Mittwoch, 30 Juli 2014 00:00

„Genauer hinsehen und hinterfragen“

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Zweitägiges Argumentationstraining gegen Stammtischparolen zum Thema Politik für eine Seminargruppe aus TeilnehmerInnen des Freiwilligen Sozialen Jahres und Bundesfreiwilligendienstes

Julia, 23 Jahre, war nach zwei Tagen des Argumentationstrainings positiv überrascht und formulierte als persönliches Fazit: „Das Seminar hat dazu beigetragen, dass ich in Zukunft genauer hinsehen werde und Schlagzeilen oder Aussagen meiner Mitmenschen hinterfrage.“

Auf Einladung von Marina Khanide, Mitarbeiterin der Evangelischen Jugend München, führte das Netzwerk Politische Bildung Bayern am 02. und 03. April 2014 einen Workshop zum Thema „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen zum Thema Politik“ in der Jugendherberge Possenhofen durch. Bei den zwanzig  TeilnehmerInnen zwischen 18 und 30 Jahren, die gerade ein Freiwilliges Sozialen Jahr (FSJ) bzw. den Bundesfreiwilligendienst absolvieren, hielt sich die Begeisterung für das Thema „Politik“ zunächst in Grenzen. Zu wenig könnten sie selbst darüber sagen und zu weit entfernt von ihrem alltäglichen persönlichen Leben sei das Thema angesiedelt. Beispielhaft die Aussage einer 18jährigen: „Politik ist zu theoretisch, zu weit weg von mir und die Politiker können sich nicht vorstellen was ich mache im Alltag und umgekehrt.“

Für Dr. Christian Boeser-Schnebel, der mit Unterstützung der Studentinnen Gwennaelle Mulliez und Simone Bielmeier den Workshop durchführte, eine für Jugendliche und junge Erwachsene nicht untypische Reaktion: „Die Distanz zur Politik im engeren Sinne ist groß und die Bereitschaft sich darauf einzulassen oftmals sehr klein. Das liegt auch mit daran, das politische Bildung selbst ein Imageproblem hat."

Kern des Trainings war es, die politische Urteils- und Handlungsfähigkeit der TeilnehmerInnen weiter zu entwickeln und die jungen Erwachsenen gleichzeitig zu ermutigen, sich für ihre Interessen einzusetzen und den Mut aufzubringen, die eigene Meinung zu äußern. Worauf es ankommt, ist „Mut zum Statement“.

Am ersten Seminartag ging es vor allem darum, ein Verständnis für den Teufelskreis zwischen der Politikerverdrossenheit der Bürger und der Bürgerverdrossenheit der Politiker zu entwickeln: Je weiter sich die Bürger von Politikern entfernen, und je mehr sie über diese undifferenziert schimpfen, desto stärker tragen die Bürger dazu bei, dass sich auch die Politiker von den Bürgern abkoppeln. Andersherum ist das gleiche Phänomen zu beobachten: Je abgehobener ein Politiker ist, desto mehr Widerstand löst dies bei den Bürgern aus und die Kluft zwischen Bürgern und Politikern verstärkt sich. Insgesamt eine für die Demokratie problematische Entwicklung (siehe Diagramm). Damit sich etwas verändert, müssen sich sowohl die Bürger als auch die Politiker ändern. 

Gleich zu Beginn des Seminars sollte jede/r TeilnehmerIn einen Partner mit Hilfe eines Interviewleitfadens zum Thema Politiker und Politik befragen. (Zum Beispiel: „Was denkst Du, wenn Du das Wort ‚Politiker‘ hörst?“) Diese Übung wurde im Rückblick als sehr positiv von den Teilnehmenden bewertet, denn es stellte sich heraus, dass jeder weit mehr über das Thema wusste und beisteuern konnte, als viele selbst von sich erwartet hatten.

Später machte man sich in Kleingruppen Gedanken darüber, wie ein „Ideal-Bürger“ oder ein „Ideal-Politiker“ auszusehen habe und setzte die Ergebnisse zeichnerisch um. Besonders interessant an den Bildern war, dass ein „Ideal-Politiker“ besonders gut zuhören können müsse, eine Eigenschaft, die gegenüber einem „Ideal-Bürger“ bei der Ausarbeitung außer Acht geblieben war. Ein „Ideal-Bürger“ hingegen müsse vor Allem seine Anliegen kommunizieren und seine Meinung frei artikulieren können, aber auch Fragen an den Politiker richten. Von einem „Ideal-Politiker“ wiederum wird erwartet, dass bei seiner Arbeit die Gesellschaft im Blick hat. Auch hier war auffallend, dass diese Erwartung zunächst nur gegenüber Politikern formuliert wurde, dabei lebt eine Demokratie ja gerade auch vom Engagement ihrer Bürger und der Identifikation der Bürger mit ihrer Gesellschaft.

Eine weitere Übung war es, sich mit einem Artikel aus der Presse zu befassen und einen Leserbrief an die Redaktion zu verfassen in welchem darauf aufmerksam gemacht werden sollte, dass die Art und Weise der Berichterstattung die Politikverdrossenheit durch Skandalmitteilungen weiter anfeuere. Die TeilnehmerInnen hatten viele kreative Vorschläge zur Lösung dieser Aufgabe.

„Was nervt Dich an anderen Menschen so richtig?“ Ausgehend von dieser Frage wurden den Teilnehmenden das Instrument des Werte- und Entwicklungsquadrats des Kommunikationspsychologen Schulz von Thun erläutert: „Die Prämisse des Werte- und Entwicklungsquadrats lautet: Jeder Wert (jede Tugend, jedes Leitprinzip, jede menschliche Qualität) kann nur dann seine volle konstruktive Wirkung entfalten, wenn er sich in ausgehaltener Spannung zu einem positiven Gegenwert, einer ‚Schwesterntugend‘ befindet. Ohne diese Balance verkommt ein Wert zu seiner entwerteten Übertreibung.“ Auf ein politisches Beispiel angewendet: Häufig werden die Forderung nach mehr Einzelfallgerechtigkeit und zugleich der Wunsch nach weniger Bürokratie oder nach unbürokratischer Hilfe geäußert. Das hier bestehende Spannungsfeld ist vielen nicht bewusst. Am Beispiel von Hartz IV lässt sich das für Politiker bestehende Dilemma jedoch gut veranschaulichen. Ohne bürokratische Prüfung des Einzelfalls lässt sich kaum feststellen, wer wirklich bedürftig ist. Demnach gibt es auf dem ersten Blick nur zwei (jeweils problematische) Alternativen: Die erste ist, dass man entweder im Einzelfall ungerecht ist, das heißt jemand erhält ungerechtfertigter Weise etwas oder ungerechtfertigter Weise nichts, oder es gibt, zweite Alternative, eine aufwendige bürokratische Einzelfallprüfung, die nicht nur Geld kostet sondern auch für den Betroffenen eine Zumutung darstellt. Politik muss sich zwischen diesen beiden Alternativen nicht grundsätzlich entscheiden, sondern kann zwischen den beiden konkurrierenden Wertvorstellungen von Fall zu Fall abwägen und ggf. Gesetze nachjustieren, wenn die Balance nicht mehr stimmt. Bei einseitiger Orientierung an einem Wert droht sonst dessen Entartung (in der Abbildung die unteren Felder).

Insgesamt waren die TeilnehmerInnen mit den zwei Tagen sehr zufrieden: Trotz vorheriger Angst, nichts über das Thema zu wissen und nichts damit am Hut zu haben, fanden die meisten TeilnehmerInnen die Übungen und Diskussionen spannend und konnten sich, für sich selbst überraschend, gut in Diskussion und Gruppenarbeiten einbringen.

Im Anschluss an den Workshop wurden einige Teilnehmende befragt. Dabei wurde auch auf die einleitende Frage des Interviewleitfadens zurückgegriffen: „Woran denkst Du wenn Du das Wort ‚Politiker‘ hörst?“ Lisa, 19 Jahre, antworte wie folgt: „An einen Menschen der einen mega anstrengenden Job hat und große Verantwortung für die Gesellschaft trägt. Nach den zwei Tagen, sehe ich das jetzt differenzierter und habe besser verstanden was ein Politiker tut.“

Die Befragten halten eine Auseinandersetzung mit dem Thema Politik für unbedingt notwendig und können sich vorstellen, in ihrem Freundes- und Familienkreis, Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass Dinge hinterfragt werden müssen bevor platt und aggressiv Meinungen formuliert werden: „Das Seminar hat meine Sicht auf die Politikernummer verändert und ich fände es gut, wenn mehr Leute hinterfragen und sich im selben Atemzug mehr Wissen aneignen, dies könnte auch die Wahlbeteiligung steigern.“ (Thomas, 30 Jahre)

Besonders beeindruckt hat Julia (23 Jahre), dass sich mit Hilfe des Werte- und Entwicklungsquadrat auch in vermeintlich Negativem etwas Positives erkennen lässt, sei es in nervigen Eigenschaften, in „falscher“ Politik oder eben in Stammtischparolen. Gerade in der Fokussierung des Argumentationstrainings auf Dilemmata in der Politik liegt offenbar eine große Lernchance.

Abschließend bleibt zu konstatieren, dass die zwei Tage in Possenhofen für die TeilnehmerInnen und auch für die Seminarleitung sehr intensive Tage waren und deutlich gemacht haben, dass das Argumentationstraining gerade auch dann funktioniert, wenn die Distanz gegenüber Politik zunächst groß ist.

Das Netzwerk Politische Bildung Bayern bietet für Schulen und für die außerschulische politische Bildung mit Jugendlichen und mit Erwachsenen Workshops zum Argumentationstraining an. Miniworkshops können in drei Stunden durchgeführt werden. Für eine intensivere Auseinandersetzung sollte mindestens ein Tag vorgesehen werden. Bei Interesse können Sie sich an Dr. Christian Boeser-Schnebel wenden (Telefon: 0821/598-5562 / Mail: christian.boeser@phil.uni-augsburg.de).

 

 
Gelesen 2805 mal Letzte Änderung am Dienstag, 04 Oktober 2016 16:05
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