Montag, 19 April 2010 00:00

"Open WriTable“ – Eine Adaption von "Open Space“ durch das Netzwerk Politische Bildung Bayern

geschrieben von  Christian Fey

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© Rolf / pixelio

Methoden spielen eine wichtige Rolle in Vermittlungsszenarios der Erwachsenen- und Jugendbildung. Jörg Knoll zufolge sind Methoden im komplexen Geflecht von Lehr-/Lernsituationen, das von institutionellen Vorgaben, bestimmten Lern- oder Kompetenzzielen, Bedürfnissen und Eigenarten der Zielgruppen, räumlichen und personellen Rahmenbedingungen bestimmt ist, der einzige Faktor, der sich im vollen Zugriff des oder der Lehrenden befindet. Sie sind damit das herausragende Stellrad im System „Bildungs, Lern- bzw. Entwicklungsprozess" und verdienen als Hauptinstrument und Werkzeug des Lehrens und Lernens daher besondere Aufmerksamkeit und Reflexion.

Der Einsatz einer bestimmten Methode in Bildungsprozessen geschieht allerdings nicht aus Selbstzweck und garantiert an und für sich auch weder Erfolg noch Effektivität. Da Methoden nicht als starres Korsett zu verstehen sind, sondern (wiederum im Sinne Knolls) als „helfende Verfahrensweisen" und sie somit „lediglich" eine dienende Funktion erfüllen, müssen Methoden auch zum Gegenstand von Adaption, Innovation und Veränderung werden. Eine solche Innovation soll hier für die Methode „Open Space Technology" vorgestellt werden, sie trägt den Namen „Open WriTable". Sie wird erstmals auf dem Forum des Netzwerks Politische Bildung Bayern 2010 in der Praxis erprobt.

Open Space Essentials

Bei Open Space Technology handelt es sich um eine Methode zur Intervention bei großen Gruppen, die in den letzten Jahren unter dem Slogan „organisierte Kaffepause" (treffender wäre vielleicht: „sich selbst organisierende Kaffepause") eine beachtliche Karriere in der Organisationsentwicklung sowohl im Profit als auch im Non-Profit-Bereich vorzuweisen hat. Sie ignoriert weitestgehend organisationale Hierarchien und setzt ihren Fokus auf direkt Kommunikation und die Erfahrung und Entfaltung von Autonomie und individueller Kompetenz. Ihre Stärken liegen damit vor allem auch in der Ermöglichung echter und individueller Beteiligung von Personen, die Interesse bzw. Leidenschaft für ein bestimmtes Thema mitbringen. Open Space fordert und fördert damit Involvement und persönliches Engagement.
Das Leitbild und Regulativ der Methode ist die Selbstbestimmung des einzelnen Teilnehmers, diese hat selbst vor der Veranstaltung selbst Vorrang - niemand ist gezwungen überhaupt an einer Diskussion teilzunehmen und auch die „Nicht-Teilnahme" wird explizit als adäquate Verhaltensweise integriert.

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"Marktplatz" des Open Space beim 2. Netzwerkforum 2009 in Tutzing

Dabei implementiert Open Space eine quasi basisdemokratische Verfahrensweise der Themenbearbeitung in kleinen Gruppen, indem auf einem sog. „Markplatz" jeder Teilnehmer eigene Themen einbringen und Verantwortung für die Bearbeitung des von ihm eingebrachten Themas innerhalb eines bestimmten Zeitfensters übernimmt. Verantwortung heißt in diesem Fall jedoch nicht, dass die betreffende Person als „Diskussionsleiter" fungiert, sondern lediglich, dass er oder sie der- bzw. diejenige ist, der Zeit und Ort der Diskussion bestimmt und dafür sorgt, dass eine Dokumentation des Diskussionsverlaufs und dessen möglicher Ergebnisse erstellt wird. In der konkreten Umsetzung von Open Space haben sich gerade hier, bei der (verständlichen und nachvollziehbaren) Dokumentation der Kleingruppen immer wieder Schwierigkeiten gezeigt. An dieser Stelle liegt nun die Veränderung der Methode „Open WriTable" gegenüber einer reinen (klassischen) Open-Space-Veranstaltung.

Open WriTable Essentials

Statt eines Verantwortlichen, der für die Dokumentation der Ergebnisse sorgt (bzw. sorgen muss) und somit eine von den restlichen Teilnehmern der Gruppe verschiedene Rolle einnimmt (bzw. nehmen muss), wird diese Dokumentation sozusagen entpersonalisiert. Diese Vorgehensweise entlastet die Gruppe von jeglichen Resten von Rollendifferenzen, die in der originalen Konzeption von Open Space strenggenommen noch existieren. Das Diskussions- und Ergebnisprotokoll entsteht im Verlauf der Diskussion von selbst, und zwar dadurch, das die Diskussion gleichzeitig verbal und schriftlich geführt wird. Dies funktioniert ähnlich einem Schreibgespräch, nur eben nicht stumm und nicht in dessen starrer Reglementierung. Dabei gilt die Regel: Es ist erlaubt, mehr zu sagen, als geschrieben wird - das bedeutet: das Schreiben reglementiert nicht das Sprechen, sondern umgekehrt, das Geschriebene ist im besten Fall Essenz des Gesprochenen. Zu diesem Zweck sind die Tische, an denen die Diskussionsgruppen sich versammeln, mit Papier bespannt und mit ausreichend Schreib- bzw. Zeichenmaterial bestückt, so dass jeder der Teilnehmer die Gelegenheit hat, sich entsprechend der Methode zu beteiligen, ohne das der Gesprächsfluss zu sehr ins Stocken gerät oder gar unterbrochen wird. Die Teilnehmer sind dabei selbst gefragt - und werden für kompetent erachtet - ihre eigenen Ansichten und Anmerkungen zu Papier zu bringen. Dies ist sowohl während als sogar auch noch nach (!) der Gruppenphase möglich - außerdem können jederzeit Ergänzungen vorgenommen werden, wodurch das Protokollieren der Ergebnisse ein ebenso dynamischer Vorgang wird, wie das Wechselspiel von stetig wechselnden Diskussionen und Diskussionspartnern der bei Open Space entstehenden Kleingruppen. Die so entstandenen „Tischprotokolle" können zum Abschluss der Veranstaltung zugespitzt und zum Gegenstand der weiterführenden Diskussion werden (auch über den zeitlichen Rahmen der Veranstaltung hinaus).

Verweise:
Vorstellung der Methode Open Space auf den Seiten des Netzwerks Politische Bildung Bayern

Knoll, Jörg (2007): Kurs- und Seminarmethoden. Ein Trainingsbuch zur Gestaltung von Kursen, Seminaren, Arbeits- und Gesprächskreisen. 11., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Weinheim

Siebert, Horst (2006): Theorien für die Praxis. 2. Aufl. Bielefeld

Owen, Harrison (2001): Open Space Technology - ein Leitfaden für die Praxis. Stuttgart

Gelesen 1032 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 05 November 2014 20:00
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