Donnerstag, 12 Juni 2008 00:00

Wolfgang Sander: Politik entdecken – Freiheit leben. Didaktische Grundlagen politischer Bildung

geschrieben von  Irina Schumacher
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Der Autor zeichnet in seinem Buch die Grundlagen und die aktuellen Entwicklungen der politischen Bildung nach. Dabei geht er in seinen Ausführungen von theoretischen und historischen Vorüberlegungen aus, bezieht dann die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Lernforschung und des Konstruktivismus ein und entwickelt seine Überlegungen weiter in Handlungsvorschläge, die Planung und Vorbereitung von Lernangeboten für diverse Zielgruppen berücksichtigt. Die Auseinandersetzung mit der Lehre und dem Lernen erweitert die Perspektive und gibt aktuelle Entwicklungen auf diesem Gebiet weiter. Dieses Buch ist an alle Lehrenden in der politischen Bildung in unterschiedlichen Institutionen gerichtet.

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Im ersten Kapitel wird die historische Entwicklung der politischen Bildung zu einer wissenschaftlichen Disziplin nachgezeichnet und die wichtigsten Bausteine, wie zum Beispiel der Beutelsbacher Konsens von 1976, genannt, die zu einer klaren Trennung von professionellen Aufgaben der politischen Bildung und subjektiven Einstellungen beigetragen haben und damit zu einer fortschreitenden Professionalisierung dieser Wissenschaftsdisziplin geführt haben. Weiter wird die Entwicklung der Politikdidaktik als Bezugswissenschaft der politischen Bildung erörtert, die mit ihren Höhepunkten in den 70ern die Intensivierung der Forschung unterstützte und darum umso mehr in den 90ern unter der Krisenstimmung und vor allem unter dem Abbau von Professuren litt. Die Kernelemente der Politikdidaktik als ein Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis liegen in der wissenschaftlichen Arbeit, die ihren Beitrag in der theoretischen Reflexion, empirischen Arbeiten und der Entwicklung von Tools für die Gestaltung von Lernumgebungen verankert sieht.
In diesem Kapitel finden Sie weiterführende Exkurse, die die Themen politisches Lernen, historische Erblasten in der Aufgabenzuweisung der politischen Bildung und Paradigmabildung vs. normale Wissenschaft eingehend erörtern.

Politische Bildung in der Demokratie ist Anstiftung zur Freiheit

Das zweite Kapitel fokussiert das Thema Freiheit. Die politische Bildung wird nicht allein auf reine Wissensvermittlung eingeschränkt verstanden, sondern umfangreicher als eine aktive Beschäftigung mit den Regelungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. „Politische Bildung in der Demokratie ist Anstiftung zur Freiheit" (Sander 2007, S. 53). Dabei wird der Begriff Freiheit im Zusammenhang mit Demokratie und Demokratietheorien erörtert. Vertiefend wird auf den Begriff der Freiheit in einer Exkursion eingegangen. Facettenreich setzt sich Wolfgang Sander mit dem Gegenstandsfeld der politischen Bildung auseinander. Er zeigt das Dilemma zwischen der Leitidee der begleiteten Unterstützung einerseits und Eingrenzung und Auswahl des politischen Lerngegenstandes andererseits. Außerdem stellt er die Frage nach den Themengebieten der politischen Bildung, die zum einen aus den Wissenschaftsdisziplinen der Politikwissenschaft erwachsen und zum anderen nicht zwingend dieser zuzuordnen sind, weil das Politische den Lebenszusammenhang und gesellschaftliche Veränderungsprozesse impliziert. Aus diesen Fragen und Überlegungen heraus leitet er die Definition der politischen Bildung ab.
Im darauffolgenden Abschnitt werden Ziele und Kompetenzen der politischen Bildung diskutiert. Inhaltsreiche Leitbilder der politischen Bildung stehen dem Ziel der freiheitlichen Selbstentfaltung der Bürgerrolle entgegen und unterliegen der Gefahr zum Spielball politischer Interessen instrumentalisiert zu werden. Dagegen zeichnen sich fachspezifische Kompetenzen durch den Erwerb von politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit aus. Die politische Bildung muss nicht nur das Wissen, sondern auch die methodische Fähigkeiten vermitteln und auf professionelle Weise unterstützen können.

Soziales Lernen mit politischen Seiten im Kindergarten - politische Bildung in der Schule

Im dritten Kapitel werden die Praxisfelder politischer Bildung erläutert. Zunächst geht es um die vorschulischen Lernorte in der politischen Sozialisation. Anders als in den 60er und 70er Jahren gilt im Bereich der politischen Sozialisation nicht mehr das Primat der Familie mit prägenden Erfahrungen für das politische Verständnis im Erwachsenenalter. Allerdings stellt Familie die erste Instanz und den ersten Lernort an dem ein Bild von der Welt entsteht. Im Kindergarten sammeln die jungen Bürgerinnen und Bürger ihre ersten Erfahrungen mit den Regeln des Zusammenlebens. Darüberhinaus bildet der Kindergarten in seiner Pluralität an sozialen und kulturellen Differenzen unserer Gesellschaft ab. Eine Reihe wichtiger Gedanken zum politischen Lernen und zu den politischen Seiten des sozialen Lernens im Kindergarten werden in diesem Abschnitt erörtert. Substanzielle Bedeutung als Lernort der politischen Bildung hat die Schule. Hier findet das fachlich professionalisierte Lernangebot in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit politischen Themen statt. Kritisch werden die Entwicklungen im Politikunterricht und der Politikdidaktik in Schulen analysiert. Dazu werden weiterführende Gedanken zu Tendenzen schulischer Modernisierung in einem Exkurs erläutert.
Im Vergleich zur Vorschulerziehung entwickelt sich die politische Bildung im Grundschulalter weiter, weil sich die Erfahrungsbereiche, Interessenshorizonte und kognitiven Fähigkeiten der Grundschulkinder vergrößern. Auf diesen Entwicklungsfortschritt kann mit didaktisch-methodischen Arrangements aufbauen, die eine Lernkultur der Selbständigkeit fördern, neue Lernpotenziale erschließen und die aktive Beteiligung der Kinder gezielt fördern.

Fächerübergreifende Kooperation mit enormen Stellenwert

Der Fachunterricht in den Sekundarstufen erfordert eine Integration weiterer Fragen, wie beispielsweise aus der ökonomischen Fachrichtung, in das Fach der politischen Bildung, weil diese Bereiche im Alltag eine große Nähe aufweisen und miteinander verknüpft sind. Allerdings sollte im Fach die politische Urteilsbildung gefördert werden, was die Konzentration und Vermittlung von politischem Wissen erforderlich macht. Ähnliche Abgrenzungsprobleme bestehen im Bereich des sozialen Lernens. Zur besseren Zielkontrolle im Fach politische Bildung wurden Mindestkompetenzen definiert, die im Laufe der Schulzeit im Fach erworben werden sollten. Wolfgang Sander betont, dass für die Förderung der Urteilsbildung eine fächerübergreifende Kooperation und eine sinnvolle Vernetzung verschiedener Fachthemen von einem enormen Stellenwert sind. Solche fächerübergreifenden Netzwerke und Projekte fördern die Schulkultur und stellen zugleich Möglichkeit zur Partizipation von Schülern an schulinternen Entscheidungsprozessen.

Außerschulische politische Bildung beruht auf Freiwilligkeit

Während in der Schule die politischen Kenntnisse im Fachunterricht vermittelt werden, gründet die außerschulische politische Bildung auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Bei der Thematisierung der außerschulischen politischen Bildung ist zum einen zwischen unterschiedlichen Zielgruppen und zum anderen der Pluralität an freien Trägern zu unterscheiden. Bei der Gruppe der Jugendlichen geht es um die Begleitung zur Bürgerrolle, während politische Erwachsenenbildung professionelle Dienstleistungen für Bürger anbietet. Diese Heterogenität an Ziele und bestehenden Kompetenzen wird in diesen Beiträgen kurz dargestellt.Führen oder wachsen lassen?Das vierte Kapitel widmet sich den Fragen der Lehre und des Lernens in der politischen Bildung. Zunächst findet eine begriffliche Auseinandersetzung mit dem Begriff Lernen statt. Dabei werden theoretische Bezüge zur Begriffsklärung herangezogen und das Begriffsverständnis bestimmt. Dabei bezieht der Autor die aktuellen Erkenntnisse aus der Gehirnforschung in seine Überlegungen ein. Eine weiterführende Auseinandersetzung mit Aspekten konstruktivistischer Theorie zum Lernen findet in der Exkursion statt. Zu Beginn seiner Erläuterungen zur Rolle des Lehrenden in der politischen Bildung, stellt er mit Worten von Theodor Litt die bekannte pädagogische Frage nach der Aufgabe des Lehrende im Verhältnis zum Lernenden: „Führen oder wachsen lassen"? Aus dieser Argumentation heraus wird die Aufgabe des Lehrenden auf das „Begleiten" zusammengeführt und mit Hilfe von Kompetenzanforderungen an Lehrende näher erläutert. Darüberhinaus stellt er die Frage, was man in der politischen Bildung über Politik lernen kann. Um diese Frage beantworten zu können, betrachtet er nicht nur die didaktischen Aspekte hinsichtlich der Lerngegenstände der politischen Bildung, sondern analysiert im Weiteren mithilfe von verschiedenen Zonen des Politischen, die von der Oberfläche bis zum Kern die Repräsentanzen und Konstruktionen von Politik abbilden, die Lerngegenstände. Im Anschluss daran geht es um die Tools für die Planung von Lernangeboten in der politischen Bildung. Insgesamt werden vier Tools vorgestellt, die sich inhaltlich mit den Bereichen Didaktik, Grundsituationen des Lernens, Methoden und Medien befassen.
Das letzte Kapitel bietet eine Zusammenfassung von dargestellten Gedankengängen und inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Lerngegenständen der politischen Bildung. Es leitet thematisch zur Erörterung von Vorbereitung und Planung von Lernangeboten in der politischen Bildung. Der Autor bietet konkrete Vorschläge und erörtert systematisch die Einflussfaktoren, die signifikant für die Planung des Lernangebotes sind. Darüber hinaus diskutiert er die Probleme der Leistungsbewertung im Fachunterricht, sowie die Besonderheiten in der Planung der außerschulischen Lernangebote, die ein besonders Augenmerk auf die Bedarfsanalyse und Analyse der Zielgruppe legen sollte.

Adressaten dieses Buches:

Das Buch ist an Lehrerinnen und Lehrer, sowie andere pädagogische Fachkräfte gerichtet, die politische Bildung zum Lerngegenstand innehaben. Es richtet sich an Mitarbeiter in verschiedenen Institutionen und behandelt keine spezifischen Thematiken, sondern erläutert die grundsätzlichen Themen und Fragestellungen der politischen Bildung. Es gibt einen ersten Überblick zu didaktischen Grundlagen der politischen Bildung und geht konkret auf verschiedene Zielgruppen in institutionellen Einrichtungen ein. Die Auseinandersetzung mit der Lehre und dem Lernen erweitert die Perspektive und gibt aktuelle Entwicklungen auf diesem Gebiet weiter. Dieses Buch ist an alle Lehrende in der politischen Bildung in unterschiedlichen Institutionen gerichtet.

Warum ist dieses Buch lesenswert?

Dem Autor ist es gelungen traditionelle Richtungen der Didaktik in der politischen Bildung mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Gehirnforschung und Konstruktivismus zu verbinden und daraus gewinnbringende Gedanken zur Gestaltung des Fachunterrichtes zu entfalten. Außerdem geht er in seinen Ausführungen zunächst von den theoretischen Vorüberlegungen aus und entwickelt sie dann zu konkreten Handlungsmöglichkeiten, die in der Vorbereitung und Planung von Lernangeboten verankert werden können.

Wolfgang Sander (2008 3.Auflage)
Politik entdecken - Freiheit leben.
Didaktische Grundlagen politischer Bildung.
Wochenschau Verlag. Schwalbach/Ts.
ISBN: 978-3-89974386-9
19,80 EUR

www.wochenschauverlag.de

Zum Autor:

Prof. Dr. Wolfgang Sander forscht seit vielen Jahren im Bereich Didaktik der politischen Bildung und hat eine Professur am Institut für Didaktik der Sozialwissenschaften in Gießen. Seit 2002 ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundeszentrale für politische Bildung und des Wissenschaftlichen Ausschusses des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte konzentrieren sich vor allem auf die Geschichte, Theorie und Didaktik der politischen Bildung in Schule und Erwachsenenbildung. Weitere Forschungsschwerpunkte beziehen sich auf das medienbezogene Lernen und digitale Medien in der politischen Bildung.

Links:
Hier finden Sie einen Aufsatz von Wolfgang Sander zum fächerübergreifenden Zusammenhang der politischen Bildung.
http://www.sowi-online.de/reader/integration/05beitrag.htm#a4

Auf dieser Seite finden Sie verschiede Texte zu Grundlagen, Zielen und Aufgaben der Politikdidaktik.
http://www.dadalos-d.org/politikdidaktik/grundkurs_1/grundlagen.htm

Gelesen 2077 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 15:31
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