Mittwoch, 17 Juni 2009 00:00

Was ist Was – Wissen zum Selbstentdecken

geschrieben von  Christian Fey
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Wer kennt sie nicht, die anschaulich bebilderten Bände im Hardcover-Format des Tessloff Verlags, die seit 1963 zu den unterschiedlichsten Themen und Wissensgebieten für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren erscheinen. Es wird nur wenige städtische Büchereien geben, in denen nicht zumindest eine Auswahl aus der inzwischen 127 Titel umfassenden Reihe zu finden ist, deren Autoren sich zum Ziel gesetzt haben, die Informationen für die dargestellten Zusammenhänge verständlich und doch mit einem Anspruch aufzubereiten, der sich in vielen Bereichen auch vor dem eines Schulbuchs nicht zu verstecken braucht.
Wir haben einen Blick in die beiden für den Themenbereich unseres Portals besonders interessanten Bände mit den Titeln „Deutschland" und „Demokratie" geworfen.

Deutschland

Die Herausforderung, ein ganzes Land in einem Band thematisch zu behandeln ist natürlich groß und wurde innerhalb der Reihe daher auch noch nie versucht. Der Tessloff Verlag vertraut diese Aufgabe dem Fernsehmoderator (ARD-Morgenmagazin) und studierten Geschichts- und Politikwissenschaftler Sven Lorig an. Der nimmt die Herausforderung an und stellt sich die Frage: Was ist - bei aller Vielfalt - nun „typisch deutsch"`, was ist „typisch für Deutschland"? Lorig ist sich sicher: „Deutschland ist ein spannendes Land, bei dem es sich lohnt, genauer hinzusehen".
Und so wird der Leser auf 48 Seiten durch die Auswahl „Geografie und Natur", „Schlaglichter der deutschen Geschichte", „Das politische System", „Gesellschaft und Kultur" und „Die deutsche Wirtschaft" geführt. Fällt der Teil über Geografie und Natur mit 4 Seiten noch sehr knapp aus, widmet sich der Autor auf insgesamt 13 Seiten der deutschen Geschichte - dieser Teil wird damit zum ausführlichsten des Bandes und zeichnet die Geschichte des Landes von der Zeit der Römer, über die Reformation, den Dreißigjährigen Krieg, die deutsche Revolution von 1848, die Weimarer Republik und natürlich die beiden Weltkriege und die NS-Diktatur. Besonders lobenswert erscheint die Behandlung des Problems einer gelingenden (demokratischen) Staatlichkeit, die sich zunächst bis zum Punkt der Machtergreifung Hitlers durch die Gesamtdarstellung zieht. Diese Linie wird, nachdem der geschichtliche Teil mit der Wiedervereinigung endet, fortgesetzt: und zwar mit der Erklärung des auf dem Grundgesetz beruhenden politischen Systems, seiner Prinzipien (wie z.B. der Gewaltenteilung) und deren wesentlicher Funktionsträger (wie z.B. Bundestag, Bundesrat und die Parteien).
Nach einer Einordnung Deutschland in den europäischen Kontext widmet sich Lorig im letzten Drittel des Bandes noch gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten und in einem gesonderten Kapitel dem Thema „Wirtschaft". Hier geht er von aktuellen Problemstellungen aus. Beispielsweise behandelt er die bundesdeutsche Gesellschaftsstruktur anhand einer Darstellung der Alterspyramide unter der Frage „Warum überaltert unsere Gesellschaft?" und im Bereich der Wirtschaft behandelt er die Frage der Arbeitslosigkeit und der Globalisierung mit wenigen Zeilen unter dem Aspekt „Welche Probleme hat die Deutsche Wirtschaft?". Abgeschlossen wird der Band mit einer schön gestalteten Zeitleiste in der die politischen (nicht die kulturellen) Ereignisse in und um Deutschland dargestellt werden.

Fazit:

Lorigs Antwort auf die Problemstellung, ein komplexes Land in wenigen Seiten darzustellen, macht einen gelungen Eindruck, wenn auch das Empfinden entsteht, dass die Gewichtung des Bandes doch deutlich von der Sichtweise des Historikers und Politologen geprägt ist - was die Betreiber eines Portals zur Politischen Bildung freut, mag den kulturbegeisterten Germanisten, der sich für Goethe und Schiller dann doch mehr als einen Satz wünscht, betrüben.

Demokratie

Der Band über die „Demokratie" hat es scheinbar leichter, denn sein Thema ist singulär - und so fällt auch die Gliederung als Auswahl der wesentlichen Aspekte leichter. Zunächst werden in einem kurzen Überblick die Kernbereiche dessen vermittelt, was man unter „Demokratie" versteht, z.B., dass Entscheidungen durch Wahlen und Abstimmungen getroffen werden oder dass das Recht bzw. die Verfassung in einer Demokratie an oberster Stelle stehen. Die einzelnen Punkte der Erklärung gliedern sich in überschaubare Abschnitte anhand von Fragen wie „Wofür braucht man einen Staat?", „Was sind die Kennzeichen einer Demokratie?", „Was sind die Menschenrechte?". Diese fragende Struktur zieht sich durch den kompletten Band, der in seinem zweiten Teil die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Demokratie behandelt. Er beschäftigt sich mit der athenischen Demokratie, der Bedeutung der Magna Charta als Idee der Bindung aller Bürger (auch der Könige) an das Recht und der Entstehung des englischen Parlaments. Natürlich fehlt die Bedeutung der Aufklärung und die Französische Revolution nicht. Doch auch auf feinere Zusammenhänge verweist der Autor: zum Beispiel im Zusammenhang mit der Reformation auf die durch sie bedeutend gemachte Idee der Gleichheit der Menschen vor Gott und die daraus entstehende Dynamik für die (Ideen-)Geschichte der Demokratie; oder z.B. auch auf den Zusammenhang, den das sogenannte Hambacher Fest als Vorlauf zur Nationalversammlung und der ersten deutschen Verfassung von 1848 einnahm. Der relativ große historische Abschnitt (15 von 48 Seiten) endet mit der Gründung der Bundesrepublik.
Darauf folgt - wenn man so will - der systematische Teil, in dem die Funktionsweise eines demokratischen Staates erklärt wird. Die Themen hier sind u.a.: direkte und repräsentative Demokratie, Aufgaben des Parlaments, Rolle der Opposition, das Prinzip der Gewaltenteilung. Sicherlich hätte man diesen Teil auch ausweiten können, doch machen die ausgewählten Aspekte in sich und in ihrem Zusammenhang Sinn. Positiv fällt auch der - wenn auch sehr knappe - Seitenblick auf Österreich und die Schweiz in Blick auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zum bundesdeutschen System auf. In einem letzten Abschnitt widmet sich der Autor dem Thema der „Gefährdung und Verteidigung der Demokratie" - es wird versucht den Wert der Demokratie (z.B. auf kommunaler Ebene) und ihre Bedrohung (z.B. durch rechtsextreme Gruppierungen) zu kontrastieren und die Antwort auf die Frage „Warum sich jeder Mensch für Politik interessieren sollte?" zu geben - nicht ohne dabei dem Schreckgespenst der „Politikverdrossenheit" entgegenwirken zu wollen. Das diese moralisierende Art und Weise das Thema zu behandeln, bei Kindern und Jugendlichen nicht unbedingt angebracht und auch vielfach gar nicht nötig ist, zeigt unter anderem der Beitrag „Auslaufmodell Demokratie?" auf unserer Webseite.

Fazit:

Man mag sich über den in dieser Rezension gepflegten doch recht sachlichen Stil wundern, mit dem hier zwei Kinder- und Jugendbücher (!) rezensiert werden. Aus unserer Sicht spricht die Tatsache, dass es überhaupt möglich ist, die beiden Bände in dieser Art und Weise zu besprechen, für ihre inhaltliche Qualität. Sie zeigen, dass konkretes Wissen über Politik und die Geschichte des eigenen Landes für das Alter ihrer Zielgruppe vermittelbar und über eine entsprechend präsentierte Gestaltung durch konkret formulierte Fragen auch Interesse weckbar ist. Jedoch sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sicherlich eine grundsätzliche Neugier auf Seiten des jungen Lesers oder der jungen Leserin vorhanden sein muss, um sich den präsentierten Inhalten wirklich zu widmen - ebenso wie ein gewisses Maß an sprachlicher Grundkompetenz.

Titel und Links

Was ist Was - Band 126: Deutschland
Von Sven Lorig, illustriert von Eberhard Reimann, Hardcover, 48 Seiten, 20,5 x 27,3 cm, ab 8 Jahren, ISBN/Artikelnummer: 978-3-7886-1513-0

Was ist Was - Band 103: Demokratie
Von Claus Peter Hutter, illustriert von Peter Klaucke, Hardcover, 48 Seiten, 21 x 28 cm, mit vielen farbigen Fotos, Zeichnungen und Themenkästen, ab 8 Jahren ISBN/Artikelnummer: 978-3-7886-0666-4

Schon gewusst? Was ist Was gibt es auch im Internet, und zwar als Wissensklub: http://www.wasistwas.de/

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