen. Wie könnte eine kindgerechte politische Wissensvermittlung gelingen und welche Aktionen gibt es bereits, die die Kinderrechte thematisieren? Mit diesen Fragen und darüber hinaus mit den „Stolpersteinen“ bei einer Kinderrechtsdidaktik setzt sich die Autorin auseinander.

Christiane Dettmar-Sander und Wolfgang Sander diskutieren das Themenfeld Krieg, Frieden, Terror und politische Gewalt im Unterricht. Neben dem Sachaspekt des Themenkomplexes wird seine Bedeutung für den Unterricht in der Grundschule beleuchtet. Dabei zielt der Diskurs in diesem Themenkomplex auf Entwicklung und Förderung friedenspolitischer Urteilsbildung. Wie die Zugänge im Unterricht gestaltet werden können, wird anhand von ausgewählten Beispielen erläutert.

Dietmar von Reeken stellt die Frage nach der Thematisierung von Holocaust und Nationalsozialismus in der Grundschule. Was kann historisches Lernen für politische Bildung leisten? Dabei erfolgt der Bezug des historischen Lernens zur Lebenswelt der Kinder über die Zeitgeschichte. Eine Reihe methodischer Zugänge wie zum Beispiel Zeitzeugenberichte knüpft bei den Themen der Zeitgeschichte auf gezielt auf Erfahrungslernen an, das den für das Lernen wirksamer erscheint. Eine wissenschaftliche Debatte über Pro- und Contra-Argumente dieser Fragestellung wurde zwar geführt, lieferte aber keine Lösungen, sondern verwies auf die Notwendigkeit empirischer Forschung und Entwicklung von entsprechenden Lernkonzepten zu diesem Themenfeld.

Joachim Kahlert erörtert die Bedeutung von Umweltbildung im Unterricht der Grundschulen. Dabei hebt er die Relevanz der fächerübergreifenden Gestaltung der Umweltbildung hervor. Exemplarisch wird anhand eines Themenbereiches die Erschließung des Themenkomplexes aus vielperspektivischer Sichtweise erläutert. Anschließend stellt der Autor ein aufgabenorientiertes Beispiel vor.

Eva Gläser setzt sich mit dem ökonomischen Lernen in der Grundschule auseinander. Dabei skizziert sie zunächst den Wandel der Arbeitswelt in unserer Gesellschaft, um anschließend die daraus folgenden Konsequenzen für Kinder zu erläutern. In ihrem Beitrag verweist sie kritisch auf die bestehenden Forschungsdefizite in diesem Teilbereich. Am Ende des Beitrages werden Anregungen zu inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich des ökonomischen Lernens dargestellt.

Christian Boeser erörtert die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für den Unterricht in der Grundschule. Nach der theoretischen Einführung in das Themenfeld der Geschlechterverhältnisse wird die Frage nach den Konsequenzen aus diesen theoretischen Positionen gestellt und in Hinblick auf die Politik diskutiert. Wie sich die Kategorie Geschlecht im schulischen Unterricht auswirkt, zeigen diverse Forschungsrichtungen, die wie beispielsweise feministische Schulforschung seit den 80er Jahren in diesem Bereich forschen. Insgesamt können anhand von zahlreichen Forschungsergebnissen Unterschiede in geschlechtstypischem Verhalten und bei Lernvoraussetzungen festgehalten werden. Das bedeutet für die Lehrenden, die Barrieren die dabei entstehen im Unterricht zu überwinden, was durch eigene Reflexion und den Einbezug von Kategorie Geschlecht geschehen kann.

Petra Wagner diskutiert die Bedeutung des politischen Lernens in der Einwanderungsgesellschaft. Mit Hilfe von anschaulichen Beispielen erklärt die Autorin, welche Herausforderungen auf Mitarbeiter von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen zukommen und setzt sich darüber hinaus kritisch mit den Ansätzen der interkulturellen Pädagogik auseinander. In diesem Zusammenhang werden Ziele und Ansätze von einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung erläutert.

Der dritte Teil enthält Beiträge zu den Zugangsweisen und konkrete Praxisbeispiele zum Thema politischen Bildung von Anfang an.
Georg Weißeno, Gérald Schlemminger und Anke Götzmann stellen eine Unterrichtseinheit „Brauchen wir ein Markendorf in Roppenheim?“ vor. Ferner werden Ziele, Hintergründe und Zusammenhänge der Unterrichtsreihe erläutert. Dazu gibt es exemplarisch einen Vorschlag für die Umsetzung im Unterricht mit entsprechenden Vorschlägen für die Unterrichtsmaterialien.

Im Beitrag von Hans-Werner Kuhn geht es um politische Medienkompetenzen. Der Autor stellt das Themenfeld vor und gibt zusätzlich ergänzende Informationen über die empirischen Befunde. Nachfolgend werden anhand von Unterrichtsbeispielen die Möglichkeiten der Realisierung im schulischen Unterricht skizziert.

Carla Schelle und Nina Meister stellen ästhetische Zugänge zu politischen Themen vor und erläutern didaktische und methodische Überlegungen dazu. Am Beispiel von zwei Bildern werden thematische Zugänge und methodisch-didaktisches Vorgehen des ästhetisch-politischen Lernens in der Grundschule plastisch dargestellt.

Schulung der Urteilskraft steht im Zentrum des Beitrages von Markus Tiedemann. Nachdem Philosophieren mit Kindern auf dem Stundenplan vieler Bundesländer steht, setzt sich der Autor grundsätzlich mit dem Beitrag dieser Methode zum demokratischen Lernen auseinander und stellt die Frage, ob Philosophieren ein Teil der politischen Bildung ist. Anhand eines Beispiels wird veranschaulicht, wie die Urteilskraft mithilfe von einem Gedankenexperiment und Gesprächen mit Kindern geschult werden kann.

Im Beitrag von Detlef Eichner geht es um die Möglichkeit einer Fallanalyse im Sachunterricht. Dabei wird diskutiert wie die Fallanalyse zum exemplarischen Lernen beitragen kann und wie diese Möglichkeit konkret in der Planung mit Einbezug der Lebenswelt der Kinder erfolgen kann. Anschließend wird mit einem Beispiel der Inhalt verdeutlicht.

Adressaten dieses Buches

Das Buch richtet sich an pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte, Studierende und Wissenschaftler, die sich mit dem Themenfeld politische Bildung für Kinder im Vorschul- und Grundschulbereich befassen. Die Autoren bieten Orientierung in diesem Themenfeld und die vielseitigen Aspekte des politischen Lernens in schulischen und außerschulischen Einrichtungen. Der erste Teil gibt eine thematische Einführung in das Themenfeld und im zweiten Teilbereich werden weiterführende Aspekte des politischen Lernens erörtert. Die Interessenten finden im dritten Themenbereich praxisorientierte Beiträge, die exemplarisch politische Bildung in verschiedenen Kontexten aufzeigen.

Dagmar Richter(Hrsg.) (2007): Politische Bildung von Anfang an. Demokratie-Lernen in der Grundschule. Schwalbach/Ts.

ISBN: 978-3-8974358-6

29,90 EUR

www.wochenschauverlag.de

Zur Herausgeberin

Dagmar Richter ist Professorin für Sachunterricht und seine Didaktik an der Technischen Universität Braunschweig, FK. 6. Die Forschungsschwerpunkte beinhalten empirische und konzeptionelle Arbeiten für die Schulpraxis. Aktuelle Projekte befassen sich mit der Erforschung des politischen Wissens von Grundschülerinnen und –schülern.

Warum ist dieses Buch lesenswert

Dieses Buch gibt nicht nur die erste Orientierung im Kontext politischer Bildung im Sachkundeunterricht, sondern greift theoretische und praxisorientierte Aspekte des politischen Lernens im Unterricht und außerhalb der Schule auf. Die Autoren ermöglichen mit ihren Beiträgen die Zugangsweise zum Themenkomplex und geben einen umfassenden Einblick in den aktuellen Stand der Forschung. Aktuelle Themen und didaktische Ansätze für den Sachunterricht werden dargestellt und mit Hilfe von konkreten Beispielen für den Unterricht veranschaulicht. Dabei beschränken sich die Beiträge nicht nur auf den schulischen Bereich, sondern greifen übergreifende und außerschulische Aspekte auf.

 Links:

Auf dieser Seite finden Sie eine Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ32-33/2007) zum Thema Politische Bildung in der PDF-Version zum herunterladen. In dieser Ausgabe finden Sie einen Beitrag von Dagmar Richter zum politischen Wissen von Grundschülerinnen und Grundschülern.

http://www.bpb.de/publikationen/CBV2XP

Hier finden Sie einen Betrag von Georg Weißeno, der sich mit dem Thema Standards für die politische Bildung auseinandersetzt.

http://www.bpb.de/publikationen/XXMG1M,0,0,Standards_f%FCr_die_politische_Bildung.htm

Gelesen 2396 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 15:23
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