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Dienstag, 30 September 2008 00:00

Ohlmeier, Bernhard (2006): Kinder auf dem Weg zur politischen Kultur. Hamburg.

geschrieben von  Irina Schumacher
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Wie kann politische Bildung in der Grundschule gelingen? Verschiedene Formen von kindlicher Partizipation werden immer häufiger als Schlüsselbegriffe für das demokratische Lernen in der Schule verwendet. Zumeist werden aber diese Schlagworte inflationär ohne praxisorientierte Anbindung verwendet.

Diese Arbeit setzt sich zum einen mit den grundlegenden theoretischen Aspekten der politischen Bildung bei Kindern auseinander und zeigt zum anderen in der Darstellung von ausgewählten Fällen die Kommunikations- und Handlungsprozesse der Kinder und Lehrer in der Situation einer Klassenkonferenz. Im Zentrum der empirischen Arbeit steht die Analyse der Institutionalisierung einer demokratischen Streitkultur in der Grundschule. Dabei bietet die Klassenkonferenz den forschungs- und unterrichtsmethodischen Zugang zur Erfassung von demokratischen Lernprozessen.

Zum Autor

Bernhard Ohlmeier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Didaktik der Sozialkunde an der Universität Augsburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Politische Bildung in der Grundschule, Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, soziales, moralisches, demokratisches und politisches Lernen, Globales Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie Organisation und fachdidaktische Betreuung von Schulpraktika.

Inhaltliche Zusammenfassung

Die Kinder sind, was ihre politischen Erfahrungen betrifft, keine unbeschriebenen Blätter, stellt Bernhard Ohlmeier gleich zu Beginn seiner Arbeit fest. Sie sind aufmerksame Beobachter, die sich zugleich aus den Erfahrungen ihrer Lebenswelt eigene Gedanken zu konkreten politischen Ereignissen machen und diese Erklärungen in bereits vorhandene Vorstellungssysteme integrieren, oder auch einzelne Informationen zu einer Gesamtheit verbinden. Diese Vorgänge, die bereits bei Kindern im Grundschulalter zu beobachten sind, lassen vermuten, dass die ersten Vorformen von politischen Bewusstseinsstrukturen und erste Ausprägungen sowie Handlungskompetenzen entwickelt werden, die im Hinblick auf praktisch-emanzipatorisches Erkenntnisinteresse in dieser Untersuchung analysiert werden.

Die umfangreiche Arbeit gliedert sich in zwei große Hauptbereiche, welche den theoretischen und den empirischen Zugang vereinigen, wobei sich der empirische Teil auf konkrete Handlungsprozesse bezieht. Im theoretischen Teil wird der aktuelle Forschungsstand im Zusammenhang mit relevanten sozialwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen diskutiert. Anschließend nähert sich der Autor aus der theoretischen Perspektive dem Begriff Kind/Kindheit und integriert die Erkenntnisse aus der Kindheitsforschung in den Kontext der Forschungsarbeit. Mit Hilfe eines Überblicks dazu wird die Lebensphase Kindheit im Gesamtkonzept der Untersuchung verortet und in Verhältnis zur politischen Kultur und den Sozialisationsprozessen gestellt. In den Mittelpunkt der politischen Sozialisation von Grundschulkindern stellt Bernhard Ohlmeier bei der Begriffsbestimmung ihre „politische Subjektwerdung, das heißt die Entstehung und Entwicklung von politisch relevanten und politischen Bewusstseinsstrukturen im Sinne von Verhaltens- und Handlungsdispositionen sowie um die Ausbildung von Verhaltens- und Handlungskompetenzen (...)" (Ohlmeier 2006, S. 113). Der Einfluss politischer Inhalte, im engeren und weiteren Sinne, auf das sich aktiv entwickelnde Grundschulkind findet Erklärung in einem Zugangsmodell, das die produktive Auseinandersetzung und Verarbeitung des Kindes von der äußeren und inneren Realität hinsichtlich politischer Themen und die politisch-gesellschaftliche Umwelt integriert. In weiteren theoretischen Ausführungen findet eine genaue Ausdifferenzierung und Verknüpfung dieser ausgewählten Variablen statt, nämlich der subjektiven Dimension mit den Dimensionen der intermediären Verbindung, d.h. den Instanzen wie beispielsweise Familie oder Schule, sowie der inhaltlichen Dimension, wie beispielsweise soziales oder moralisches Lernen.

Die qualitative Studie zur Institutionalisierung einer demokratischen Streitkultur richtet ihr Interesse auf die demokratischen Lernprozesse der Kinder in den Grundschulklassen. In der vorliegenden Arbeit, die Handlungs- und Kommunikationsprozesse von Grundschülern in Klassenkonferenzen mit einer qualitativen Analyse untersucht, konnten zahlreiche Zusammenhänge zwischen der Entwicklung und Konstruktion von politisch relevanten Persönlichkeitsmerkmalen, Bewusstseinsstrukturen sowie Handlungskompetenzen und den Prozessen der politischen Sozialisation ermittelt werden. Die Ergebnisse der vorgestellten zehn ausgewählten Klassenkonferenzen wurden in den dritten und vierten Klassen der Grundschule und Hauptschule (erste bis sechste Jahrgangsstufe) erhoben. Die Klassenkonferenz wird in Verbindung mit politischer Bildung als „ Zusammenkunft der Schülerinnen und Schüler der Klasse einschließlich ihrer leitenden Lehrkraft, die gemeinsam in Form einer Konferenz über ihre klassenbezogenen Anliegen, Probleme und Vorhaben beraten und entscheiden“ verstanden (Ohlmeier 2006, S. 207). Betrachtet man die Analyse der einzelnen Klassenkonferenzen, werden die Gesprächsverläufe und Beteiligung der Kinder am Thema deutlich, welche ein Bild eines aktiven und am Lernprozess beteiligten Kindes sichtbar machen. Dem Verfasser gelingt es in der Darstellung der Einzelfälle und besonders durch die qualitative Analyse zu verdeutlichen, wie die Kinder innerhalb des methodischen Rahmens der Klassenkonferenz demokratisches Handeln erlernen und praktizieren. Die Auslöser für Klassenkonferenzen weisen zwar unterschiedliche Ursprünge auf, verdeutlichen aber zugleich ähnliche Prozesse in der Entscheidungs- und Gesprächskultur der Klassenkonferenz, die durch die methodisch-didaktische Inszenierung gesichert wird. Dabei gehören folgende Kernelemente zur Klassenkonferenz: Artikulation eines Anliegens/Problems/Vorhabens, Verschiedene Meinungen/Standpunkte, Lösungsvorschläge/Diskussion, Entscheidung/Abstimmung, Aufschreiben und Ausführen der Beschlüsse). Außerdem wird zu Beginn der Klassenkonferenz eine positive Runde eingeführt, in der die Kinder positive Äußerungen aus dem alltäglichen Schulleben vorbringen können. Die Einzelfalldarstellung verdeutlicht das Zusammenwirken der Schülern und der Lehrer in der Klassenkonferenz, wobei die einzelnen Rollen in der Analyse genauer betrachtet werden, sowie praktische Erkenntnisse wie beispielsweise die Wichtigkeit der schriftlichen Fixierung von Lösungsvorschlägen.

Aufgrund der vorliegenden Daten lassen sich drei verschiedene Thementypen von Klassenkonferenzen bestimmen, die ihrerseits themenspezifischen Verläufen unterliegen. Beim ersten Typus handelt es sich um Gespräche, die aufgrund eines unsozialen Verhaltens eines Kindes initiiert wurden. Beim zweiten Thementyp werden Konflikte thematisiert oder bearbeitet und nach Konfliktlösungen gesucht. Während es sich bei den ersten zwei Thementypen um streitbezogene Themen handelt, ist der dritte Thementyp durch problembezogene Gespräche zu charakterisieren. Bei dieser Art von Konferenzen werden bestehende Probleme gemeinsam mit den Beteiligten besprochen und über mögliche Lösungsvorschläge diskutiert, entschieden und deren Ausführung festgelegt. Insgesamt dominieren im Klassenverband Konflikte und die damit verbundenen Verhandlungsaktionen in den Klassenkonferenzen. In der kommunikativen Auseinandersetzung während der Konferenz üben die Kinder Rede und Gegenrede unter der Einhaltung von allgemeinen Gesprächsregeln, welche zur praktischen Einübung von Auseinandersetzung mit sozialen Sachverhalten beitragen und somit politisches und demokratisches Lernen fördern. Die qualitativen Befunde dieser Studie veranschaulichen wie das Konferenzverfahren die Kinder im Grundschulalter in der aktiven Mitwirkung an Diskussions- und Entscheidungsprozessen unterstützt und ihnen die Möglichkeit bietet sich aktiv zu beteiligen. Die Kinder erlernen nicht nur die demokratische Streitkultur, sondern sie lernen zugleich zu verhandeln und über Entscheidungen gemeinsam abzustimmen. Die demokratische Streitkultur, die in der Klassenkonferenz erlernt und eingeübt wird, bildet einen Grundstock für die demokratische Meinungsbildung.

Adressaten dieses Buches

Das Buch ist an Personen in der politischen Bildung, Lehrer/innen, Lehramtsstudierende und Wissenschaftler adressiert, die sich für das Thema demokratische Bildung in der Schule und mit Grundschulkindern interessieren. Es gibt durch die qualitative Analyse und Einzelfalldarstellungen Anregungen zur Gestaltung der demokratischen Schulkultur. Insbesondere Interessenten die demokratische Beteiligung der Schüler in der Klasse fördern wollen können bei der detaillierten Darstellung der Klassenkonferenz-Methode hilfreiche Anregungen holen.

Warum ist dieses Buch lesenswert

Dieses Buch bietet eine tiefgehende theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema politische Bildung mit Kindern in der Schule, die sich zum einen mit der Begriffsklärung und zum anderen mit den thematisch nahestehenden Bezugsdisziplinen genau beschäftigt. Insofern erhält der Leser einen umfassenden Einblick in das Thema und die genaue Problemstellung. Darüber hinaus findet eine fachdidaktische Auseinandersetzung mit der Thematik statt, die gerade für die Lehrenden in der politischen Bildung wichtige Informationen liefert.

Links:

Hierf finden Sie einen Beitrag von Reiner Watermann zum Thema politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen (Aus Politik und Zeitgeschichte 41/2005).

Ein Beitrag von Ralf Schmidt zur Partizipation in Schule und Unterricht (Aus Politik und Zeitgeschichte B 45/2001).

Hier finden Sie Beiträge von Christian Alt, Markus Teubner udn Ursula Winklhofer zur Partizipation in Familie und Schule (Aus Politik und Zeitgeschichte 41/2005).

 

 

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