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Freitag, 05 Oktober 2007 00:00

Klaus Ahlheim: Die Gewalt des Vorurteils

geschrieben von  Irina Schumacher
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Eine umfangreiche Sammlung an Texten aus mehreren Jahrzehnten über den Zusammenhang von Vorurteilen und Politik, ihre gesellschaftlich-politische Relevanz und persönliche Auswirkungen auf den Einzelnen. Die „klassischen“ Arbeiten zum autoritären Charakter bilden eine Grundlage für die theoretischen Überlegungen und bieten einen guten Überblick zum Thema. Die zeitgenössischen Texte reflektieren aktuelle und historische Ereignisse im Lichte der Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit. Mit abschließendem Ausblick auf pädagogische Intervention und Prävention thematisiert dieses Buch die Brisanz und andauernde Wirkungsgeschichte des Themas.

 

Zum Autor:

Klaus Ahlheim ist Professor für Politische Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen.

Inhalt - Kurzusammenfassung

Das erste Kapitel – „Sündenböcke, Autoritarismus und Vorurteil“ widmet sich den „klassischen“ Arbeiten zum Thema Vorurteile. Es beginnt mit zwei Texten von Gordon W. Allport, die in den fünfziger Jahren entstanden sind. Der erste Beitrag „Treibjagd auf Sündenböcke“ befasst sich zunächst mit den Ursachen des „Sündenbock-Phänomens“. In Anlehnung an historische Ereignisse werden hier Mechanismen der Diskriminierung erläutert und ihre gesellschaftlich-politische Relevanz dargestellt. Der Autor schafft es aus persönlicher Betroffenheit dieser Personengruppe heraus einen Blick auf ihre Ängste, Gefühle und daraus entstehenden Schuldübertragungen zu richten. Er beschreibt Typen von Sündenpraktikern, ihre Beweggründe und Handlungsweisen. Auch die Seite des Opfers wird analysiert, insbesondere seine Reaktionen auf den Angriff. Anschließend widmet sich der Text den Formen der Sündenbockpraktiken und den Methoden zu ihrer Bekämpfung. An erster Stelle nennt er die Erziehung zur Einsicht und zum besseren Verständnis als eine prophylaktische Möglichkeit zur Bekämpfung von Sündenbockpraktiken. Zu weiterführenden Interventionen gehören die Veränderung der Lebensbedingungen und gesetzliche Methoden zur Bekämpfung von Diskriminierung.Die zweite Arbeit von Gordon W. Allport „Die Natur des Vorurteils“ erschien in Deutschland 1971 und wird häufig zu diesem Thema zitiert. Er setzt sich hier gründlich mit dem Begriff des Vorurteils auseinander und erarbeitet dazu eine Definition, die in der Zwischenzeit allgemeingültig ist. Die darauffolgende Charakterisierung der „vorurteiltaften Persönlichkeit“ erfolgt beruhend auf den damals vorliegenden empirischen Untersuchungen, die zu der Zeit noch in den Anfängen lagen. Das sieht der Autor selbst als eines der Probleme und Kritikpunkte.

Die anschließenden Beiträge dieser Sammlung gehen zurück auf die Studien zum „autoritären Charakter“ von Theodor W. Adorno, die ihre Anfänge in den Arbeiten am Frankfurter Institut haben. Motiviert durch die Fragestellung zu Individuen, deren Persönlichkeitsstruktur sie für „antidemokratische Propaganda“ empfänglich macht, werden basierend auf der Freud`schen Theorie Charakterstrukturen untersucht. Der Text von Max Horkheimer befasst sich mit Untersuchungen, die den „Zusammenhang zwischen politischen Ideologien“ und einer bestimmten „psychischen Beschaffenheit“ aufzeigen. Erich Fromm ergänzt diese Beiträge mit dem Diskurs zur „autoritären Persönlichkeit“. Diese Arbeiten bilden die Grundlage für dieses Thema und geben den tiefen Einblick in ihre Nachhaltigkeit.
Rose Ahlheim stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Sozialisationserfahrungen und Neigung zu Fremdenfeindlichkeit bestimmter Persönlichkeiten auf. Dabei schafft sie es, basierend auf den obengenannten Arbeiten, reflektiert eine Verbindung zu aktuellen Überlegungen herzustellen. Sie bezieht alltägliche Erfahrungen in der Familie aus psychologischem und pädagogischem Blickpunkt heraus in die Reflexion ein. Dabei vereint sie Gedanken zu Sozialisationserfahrungen und Entwicklung des Selbstbildes eines Individuums, indem sie Beziehungsstrukturen innerhalb der Familienmitglieder mitberücksichtigt.
Der letzte Text dieses Kapitels ist aus dem Forschungsprojekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) von Wilhelm Heitmeyer entstanden. Die Autoren erörtern in diesem Beitrag wie Vorurteile aus der politischen Mitte heraus entstehen können, und dass sie in der politischen Mitte bereits angekommen sind. Sie weisen daraufhin, dass die „scheinbare“ Normalität unter wachsender „Macht- und Orientierungslosigkeit“ leicht anfällig für sicherheitsbietende Propaganda sein kann.

Die Kapitel zwei und drei bestehen aus einer Sammlung von Texten, die sich mit speziellen Ausprägungen des Vorurteils befassen. Im zweiten Kapitel wird Antisemitismus thematisiert und unter dem Blickwinkel psychoanalytischer Theorien und empirischer Befunde erläutert. Die Beiträge beleuchten das Thema aus dem historischen Hintergrund heraus und beziehen aktuelle Befunde zu diesem Thema mit ein.
Das dritte Kapitel umfasst das Themengebiet der Fremdenfeindlichkeit. Die Betrachtung des Themas erstreckt sich von der kindlichen Entwicklung bis zum Einfluss der Medien und der Politik auf die Entwicklung von Fremdenfeindlichkeit. Dieses Kapitel rückt das Problem der Vorurteile und der Fremdenfeindlichkeit innerhalb des aktuellen Diskurses in den Vordergrund. Ihre Brisanz entwickelt das Thema aus den wiederkehrenden Schlagzeilen zu fremdenfeindlichen Attacken in Deutschland. Das Problem der Vorurteilstrukturen wird an dieser Stelle unter Einbezug von diversen ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen diskutiert.
Schließlich widmet sich das vierte Kapitel „Vorurteil, Gewalt und Völkermord“ den versteckten Einflüssen von Vorurteilen, die impliziert in politischen Handlungen, in mangelnder Abgrenzung gegenüber diskriminierenden Handlungen oder auch in der Passivität der Politik erscheinen. Der Text von Hajo Funke setzt sich mit dem Rechtsextremismus am Beispiel von Rostock-Lichtenhagen auseinander. Er analysiert die öffentliche Thematisierung der Asylproblematik und die rechtsextremen Ereignisse. Die letzten Beiträge arbeiten konträr zu den vorherigen Arbeiten in diesem Kapitel die historischen Vorkommnisse im Dritten Reich auf. Zum einen setzt sich, die nicht unumstrittene Studie von Daniel Goldhagen über „Hitlers willige Vollstrecker,“ mit den Fragen zu Holocaust auseinander. Zum anderen diskutiert Ulrich Herbert in seinem Beitrag „Die richtige Frage“ kritisch über Befunde zu diesem Thema.
Das letzte Kapitel „Pädagogische Intervention und Prävention“ beinhaltet Texte, die sich dem Thema der politischen Bildung und Aufklärung zuwenden. Am Anfang erscheint als erster Beitrag zu diesem Thema wieder ein „klassischer“ Text, eines der bekanntesten „pädagogischen“ Texten der Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno „Erziehung nach Auschwitz“. Später folgen auch aktuelle Beiträge wie von Georg Auernheimer, der zwei Grundprinzipien gleich zu Beginn des Aufsatzes aufstellt: „den Gleichheitsgrundsatz und den Grundsatz der Anerkennung, verstanden als Anerkennung anderer Identitätsentwürfe“. Aus diesen Grundsätzen heraus leitet er Lernziele für interkulturelle Bildung und Engagement für Gleichheit ab. Am Ende des fünften Kapitels werden Ziele der politische Bildung und ihre praktische Umsetzung erläutert, allerdings ohne konkrete didaktische Ansätze anzubieten. Trotzdem kann man sich praktische Ansätze für die Arbeit z.B. mit rechtsradikalen Jugendlichen gut vorstellen.

Adressaten dieses Buches

Dieses Buch richtet sich, wie der Autor selbst schreibt, an „Lehrende in der politischen Bildung“ und an Schreibende, die sich mit Themen der Politik befassen. Das Buch enthält zwar pädagogische Interventionen, die allerdings nur konzeptionell und nicht in ihrer praktischen Umsetzung dargestellt werden. Die Beschreibungen der praktischen Arbeit mit Jugendlichen dienen als Leitgedanken und Ziele, weniger als direkte Anleitung. Aber gerade deshalb regen sie den Leser an, über konkrete Arbeit und Umsetzung der Inhalte politischer Bildung nachzudenken.


Klaus Ahlheim (Hrsg.):
Die Gewalt des Vorurteils.
Wochenschau Verlag,
Schwalbach/Ts 2007.

ISBN: 978-3-89974324-1
24,90€

Weshalb ist dieses Buch lesenswert?

Das Buch bietet umfangreiche Hintergrund- und Basisinformationen zum Thema Vorurteil, Diskriminierung und Antisemitismus an. Dem Herausgeber ist es gelungen eine Verbindung zwischen den „klassischen“ Texten und dem aktuellen Diskurs herzustellen. Die notwendigen theoretischen Grundlagen liefern Texte aus den Anfängen der Forschung zum Thema Vorurteile und Autorität. Die aktuellen Arbeiten reflektieren die historischen Ereignisse und diskutieren moderne Befunde zum fortbestehenden Thema des Vorurteils. Das Buch ist für alle, die an den Themen zu Diskriminierung, Vorurteile, Autorität, Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus interessiert sind, empfehlenswert. Es bietet die nötige theoretische Fundierung für politische Bildner, die präventive und interkulturelle pädagogische Praxis gestalten und eine differenzierte Behandlung der Thematik ermöglichen wollen.

Weiterführende Links:

Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland - Was heißt Rechtsextremismus?
Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung findet man weiterführende Informationen zum Thema Rechtsextremismus.

Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter - Aus Politik und Zeitgeschichte (B 52-53/2001)
Eine interessante Publikation von Natan Sznaider, die sich mit den Fragen zu Globalisierung, Erinnerungen und Terror beschäftigt.

Gelesen 1679 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 17:58
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