Sonntag, 30 September 2007 00:00

Zukunftswerkstatt

geschrieben von  Christian Boeser-Schnebel

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Die Zukunftswerkstatt ist eine Methode, die bei Prozessen der Bürgerbeteiligung seit über 30 Jahren eingesetzt wird. Sie wird nach wie vor in der politischen Bildung als ein entscheidendes Planungsinstrument angewandt. Im Nachfolgenden werden der methodische Ansatz und die praktische Umsetzung dargestellt. Probleme dieser Methode werden reflektiert und eine methodische Alternative vorgestellt, die sich in jüngster Zeit unter der Bezeichnung „Wertschätzende Erkundung" etabliert.

Hintergrund des Ansatzes

Bei der Zukunftswerkstatt handelte es sich zunächst um eine Methode, die zwei anspruchsvolle gesellschaftliche Ziele verfolgte: Es sollten (1.) ungenutzte Kreativitätspotenziale zur „Verbesserung" der Gesellschaft freigesetzt werden und (2.) die Demokratisierung der Gesellschaft und die Emanzipation der Bürger/innen gefördert werden. Die Förderung von Kreativität und die Ermöglichung von Partizipationserfahrungen machen auch für politische Bildungsprozesse den Charme dieser Methode aus. Zukunftswerkstätten sind ein Arrangement, in dem unterschiedliche Moderations-, Visualisierungs- und Kreativitätstechniken eingesetzt werden. Zentral ist die Abfolge von drei Kernphasen: Kritik-, Utopie- und Realisierungsphase. Je nach Anlass und Zielsetzung können Zukunftswerkstätten zwischen eineinhalb Stunden und fünf Tagen dauern. Bewährt haben sich Zukunftswerkstätten insbesondere für die Problemsensibilisierung, für die Problemdurchdringung und für die Problemlösung.

Geschichtliche Entwicklung

Die Entwicklung der Zukunftswerkstatt ist eng verknüpft mit dem Aufkommen der Umwelt-, Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1960er Jahren und dem damals entstehenden Wunsch nach mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten. Der atomkritische Zukunftsforscher Robert Jungk erkannte die Bedeutung, welche die Antizipation von Zukunftsvorstellungen für die Gestaltung der Gegenwart hat. Jungk wollte deshalb das Instrument der Zukunftsforschung, das bis dato vor allem von Politik, Wirtschaft und Militär genutzt wurde, demokratisieren und damit den Bürgern zu mehr Mitsprache verhelfen.

2007 zukunftswerkstatt robert jungkRobert Jungk, Publizist, Journalist und einer der ersten Zukunftsforscher, wurde 1913 in Berlin geboren. 1952 erscheint sein erstes Werk "Die Zukunft hat schon begonnen" zu Fragen der Zukunft der Menschheit. 1986 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. 1992 trat er als Kandidat der österreichischen Grünen erfolglos bei der Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten an. Er erhielt 5,7 Prozent der Stimmen. Robert Jungk starb 1994 in Salzburg und wurde auf dem dortigen jüdischen Friedhof beigesetzt.

Das gemeinsame Nachdenken von Bürgern über ihre Zukunft sollte in einer Art herrschaftsfreiem Diskurs soziale Phantasie fördern und zu konkreten Veränderungen der Gesellschaft ermutigen. Mit der Popularisierung der Zukunftswerkstatt seit den 80er Jahren als Problemlösungsmethode beginnt zwar einerseits die Grundlegung für den bis heute andauernden Erfolg, auf der anderen Seite verliert der anfängliche politische Anspruch an Relevanz.

Robert Jungks Schilderung zur Entwicklung der Zukunftswerkstatt:

"Bei der Entwickung der Zukunftswerkstatt hat mir ein Schlüsselerlebnis, das ich 1954 in Sizilien hatte, entscheidend geholfen. Und zwar bin ich damals nach Palermo gefahren, um den Sozialreformer Danilo Dolci zu interviewen. Der machte damals einen Hungerstreik, um auf die Unterdrückung der Bauern durch die Mafia in Sizilien hinzuweisen. Er hat also fast drei Wochen lang Hungerstreik gemacht, und die Leute kamen zu ihm, weil sie ihn verehrt haben und wollten mit ihm sprechen.

Und da habe ich zum ersten Mal erlebt, daß er diesen ganz einfachen Menschen gesagt hat: Jetzt sagt doch mal, wie ihr es eigentlich anders haben wollt! Wie müßte es eigentlich sein, wenn die Mafia euch nicht unterdrücken würde? Und da habe ich zum ersten Mal erlebt, nur dadurch habe ich Vertrauen gewonnen, daß Menschen in einem so schnellen Prozeß überhaupt zum Reden kommen, daß sie es wagen zu reden, daß sie es wagen, etwas zu erfinden.

Da habe ich gesehen, wenn das diese ganz einfachen sizilianischen Landarbeiter und Tagelöhner können, dann müßten es ja auch andere können. Ich dachte damals noch, das sei mit anderen Menschen einfacher. Dann habe ich aber herausgefunden, daß der kulturell belastete Mensch es viel schwerer hat, zu seiner Phantasie zu kommen, als jemand, der nicht soviel Wissen besitzt."

Robert Jungk in einem Interview in: Pädagogik, Heft 6/1992, S. 11f.

Relevanz für politische Bildung

Zukunftsorientierung als fachdidaktisches Prinzip will dafür sensibilisieren, dass politische Entscheidungen in der Gegenwart beabsichtigte und unbeabsichtigte Auswirkungen auf die Zukunft haben, und dass diese Folgewirkungen innerhalb von Entscheidungsprozessen antizipiert werden müssen. Methoden, die sich dieser Orientierung zuordnen lassen, sind u.a. Planspiele, die sog. Szenariotechnik und die hier behandelte Zukunftswerkstatt. Die Vorwegnahme von Zukunft wird mit diesen Methoden als wirkmächtige Kategorie für Entscheidungsprozesse der Gegenwart etabliert. Das Besondere der Zukunftswerkstatt ist, dass sowohl durch den Phasenablauf als auch durch den gezielten Einsatz von kreativitätsfördernden Techniken eine Entgrenzung stattfindet, dass also konventionelle Denkmuster und phantasiehemmende Denkblockaden überwunden werden. Dadurch wird eine andere Wahrnehmung von Problemen und letztlich die Entwicklung neuer Lösungsansätze möglich. Außerdem wird der Zukunftswerkstatt eine positive Wirkung auf die Motivation der Beteiligten zugesprochen, was sich dadurch erklären lässt, dass Beteiligung zur Identifikation (mit einem Projekt) führt. Beispielsweise ist die Motivation zur Umsetzung einer Projektidee dann wesentlich größer, wenn man bei der Entwicklung selbst beteiligt war. Im Idealfall entsteht bei einer Zukunftswerkstatt ein „Engelskreis" zwischen den Variablen Beteiligung und Identifikation, die sich wechselseitig verstärken.

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„Wenn wir was zu sagen hätten ..." – ein Beispiel mit Phasen

Zukunftswerkstätten basieren auf fünf Phasen, einer Vor- und einer Nachbereitungsphase sowie drei Kernphasen: der Kritik-, der Phantasie- und der Realisierungsphase. Im Folgenden werden diese Phasen an einem konkreten Beispiel erläutert, welches aus einem Methodenhandbuch von Olaf Albers und Arno Broux stammt. In dem Beispiel wurde anlässlich einer Reform der Erzieher/innnenausbildung mit Schüler/innen einer Fachschule für Sozialpädagogik eine Zukunftswerkstatt durchgeführt: „Wenn wir was zu sagen hätten ... Das Undenkbare denken – Impulse, Ideen und Vorschläge für die zukünftige Ausbildung von Erzieher/innen".

  1. Vorbereitungsphase: Festlegung und Ankündigung des Themas sowie praktische Vorbereitungen (u. a. Terminklärung, Suche nach geeigneten Räumen, Vorbereiten der Räume, Besorgen des Moderationsmaterials, Vorbereitungsmappe mit Artikeln zur Einstimmung der Teilnehmer/innen).
  2. Beschwerde- und Kritikphase: Mit der Kritikphase beginnt die eigentliche Zukunftswerkstatt, deshalb müssen zunächst die Ziele und das Vorgehen der Zukunftswerkstatt erläutert werden. Zentral für die Kritikphase ist das Sammeln von allem, was hinsichtlich der Erzieher/innenausbildung nicht funktioniert und kritikwürdig ist. Möglich ist dies z.B. über Leitfragen wie: „Wenn ich an meine Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher denke, dann missfällt mir vor allem ..." oder „Wenn ich einem Freund oder einer Freundin die Nachteile der gegenwärtig praktizierten Ausbildung erklären sollte, dann würde ich vor allem folgende Schwachpunkte nennen ...". Die Kritikpunkte werden gesammelt, gebündelt und die wichtigsten Aspekte werden gemeinsam ausgewählt.
  3. Phantasie- und Utopiephase: Ziel dieser Phase ist es, über kreativitätsfördernde Methoden eine ideale Vorstellung von der Zukunft zu entwickeln. Ausgangspunkt können die Kritikpunkte der vorherigen Phase sein, die z.B. Anlass für folgende Fragen sein könnten: „Wie lassen sich die ausgewählten Kritikschwerpunkte mit viel sozialer Phantasie und Weitblick lösen?" oder „Angenommen, Ihr habt die Macht und die Möglichkeiten ... die Erzieherausbildung nach Euren Vorstellungen zu gestalten: Welche Verbesserungen und Lösungsmöglichkeiten für die genannten Problemschwerpunkte seht Ihr" ? Die Ergebnisse dieser Phase werden ebenfalls wieder geordnet und nach Bedeutsamkeit gewichtet.
  4. Realisierungsphase: Innerhalb dieser Phase geht es nun darum, einige der entwickelten Vorstellungen in realisierbare Umsetzungsschritte zu transformieren. Leitfrage ist z.B.: „Welche unserer Ideen sollten weiterverfolgt und ausgearbeitet werden?"
  5. Nachbereitungsphase: Die Schlussphase kann entweder direkt im Anschluss an die Realisierungsphase oder mit einigen Tagen Abstand dazu dienen, die gesamte Werkstatt zu reflektieren. Geht es darum konkrete Veränderungen im Alltag umzusetzen, empfiehlt sich ein noch größerer zeitlicher Abstand, um im Sinne einer permanenten Werkstatt die konkrete Umsetzung der Ergebnisse begleiten zu können.

Anspruch, Probleme und Alternativen

Der Erfolg einer Zukunftswerkstatt hängt maßgeblich davon ab, dass der Moderator mit folgenden methodischen Elementen kompetent umzugehen weiß:

  • Teilnehmerorientierte Moderationsmethoden
  • Visualisierungsverfahren
  • Kreativtechniken
  • Entspannungs- und Animationstechniken

Fühlt sich eine Lehrkraft hier unsicher, wäre die Unterstützung durch versierte Kolleg/innen oder durch externe Moderatoren notwendig. Insbesondere ist die Sicherstellung der Konsistenz der Phasen ein anspruchvolles Programm, da es sich bei den drei Kernphasen um prozessorientierte und offene Bausteine handelt.

Wesentlich problematischer ist bei der Zukunftswerkstatt jedoch ein anderer Aspekt, der sich auf die Kritikphase bezieht: Kritik als Ausgangspunkt kann Demotivation und Frustration erzeugen. Bei dem oben beschriebenen Beispiel wurde versucht dieses Problem zu umgehen, indem in der Kritikphase auch nach „Positiven Kritikpunkten" gefragt wurde. Fokussiert wird dieser Aspekt von einer anderen Methode, die in ihrer Grundstruktur zur Zukunftswerkstatt ansonsten sehr ähnlich ist, als Ausgangspunkt nicht das Negative, Problematische und Nicht-funktionierende wählt, sondern das, was funktioniert, was gelingt und worauf man selbst stolz ist. Die Methode der „wertschätzenden Untersuchung" – Appreciative Inquiry – aus der amerikanischen Unternehmensberatung und Organisationsentwicklung erkundet, was bereits funktioniert, versucht die Erfolgsbedingungen zu identifizieren und sucht nach Möglichkeiten, diese Bedingungen häufiger Realität werden zu lassen. Ausgangspunkt für Veränderungen sind bei dieser Methode die Geschichten der Beteiligten über das, was (in der Organisation oder in dem Projekt) Gutes da ist. Eine Auseinandersetzung mit der für Deutschland sicherlich ungewohnten Philosophie von Appreciative Inquiry könnte dazu beitragen, dass sich die Methode der Zukunftswerkstatt weiter entwickelt und dadurch wieder stärker an ihre Wurzeln anknüpft, wo es ja gerade darum ging, Lust auf Beteiligung zu machen. Siehe hierzu ausführlicher den Artikel "Appreciative Inquiry" auf dieser Website.

Weiterführender Link:
www.zwnetz.de
Diese Seite ist ein umfassendes Portal zur Vernetzung von Moderatoren/innen und zum Erfahrungsaustausch rund um Zukunftswerkstätten. Es werden jährliche Treffen veranstaltet, die Methodik, Anwendung und aktuelle Relevanz des Ansatzes diskutieren.

Bildquelle aus: Jungk, Robert / Norbert R. Müllert: Zukunftswerkstätten. Mit der Phantasie gegen Routine und Resignation. München 1989, S. 221

Gelesen 1573 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 05 November 2014 22:33
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