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Montag, 20 Juni 2011 00:00

It's the democracy, stupid! Demokratie lernen. Wo? Wie? Wozu? Bericht über das 4. Netzwerkforum

geschrieben von  Thies Schlüter
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forum 2011

Unter dem Motto „It's the democracy, stupid! Demokratie lernen. Wo? Wie? Wozu? Fand das 4. Forum des Netzwerks Politische Bildung Bayern in der Evangelischen Akademie Tutzing statt. Die Tagung am 9. und 10. Juni 2011 ermöglichte Projekte und methodische Herangehensweisen zum Demokratielernen kennenzulernen und zu diskutieren. Neue politische Bildner und Institutionen ebenso wie solche, die politische Bildung schon länger betreiben konnten dabei alte Kontakte pflegen und neue Kontakte kennenlernen.

 

Diese Vielfalt an Antwortmöglichkeiten fing die Tagung exemplarisch ein und bot allen Teilnehmenden die Möglichkeit, sich in angenehmer Atmosphäre der Evangelischen Akademie Tutzing und durch eine Weitwinkelperspektive auf die Landschaft politischer Bildung inspirieren zu lassen. In einer Kombination aus Erfahrungsberichten der Praxis, theoretischen Überlegungen und gemeinsamen Nachdenken fokussierte die Tagung dabei drei zentrale Fragestellungen:

Wo findet Demokratie-Lernen statt? Im Sandkasten? Auf dem Campus? Der Fußgängerzone? Eher ungewöhnliche Orte sollten ins Zentrum der Betrachtung gerückt werden.
Wie wird Demokratie eigentlich gelernt? Durch Wissen, Anschauung oder Erfahrung? Die Tagung nahm Projekte in den Blick, um vielfältige Wege aufzuzeigen.
Ohne die Frage nach dem „Wozu?" fehlt den vorherigen Aspekten das Fundament. Aus diesem Grund ließ die Tagung Menschen aus unterschiedlichen Bereichen mit ihren je spezifischen Sichtweisen auf Demokratie-Lernen zu Wort kommen lassen.

7x3x2 – Demokratie lernen. Wo? 7 unterschiedliche Orte

Den Auftakt der Tagung bildete ein Einblick in sieben verschiedene Orte an denen Demokratielernen stattfindet. Als Referenten waren sieben Praktiker geladen, die jeweils zwei Mal drei Minuten über ihre Erfahrungen von Demokratielernen in eigenen Projekten berichteten und damit einen persönlichen Zugang und unterschiedliche Blickwinkel zum Thema eröffneten.

Zu Wort kamen dabei:

  • Dr. Alexander Klier, Bildungsmanager für das DGB Bildungswerk Bayern, der über Demokratie-Lernen an öffentlichen Plätzen anhand des Projekts „Brücken zur Demokratie" berichtete.
  • Gudrun Walesch, Projektberaterin bei der Stiftung Interkultur. Sie erzählte, wie Demokratie-Lernen in interkulturellen Gartenprojekten stattfinden kann.
  • Jan-Mathis Schnurr, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr München. Sein Thema umfasst das Demokratie-Lernen auf dem Campus anhand von erhöhter Partizipation Studierender durch Nutzung der Potenziale des Internets.
  • Ulrico Ackermann, verantwortlich für das Jugendressort des Freiwilligenzentrum Augsburgs. Den Aspekt des Demokratie-Lernen in der Stadt verdeutlichte er anhand des Freiwilligenengagements im Schüler-Mentoren Projekt „change in".
  • Sonja Jahn, die als Mitarbeiterin des Frohsinn Bildungszentrums Augsburg e.V. und als Trägervertretung und Fachberatung der interkulturellen Kindertagesstätte Kinderwelt Augsburg arbeitet, brachte die Perspektive des Demokratielernens im Sandkasten ein.
  • Silvia Simbeck, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie Führung & Kompetenz am Centrum für angewandte Politikforschung, richtete die Perspektive auf die speziellen Herausforderungen und Aspekte des Demokratielernens in Gedenkstätten.
  • Ulrich Rümenapp, Leiter des vhs-Bildungszentrums SAMBACHSHOF, berichtete über das Demokratielernen anhand teilnehmer- und erlebnisorientierter Methoden im Bildungszentrum.

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Gudrun Walesch - Demokratie lernen im Garten                    Jan-Mathis Schnurr - Demokratie lernen auf dem Campus

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Ulrich Rümenapp - Demokratie lernen im Bildungszentrum   Dr. Alexander Klier - Demokratie lernen auf öffentlichen Plätzen
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Silvia Simbeck - Demokratie lernen in Gedenkstätten
Alle Fotos: Dr. Doerthe Winter-Berke

„Präsentissage" innovativer Projekte

„Das Lustvolle einer Vernissage mit dem inhaltlichen Reichtum vieler Präsentationen verbinden" - so begründete Tagungsmoderator Christian Fey von der Universität Augsburg die Konzeption der „Präsentissage". Auf einem Projektmarkt erhielten die Teilnehmenden einen "Ausstellungsführer". Nach einem Sektempfang erhielten diese einen Einblick in ausgewählten Projekten der politischen Bildung in Bayern aus den unterschiedlichsten Bereichen: von der Elementarpädagogik über medienorientierte Projekte und Engagementansätze für junge Erwachsene bis hin zu Konzepten der stärkeren Interaktion mit Politikern war eine breite Palette vorhanden.

In einer Art „Speed Dating" konnten die Teilnehmenden in kleinen Gruppen in konzentrierter und intensiver Art und Weise einen Überblick über die Vielfalt der Projekte gewinnen und anschließend den Kontakt zu für sie relevanten Ansprechpartnern intensivieren.

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Referenten und Ausstellungsführer zum Forum 2011 als PDF

Prof. Dr. Joachim Detjen: Demokratie lernen. Wozu?

Demokratie lernen. Wozu? Diese Frage bildete das Fundament für die Fragen nach den Orten und Möglichkeiten des Demokratie-Lernens.
Herr Prof. Dr. Joachim Detjen erläuterte zwei Gründe, warum wir Demokratie lernen müssen. Der erste Grund bezieht sich auf die Erhaltung des demokratischen Systems an sich. "Wir müssen Demokratie lernen, weil die Demokratie als Regierungs- bzw. Herrschaftsform oder Verfassungsordnung bestimmte Ansprüche an uns Bürger stellt, die wir erfüllen müssen, damit sie funktioniert." Der zweite Grund richtet den Blick auf die Individuen innerhalb eines demokratischen Systems. "Wir müssen etwas über Demokratie lernen und die Mechanismen in einer Demokratie begreifen, damit wir uns erfolgreich in diesem System bewegen können. Erfolgreich meint, dass wir in der Lage sind unsere Anliegen und Interessen zu formulieren, die uns wichtig sind und die Instanzen der Demokratie, also die gewählten Akteure, diese dann auch befriedigen können", erläuterte Prof. Dr. Detjen weiter.

In den Salons des Schlosses wurden die Diskussionen am Abend intensiv fortgesetzt.

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Prof. Dr. Joachim Detjen
Foto: Dr. Doerthe Winter-Berke

Prof. Dr. Heiner Monheim: Demokratie lernen. Wo? "Friedliche Koexistenz im Verkehr durch Shared Space"- Modell für einen solidarischen Interessenausgleich in der Demokratie?

Man kann sich fragen, was hat der erste Paragraph der Straßenverkehrsordnung mit Demokratie-Lernen zu tun? Prof. Dr. Monheim stellte hierzu das Modell des Shared Space vor, um einen Entwurf aufzuzeigen, der dazu dienen kann, Bedürfnisse im Straßenverkehr demokratisch auszuhandeln. Was ist das Prinzip des Shared Space?

"Die Zuordnung verschiedener Territorien, für Fußgänger den Gehweg, für Radfahrer den Radweg und für Autofahrer die Fahrbahn, ist alleine deshalb eine Fiktion, weil es nur in Längsrichtung gedacht ist, Fußgänger müssen natürlich dauernd auf Fahrbahnen, wenn sie von der einen Seite auf die andere wollen", erläuterte Prof. Dr. Heiner Monheim. Die Herrscher der Fahrbahn, in diesem Falle die Autofahrer empfinden die Fußgänger als Eindringlinge in ihr Territorium, welche dort eigentlich nichts verloren haben. Diesen Herrschaftsanspruch innerhalb einer Stadt erachtet Herr Prof. Dr. Monheim als falsch. "Der einzige dem man einen legitimen Herrschaftsanspruch geben könnte ist letztlich der Fußgänger und dem gehört eigentlich die ganze Stadt". Dies begründete er mit der historischen Entwicklung der Stadt.

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Prof. Dr. Heiner Monheim
Foto: Dr. Doerthe Winter-Berke

Angeregt durch den Vortrag von Prof. Dr. Monheim entstand eine lebendige Diskussion über die Frage, wann Demokratie lernen stattfindet und über verschiedenen Konzepte und Regelungsprozesse im Straßenverkehr, die auch im anschließenden Open Space fortgesetzt wurde.

„Open Space" für eigene Ideen

Eigene Gedanken, Ideen und Projekte zum Tagungsthema „It's the democracy, stupid! Demokratie lernen. Wo? Wie? Wozu?" konnten in einer längeren Phase in selbstorganisierten Arbeitsgruppen in der darauffolgenden Phase der Tagung eingebracht und mit anderen Teilnehmern diskutiert werden. Angewendet wurden hierbei Elemente der Großgruppenkonferenzmethode „Open Space Technology".

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Programm des 2. Forumtages
Foto: Dr. Doerthe Winter-Berke

Die Arbeitsgruppenplätze in den Räumlichkeiten des Schlosses boten die Möglichkeit, sich auf diesen Austausch einzulassen. In acht Themengruppen vertieften die Teilnehmenden die Impulse und Anregungen aus den Vorträgen sowie ihre eigenen Ideen und Themen. Arbeitsgruppen zu Themen wie „Leserbrief vs. Internet. Neue Partizipationsformen für Jugendliche", „Partizipatory Design", „Demokratiekompetenz - What is it?" oder „Politische Bildung im öffentlichen Raum" fanden statt und anschließend über die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen allen Teilnehmern berichtet.

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Teilnehmende des Forums in der Open Space-Phase

Fotos: Dr. Doerthe Winter-Berke

Podiumsdiskussion mit Abgeordneten der im Bayerischen Landtag vertretenen Parteien

Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion zum Thema "Demokratie lernen. Wozu?". Auf dem Podium vertreten waren Anne Franke (Bündnis 90/Die Grünen), Prof. Ursula Männle (CSU), Julika Sandt (FDP), Prof. Dr. Michael Piazolo (Freie Wähler) sowie Dr. Linus Förster (SPD).
Zusammen mit den Teilnehmern der Tagung diskutierten diese, was sich Politiker von der politischen Bildung wünschen sowie umgekehrt. Insgesamt wurde deutlich, dass ein stärkerer Austausch zwischen Akteuren der politischen Bildung und Politikern auf beiden Seiten als wichtig empfunden wird. Zentrale Themen sind hierbei nicht nur parteipolitische Inhalte, sondern insbesondere auch die Befähigung zur politischen Teilhabe in der Demokratie. Gleichzeitig sei es jedoch notwendig die politische Bildung zu stärken. Dies wurde als Aufgabe von beiden Seiten an die jeweils andere formuliert.

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Teilnehmer der Podiumsdiskussion v.l.n.r.:
Christian Fey (Moderation), Julika Sandt (FDP), Prof. Dr. Michael Piazolo (Freie Wähler), Anne Franke (Bündnis90/Die Grünen,Prof. Ursula Männle (CSU), Dr. Linus Förster (SPD), Hanno Langfelder (Moderation)
Foto: Dr. Doerthe Winter-Berke

Des Weiteren wurde auch kritisiert, dass methodische Angebote, wie ein Planspiel im Landtag zwar lobenswert seien, jedoch in der Relation zur Anzahl der Schüler in Bayern keine zufrieden stellende Reichweite entwickeln.
Es wurde auch darüber diskutiert, welche Aspekte des politischen Geschäfts Schülern vermittelt werden sollten z.B. welche Bedeutung den Arbeitskreisen zu politischen Themen zukommen.
Zudem kam, am Beispiel des Döner-Verbots in Augsburg, zur Sprache, dass politisches Engagement von Jugendlichen auch anders begriffen werden müsse und die politische Motivation zu anderen Themen Anerkennung finden sollte. Daraufhin wurden unterschiedliche Ansichtsweisen über die Bedeutung von Jugend- und Kinderparlamenten geäußert. Einerseits wurde die Forderung formuliert, weitere dieser Parlamente einzuführen. Insgesamt sei es jedoch wichtig, Jugendliche und Kinder ernsthaft und mit tatsächlichem Stimmrecht Einfluss auf „echte" Politik nehmen zu lassen. Jugend- und Kinderparlamente könnten auch dazu dienen, neue formale „Erprobungsstätten" zu schaffen ohne echten Einfluss zu ermöglichen.

Beendet wurde die Tagung durch den Tagungsleiter der Evangelischen Akademie Dr. Axel Schwanebeck, der dem Tagungsteam, den Kooperationspartnern, Referenten sowie allen Teilnehmern für die gelungene Tagung dankte.

Einen weiteren Artikel zum Forum finden Sie auf der Homepage unseres Kooperationspartners der Akademie Führung & Kompetenz am CAP hier.

Gelesen 1619 mal Letzte Änderung am Sonntag, 14 Dezember 2014 17:01
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