Nachgefragt: Dr. Tobias Bevc - Workshop zu Demokratie 2.0 bei der Nacht der Demokratie

Dr. Tobias Bevc, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Universität Augsburg, führt zusammen mit Falk Scheidig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenen- und Weiterbildung, im Rahmen der "Nacht der Demokratie" einen Workshop zum Thema Web 2.0 und Demokratie durch. Projektmitarbeiter Frank Wagner sprach mit ihm über die Veranstaltung "Nacht der Demokratie", seinen Workshop und das Thema Web 2.0.

 

Wie sind Sie auf die „Nacht der Demokratie" aufmerksam geworden?


Ein Kollege hat mich auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht und da dachte ich mir, das hört sich doch ganz interessant an, denn ich bin immer neugierig wenn jemand versucht etwas zu Demokratie und politischer Bildung zu machen.

Bei der „Nacht der Demokratie" werden unterschiedliche Generationen und Berufsgruppen erwartet. Beispielsweise treffen Journalisten, Politiker und politische Bildner, aber auch politisch Interessierte oder Studenten aufeinander und erleben einen gemeinsamen und interaktiven Abend. Wie sollte aus Ihrer Sicht die Veranstaltung gestaltet werden?


Ich erwarte einen attraktiven Abend und denke dabei auch an ein Unterhaltungsprogramm mit Bands oder einem PoetrySlam, denn das zieht vor allem das Publikum an! Das inhaltliche Programm besteht aus verschiedenen Workshops und daher können die Teilnehmer auch die thematischen Bereiche besuchen, die sie interessant finden. Das Publikum wird sicher sehr gemischt sein: Es werden Leute kommen, die sich schon sehr gut auskennen aber auch diejenigen, die neugierig und für offen für etwas Neues sind.

Sie machen zusammen mit Herrn Scheidig einen Workshop zum Thema Web 2.0 und Demokratie. Wie kamen Sie auf diese Idee und was erwartet die Teilnehmer der „Nacht der Demokratie" in diesem Themenbereich?


Bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung gab es in Erfurt ein Projekt zum Thema Web 2.0, Demokratie und Internet. Dort habe ich selber mitgewirkt. Diese Veranstaltung war sehr interessant und ich habe ein paar neue Formen kennenglernt, wie man politische Themen einem breiten Publikum näher bringen kann. Das hat mir ziemlich gut gefallen und da dachte ich mir, so etwas würde sich auch für die „Nacht der Demokratie" in Augsburg anbieten.


Beim Workshop in Erfurt saßen die Teilnehmer an mehreren großen Tischen zusammen und hielten ihre Gedanken zu Themen wie „Web 2.0 – Chancen für die Demokratie", „Risiken" oder „Hoffnungen" auf einem Plakat fest. Nach einigen Minuten wechselten die Teilnehmer die Tische, so dass jeder einmal an jedem Tisch war und zu allen Themen etwas gesagt hat. Am Ende dieser interaktiven Phase hat ein Web 2.0 - „Experte" (hier ein Online-Journalist/Blogger) seine Perspektive auf das Medium in einem kurzen Impulsvortrag vorgestellt. Anschließend haben wir miteinander diskutiert und das Publikum an der Diskussion beteiligt. Die notierten Gedanken wurden via Twitter-Wall für alle ersichtlich an die Wand geworfen. Besonders wichtige Aspekte oder häufig genannte Gedanken wurden in die Diskussion aufgenommen. Hierbei hat das Publikum natürlich mitdiskutiert.

Welche Bedeutung hat die Thematik „Web 2.0" aus Ihrer Sicht?


Das Thema Web 2.0 ist ohnehin gerade sehr aktuell. Ich versuchein meinen Ausführungen auch keinen absoluten Wahrheitsanspruch zu vermitteln. Es geht dabei um meine Perspektive auf das Medium, wie ich es verstehe undwelche Chancen aber auch Grenzen ich erkenne. Dabei soll deutlich werden, wie das Medium dem einen oder anderen etwas bringen könnte - und dies eben auch in Bezug auf Politik und Demokratie. Das ist eine sehr spannende Fragestellung, weil sich die ganzen Felder der Öffentlichkeit, Medien und Demokratie seit der Erfindung des Buchdrucks stets weiterentwickelt haben. Durch die Dynamik des Web 2.0 und des wechselseitigen Zusammenhangs dieser ganzen Felder, kann sich vieles schlagartig verändern. Das wird Auswirkungen haben, keiner weiß aber auch wirklich welche.

Würden Sie sagen, dass das Web 2.0 ein demokratisches Bewusstsein unterstützen kann oder muss es lediglich als eine zusätzliche Möglichkeit zur Demokratiebildung betrachtet werden?


Ja, ich denke zumindest in den etablierten Demokratien ist es quasi ein Zusatz, eine Möglichkeit mehr, die man hat, um sich zu informieren. Es ist super für Leute mit Minderheitenmeinungen, denn die können sich dadurch Gehör verschaffen oder die eigene Meinung veröffentlichen. Nach wie vor werden jedoch vor allem die „alten" Medien im Internet genutzt: Die Seiten der ARD, des ZDF, der Süddeutschen Zeitung oder auch der FAZ. Wenn man frägt, ob jemandregelmäßig einen Blog, beispielsweise eines eher unbekannten Autors, liest, dann kommt man vielleicht auf ein, zwei Prozent. Die Informationsstruktur hat sich nicht wirklich gewandelt. Wir benutzen nur ein anderes Medium dazu. Aber die Leute, die das lesen, sind fast die gleichen. Insofern kann es einfach als eine zusätzliche Möglichkeit betrachtet werden. Aber ich denke in Ländern wo es noch keine Demokratie gibt oder demokratische Grundsätze berücksichtigt werden, bestehen natürlich große Möglichkeiten, dass die zentral gesteuerten Medien durch das Internet allgemein, Internetzeitungen und Blogs unterlaufen werden. Zum Thema Web 2.0 und arabischer Frühling gibt es jedoch unterschiedliche Meinungen. Manche behaupten, ohne das Internet hätte es nie eine Revolution gegeben, andere behaupten wiederum genau das Gegenteil.


In einem Artikel habe ich gelesen, dass die Verfügbarkeit des Webs 2.0 oder Internets und die Verbreitung von Smartphones oder anderen Gegenständen, die zur Internetnutzung benötigt werden, in diesen Ländern äußerst gering ist. Zudem werden die meisten Twitternachrichten, die über den arabischen Frühling handeln, in englischer Sprache verfasst. Aber der normale Iraner kann gar kein Englisch. Aus diesem Grund erwähnt der Autor, dass das Web 2.0 lediglich eine Begleitmusik war, die hauptsächlich von Exilanten getragen wurde. Die anderen haben sich auf traditionelle Informationstechniken gestützt, wie das Kaffeehaus, das Telefon oder die Zeitung.


In einem weiteren Artikel meint ein anderer Autor, die Revolution in Ägypten sei erst in dem Moment losgegangen, als die ägyptische Regierung den Zugang zu Facebook blockiert hatte. Es blieb den Menschen nichts mehr anders übrig als auf die Straße zu gehen um zu sehen wie es ihren Freunden geht. Es sind alles so unterschiedliche Perspektiven auf das gleiche Phänomen, aber die Wahrheit liegt wie so oft vermutlich in der Mitte. Das Thema und die eigentliche Dynamiken die dahinter stecken sind nicht einfach zu greifen. Aber das macht das ganze ja auch so spannend.
Dazu gehört, dass auch gelernt wird mit dem Medium Web 2.0 kritisch umzugehen. Beispielsweise gab es während des arabischen Frühlings viele Links zu unterschiedlichen Videos, die ein Verbrechen darstellten. Das Problem hierbei ist nur, dass man die Herkunft dieser Videos nur selten kennt. Man weiß nicht, ob es wirklich stimmt, was zu sehen ist, oder ob das Video vielleicht an einem ganz anderen Ort gedreht wurde zu einem ganz anderen Zeitpunkt, in einem völlig anderen Zusammenhang.


Bei den traditionellen Medien weiß man meist von vornherein, welche z.B. konservativ oder liberal einzuordnen sind. Ich kann sie einschätzen. Ich kann das was in der Zeitung steht in ein bestimmtes Raster setzen und bewerten. Im Internet kenne ich oftmals nicht die Quelle, kenne nicht die Ziele die dahinter stecken. Die Einordnung wird daher umso schwieriger. Ich denke natürlich nicht ständig, bevor ich einen Artikel lesewelcher politischen Richtung die Zeitung zuzuordnen ist, aber im Großen und Ganzen kann das jeder gefühlsmäßig auch zuordnen. Es lässt sich relativ einfach beschreiben, dass die FAZ ernster zu nehmen ist als die BILD. Diese eindeutigen Zuordnungsmöglichkeitenfehlen im Internet völlig, zumindest auf den Seiten von Leuten, die nicht institutionell gebunden sind.

Wäre die Vermittlung von Medienkompetenz also ein wichtiges Bildungsziel für die heutige Generation?


Das Bildungsziel bleibt dasselbe, nur ist es auf die neuen Medien bezogen. Beim Internet ist dann quasi die Medienkompetenz umfassender als früher. Wir haben letztendlich eine Vermischung der Medien, gleichzeitig mit Tönen, Bewegungen, Texten oder auch stehenden Bildern. Zusätzlich benötigt man eine technische Kompetenz um diese Sachen zu benutzen. Des Weiteren muss natürlich auch informiert werden, welche Probleme existieren. Ich denke dabei an die Diskussionen um den Datenschutz in sozialen Netzwerken. D.h. man müsste eine umfassende Medienkompetenz vermitteln, die Dinge berücksichtigt, wie Bildinterpretation, Herkunft der Texte und deren Bedeutung. Also quasi alle Kompetenzen die man früher für Einzelelemente gebraucht hat, werden jetzt gemeinsam für ein Medium benötigt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Frank Wagner für das Netzwerk Politische Bildung Bayern.


Dr. Tobias Bevc ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft im Bereich „Politische Theorie" der Universität Augsburg. Zusammen mit Falk Scheidig (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenen- und Weiterbildung) nimmt er an der „Nacht der Demokratie" am 2. Oktober teil. Dabei bieten sie zusammen einen Workshop zum Thema Web 2.0 und Demokratie an.