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Mittwoch, 13 April 2011 00:00

Demokratie-Lernen. Wo es geht. - Prof. Dr. Monheim auf dem Netzwerkforum 2011

geschrieben von  Thies Schl├╝ter
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"Friedliche Koexistenz im Verkehr durch Shared Space"- Modell für einen solidarischen Interessenausgleich in der Demokratie? - Prof. Dr. Heiner Monheim auf dem Netzwerkforum 2011.

"Die Teilnahme im Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und Rücksicht" (StVO § 1 (1))

Man kann sich fragen, was hat der erste Paragraph der Straßenverkehrsordnung mit Demokratie-Lernen zu tun? "Der Straßenverkehr ist nach Herrschaftsprinzipien organisiert und passt eigentlich nicht zu der Idee der friedlichen Koexistenz, welcher im Paragraph 1 beschrieben wird", meint Prof. Dr. Heiner Monheim. Auf dem 4. Netzwerkforum "It´s the democracy, stupid! Demokratie-Lernen. Wo? Wie? Wozu?" wird Prof Dr. Heiner Monheim den ungewohnten Ort des Straßenverkehrs, anhand des Modells des Shared Space mit demokratischen Prinzipien in Verbindung setzten.

 

Was ist das Prinzip des Shared Space?

"Die Zuordnung verschiedener Territorien, für Fußgänger den Gehweg, für Radfahrer den Radweg und für Autofahrer die Fahrbahn, ist alleine deshalb eine Fiktion, weil es nur in Längsrichtung gedacht ist, Fußgänger müssen natürlich dauernd auf Fahrbahnen, wenn sie von der einen Seite auf die andere wollen", erläutert Prof. Dr. Heiner Monheim. Die Herrscher der Fahrbahn, in diesem Falle die Autofahrer empfinden die Fußgänger als Eindringlinge in ihr Territorium, welche dort eigentlich nichts verloren haben. Diesen Herrschaftsanspruch innerhalb einer Stadt erachtet Herr Prof. Dr. Monheim als falsch. "Der einzige dem man einen legitimen Herrschaftsanspruch geben könnte ist letztlich der Fußgänger und dem gehört eigentlich die ganze Stadt". Dies begründet er mit der historischen Entwicklung der Stadt.

Durch die Motorisierung des Straßenverkehrs sei das Territorium des Fußgängers nach und nach auf ein Minimum begrenzt worden. Die Einführung von Fußgängerzonen ist ein Beispiel für die Umkehrung des Herrschaftsgefüges in einzelnen Gebieten. "Eigentlich ist das Modell Shared Space nichts anderes wie 'wir machen aus der ganzen Stadt eine Fußgängerzone´, der Fußgänger herrscht da wieder und dann dürfen da aber außerdem noch andere fahren". Fahrradfahrer, Lieferfahrzeuge, Straßenbahnen etc. sind in diesen Gebieten jedoch immer nur Gast. "Gäste benehmen sich normalerweise gut, während Herrscher sich normalerweise schlecht benehmen", erklärt Herr Prof. Dr. Monheim in vereinfachter Form das gedankliche Modell des Shared Space.

Shared Space

Das Modell des Shared Space ist eng mit dem Namen Hans Monderman verbunden. Der niederländische Bauingenieur war in den 90er Jahren federführend an der Entwicklung der Shared Space Philosophie beteiligt. Das Shared Space-Modell sieht in dem Verzicht auf Straßenschilder, Signalanlagen und Fahrbahnmakierungen die Chance den öffentlichen Straßenraum sicherer und lebenswerter zu machen. "Hans Monderman hatte eben die Philosophie: Der Anfang vom Übel ist das Abgeben des Gehirns, will sagen, das Verhalten nach einem Regelwerk, nämlich der Straßenverkehrsordnung. Was dazu führt, dass alle blind werden. Alle haben nur Regeln im Kopf und der Mensch verhält sich nur noch nach Schildern. Und durch diese Schildergesellschaft wird der Mensch zum Idioten gemacht" (Monheim)
In Deutschland wurde das Modell des Shared Space unter anderem in Hamburg, Frankfurt am Main, Potsdam und elf weiteren Städten erprobt.

Was hat das mit Demokratie zu tun?

Das Shared Space Modell "hat etwas mit dem Aushandeln von Kompromissen zu tun und da wird es jetzt hoch politisch, weil sich die Autofahrer solchen neuen Entwicklungen nicht ganz wiedersetzen können, die befassen sich auch damit, aber die haben immer wieder die Tendenz zu sagen, 'dass kann man machen, aber nur im Ausnahmefall´. Es entsteht ein Kampf um Privilegien und Gleichheitsprinzipien", erläutert Prof. Dr. Monheim. Das zu überwindende Paradoxon beschreibt Herr Prof. Dr. Monheim anhand eines Beispiels. Die Anwohner einer Straße sprächen sich bei einer Umfrage immer für ein reduziertes Tempolimit aus. Demnach würden, wenn es nach den Anwohnern gehe, alle Anwohnerstraßen mit einem reduzierten Tempolimit versehen. Bei einer Umfrage bei den Autofahrern sähe dies wiederum anders aus. Aus diesem Beispiel lassen sich einige Fragen ableiten. Wie organisiere ich eine Kompromissbildung? Wie entstehen Bürgerbewegungen und wie ermöglicht man eine breite Bürgerbeteiligung? Wichtig bei einer Bürgerbeteiligung ist die Bereitstellung von Informationen, "weil am Anfang vieles für die betroffenen Leute nicht vorstellbar ist, da muss man erstmal in die Visualisierung, die Aufklärung und Erklärung investieren". Eine friedliche Koexistenz in unserer demokratischen Gesellschaft ist essentiell. Shared-Space als Modell für einen solidarischen Interessensausgleich in der Demokratie?

Zur Person

Prof. Dr. Heiner Monheim ist seit 1995 Professor für Angewandte Geographie/Raumentwicklung an der Universität Trier.
Seit 2007 ist er Mitgründer, Mitinhaber und Projektleiter des Instituts für Raumentwicklung und Kommunikation raumkom.

Zudem ist Prof. Dr. Monheim Mitbegründer

Gelesen 1585 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 17:13
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