Diese Seite drucken
Montag, 06 April 2009 00:00

Politische Bildung reloaded - Bericht über das 2. Netzwerkforum

geschrieben von  Florian M. Wenzel
Artikel bewerten
(0 Stimmen)


05Loewe

Mit über 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat unter dem Motto Politische Bildung Reloaded das 2. Netzwerkforum des Projekts Netzwerk Politische Bildung Bayern in der Evangelischen Akademie Tutzing stattgefunden.
Die Tagung vom 31. März bis 1. April 2009 bot die Gelegenheit, neue Projekte, Schwerpunkte und methodische Ansätze kennen zu lernen und zu diskutieren. Neue Akteure politischer Bildung, Personen wie Institutionen kamen in Kontakt mit denjenigen, die politische Bildung schon länger betreiben.

   

Das Netzwerk Politische Bildung Bayern bringt relevante und aktive Personen der politischen Bildung in Bayern über Institutionengrenzen hinweg zusammen und ermöglicht einen interdisziplinären Austausch. Es ist ein Kooperationsprojekt der Universität Augsburg mit der Akademie Führung & Kompetenz am CAP München sowie der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

Die bisherigen Erfahrungen, wie beispielsweise das erste Netzwerkforum 2008, verdeutlichten, dass ein „Reload" politischer Bildung in Bayern weiter verfolgt werden sollte. Auch in der politischen Bildung braucht es immer wieder eine Zusammenführung und bedarfsgerechte Aktualisierung von Wissen, Kompetenzen, Kontakten, Ansichten und Ansätzen. Strukturelle Neuerungen werden beispielsweise durch die spezielle Arbeitsform von Projekten, die sich von den durch Kontinuität gekennzeichneten Arbeitsformen unterscheiden, erforderlich. Die Tagung vom 31. März bis 1. April 2009 bot die Gelegenheit, neue Projekte, Schwerpunkte und methodische Ansätze kennen zu lernen und zu diskutieren. Neue Akteure politischer Bildung, Personen wie Institutionen kamen in Kontakt mit denjenigen, die politische Bildung schon länger betreiben. Sie wurde vom Projektteam des Netzwerks politische Bildung Bayern konzipiert und vorbereitet. Den Rahmen bildete die evangelische Akademie Tutzing, die ihr gesamtes Haus für diese Tagung zur Verfügung stellte und als Kooperationspartner organisatorische wie konzeptionelle Unterstützung leistete.

Konkret wurden drei Aktionsfelder in den Blick genommen: Projekte, Aus- und Weiterbildung sowie Qualitätssicherung. Im Aktionsfeld Projekte ging es um solche, die das Leben in einer globalisierten Welt und interkulturellen Gesellschaft zum Thema haben, die neue Wege gehen um Beteiligungsprozesse zu unterstützen und solche, die den Umgang mit neuen Medien selbstverständlich integrieren. Im Bereich Aus- und Weiterbildung lag der Schwerpunkt bei der Entwicklung einer selbstreflexiven und wertschätzenden Haltung, die für den professionellen Umgang mit den sehr unterschiedlichen Milieus der Zielgruppen politischer Bildung notwendig ist. Das Thema Qualitätssicherung / Wissensmanagement in der Politischen Bildung schließlich beinhaltete Ansätze zur virtuellen Vernetzung und Anregungen für Evaluationsprozesse.

Filmischer Einblick

Den Auftakt der Tagung bildete ein filmischer Einblick in das Demokratie-Lernen-Konzept "Betzavta/Miteinander" aus Israel. Dieses Konzept wurde seitens des Netzwerks exemplarisch als Beispiel für innovative politische Bildung ausgewählt, da es eine ungewöhnliche Herangehensweise an die Moderation politischer Bildung verdeutlicht, durch eine Langzeitevaluation wissenschaftlich untersucht wurde und zu diesem Programm eine etablierte und zertifizierte Weiterbildung existiert.

Hierzu wurde in Kooperation mit dem Medienlabor der Universität Augsburg ein dreitägiges Seminar mit Multiplikator/ innen der politischen Bildung in Studiosituation gefilmt und zu einem 30-minütigen Film geschnitten, der auf der Tagung in einer ersten Version gezeigt wurde. Er zeigte den Grundansatz von Betzavta, den Aufbau und die Reflexion der spielerischen Übungen, mögliche Wirkungen und Anforderungen an die Moderation. Die Diskussion zum Film stellte die Frage, für welche Zielgruppen ein solcher Film geeignet sei und mit welchen Zielgruppen mit dem hoch reflexiven Ansatz von Betzavta gearbeitet werden könnte. Susanne Ulrich von der Akademie am CAP betonte, dass es Ziel des Films sei, den gruppendynamischen und prozessorientierten Ansatz von Betzavta, welcher Demokratie als persönliche Lebensform in den Vordergrund stellt, intensiv und kompakt zu verdeutlichen. Gerade die individuellen und erfahrungsorientierten Lernprozesse dieser Form politischer Bildung können so sichtbar werden. Es soll verdeutlicht werden, dass Multiplikator/ innen politischer Bildung durch diesen Einsatz nicht unbedingt (nur) neue Methoden für ihre eigenen Zielgruppen gewinnen, sondern vor allem von einer veränderten Haltung hinsichtlich der eigenen unbewussten Verhaltensweisen und innerer Widersprüche profitieren; sie werden damit in die Lage versetzt, sensibler und im umfassenden Sinne „demokratischer" mit ihren Zielgruppen in Lernprozessen umzugehen. Der Film soll gleichzeitig zeigen, dass mit dem Instrument eines Dokumentarfilms neue Formen des Marketings für politische Bildung gegangen werden könnten - entsprechend soll er weiter entwickelt werden.

„Präsentissage" innovativer Projekte

„Das Lustvolle einer Vernissage mit dem inhaltlichen Reichtum vieler Präsentationen verbinden" - so begründete Tagungsmoderator Dr. Christian Boeser von der Universität Augsburg die Konzeption der „Präsentissage". Auf einem von Magdalena Blon und Miriam Apffelstaedt konzipierten Projektmarkt erhielten die Teilnehmenden nach einem Sektempfang einen pdf "Ausstellungsführer" (825.69 Kb) zu zwanzig ausgewählten Projekten der politischen Bildung in Bayern aus den unterschiedlichsten Bereichen: von der Elementarpädagogik über medienorientierte Projekte und Engagementansätze für junge Erwachsene bis hin zu Konzepten der stärkeren Interaktion mit Politikern war eine breite Palette vorhanden.

In einer Art „Speed Dating" konnten die Teilnehmenden in kleinen Gruppen in konzentrierter und intensiver Art und Weise einen Überblick über die Vielfalt der Projekte gewinnen und anschließend den Kontakt zu für sie relevanten Ansprechpartnern intensivieren. Bei einem begleitenden Buffet wurden zahlreiche Kooperations- und Unterstützungsideen ausgetauscht sowie das Bewusstsein für die interdisziplinäre Vielfalt der politischen Bildungslandschaft in Bayern geschärft.

Milieus der Zielgruppen politischer Bildung

Nach der exemplarischen Vorstellung und dem Überblick über das aktuelle Angebot politischer Bildung in Bayern wendete sich am Abend der Blick auf die „Nachfrageseite". Mit welchen Zielgruppen hat politische Bildung zu tun? Welche erreicht sie, welche werden vernachlässigt? Hierzu stellte Markus Etscheid vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) die neue von MISEREOR und SINUS Sociovision erstellte „Milieustudie U27" vor. Der Milieuansatz eignet sich dafür, jenseits demographischer Daten die unterschiedlichen Grundorientierungen und Wertesysteme junger Menschen in Deutschland zu skizzieren und damit besser zu verstehen, auf welche Lebenswirklichkeiten politische Bildung stößt. Herr Etscheid zeigte in seiner multimedialen Präsentation eindrücklich die Unterschiede von sieben Milieus hinsichtlich ihrer Präferenzen für Kleidung, Musik, Umgang mit Medien, Vorstellungen von Sinn und Visionen für das eigene Leben.

In der Reflexion der Bedeutung der Milieus für die eigene Bildungsarbeit seitens der Teilnehmenden wurden vor allem zwei Punkte deutlich: der Milieuansatz erzeugt starke Nachdenklichkeit hinsichtlich der eigenen Identifikation politischer Bildner mit bestimmten Milieus und der Ablehnung anderer. Die weitere Beschäftigung damit ist Teil einer professionellen Reflexion des eigenen Selbstverständnisses und Weltbildes. Zum zweiten wurde deutlich, dass viele Angebote politischer Bildung nach wie vor auf das Milieu „Postmaterielle Jugendliche" zugeschnitten sind, die über hohe Bildung verfügen und in ihrer Grundausrichtung als „grüblerisch", also potentiell reflexiv, beschrieben werden. Damit werden jedoch nur 6 % der Gesamtheit Jugendlicher und junger Erwachsener erreicht, was u.a. an dem postmateriellen Selbstverständnis vieler akademisch ausgebildeter politischer Bildner liegt, die dieses auf ihre Teilnehmer/ innen projizieren. Ganz im Gegensatz dazu wurde deutlich, dass „Konsum-materialistische Jugendliche" fast ausschließlich durch mediale Formate wie „Deutschland sucht den Superstar" erreicht werden. Es verblieb die Nachdenklichkeit darüber, wie politische Bildner in solchen Milieus Anschlussfähigkeit gewinnen können und ob die Grund-Ziele politischer Bildung für diese Zielgruppen angepasst werden müssten. In den Salons des Schlosses wurden die Diskussionen bei Jazzmusik von Anna Hermann und Partner intensiv fortgesetzt.

Entschleunigung

Am zweiten Tag des Forums bot Dr. Roswitha Terlinden von der Evangelischen Akademie Tutzing in einer Andacht die Gelegenheit, das Thema des Neubeginns ganz persönlich für das eigene Leben zu reflektieren.

Dr. Fritz Reheis von der Universität Bamberg setzte dieses Thema fort und berichtete über das Projekt „Ökologie der Zeit" der Evangelischen Akademie Tutzing. Er betonte die Notwendigkeit unterschiedlicher Rhythmen und Eigenzeiten für politische Bildungsprozesse und skizzierte einen ganzheitlichen Ansatz, der die Körperlichkeit und Sinnlichkeit von lernen genauso umfasst wie Kognition. Dieser Ansatz bricht die Vorstellung von Herstellbarkeit und Machbarkeit von Bildung auf und führt damit nicht zuletzt zu einer Entschleunigung des Lernens.

„Open Space" für eigene Ideen

Die Gedanken zum Umgang mit Neubeginn und Zeit bildeten den Übergang zu einer längeren Phase eines „Open Space", einer Herangehensweise, die ermöglicht, dass Teilnehmende ihre eigenen Anliegen einbringen können und diese selbstbestimmt mit anderen austauschen und weiter entwickeln. Mit dem Bild der Massengesellschaft skizzierte Tagungsmoderator Florian Wenzel die Notwendigkeit, einen Zwischenraum zwischen Konformismus und Individualismus zu schaffen - auf Bildungsarbeit übertragen: einen Zwischenraum zwischen gleich machender Input-Output-Orientierung und individueller Wissensaneignung durch neue Medien. Hannah Arendt, die den selbstverantwortlichen aktiven Bürger im öffentlichen Raum im Blick hat, verdeutlicht dies durch das Bild des Tisches. Ein Tisch verbindet Menschen und trennt sie gleichzeitig; er versammelt sie und wahrt doch ihre Einzigartigkeit; Begegnung ist möglich, ohne ineinander zu fließen.

Die Salons des Schlosses in der Akademie boten die Möglichkeit, sich auf diesen Austausch einzulassen. In 12 Themengruppen vertieften die Teilnehmenden die Impulse und Anregungen vom Vortag sowie ihre eigenen Ideen zum „Reload". Diskussionsrunden fanden statt zum Umgang mit Zeit und „Einwirkzeit" politischer Bildung, zu den Milieus der Zielgruppen, zur Notwendigkeit von Ressourcenorientierung, zum adäquaten Umgang mit dem Internet und zum demographischen Wandel als wichtiges Thema politischer Bildung. Es wurden Ansätze zu den Zielen politischer Bildung, der nötigen Haltung von Lehrenden und der Möglichkeit von Evaluation politischer Bildung diskutiert, ein Video-Wettbewerb für die Demokratie weiter entwickelt und Möglichkeiten zu politischen Bildungsangeboten für Erwachsene und Ältere konkretisiert. Das Netzwerk politische Bildung Bayern wird bei der Umsetzung entsprechender Projektideen Unterstützung leisten.

Internationale Einblicke

Den Abschluss der Tagung bildete Prof. Dr. Anne Sliwka von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Sie kontrastierte die Themen und Projekte in Bayern mit Erfahrungen von „citizenship education" im internationalen Bereich. So wird etwa in England seit längerer Zeit ein „whole school approach" umgesetzt, der politische Bildung nicht nur als ein thematisches Fach begreift, sondern Engagement von Schülern, Lehrern und Eltern sowie die Reform von Schulstrukturen umfasst. Sliwka stellte neuere Projekte aus Deutschland vor, die politische Bildung auch als verantwortliches Handeln im gesellschaftlichen Raum verstehen. So werden Verständigung und Verantwortung zur Bürgerbildung die zwei entscheidenden Säulen. Sie betonte, dass gerade im „service learning" politische Themen erfahrbar werden und die eigene Entwicklung im Sinne von Selbstverantwortung gestärkt wird. So haben etwa Hauptschüler einer achten Klasse als Lernmentoren für Grundschüler einer benachbarten Schule deren Lebenswirklichkeit in der Familie kennen gelernt und sind zum Teil auch für diese Schüler zu Elternabenden gegangen und haben so große Verantwortung übernommen.
Abschließend stellte Sliwka ein komplexes Projekt eines "Deliberationsforum" dar, in dem Schüler einen zweitägigen Austauschprozess mit einer Großgruppe zu politischen Themen organisierten. Sie erwerben dadurch eine inhaltliche Wissenserweiterung, methodische Kompetenzen und durch Feedback-Elemente eine Selbstreflexions ihres Verantwortungshandelns.

Die internationalen Einblicke sowie deutschen Ansätze erfordern eine Konkretisierung hinsichtlich der Innovation politischer Bildung in Bayern. Gleichzeitig verdeutlichten sie, welche umfassenden Möglichkeiten auch gegen verschiedene Widerstände möglich wurden.

Zum Abschluss der Tagung dankten die Tagungsmoderatoren der Tagungsassistenz, dem Tagungsteam wie den Kooperationspartnern. Dr. Roswitha Terlinden betonte die gelungene Gratwanderung hinsichtlich neuer Wege in Tagungsdesign und Art des Umgangs mit Inputs und Prozesselementen. Es ist geplant, die Kooperation mit der Evangelischen Akademie u.a. mit einer Tagung im Jahr 2011 weiter fortzusetzen.

Gelesen 1695 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 16:04
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten