Freitag, 19 Dezember 2014 00:00

Erkennen und Verstehen politischer Dilemmata

geschrieben von  Gwennaelle Mulliez und Marianne Reimers

Im Rahmen eines vom 07. November bis 09. November 2014 stattgefundenen „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen zum Thema Politik“, an welchem eine Schulklasse der 10. Jahrgangsstufe des sozialwissenschaftlichen Zweiges des Maria-Theresia Gymnasiums Augsburg teilnahm, wurde über mögliche politische Dilemmata reflektiert. Das übergeordnete Ziel des Workshops war zunächst die politische Urteilsfähigkeit der Teilnehmer/innen zu fördern und sie anzuregen Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen um so politische Handlungsfähigkeit zu erwerben.

Problematik von „Dilemmata“:

 

Bei der Arbeit mit Dilemmata wird davon ausgegangen, dass eine Demokratie stets fundamentale Dilemmata enthält, welche in vereinfachenden und stereotypisierenden Aussagen, bzw. Stammtischparolen häufig ausgeblendet oder vermieden werden (ausführlich in: Schnebel/ Boeser-Schnebel, 2014).

Durch die Arbeit mit Dilemmata soll deutlich gemacht werden, dass schnelle, einfache und dauerhaft funktionierende Lösungen in der Politik häufig nicht möglich sind. Denn Politiker befinden sich oftmals in der prekären Lage zwischen gleichberechtigten Alternativen abwägen zu müssen.

 

Methode zur Auseinandersetzung mit „Dilemmata“:

 

Um die Teilnehmer/innen an die täglich in der Politik auftretenden Dilemmata heranzuführen, eignet sich die Methode des Werte- und Entwicklungsquadrates, welches insbesondere durch den Kommunikationspsychologen Schulz von Thun bekannt wurde. Der Methode des Werte- und Entwicklungsquadrates liegt zu Grunde, dass jeder Wert (jede Tugend, jedes Leitprinzip, jedes Persönlichkeitsmerkmal) nur dann seine volle konstruktive Wirkung entfalten kann, wenn er sich in ausgehaltener Spannung zu einem positiven Gegenwert, einer ‚Schwestertugend‘ befindet. Ohne Balance, bzw. ausgehaltener Spannung zwischen Wert und Gegenwert, verkommt ein Wert zu seiner entwerteten Übertreibung. Bei dieser Übung sollen die Teilnehmer/innen Dilemmata politischer Entscheidungen erkennen und verstehen. Gleichzeitig soll der eigene Standpunkt so kritisch hinterfragt werden.

 

 

Beispiele für „Dilemmata“ aus dem Seminar:

 

Ein Werte- und Entwicklungsquadrat, welches die Teilnehmer/innen im Verlauf des Workshops entwickelten, beschäftigt sich mit der Problematik der Entscheidungen im politischen Alltag. Zunächst wünschen sich Bürger „vorsichtige Politiker“, die ihre Entscheidungen gut durchdenken und auf mögliche negative Folgen abwägen. Außerdem wünschen sich Bürger oftmals „entscheidungsfähige Politiker“ die in akuten Situationen schnell reagieren können.

Nun gilt es die Spannung zwischen den beiden positiven Werten, also dem Anliegen überlegter und reflektierter Entscheidungen und dem gleichzeitigen Willen zeitnah und flexibel auf Situationen zu reagieren, auszuhalten und auszubalancieren.

Gelingt es nicht die Spannung zwischen den beiden positiven Werten auszubalancieren, kommt es zu Ausartungen der Werte. So kann beispielsweise den Politikern vorgeworfen werden, dass sie überstürzte Entscheidungen treffen und diese nicht gründlich genug durchdenken, oder, auf der anderen Seite, kann es vorkommen, dass der Bürger das Gefühl hat, bei konsequent durchdachten Entscheidungen bewege sich nichts vorwärts. Entscheidungen die stets bis ins kleinste Detail durchdacht sind nehmen viel Zeit in Anspruch, da oftmals eine Vielzahl an Interessengruppen in den Prozess involviert ist.  Die Entwicklung eines Landes könnte so durch die von außen bewirkte Handlungsunfähigkeit mancher Politiker gehemmt werden.

Durch die Auseinandersetzung mit der Thematik wird die Schwierigkeit politischer Entscheidungsprozesse und Handlungsspielräume deutlich. Die Teilnehmer/innen des Seminars konnten erkennen, dass politische Akteure in ihrem Entscheidungsprozess stets einer Vielzahl von Herausforderungen und divergierenden Interessen ausgesetzt sind da auch die beeinflussenden Variablen oftmals in konfliktgeladener Spannung zueinander stehen.

 

In einem weiteren Wertequadrat beschäftigten sich die Teilnehmer mit der Frage nach individueller Freiheit und notwendigen Gesetzen. Wo ist in unserer Gesellschaft wirklich Bedarf an Regelung notwendig und wo kann mehr Freiheit gewährt werden? Gesetze schützen jedes in einer Gesellschaft lebende Individuum und beschneiden zugleich die Auslebung seiner Bedürfnisse (Freiheiten). Auch bei dieser Thematik handelt es sich um ein „Dilemma“ der Demokratie, bei dem die Freiheit und das Gesetz in Balance zueinander gebracht werden müssen. Diese Spannung konnte verdeutlicht werden, als unter den Teilnehmern die Teilnahme am Seminar thematisiert wurde. Dass die Teilnehmer freiwillig am Seminar teilnahmen, ist ein wichtiger Aspekt für die Durchführung des Seminars. Eine weitere, wesentliche Voraussetzung den Erfolg des Seminars ist darüber hinaus auch die aktive Mitarbeit, sowie das gegenseitige Zuhören und Austauschen. An dieser Stelle ist es möglich, dass individuelle Bedürfnisse beschnitten werden, denn das Gelingen des Seminars würde erheblich dadurch gestört werden, wenn sich jemand auf den Boden legen oder sich mit seinem Nachbarn über persönliche Anliegen austauschen würde.

 

Ein letztes weiteres Beispiel für von den Teilnehmern entwickelte Werte- und Entwicklungsquadrate wurde die Thematik der angemessenen Bezahlung für Politiker aufgegriffen.

Schnell wurde den Teilnehmer/innen deutlich, dass eine Balance zwischen einer angemessenen Bezahlung und dem idealistischen Engagement eines Politikers herrschen muss. Einerseits benötigen wir Menschen die kompetent sind, gleichzeitig erwarten wir dass diese Menschen ein gewisses Maß an Idealismus mitbringen.

Es ist danach zu Fragen, was uns die Politiker wert sind?

Dabei müssen beispielsweise die Arbeitszeiten eines Spitzenpolitikers berücksichtigt werden. Der zeitliche Aufwand, den diese Menschen für unser Land betreiben, lässt keinen zeitlichen Spielraum mehr für Nebentätigkeiten bei denen der Lebensunterhalt gesichert wäre. Sicherlich wirkt eine angemessene Bezahlung dem Verführungspotenzial durch Korruption entgegen.

Das Spannungsfeld zwischen kompetenten Menschen, die sich nicht unter ihrem Wert verkaufen möchten und der Erwartung der Bürger, dass Politiker ein gewisses Maß an Idealismus mitbringen kann nur vor dem Hintergrund der jeweiligen Bedingungen verstanden werden. Die Diskussion über die angemessene Bezahlung von Politkern kann nicht allein darauf beruhen, dass sie kurzsichtig mehr verdienen als andere.

 

Fazit:

Das Werte- und Entwicklungsquadrat stellt ein geeignetes Instrument dar, um die Teilnehmer/innen für Prozesse und Zusammenhänge in denen sich Akteure der Politik täglich befinden zu sensibilisieren. Die Übung trägt dazu bei Situationen kritisch zu hinterfragen und die Möglichkeiten des Handlungsspielraumes der Politik abzuwägen. Diese Arbeit mit Dilemmata schult die Kompetenz Stammtischparolen argumentativ entgegnen treten zu können und die eigene politische Urteilsfähigkeit zu schulen, denn auch der persönliche Standpunkt und die persönlichen Annahmen bedürfen einer kritischen Reflektion.

 

Das Netzwerk Politische Bildung Bayern bietet für Schulen und für die außerschulische politische Bildung mit Jugendlichen und mit Erwachsenen Workshops zum Argumentationstraining an. Miniworkshops können in drei Stunden durchgeführt werden. Für eine intensivere Auseinandersetzung sollte mindestens ein Tag vorgesehen werden. Bei Interesse können Sie sich an Dr. Christian Boeser-Schnebel wenden (Telefon: 0821/598-5562 / Mail: christian.boeser@phil.uni-augsburg.de).

Gelesen 3219 mal Letzte Änderung am Dienstag, 04 Oktober 2016 16:04
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