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Donnerstag, 01 Juli 2010 00:00

Experten im "Fishbowl" - ein Bericht vom Forum des Netzwerks Politische Bildung Bayern 2010

geschrieben von  Christian Fey & Kathrin Steger
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Man kennt diese frustrierende Situation von Anne Will und Co.: Eine interessante Debatte wird geführt, aber die geladenen Experten diskutieren aus subjektiver Sicht, geben für einen selbst wichtigen Aspekten nicht ausreichend Raum. Man möchte am liebsten mitdiskutieren, nachfragen oder kommentieren. Die Fish-Bowl Methode macht's möglich und beim diesjährigen Forum des Netzwerks Politische Bildung Bayern wurde sie erfolgreich eingesetzt. Dr. Siegfried Schiele, der ehemalige Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg und Carolin Auner von der Akademie im CPH haben sich bereit erklärt, provokante Thesen zur politischen Bildung aufzustellen und diese mit diskussionsfreudigen Publikumsexperten zu vertiefen.


Die Methode

Die Umsetzung der Methode „Fishbowl" richtet sich in unserem Fall nach dem Motto „Ihr seid die Experten". Dabei ist wichtig, dass für die „Zuhörer" die Möglichkeit besteht, sich in die Diskussion zu integrieren - und zwar nicht nur durch vereinzelte Wortmeldungen, sondern indem aktiv an der Diskussionsrunde teilgenommen wird. Die Regeln sind schnell erklärt: Jeder Anwesende darf jederzeit zur Expertenrunde, die einige freie Sitzplätze bietet, dazukommen und sie auch jederzeit wieder verlassen um Platz für andere Beiträge aus dem Publikum zu schaffen. Damit entsteht eine dynamische Diskussion die auf die Bedürfnisse des Publikums eingeht. Mehr zur Methode finden sie hier.

Im Fall des Netzwerkforums wurde die Methode noch etwas spezifiziert. Zunächst wurden die beiden Referenten gebeten einen kurzen, provokanten Input zu geben, woraufhin die Runde für alle geöffnet wurde. Wer etwas beizutragen hatte konnte sich nach vorne setzen und auf die Thesen der Referenten eingehen oder auch eigene Themen zur Sprache bringen.

Diskussionsanregung durch Provokation

Um einen Einstieg in die Diskussion zu finden haben die Referenten Dr. Siegfried Schiele und Carolin Auner jeweils 5 Thesen zu den Herausforderungen der politischen Bildung formuliert. Diese werden im Folgenden kurz und zusammenfassend dargestellt:

Carolin Auner:
2010 forum fb auner  150
Foto: Doerte Winter


1) Ziele der politischen Bildung: (Audio)

Auftrag der politischen Bildung ist es nicht Politik zu erklären, sondern den Menschen Urteilskompetenzen zu vermitteln. Dazu muss Motivation zur Partizipation geschaffen werden und Erfahrungsräume, besonders für junge Menschen, geöffnet werden. Ganz konkret könnte der demokratische Raum „Schule" besser gestaltet werden.

2) Themen der politischen Bildung:

Eine Stärke der politischen Bildung ist das große Spektrum an Themen, didaktischen Möglichkeiten und Veranstaltungsformen. Herausforderung ist es, sich zu positionieren und zu akzentuieren ohne von der Pluralität der politischen Bildung Abstand nehmen zu müssen.

3) Zielgruppen der politischen Bildung:

Politische Bildung muss hier Breitenwirkung beweisen. Bildungsbenachteiligte, Randgruppen aber auch die „Normalbürger" sowie Eliten müssen gleichermaßen befähigt werden, sich in politischen Grundthemen - nach ihren Möglichkeiten - differenziert und reflektiert bewegen zu können. Der Diskurs um Zielgruppen die sich generell nicht für politische Bildung eignen muss beendet werden.

4) Standortbestimmung der politischen Bildung:

Rückbesinnung auf genuine Aufgaben politischer Bildung! „Events" als Methode sollten nur dann eingesetzt werden, wenn es einen direkten Bezug zu Themen der politischen Bildungsarbeit gibt. Quantität kann nicht das Ziel sein, wenn die Veranstaltung nichts mehr mit Politik oder politischen Bildung zu tun hat.

5) Finanzierung politischer Bildung:

a) Problem der Gelderverteilung: kleinen, engagierten Initiativen bleiben Fördergelder oft verwährt, große Institutionen „verlieren" viel Geld in Verwaltung und Projektorganisation.

b) Konkurrenzdruck führt, aus positiver Sicht, zu mehr Spezialisierung und damit mehr Vielfalt, negativ gewendet allerdings auch zu weniger Kooperation.

c) Es wird wenig Zeit für die wissenschaftliche Auseinandersetzung gegeben, beziehungsweise in die Freizeit verlagert. Dies führt zu fachlichen Fehlern.

d) Politische Bildung darf sich nicht verkaufen und thematisch, zum Beispiel von der Wirtschaft, instrumentalisiert werden.

Carolin Auner wies außerdem abschließend darauf hin, dass politische Bildung wegkommen muss von dem in den letzten Jahren geführten, internen Diskurs „Wer darf politische Bildung machen?" und sich den tatsächlichen Herausforderungen der politischen Bildung zuwenden sollte.

Dr. Siegfried Schiele

2010 forum fb schiele 150
Foto: Doerte Winter


Dr. Siegfried Schiele:
1) Noch nie war das Vertrauen in die Parteien und in die politische Klasse so gering wie heute. Der Vertrauensverlust hat beängstigende Ausmaße angenommen. (Audio)

„Johannes Rau hat einmal einen schönen Satz gesagt: ‚Was man nicht versteht, dazu kann man kein Vertrauen entwickeln!' Eine Demokratie ist aber eine Staatsform die auf Vertrauen gegründet sein muss"

2) Politische Bildung ist eine gute Medizin gegen den verbreiteten Frust. Mit ihren bisherigen Möglichkeiten - es gibt sogar einen Abbau an politischer Bildung! - kann sie nicht mehr sein als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

„Wenn wir nicht viel mehr in politische Bildung investieren, dann habe ich Sorge, dass auch das Restvertrauen noch aufgebraucht wird"

3) Der Problemstau - national, europäisch, global - ist so groß, dass er nur gelöst werden kann, wenn ein großer Teil der Bürgerinnen und Bürger Einblick in die Komplexität der Probleme hat und somit konstruktiv bei der Lösung mitwirken kann.

4) Wir brauchen dringend eine Elementarisierung politischer Bildung. Was nützt alles Wissen der Welt, wenn es uns nicht gelingt, es breitenwirksam unter die Leute zu bringen? Um erfolgreich zu sein, müssen wir in einem ersten Schritt ‚Barrieren' abbauen, die viele Bürgerinnen und Bürger davon abhalten, sich für Politik zu interessieren oder gar aktiv in unserer Demokratie mitzuwirken.

„Wir haben in vielen Teilen eine verwaltete politische Bildung und keine gestaltende politische Bildung"

5) Die politische Bildung hat ein riesiges Vermittlungsproblem. Die Menschen verstehen die Politik nicht (mehr). Die politische Bildung muss ihre Anstrengungen darauf richten, die wesentlichen Politik-Felder so aufzubereiten, dass sie nicht nur vom akademisch gebildeten Publikum verstanden werden. Die politische Bildung, wie wir sie bislang kennen, ist weitgehend elitär.

„Man hat die Elementarisierung der Notwendigwerdung mehr Menschen zu erreichen nicht geschafft. Natürlich habe ich immer genügend Zulauf von Leuten, die schon ‚missioniert' sind; die muss man auch stärken. [...] Aber wo ist man eigentlich über das Feld, das von selber kommt, hinausgegangen?"

„Ihr seid die Experten" - die Fishbowl-Diskussion

Im Anschluss an die Referenten-Statements wurde der Expertenkreis für das Publikum geöffnet und sie wurden aufgefordert nachzuhaken, zu widersprechen, oder eigene Themen einzubringen. Hier wurden ganz verschiedene Themen und Perspektiven eingebracht. So wurde über das Thema der „Kosten der Demokratie" diskutiert. Ein Teilnehmer zog aus der Behauptung, dass Demokratien Geld kosten, den Schluss, dass Hierarchien billiger seien. Diese provokante These griff Siegfried Schiele auf und bestätigte, dass Hierarchien und Diktaturen wirklich kostengünstiger sind als die teure und komplizierte Demokratie. Der Fokus seiner Thesen lag jedoch weniger auf der wirtschaftlichen Effizienz des politischen Systems als vielmehr auf dessen Vermittlung und Aufrechterhaltung für deren Staatsbürger. Er formulierte prägnant: „Welche Firma hat keinen Etat für PR? Und warum die Demokratie nicht? Die soll nichts kosten? [..] Die Leute die nichts investieren wollen in politische Bildung, die wissen nicht was Dummheit kostet."

Die weiteren Diskussionsbeiträge bezogen sich, kurz gefasst, auf die Problemkreise der veränderten Kommunikationsformen gerade junger Menschen (Stichwort digitale Medien), die Notwendigkeit der Elementarisierung politischer Bildung und das Problem ihrer Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen im Sinne der Frage „Wen kann/soll politische Bildung erreichen?". Dabei wurde unter anderem nach konkreten Beispielen gesucht, in denen Projekte auch eine Breitenwirkung in Bezug auf bisher als problematisch geltende Zielgruppen entfaltet haben. Frau Auner verwies hierzu auf Kommende Dortmund, die Hauptschülerinnen und Hauptschlern in einem längerfristigen Projekt politische Bildung aber auch grundlegende „social skills" vermitteln.

Außerdem wurde das Projekt 14Plus genannt, ein Projekt der Landeszentrale in Nordrhein-Westfalen das versucht Hauptschüler fit für den Arbeitsmarkt zu machen und zusätzlich Lehrer und Sozialarbeiter, die in der Schule tätig sind, als Trainer für das Demokratielernprogramm Betzavta ausbildet.

Einer der Teilnehmer verwies darüber hinaus auf die Problematik der „Bürgerverdrossenheit" der Politiker und die Notwendigkeit der Herstellung eines Dialogs zwischen Politikern und politischen Bildnern.

Durch die offene Diskussionsrunde wurde viel Inspiration und eine erste, problembewusste Auseinandersetzung mit interessanten Themen der politischen Bildung geschaffen. Einige Aspekte, die hier angeschnitten wurden, wurden demenstprechend auch in den späteren Open WriTable Phasen durch Kleingruppen bearbeitet.

Gelesen 1508 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 16:27
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