Samstag, 23 Oktober 2010 00:00

Großgruppenmethoden vergleichen

geschrieben von  Christian Fey

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Foto: Doerthe Winter


Politische Bildung hat es immer wieder mit Gruppen zu tun, die dazu in bestimmte organisationale Zusammenhänge wie Schule, Jugendhilfe- bzw. Bildungseinrichtung eingebunden sind. Zu versuchen, über eine reine Informationsvermittlung hinaus Themen unter dem Gesichtspunkt der Eigenaktivität der Gruppenmitglieder zu bearbeiten, diese Teilnehmer zu aktivieren, ihre Ideen und Konzepte für die Zukunft zu entwickeln und zu vertreten, gehören seit jeher zu den Zielen und Ansprüchen politischer Bildner. Ebenso gehört dazu der Wunsch, die Gruppe oder Organisation selbst (als System) im Sinn politischer bzw. gesellschaftlicher Partzipation zu verändern. Politische Bildung wird diesem Verständnis nach nicht allein als kognitiver Lehrgegenstand, sondern auch als "Praxisprojekt" für die Umsetzung in den konkreten Verhältnissen einer Gruppe bzw. Organisation gesehen. Um dieses "Praxisprojekt" zu verwirklichen bieten sich verschiedene Methoden an, die speziell für größere Gruppen entwickelt wurden. Dazu gehören z.B. Die Moderationsmethode, die Zukunftswerkstatt, die Zukunftskonferenz, Open Space Technology, Appreciative Inquiry, RealTimeStrategicChange oder World Café, u.a.m. Welche Methode ist aber nun im konkreten Anwendungsfall die richtige? Oder gibt es gar keine "richtigen" Methoden? Und wenn es keine richtigen Methoden gibt, gibt es dann vielleicht auch keine "falschen"? Oftmals genießen Großgruppenmethoden ihren eigenen Nimbus und eine echte, reflektierte Orientierung über sie ist nicht leicht herzustellen. Wie ist es möglich, Großgruppenmethoden sinnvoll miteinander zu vergleichen?

Die Methode als Mittelglied zwischen Theorie und Praxis

Eine Methode ist der sprachlichen Ethymologie nach bildlich zu verstehen als ein "Weg", der zu einem gewissen "Ziel" führen soll, und der daher beschritten werden muss, um dieses Ziel zu erreichen. Im Bereich des Praktischen strukturiert eine Methode in der Analogie des „Weges" das Handeln einer Person derartig, dass es dieses Handeln zu einem geplanten und beabsichtigtem Ergebnis führt, welches sich von dem anderer Methoden (anderer „Wege") unterscheidet - man kommt also je nach Methode (wiederum bildlich gesprochen) an einem anderen „Ort" an. Methoden geben also demjenigen, der sie anwendet, eine gewisse Struktur vor.

Es wäre allerdings zu kurz gedacht, Methoden rein praxisbezogen - etwa im Hinblick auf ihre Ergebnisse, ihre Zielgruppen oder ihre Umsetzung - zu bewerten und zu beurteilen. Methoden, insbesondere solche, die komplexer angelegt sind, basieren auf Vorentscheidungen und Annahmen über ihren Wirkungszusammenhang, gründen sich also letztlich auf "Theorien", die als Erklärung oder quasi als Herleitung dafür dienen, warum diese Methoden funktionieren sollen. Diese Annahmen können normativen Charakter haben, so dass sie die Wahrnehmung der Methode und die Ergebnisse, die sie "produziert", beeinflussen - daher ist es wichtig, diese Hintergründe transparent und durchschaubar zu machen.

Kategorien der Unterscheidung

Horst Siebert hat in seinem Buch "Theorien für die Praxis" (2006) vorgeschlagen, die "Theorieebenen" der im Lauf der Zeit sich wandelnden Handlungsansätze, der dazugehörigen Methoden und didaktischen Prinzipien von Erwachsenenbildung u.a. mittels der Kategorien "Wissenschafts- und Erkenntnistheorie", "Gesellschaftstheorie", "Anthropologie" sowie "Bildungs- und Lerntheorie" zu vergleichen. In den Aussagen, die für diese Katgorien von den unterschiedlichen Methoden getroffen werden, kristalliersieren sich auf elementarster Ebene ihre wichtigsten Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten heraus.

Für den Bereich „Wissenschafts- und Erkenntnistheorie" geht es allgemein um die Frage, welches Konzept, welche Idee der Wirklichkeit der jeweiligen Methode zu Grunde liegt, welches Verhältnis sie überhaupt zu einer sie womöglich begründenden Wissenschaft einnimmt und welche Möglichkeiten sie dem menschlichen Denken und Handeln zubilligt, diese Wirklichkeit zu erschließen und zu verändern. Während es im Bereich „Gesellschaftstheorie" um das Verständnis des Verhältnisses von Mensch und Gesellschaft bzw. Mensch und Menschen (Gruppe) geht und um die normativen Vorentscheidungen, die hier unter Umständen getroffen werden, ist der Bereich „Anthropologie" rein auf das Bild vom einzelnen Menschen, seinen Fähigkeiten, seinem Wesen, seinen Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten und seinen Grenzen bezogen. Der Bereich „Bildungs- und Lerntheorie" kann je nach Interpretation gewisse Überschneidungen zu den anderen Bereichen aufweisen, vor allem zu dem Bereich der Anthropologie und auch zu dem Bereich der Erkenntnistheorie - es geht hier prinzipiell aber um eine Einordnung dahingehend, inwiefern eigene und unterscheidbare Vorstellungen für die Begriffe „Bildung" und „Lernen" geprägt werden; welches Verständnis z.B. darüber zugrunde liegt, wie und wodurch ein Mensch lernt, wodurch er "Bildung" erlangt und worin (material oder formal) diese "Bildung" besteht.

Über die beschriebenen Bereiche hinaus ist für Grossgruppenmethoden, die sich durchweg die Initiierung, Begleitung und Förderung von Veränderungs- und entwicklungsprozessen auf die Fahnen geschrieben haben, charakteristisch, dass sie eine explizite oder implizite "Theorie der Veränderung" vertreten, die sich zwar teilweise oder u.U. sogar ganz aus den siebertschen Kategorien ableiten lässt, trotzdem aber analytisch zugänglich und aufgrund ihrer Wichtigkeit zum Verständnis der Großgruppenmethode zu klären ist.

Da Grossgruppenmethoden, die nicht selten über mehrere Tage verlaufen können, in der Regel ein Konglomerat aus verschiedenen einzelnen "kleinen" Methoden bilden, ist außerdem die Unterscheidung der "Mikro- und Makrostruktur" nötig. Die Makrostruktur einer solchen Methode realisiert sich meist in ihren Phasen und deren Abfolge (ihrer Dynamik), während die Mikrostruktur aus den methodischen Elementen und Arrangements besteht, die die einzelnen Phasen und Abschnitte der Veranstaltung ausmachen (z.B. Kann eine Punktabfrage oder das Erstellen einer Mindmap auf mikromethodischer Ebene identisch sein, während es makromethodisch jeweils eine ganz andere Funktion und Intention erkennbar ist).

Anwendungsbeispiel: Appreciative Inquiry vs. Zukunftswerkstatt

Am Beispiel der Methoden "Appreciative Inquiry" und "Zukunftswerkstatt" sollen hier einige Ergebnisse einer Analyse mit den beschriebenen Kriterien exemplarisch und illustrativ vorgestellt werden. Eine ausführliche Untersuchung, aus der heraus dieser beitrag entstanden ist, finden sie hier. Das dabei angewandte Schema ist auf beliebige andere Methoden übertragbar.

Beide Methoden ähneln sich auf den ersten Blick, und das sogar bis hin zu der Wahl und Ausgestaltung einzelner Phasen: die "Dream-Phase" von AI und die "Phantasie- bzw. Utopiephase" der Zukunftswerkstatt weisen deutliche Parallelen in ihren Umsetzungsprinzipien und methodischen Teilelementen auf - ähnliches gilt auch für den abschließenden Teil beider Methoden, für die "Design- bzw. Destiny-Phase" respektive die "Verwirklichungsphase". Trotzdem gibt es zwischen beiden Methoden entscheidende Unterschiede. Diese Unterschiede führen unter anderem dazu, dass bei beiden Methoden eine ganz eigene Dynamik ihres Phasenverlaufs zu finden ist. Während die Zukunftswerkstatt einen psychosozial kathartisch wirksamen oszillierenden Phasenwechsel wählt (Kritik, Utopie, Verwirklichung), ist der Phasenverlauf von AI linear angelegt: die Ergebnisse der ersten Phase bilden praktisch bruchlos die materiale Grundlage für alle weiteren auf ihr aufbauenden Phasen. Die Methoden unterscheiden sich in ihrem Gedanken, aus welcher Quelle (Zukunftswerkstatt: befreite Phantasie vs. AI: positive Erfahrungen) Ideen und das nötige Momentum für Veränderungen generiert werden können und ebenfalls darin, wie diese Veränderung verwirklicht werden soll (Zukunftswerkstatt: Setzung einer neuen, alternativen gesellschaftliche oder organisatorischen Praxis vs. AI: Weiterentwicklung des bestehenden Guten und Veränderung der innerorganisationalen Narration). Die theoretischen Voraussetzungen und Annahmen, aus denen sich diese strukturellen Eigenheiten der Methoden ergeben, sind in folgender Tabelle knapp zusammengefasst.

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aus: Fey, C. (2010): Zukunftswerkstatt und Appreciative Inquiry - zwei Großgruppeninterventionsmethoden im Vergleich

Fazit

"Theorie analysiert nicht nur vorhandene Realität, sondern öffnet den Blick für das noch nicht Vorhandene, für Möglichkeiten, für Zukünftiges " (Siebert 2006, S. 104). Es lohnt sich, anhand eines plausiblen Kriterienrasters Großgruppenmethoden zu vergleichen und zu untersuchen. Diese Methoden werden so transparent, verstehbar und auch sind damit der Veränderung und Weiterentwicklung zugänglich. Auch die Entwicklung neuer Methoden, die Prinzipien oder Elemente berücksichtigen, die bisher von keiner Methode beachtet worden sind, ist so leichter zu leisten. Warum gibt es eignetlich nicht noch mehr Methoden für die Entwicklung und Initiierung von Veränderungsprozessen in großen Gruppen? Neben der allgemeinen Einbeziehung unterschiedlicher oder auch neuerer Perspektiven in den theoretischen Grundlagen, wäre z.B. gerade auch unter Berücksichtigung von Prinzipien politischer Bildung bzw. Einer demokratiepädagogischen Sichtweise im Blick auf Entscheidungsfindungen sicher noch einiges Potential auszuschöpfen.

Literaturhinweise:

Siebert, H. (2006): Theorien für die Praxis. Studientexte für die Erwachsenenbildung. 2. Auflage. Bielefeld

Fey, C. (2010): Zukunftswerkstatt und Appreciative Inquiry - zwei Großgruppeninterventionsmethoden im Vergleich. veröffentlich für: Netzwerk Politische Bildung Bayern (.pdf-Download)

Gelesen 1599 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 05 November 2014 19:52
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