Donnerstag, 08 Mai 2008 00:00

Siegfried Frech und Karl-Heinz Meier-Braun: Die offene Gesellschaft. Zuwanderung und Integration

geschrieben von  Irina Schumacher
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Die Autoren dieses Buches beleuchten das Thema der Zuwanderung und Integration aus diversen Blickwinkeln heraus. Den Herausgebern ist es gelungen, interessante und aktuelle Beiträge zu diesem Thema zusammenzustellen, ohne das vielfach diskutierte Thema stereotyp erscheinen zu lassen. Die geschichtlichen Wurzeln der Zuwanderung in Deutschland geben dem Leser einen aufschlussreichen Überblick zum Thema und ermöglichen eine weitere thematische Vertiefung und Auseinandersetzung mit den Aspekten der Zuwanderung und Integration. Interessant sind die aktuellen Bezüge, die Autoren in Ihren Beiträgen herstellen und dem Leser den neuesten Wissenstand bieten und zum Weiterdenken anregen.

Inhaltliche Zusammenfassung

Die Autoren dieses Buches setzen sich mit einem hochgradig emotional besetzten Themenfeld aus verschiedenen Blickwinkeln auseinander und beleuchten diverse Aspekte der Thematik Zuwanderung und Integration. Den Herausgebern ist es gelungen eine sinnvolle und interessante Zusammenstellung von Beiträgen zu erreichen, die die Aspekte der Zuwanderung auf eine gehaltvolle Art und Weise erörtern, ohne die Thematik erneut platt zu walzen.

Zu Beginn wird ein historischer Überblick zur politischen Entwicklung in der Zuwanderungspolitik gegeben. Karl-Heinz Meier-Braun erläutert mithilfe von sieben Phasen den politischen Wandel in Deutschland bezüglich der Einwanderung. Er stellt die wichtigsten Entwicklungen und Hintergründe der jahrzehntelangen Politik dar. Die erste Phase der Ausländerpolitik war geprägt durch die deutsche Arbeitsmarktpolitik und dem Wiederaufbau im Nachkriegsdeutschland. Im geschichtlichen Verlauf veränderten sich die Motive und Argumentationen, die politischen Zielrichtungen der Einwanderung standen unter dem Einfluss der Wirtschaft oder auch der Wahlkampagnen. Treffend werden gesetzliche Entwicklungen in den einzelnen Phasen beschrieben und ihr Einfluss auf den weiteren Hergang nachgezeichnet. Den aktuellen Stand der Zuwanderungspolitik diskutiert der Autor in der siebten Phase. Diese Phase steht unter der Überschrift: Integration wieder im Mittelpunkt? Das Fragezeichen deutet auf die kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Entwicklung in den Fragen der Integration hin.

Im nächsten Kapitel erläutert Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, die Schlüsselkonzepte und Hauptaufgaben der Bundesregierung in den Fragen der Zuwanderung und Integration.

Dieter Oberndörfer diskutiert die zentralen Aufgaben eines Einwanderungslandes und setzt sich mit der Frage auseinander, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Besonders kritisch wird das „Einwanderungsbegrenzungsgesetz" diskutiert. Er zeigt die facettenreichen Aspekte dieses Gesetzes, das vielerlei Prüfungen und Verordnungen unterliegt und allerlei begrenzt statt erlaubt. Am Ende seines Beitrages wendet er sich gegen statisch definierte „Leitkultur" in Deutschland, die scheinbar geschützt und bewahrt werden muss, und setzt sich für ein neues Verständnis der deutschen Kultur ein, welche Weltoffenheit und Pluralismus einbezieht und wandlungsfähig ist. „Integration der Migranten ohne Akzeptanz kultureller Verschiedenartigkeit durch die Mehrheit ist nicht möglich" (Oberndörfer 2007, S. 84).

Der populistische Begriff von der „Parallelgesellschaft" wird von Matthias Micus und Franz Walter diskutiert. Mythen und Bedrohungsszenarien werden in uns wachgerüttelt und ein Bild der Abgrenzung erscheint vor dem inneren Augen. Welche gesellschaftlichen Gruppen fallen unter den Begriff „Parallelgesellschaft"? Und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sind dazu vorhanden? Diese Fragen werden in diesem Beitrag kontrovers beleuchtet. Der Prozess der Abgrenzung und die kulturellen Folgen solcher Prozesse führen zur neuen „Kultur der Armut", ohne Wertmaßstäbe, konsumorientiert und determinieren ein Aufwachsen im kulturellen Vakuum.

Die erschreckenden Ergebnisse der PISA-Studie zur Benachteiligung der Migrantenkinder im Bildungsprozess werden vielfach diskutiert. Inken Keim und Rosemarie Tracy setzen sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich Spracherwerb und -kompetenzen von Migrantenkindern auseinander. An konkreten Beispielen werden wissenschaftliche Erkenntnisse zum bilingualen Spracherwerb erläutert. Im Fazit wird eine Forderung nach mehr gezielter Förderung für mehrsprachige Kinder aufgestellt.

Andreas M. Wüst setzt sich mit dem Wahlverhalten von Migrantinnen und Migranten auseinander. Des Weiteren diskutiert er die politische Repräsentation dieser Gruppe. In seinem Beitrag hebt er die Wichtigkeit der politischen Integration von Migranten für den Akkulturationsprozess in unserer Gesellschaft hervor. Genauer geht dieser Beitrag auf die Zielgruppe der Migranten als Wähler ein und analysiert neben dem Wahlverhalten der Migranten in der Bundesrepublik diese Wählergruppe im Ausland. Anschließend wird die politische Repräsentation von Migranten, insbesondere als Kandidaten beleuchtet.

Welche wirtschaftlichen Folgen die Zuwanderung mit sich bringt, fragt in seinem Beitrag Thomas Straubhaar. Die Zuwanderung stellt nicht nur ein aktuelles Anliegen dar, sondern wird auch zukünftig anhalten und aktuell bleiben. Im Fokus seiner Darstellung steht neben dem ökonomischen Aspekt der Zuwanderung, die theoretischen Hintergründe zum Thema Zuwanderung und Wirtschaft und der Zusammenhang zwischen der Zuwanderung und den sozialen Leistungen. Im Fazit bleibt er unschlüssig, die ökonomischen Vor- und Nachteile von Zuwanderung machen die überfälligen Strukturreformen nicht überflüssig.

Den Einfluss der Migration auf die Altersstruktur erläutert Herbert Brücker. Er zeigt anhand von Zahlen und Tabellen die Altersentwicklung in Deutschland und die Effekte der Zuwanderung auf die Altersstruktur. Vor allem geht er auf die Frage ein, ob der demografische Alterungsprozess durch mehr Zuwanderung positiv beeinflusst werden kann. Dabei gelingt es ihm, die komplexen Zusammenhänge der Einwanderung auf den Wohlfahrtsstaat aufzuzeigen und kritisch darzustellen.

Massenmedien beeinflussen in vielerlei Hinsicht die Meinungsbildung in der breiten Bevölkerung. Ob nun die Medien die Vorurteile abbauen oder verstärken, beleuchtet Christoph Butterwege in seinem Beitrag. Negative Schlagzeilen und vor allem auf die Kriminalität reduzierte Beiträge der Medien verstärken die Vorurteile gegenüber Ausländern, Aussiedlern und Asylbewerbern. Kritisch setzt es sich mit konkreten Beiträgen in der Presse auseinander und weist auf unseriöse Praktiken hin, die Ängste und Ablehnung schüren statt Toleranz und Verständnis für Multikulturalität zu fördern.

Adressaten dieses Buches

Das Buch ist für alle LeserInnen interessant, die sich mit dem Thema der Einwanderung und Integration aus diversen Blickwinkeln auseinandersetzen wollen. Die Beiträge diskutieren kritisch und vielseitig das Thema der offenen Gesellschaft. Die Leser können auf einen präzisen historischen Hintergrund zurückgreifen und bekommen darüber hinaus Informationen zu aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen in diesem Themengebiet. Wer präzise und aktuelle Informationen zu diesem brisanten und vielfach diskutierten Thema sucht, findet in diesem Buch kritische und interessante Beiträge.

Warum ist dieses Buch lesenswert?

Vielfach werden Argumente in der Debatte um Migration und Integration gebracht, die sehr plakativ und oberflächlich formuliert sind. Dieses Buch greift viele Aspekte der Migration aus gesellschaftlicher, ökonomischer, sozialer und medialer Perspektive auf und setzt diese zu einem kritischen Ganzen zusammen. Insgesamt liefert das Buch zum einen Hintergrundwissen über gesetzliche und politische Entwicklung in der Einwanderungsfrage und zum anderen neue Aspekte in Fragen der Integration.

Die Herausgeber

Siegfried Frech ist Referent der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und dort für die Zeitschrift „Der Bürger im Staat" und die Didaktische Reihe zuständig. Er hat einen Lehrauftrag (Didaktik politische Bildung) am Institut für Politikwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun ist seit vielen Jahren als Wissenschaftler, Journalist und Berater im Bereich der Integrations- und Ausländerpolitik tätig. Er leitet die Abteilung SWR International beim Südwestrundfunk in Stuttgart, ist dort Ausländerbeauftragter des Senders und Honorarprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Als ausgewiesener Kenner der Materie hat Karl-Heinz Meier-Braun grundlegende Veröffentlichungen zu den Themen Migration, Integration und Ausländerpolitik publiziert.

Siegfried Frech und Karl-Heinz Meier-Braun (Hrg.) 2007:
Die offene Gesellschaft. Zuwanderung und Integration.
Wochenschau Verlag. Schwalbach/Ts.
ISBN:978-3-89974326-5
16,80 EUR

www.wochenschauverlag.de

Gelesen 1655 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 15:38
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