Sonntag, 30 September 2007 00:00

SPRACHE - MACHT - DEMOKRATIE - Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft

geschrieben von  Carolin Auner
Artikel bewerten
(0 Stimmen)

Den komplexen wie drängenden Fragen von Integration im Kontext von Migrationsprozessen stellt sich das Praxishandbuch „SPRACHE - MACHT - DEMOKRATIE - Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft“ in seinen theoretischen Ausführungen und pädagogisch-didaktischen Umsetzungen.

Die Aktualität und Brisanz des Themas Integration im Kontext von Migrationsprozessen und speziell gegenüber Einwanderung in Deutschland nimmt stetig zu, ebenso wie die Kontroversen bezüglich der gesellschaftlichen Einstellungen und politischen Interventionen zu diesem Themenkomplex. Seit Januar 2005 regelt das Zuwanderungsgesetz zwar die formalen Gegebenheiten der Einwanderung, die gesamtgesellschaftliche Uneinigkeit über die Gestaltung von „Integration“ wird allerdings nicht beigelegt. In einem Punkt des Diskurses scheinen sich VertreterInnen aus Politik, Verbänden und dem Bildungsbereich allerdings einig zu sein: grundlegende Voraussetzung einer gelungenen Integration von Migranten ist der Erwerb der deutschen Sprache. Zugegeben, eine funktionierende Kommunikation zwischen Menschen kann zum gegenseitigen Verständnis beitragen und soziale Spannungen abbauen - schafft der Erwerb der deutschen Sprache aber auch eine stärkere Identifikationsrate im Bereich der sozialen Integration und gesellschaftlichen Partizipation? Werden Migrantinnen und Migranten tatsächlich besser integriert wenn sie Deutsch sprechen? Und was geschieht mit den identitätsstiftenden Herkunftssprachen der Einwanderer?

Die Publikation widmet sich in einem einführenden Abschnitt grundsätzlichen Überlegungen der Positionierung im Themenbereich „Einwanderungsgesellschaft und Integration“. Das Autorenteam definiert einen dynamischen Integrationsbegriff: Integration sollte als wechselseitiger und gesamtgesellschaftlicher Prozess gesehen werden, anstatt dies nur der „Gruppe“ der Einwanderer abzuverlangen. Auch die Mitglieder der sogenannten Aufnahmegesellschaft müssen die Pluralität der deutschen Gesellschaft anerkennen und zu einem Lern- und Veränderungsprozess bereit sein, um Integration tatsächlich zu ermöglichen. Hierzu gehört aber auch eine wertschätzende Anerkennung der Sprachenvielfalt und die reflektierte Einsicht, wie sehr sich Menschen über ihre eigene (Mutter-) Sprache definieren. Hauptintention ist keineswegs die faktische Bedeutung von Sprache im gesellschaftlichen Zusammenleben zu schmälern – ganz im Gegenteil: Sprache ist nicht nur wichtiges Medium des alltäglichen demokratischen Miteinanders im Gemeinwesen und in der Politik, sie ist vielmehr eine wesentliche Zugangsvoraussetzung zu Partizipation und zur Ermöglichung von Chancengleichheit.

Die gesamte Veröffentlichung möchte durch eine gezielte Auseinandersetzung den Zusammenhang von Sprache, Macht, Demokratie und Partizipation transparent machen und die Teilnehmenden zu einem selbstkritischen wie selbstreflexiven Umgang mit Sprache und Sprachenvielfalt anregen. Es gilt, eigene Deutungs- und Verhaltensmuster im Bereich des individuellen Sprachgebrauchs zu erkennen und produktive Möglichkeiten für einen demokratischen Umgang mit sprachlicher Vielfalt zu erarbeiten. Das zugrunde liegende Ideal dieses Ansatzes ist, Sprache als ein kulturelles Menschenrecht anzuerkennen – um somit ein gelungenes Zusammenleben in der pluralen Einwanderungsgesellschaft zu fördern.

Um die Bedeutung des Spracherwerbs gezielter einschätzen zu können, bieten die Autoren zunächst einen prägnanten Einblick in die deutsche und internationale Integrationsdebatte und die jeweiligen Herangehensweisen in Kontext von Integration und Sprache. Diesen Ausführungen folgen zwei knappe Kapitel, welche Erfahrungen im Themenkomplex „Sprache und Macht“ von Praktikerinnen aus der Jugendarbeit schildern und interessante Impulse aus der Bildungsarbeit liefern.

Die anknüpfende Einführung in den Praxisteil der Publikation bündelt Informationen zum didaktischen Verständnis des Ansatzes und zur Positionierung im Bereich der politischen Bildungsarbeit. Der Lesende wünscht sich an dieser Stelle mehr Hintergrundwissen, gerade im weiten Feld der politischen Bildung. Den Abschluss der einführenden Worte bildet eine Beschreibung der allgemeinen methodisch-didaktischen Umsetzung und des modularen Aufbaus des Praxisteils bzw. des Seminarkonzepts.

Der Praxisteil wird in folgender Weise gestaltet: Neben methodischen Anregungen zur Einführung (Modul 1) und zum nachhaltigen Abschluss (Modul 6) der Thematik, stellen die Autoren vier zentrale Praxis-Module vor, die aufeinander aufbauen. Diese werden mit den Titeln: „Sprache und Identität“ (Modul 2), „Sprache und Macht“ (Modul 3), „Sprache und Demokratie“ (Modul 4) sowie „Umsetzung und Transfer“ (Modul 5) beschriftet und bezeichnen in treffender Weise die jeweiligen Inhalte, die durch eine spannende wie lebendige methodische Aufbereitung mit klarem Aufbau umgesetzt werden. Hierbei wird mit „Sprache“ in all ihren Facetten bewusst provoziert und intensiv gearbeitet. Alle vorhandenen Sprachen und Dialekte der Teilnehmenden werden in der Seminarsituation aufgenommen, nonverbale Einheiten bieten eine zusätzliche Reflexionsebene. Besonders intensiv und herausfordernd sind die Übungen des Moduls „Sprache und Macht“. So werden z. B. die Teilnehmenden in der Übung „Sprache und Unterdrückung“ zu einer Selbstreflexion angeregt, die unter Umständen sehr persönlich werden kann, worauf die Autoren aber in den „methodischen Tipps“ am Ende jeder Methodenbeschreibung bewusst hinweisen. Einige der Übungen sind in ihren Abläufen bzw. in den Auswertungsebenen sehr komplex und setzen einen äußerst professionellen Umgang wie eine reflektierte Haltung der Seminarleitung voraus.

Generell sind die Methoden sehr klar strukturiert, gut nachvollziehbar und laden zum Ausprobieren ein – wie zum Beispiel bei dem Planspiel „Die Schülerzeitung“ (Modul 4 „Sprache und Demokratie“), bei welcher man schon beim Lesen die spannende Diskussion zwischen den unterschiedlichen Positionen vor Augen hat.

Fußnote: Eine äußerst pfiffige Idee des Autorenteams sind die in jedem Kapitel eingebauten „sprachlichen Stolpersteine“, die den Lesenden dazu anregen, seinen eigenen Standpunkt im Themenbereich zu überdenken.

Mit dem Praxishandbuch „SPRACHE – MACHT – DEMOKRATIE“ legen die Autoren eine praxisorientierte Seminarkonzeption vor, die vor allem durch den erfrischenden Ansatz glänzt. Die Veröffentlichung liefert wertvolle Ideen zur Bearbeitung des brisanten Themas „Sprache und Integration“ ohne in semantische Diskussionen, kontraproduktive Parolen oder in eine naive „Multikulti-Romantik“ zu verfallen.

Susanne Ulrich, Florian M. Wenzel
Praxishandbuch SPRACHE – MACHT – DEMOKRATIE
Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft
Wochenschau Verlag , Schwalbach (Ts.) 2006

ISBN 3899742680, 256 Seiten, 19,80 Euro

Carolin Auner ist Koordinatorin der politischen Jugendbildung an der Akademie des Caritas-Pirckheimer-Hauses in Nürnberg und war Leiterin des Projektes zusammen-leben-lernen (www.projekt-integration.de ).  

Gelesen 1192 mal Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 17:59
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten