DEWEY - der Demokratiekoffer

Dewey
Im Rahmen der Vorbereitung der „Nacht der Demokratie" in Augsburg entwickelten Studierende unterschiedlicher Lehramtsstudiengänge in einem Projektseminar einen Methodenkoffer zur Demokratiebildung. Dieser soll Lehrkräfte dabei unterstützen, demokratiepädagogische Themen und Methoden in ihren Unterricht zu integrieren, bzw. demokratiepädagogische Projekte in ihrer Klasse durchzuführen.

 

In den kommenden Monaten wird der Methodenkoffer an verschiedenen Schulen getestet. Nach dieser Bewährungsprobe steht er ab dem Schuljahr 2013/14 allen Schulen zur Ausleihe zur Verfügung. Sollten Sie Interesse an dem Koffer haben, können Sie dieses ab sofort ganz unverbindlich kundgeben.

Kontaktdaten, eine Übersicht über die einzelnen Methoden und theoretische Hintergründe finden Sie untenstehend. Den gesamten Artikel (inkl. zusätzlicher Illustrationen) als .pdf-Dokument finden sie hier.

Seinen Namen hat der Koffer von einem der Gründerväter der Demokratiepädagogik: John Dewey, einem amerikanischen Philosophen und Pädagogen des 20.Jahrhunderts. Dessen Pädagogik zeichnet sich durch Erfahrungsorientierung und Partizipationsförderung aus.

Dewey prägte auch das Demokratieverständnis, das den Methoden dieser Sammlung zugrunde liegt. Demokratie wird nicht nur als Herrschafts- und Regierungsform, sondern ebenso als Gesellschafts- und Lebensform verstanden.

DEMOKRATIE ALS HERRSCHAFTS-, GESELLSCHAFTS- UND LEBENSFORM

Die hier aufgeführten Zitate machen deutlich, dass das traditionelle Verständnis von Demokratie als „System der politischen Institutionen, Regeln und rechtlichen Regulative, die einen Staat als demokratisches System ausweisen" (Edelstein 2006: 7) ein verengtes Bild der Demokratie zeichnet. Betrachtet man Demokratie im Sinne Deweys auch als Gesellschafts- und Lebensform, so betreffen demokratische Prinzipien auch das konkrete Alltagshandeln von Menschen in Verbänden, Gruppen und im privaten Umfeld. Dazu gehören unter anderem Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeit oder auch die friedliche Konfliktlösung unter der Berücksichtigung der unterschiedlichen Interessen.

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Des Weiteren zeigt sich, dass der Mensch nicht zur Demokratie geboren ist, sondern demokratische Überzeugungen und Kompetenzen lernen muss. Dies ist von besonderer Relevanz für eine Gesellschaft, in der alte Traditionen, Sitten und Gebräuche oder Glauben und Religion nicht mehr jene Bedeutung für das Handeln der Menschen haben, wie das noch in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts galt.

Nach Wolfgang Edelstein (2007) zielt eine darauf aufbauende Demokratieerziehung darauf ab, Menschen zu befähigen,

  • an Demokratie als Lebensform teilzuhaben und diese in Gemeinschaft mit anderen Menschen aktiv zu gestalten.
  • sich für eine demokratische Gesellschaftsform zu engagieren und sie durch Partizipation und Mitwirkung in lokalen und globalen Kontexten mitzugestalten.
  • Demokratie als Regierungsform durch aufgeklärte Urteilsbildung und Entscheidungs-findung zu bewahren und weiterzuentwickeln.

BEDEUTUNG DER DEMOKRATIEERZIEHUNG AN SCHULEN

Schule als Bildungsraum in der Demokratie hat dabei eine dreifache Aufgabe: „Es geht um den Erwerb von Kenntnissen über Demokratie, den Erwerb von Kompetenzen für Demokratie und um Prozesse des Lernens durch Demokratie" (Edelstein 2007: 3).

Eine Schule in der Demokratie bietet demnach Gelegenheiten zur Aneignung von Wissen als Grundlage für Urteils- und Entscheidungsfähigkeit, zum Erwerb von Kompetenzen für demokratisches Handeln sowie zum Aufbau und zur Entwicklung demokratischer Werte, Orientierungen und Einstellungen.

DEMOKRATISCHE HANDLUNGSKOMPETENZ

Demokratische Handlungskompetenz „schließt die kognitive Fähigkeit, die ethische Reflexion und die soziale Bereitschaft ein, an demo-kratischen Gesellschafts- und Lebensformen teilzuhaben und diese in Gemeinschaft mit anderen aktiv zu gestalten. Sie trägt dazu bei, die Demokratie als Regierungsform durch aufgeklärte Urteilsbildung und Ent-scheidungsfindung zu erhalten und weiter zu entwickeln" (de Haan, Edelstein, Eikel 2007: 6).

Kompetenzen werden heute zumeist in Fach- bzw. Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Selbst- und Sozialkompetenz unterschieden. Eine ähnliche Aufteilung findet sich im Konzept der Schlüsselkompetenzen der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Hierunter werden die „Interaktive Anwendung von Wissen und Medien (Tools)", das „Eigenständige Handeln" und das „Interagieren in heterogenen Gruppen" gefasst. Diese beiden Kategorisierungen wurden genutzt, um das Konzept der demokratischen Handlungskompetenz auszudifferenzieren.

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Die Ausbildung der in der Tabelle abgebildeten Komponenten der demokratischen Handlungskompetenz bedarf der „gezielten und methodisch durchdachten Förderung" (de Haan, Edelstein, Eikel 2007: 16). Dafür wurde ein Set von Lernarrangements zusammengestellt. Aus dieser Sammlung wurden sechs der sieben Methoden für den Methodenkoffer ausgewählt, weiterentwickelt und didaktisch aufbereitet.

DEMOKRATIEPÄDAGOGISCHE METHODEN IM KOFFER

Die Projektgruppe hat bei der Auswahl der Methoden einen thematischen Schwerpunkt auf „Menschen- und Kinderrechte" und „Bildung für nachhaltige Entwicklung" gelegt. Dies entspricht den Kernfeldern, die die Europäische Union, der Europarat und die OECD für eine an der Demokratie orientierten Erziehung festgelegt haben: Demokratie, Menschenrechte, soziale Inklusion und Nachhaltigkeit. Diese Felder stehen miteinander in einer Wechselwirkung, denn „ohne Menschenrechte ist Demokratie nicht denkbar, ohne soziale Inklusion hat Demokratie keinen Bestand, nur eine nachhaltige Entwicklung kann die natürlichen Ressourcen als Voraussetzungen für das Überleben demokratischer Gesellschaften bewahren" (Edelstein 2006: 8). Die thematisch orientierte Auswahl bestimmter Methoden führt dazu, dass nicht alle Teilkompetenzen der demokratischen Handlungskompetenz mit den vorliegenden Methoden abgedeckt werden. Dennoch haben die ausgewählten Methoden das Potenzial demokratische Handlungskompetenz in Gänze zu fördern, da die Teilkompetenzen nicht trennscharf voneinander unterschieden werden können. So stehen Lehrkräften nun drei Methoden aus dem Bereich „Interaktive Anwendung von Wissen und Medien" - Methoden zum Aufbau demokratischen Orientierungs- und Deutungswissens und drei Methoden aus dem Bereich „Eigenständiges Handeln" zur Verfügung. Der Methodenkoffer beinhaltet keine Methode speziell für den Bereich „Interagieren von heterogenen Gruppen". Es ist aber anzunehmen, dass das erfahrungs- und gruppenorientierte Arbeiten und Lernen die Ausbildung sozialer Kompetenzen im Umgang mit heterogenen Gruppen unterstützt.

M1 ROLLENSPIEL ZU VERSCHIEDENEN HERRSCHAFTSFORMEN

In Kleingruppen entwickeln die Schülerinnen und Schüler Rollenspiele zu den unterschied-lichen Herrschaftsformen der Monarchie, Oligarchie, Diktatur und Demokratie. Sie überlegen gemeinsam, welche Vor- und Nachteile diese Herrschaftsformen in Bezug auf ihr eigenes Leben haben könnten.

M2 MENSCHENRECHTEGALERIE

Die Schülerinnen und Schüler erstellen in Zweiergruppen eine Ausstellung der 28 wich-tigsten Menschenrechte. Durch die Anfertigung der Menschenrechtegalerie setzen sie sich intensiv mit der Thematik auseinander und machen diese zusätzlich der gesamten Schule zugänglich, wenn die fertigen Plakate ausgestellt werden.

M3 KINDERRECHTE KENNENLERNEN UND VERSTEHEN

Ziel dieser Methode ist eine intensive Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit drei ausgewählten Kinderrechten aus unterschiedlichen Perspektiven. In Kleingruppen beschäftigen sie sich mit geographischen, geschichtlichen, gesellschaftlichen, ästhetischen und sprachlichen Aspekten des Rechts auf Bildung, des Rechts auf Spiel und Freizeit sowie des Rechts auf Schutz. Die Ergebnisse stellen sie in einer Projektpräsentation vor.

M4 DIE „ERD-CHARTA" IST DEINE SCHULE?

Die Erd-Charta ist eine Deklaration grundlegender ethischer Prinzipien für die Entwicklung einer gerechten, nachhaltigen und friedfertigen globalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Mit den Materialien lernen die Schülerinnen und Schülern die Idee der „Erd- Charta" kennen und übertragen diese auf ihre Lebenswelt. Nach der intensiven Lektüre entwickeln sie eine Checkliste, anhand derer sie ihre Schule auf selbstgewählte Aspekte der Charta untersuchen können.

M5 STADTTEILREPORTER DECKEN AUF!

Die Schülerinnen und Schüler informieren sich über zentrale Menschenrechte und decken als ‚Reporter' deren Wahrung oder Verletzung in ihrem sozialen Umfeld auf. Sie gestalten dabei ein ‚Reporterbuch', indem alle Ergebnisse gesammelt werden. Es besteht die Möglich-keit, dass im Anschluss ein Projekt zur Beseitigung von Missständen durchgeführt wird.

M6 100 BILDER ZUR DEMOKRATIE

Die starke emotionale Wirkung von Bildern auf unsere Urteilsfähigkeit erfordert von mündigen Bürgern in der heutigen Mediengesellschaft die Fähigkeit zur kritischen Analyse bildhafter Darstellungen. Dies anhand von Bildern zur Demokratie einzuüben, ermöglichen die ausgewählten Übungen „Gesagt-Gehört-Gemalt"; „Sich ein Bild machen"; „Interview mit einem Bild"; „Alles Illusion" und „Der Kontext macht´s!".

M7 ARBEIT MIT DEM PORTFOLIO

Um die Arbeit mit den Methoden aus dem Demokratiekoffer begleitend zu dokumentieren, können die Schülerinnen und Schüler ein Portfolio anlegen. Dieses dient der Reflexion der individuellen Lern- und Arbeitsprozesse und ermöglicht darüber hinaus die Selbst- und Fremdbeurteilung der Schülerleistungen.

DIE PROJEKTGRUPPE

  • Nina Brettschneider studiert Gymnasiallehramt im 7. Semester an der Uni Augsburg.
  • Michelle Dikis studiert Grundschullehramt im 7. Semester an der Uni Augsburg.
  • Richard Filser studiert Realschullehramt im 7. Semester an der Uni Augsburg.
  • Cornelius Mauz studiert Realschullehramt im 4. Semester an der Uni Augsburg.
  • Dominik Schneider studiert Hauptschullehramt im 8. Semester an der Uni Augsburg.
  • Valerie Tappert studiert Grundschullehramt im 7. Semester an der Uni Augsburg.
  • Myriam Nicolaus-Pannke arbeitet als wiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Universität Augsburg.
  • Theresa Riechert arbeitet als wiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Augsburg.

KONTAKT

Myriam Nicolaus-Pannke

Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenen- und Weiterbildung

Prof. Dr. Elisabeth Meilhammer

Universitätsstraße 10, 86159 Augsburg

Tel: 0821-598-4637, Email: myriam.pannke@phil.uni-augsburg.de

LITERATUR

  • De Haan, G.; Edelstein, W.; Eikel, A. (2007): Qualitätsrahmen Demokratiepädagogik: Demokratische Handlungskompetenz fördern, demokratische Schulqualität entwickeln. Weinheim.
  • Edelstein, W. (2007): Was ist Demokratiepädagogik? In: De Haan, G.; Edelstein, W.; Eikel, A. (Hrsg.): Qualitätsrahmen Demokratiepädagogik: Demokratische Handlungskompetenz fördern, demokratische Schulqualität entwickeln. Weinheim.
  • Edelstein, W. (2009): Demokratie als Praxis und Demokratie als Wert. In: Edelstein, W.; Frank, S.; Sliwka, A. (Hrsg.): Praxisbuch Demokratiepädagogik. Weinheim.
  • Himmelmann, G. (2004): Demokratie-Lernen. Was? Warum? Wozu? In: Edelstein, W.; Fauser, P. (Hrsg.) Beiträge zur Demokratiepädagogik. Eine Schriftenreihe des BLK-Programms „Demokratie lernen & leben". Berlin.