Freitag, 02 Dezember 2016 19:49

Rezension: "Argumentieren unter Stress – Wie man unfaire Angriffe erfolgreich abwehrt" von Albert Thiele

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Argumentieren unter Stress ist für die Wenigsten ein leichtes Unterfangen. Wer es beherrschen möchte muss zunächst einmal sich selbst, das heißt, die eigenen stressbedingten körperlichen und emotionalen Reaktionen beherrschen. Leichter gesagt als getan. Emotionen wie Angst, Wut oder Empörung hindern uns daran klare Gedanken zu fassen und damit auch auf gewohntem Niveau weiter zu Argumentieren. Jeder kennt das Phänomen, dass einem die eloquenten, humorvollen und schlagfertigen Antworten in der Regel erst dann einfallen, wenn die Situation, in welcher sie eigentlich benötigt werden, lange vorüber ist.

Eine der erfolgreichsten Publikationen zum Thema „Argumentationstechniken“ ist der Ratgeber „Argumentieren unter Stress“ von Albert Thiele. Dieser beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie man in Stresssituationen die Ruhe bewahrt und sich gegen unfaire Angriffe zur Wehr setzen kann.

Wer den Ratgeber zur Hand nimmt, dem werden schnell zwei Dinge klar. Erstens ist er sehr stark auf Geschäftssituationen bezogen: Wie reagiere ich, wenn mich mein Chef zur Schnecke macht, ein Kollege mich mit herablassenden Sprüchen traktiert oder ein Kunde meine Kompetenzen anzweifelt? Wie setze ich mich mit Störenfrieden auseinander, die meinem Geschäft schaden möchten? Was ist bei einem souveränen Umgang mit Pressevertretern zu beachten? Wie präsentiere ich ein Produkt meiner Firma?

Die Fokussierung auf geschäftliche Aspekte des Argumentierens ist – setzt man sich etwas mit dem Autor auseinander – nicht weiter verwunderlich, da dieser hauptberuflich einer Tätigkeit als Managementtrainer nachgeht.

Der zweite auffällige Punkt ist, dass der Ratgeber mehr als nur Argumentationstraining sein möchte. Es werden über die Argumentationstechniken hinaus Lebenstipps gegeben, wie man das Optimale aus sich selbst herauskitzeln kann. Ein regelmäßiges Sportprogramm wird ebenso empfohlen wie eine gesunde Ernährungsweise und Meditationsphasen, um immer 100 Prozent konzentriert am Ball bleiben zu können. Es ist der Punkt, an dem der Autor möglicherweise etwas über das Ziel hinausschießt und der Fähigkeit argumentieren zu können mehr Bedeutung beimisst, als angebracht ist.

 

Stärke und Schwäche

Die große Stärke von „Argumentieren unter Stress“ ist, dass es sämtliche Formen der argumentativen Auseinandersetzung aufgreift – auch die destruktiven – und sich stets um einen konstruktiven Um- und Ausgang bemüht. Von der Vorbereitung auf eine mögliche Konfrontation über die Körpersprache der Beteiligten bis hin zum Umgang mit unfairen Taktiken, Manipulation, Psychotricks oder Schlagfertigkeitstechniken, für jede Situation weiß das Buch einen Rat. Dabei wird stets betont, dass eine Konfrontation in der Regel der schlechtere Weg ist. Auch mal zurückstecken um langfristig erfolgreich zu sein ist stets Tenor. Destruktiven Anfeindungen mit Gelassenheit und Offenheit aber auch mit Schlagfertigkeit und Wachsamkeit zu begegnen – daraus besteht die Kernaussage des Buches. Hierzu werden eine Vielzahl an Techniken, Übungen und Trainings angeboten, um vorbereitet mit entsprechenden Situationen umgehen zu können und eine souveräne Reaktion zu zeigen.

Diese vielleicht größte Stärke von „Argumentieren unter Stress“ kann gleichzeitig jedoch als Schwäche angesehen werden. Beschäftigt man sich intensiv mit dem Buch, bekommt man umfangreiches Wissen und verschiedene Techniken an die Hand, um souverän und überlegen zu agieren. Daraus ergeben sich jedoch auch Probleme: So kann der Leser Gefahr laufen hinter jeder Ecke Manipulationen zu wittern. Mag dies auf Managementebene zwischen konkurrierenden Akteuren oder während zäher Geschäftsverhandlungen der Fall sein, so trifft es doch auf große Teile des Alltagslebens eher weniger zu. Der latente Unterton des Ratgebers jedoch ist, dass der Gegenüber, egal um wen es sich handelt, stets zum Angriff übergehen könnte. Der Begriff Argumentations-AIKIDO, also die Referenz auf einen Kampfsport – und sei er auch vergleichsweise friedfertig – kommt also nicht von ungefähr und sagt vieles über den Ratgeber aus. Es sollte also unbedingt parallel zum Prozess des Aneignens auch ein Prozess der Reflexion und Einordnung des Angeeigneten stattfinden. Ebenso wie (destruktive) Manipulationen durch den Gegenüber eher die Ausnahme sind, ist signalisierte Überlegenheit nicht unbedingt in jeder Situation angebracht. Dies gilt es vor allem zu beachten als angehender Argumentationsprofi.

 

Fazit

Insgesamt kann „Argumentieren unter Stress“ helfen, sich in unangenehmen Situationen argumentativ zur Wehr zu setzen und gleichzeitig offen für den Gegenüber zu bleiben. Es beinhaltet eine hohe Praxisorientierung sowie eine Vielzahl an Beispielen um sich selbst vorzubereiten. Obwohl das Buch grundsätzlich (und so steht es auch in der Beschreibung) an der erfolgreichen Umsetzung eigener Interessen im Allgemeinen und der eigenen Berufskarriere im Speziellen orientiert ist, so kann es doch auch für die Politische Bildung genutzt werden, da die Kernaussage eine positive ist.

 

Politische Bildung

Mit Situationen in denen unter Stress argumentiert werden muss beschäftigt sich auch die Politische Bildung beziehungsweise das Netzwerk Politische Bildung Bayern. Hier wird jedoch vor allem Wert auf den konstruktiven Teil des Argumentierens gelegt. Das erklärte Ziel ist es, den Gegenüber zum Denken einzuladen und ein Gespräch sachlich, offen und vor allem friedlich zu gestalten. Für Interessierte gibt es hier weiterführende Informationen.

 

Gelesen 796 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 07 Dezember 2016 13:12
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