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Freitag, 05 Dezember 2014 00:00

NEIN zu Stammtischparolen! – Ein Argumentationstraining

geschrieben von  Siegfried Frech

Zivilcourage ist nicht vom „genetischen Zufall“ abhängig oder gar Temperamentsache, sondern grundsätzlich erlernbar. Ein Argumentationstraining ist ein Lernarrangement für Schüler/-innen, das zivilcouragiertes Verhalten im simulativen Umgang mit Ernstsituationen trainieren will. In der Auseinandersetzung mit sogenannten Stammtischparolen, d.h. rassistischen, rechtspopulistischen bzw. rechtsextremen Aussagen, können das Handlungsrepertoire, die sozialen und kommunikativen Kompetenzen und letztlich die Selbstwirksamkeit der Schüler/-innen erweitert werden. In Argumentationstrainings geht es darum, im Alltag mutig und mit begrenztem Risiko für die Wahrung der Menschenwürde und für fairen Konfliktaustrag einzutreten. Das Ergebnis solcher Trainings ist prinzipiell offen, weil Schule und Unterricht soziale Einstellungen und Handlungsweisen fördern, nicht aber präjudizieren können.

Argumentationstraining – Idee und Konzeption

Idee und Konzeption des „Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen“ gehen auf Klaus-Peter Hufer, Fachbereichsleiter für Geistes- und Sozialwissenschaften der Kreisvolkshochschule Viersen und Dozent an den Universitäten Bochum und Essen, zurück. Diese Trainings, die sich vornehmlich in der außerschulischen Bildungslandschaft etabliert haben, waren vor mehr als zwanzig Jahren ein Versuch, Rhetorik, Selbstsicherheitstraining und (politische) Bildung miteinander zu verbinden.

Die Grundannahme dieser projektorientierten Lernform ist, dass Methoden konstruktiver Konfliktbearbeitung und zivilcouragiertes Verhalten trainiert werden können. Selbstsicherheit und die prompte Verfügbarkeit angemessener Argumente sind erlernbar, d.h. je öfter eine Person sich in einer Situation befunden hat, in der sie aktiv einschreiten und schwierige Dialoge meistern konnte, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Selbstsicherheit und Handlungsroutine zunehmen. Dargestellt wird im Folgenden die mit Schüler/-innen erprobte Variante eines Argumentationstrainings.

 

Didaktische Zielsetzungen

Die streng asketische und vornehmlich kognitiv geprägte Bildungsarbeit ist im Rahmen solcher Trainings fehl am Platze. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Schüler/-innen, ihre biographischen Erfahrungen, Erwartungen und Kompetenzen, die sie mitbringen bzw. fördern wollen.

 

M 1: Was ist ein Argumentationstraining?

„Ein Argumentationstraining ist eine Art Werkstatt, ein Labor, eine offene Lernsituation. Das Lernen geschieht hier nicht durch Belehrung, sondern durch das gemeinsame Üben und die spielerische Auseinandersetzung der Beteiligten mit der Realität. Hier bekommt man auch – aber keineswegs nur – Wissen geliefert, vorrangig erfährt man Neues durch das Ausprobieren und gemeinsame Nachdenken. Der Prozess bestimmt den Lernweg und das Lernergebnis, und an diesem Prozess sind alle beteiligt. (...) Beim Argumentationstraining werden (…) Schlagwörter und Parolen auf ihre emotionale Basis und Wirkung und sachliche Angemessenheit hin überprüft und eventuelle Gegenstrategien erprobt.“ (Hufer, 2008, S. 10f.)

 

Ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen verfolgt mehrere (Lern-)Ziele. Die Schüler/-innen erfahren eigene Stärken und erkennen ihre Grenzen in verbalen Konfrontationen, d.h. ein solches Training will zu angemessenem zivilcouragiertem Verhalten anregen, Hilfen für sinnvolles Argumentieren geben, aber auch Grenzen verbaler Erwiderungen aufzeigen. Mithin geht es um den Erwerb kommunikativer Kompetenzen. Gleichzeitig erhalten die Schüler/-innen Sachwissen und Informationen, um Stammtischparolen inhaltlich angemessen hinterfragen zu können.

Das Training eignet sich für Jugendliche und junge Erwachsene, die in der Familie, in der Schule oder im Freundeskreis mit Stammtischparolen konfrontiert wurden bzw. werden und ein intrinsisch motiviertes Interesse am Erlernen und Anwenden möglicher Handlungs- und Gegenstrategien haben. Als ideale Adressatengruppe haben sich Schüler/-innen ab dem Ende der Sekundarstufe I bzw. Jugendliche und junge Erwachsene, die in lokalen Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus engagiert sind, erwiesen.

In der Schule sollte ein Argumentationstraining im Rahmen von Projektwochen oder Projekttagen angeboten werden. Nach langjähriger Erfahrung wird davon abgeraten, ein Argumentationstraining in Kursform – etwa im Laufe mehrerer Unterrichtsstunden – durchzuführen. Solche Trainings leben vielmehr von Gruppenprozessen, die sich erst im Laufe des Trainings entwickeln. Ideal ist es, zwei bis drei Tage für die Durchführung zu veranschlagen.

 

Der Verlauf eines Argumentationstrainings

  1. Begrüßung
  2. Partnerinterviews (anstatt Vorstellungsrunde)
  3. Vorstellung der Ergebnisse des Partnerinterviews
  4. Impuls
  5. Annäherung an das Thema
  6. Sammlung von "Stammtischparolen"
  7. Auswahl von Parolen (zur weiteren Bearbeitung)
  8. Rollenspiel
  9. Auswertung
  10. Fortsetzung des Trainings
  11. Inhaltliche Vertiefung
  12. Evtl. kann an dieser Stelle erneut ein Rollenspiel erfolgen
  13. Psychologische Hintergründe der Stammtischparolen
  14. Gegenstrategien
  15. Seminarauswertung

 

Der Einstieg

Nach der Begrüßung und kurzen Erläuterung formaler Gepflogenheiten (z.B. Projektverlauf und Projektzeiten) werden als Einstieg zunächst Partnerinterviews durchgeführt. Bei den Interviewfragen wird Wert darauf gelegt, die vorhandenen Einstellungen zum Thema („Warum und wo bin ich mit Stammtischparolen konfrontiert worden?“), die Motive der Teilnahme und die Erwartungen zu ermitteln.

Nach erfolgter wechselseitiger Vorstellung im Plenum ist es empfehlenswert, den „Charakter“ eines Argumentationstrainings (vgl. M 1) sowie die Rolle der Lehrpersonen zu definieren. Für das Gelingen ist es unverzichtbar, die Schüler/-innen auf ihren aktiven Part hinzuweisen und den Workshop-Charakter zu verdeutlichen. Die didaktische Grundstruktur des Trainings lebt wesentlich vom Gruppenprozess, von den Interessen und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der Schüler/-innen. Den Lehrenden kommt die Aufgabe der Moderation und gegebenenfalls der „sanften“ Lenkung zu (vgl. M 2).

 

M 2: Aufgaben der Moderation

1. Es gibt in diesem Argumentationstraining keine „Belehrung“.

2. Prozess und Inhalt hängen ganz entscheidend von Eueren Aktivitäten ab.

3. Ihr erarbeitet die Ergebnisse, wobei diese offen und ungewiss sind.

4. Wir sind uns einig, dass wir uns nicht immer einig sein müssen.

5. Die Moderatorin/der Moderator steuern als „Begleiter“ und „Lotsen“ die einzelnen Schritte des Trainings.

(nach: Hufer, 2008, S. 23)

 

Brainstorming: Sammlung von Stammtischparolen

In dieser Phase, die gemeinhin mit der umgangssprachlichen Formulierung umschrieben wird, nun „endlich die Sau rauslassen zu können“, werden die Schüler/-innen gebeten, im Brainstorming-Verfahren Stammtischparolen zu nennen. Damit diese Sequenz in einer störungsfreien und offenen Atmosphäre verlaufen kann, ist die Verständigung auf einige Grundregeln (vgl. M 3) notwendig.

 

M 3: Regeln für das Brainstorming-Verfahren

Die vorzugebenden Regeln lauten:

1. Alle sind gleichberechtigt, sich zu äußern.

2. Die Äußerungen sollen knapp und kurz sein.

3. Keine Äußerung darf kritisiert werden.

4. Nachfragen sind (zunächst) nicht erlaubt.

5. Niemand braucht sich für seine Beiträge zu entschuldigen.

(nach: Hufer, 2008, S. 28)

 

Die einzelnen Parolen werden für alle gut lesbar auf Metaplankarten geschrieben, nach einer ca. halbstündigen Sammelphase laut vorgelesen, unter Umständen aufgrund von Nachfragen aus dem Plenum erläutert, sodann nach thematischen Schwerpunkten geordnet und auf eine Wandzeitung aufgeklebt.

Die Bilanz dieser Sammelphase ist eine brisante Gemengelage gängiger Vorurteile und Klischees, oftmals gepaart mit Parolen, die eine gehörige Portion Politik- und Parteienverdrossenheit enthalten. In den Parolen spiegelt sich der „Zeitgeist“ und Ungeist der hinlänglich bekannten rechtsradikalen, rassistischen, nationalistischen, frauenfeindlichen und sexistischen Stammtischparolen wider.

 

Inhaltliche Auseinandersetzung: Kennzeichen von Stammtischparolen

Im Anschluss werden in einem Kreisgespräch erste Kennzeichen und Gemeinsamkeiten der Parolen und die Frage erörtert, warum es so schwer fällt, sich mit diesen Parolen „vernünftig“ auseinander zu setzen (vgl. M 4).

 

M 4: Warum ist es so schwierig, sich mit Stammtischparolen auseinanderzusetzen?

Die Kennzeichen von „Stammtischparolen“ sind:

- ihre verkürzte Sicht;

- schlagwortartige Zuspitzung;

- Verallgemeinerung;

- Heftigkeit;

- Plattheit;

- Plumpheit;

- Aggressivität;

- ihr absoluter Anspruch;

- die Abwertung von Andersdenkenden und Andersaussehenden.

 

Die Schwierigkeit im Umgang mit ihnen besteht in

- ihrem aufgeladenen emotionalen Gehalt;

- der hinter ihnen stehenden Gewalt;

- der Angst, die sie auslösen und verursachen;

- der Erregung (und die Wut), die man selbst verspürt;

- der Schwierigkeit, schnell die passenden Argumente zu finden;

- der Ausschließlichkeit, mit der sie vorgetragen werden.

(nach: Hufer, 2008, S. 26)

 

Auswahl von Parolen für die Weiterarbeit

DieSchüler/-innen treffen vor den Rollenspielen zunächst eine Auswahl und markieren an der Wandzeitung mit Klebepunkten nun diejenigen Parolen, die sie am meisten interessieren und mit welchen sie sich im weiteren Verlauf auseinandersetzen möchten. Jeder/jede hat die Möglichkeit, drei bzw. fünf Punkte zu vergeben – und zwar entweder verteilt auf die Parolen oder „kumuliert“ auf eine oder zwei Parolen. So entsteht eine „Hitliste“, die einen Rückschluss auf die Interessenlage der Schüler/-innen erlaubt und die inhaltlichen Schwerpunkte des weiteren Verlaufs bestimmt.

 

Rollenspiele und Auswertung

Nach einer kurzen Einführung in die Methode des Rollenspiels simulieren die Schüler/-innen einen „typischen“ Stammtisch. Folgendes Verfahren hat sich in der Praxis bewährt: Sechs Schüler/-innen führen die Diskussion, wobei drei die Apologeten der Parole und drei deren Widersacher darstellen. Die einen vertreten also die Tendenz des ausgewählten Spruchs, die anderen halten dagegen. Die übrigen Schüler/-innen werden als Beobachter und Protokollanten in das Geschehen involviert. Sie sitzen im Kreis um die Diskutanten und werden gebeten, ihre Wahrnehmungen unter den folgenden Gesichtspunkten mitzuschreiben (vgl. M 5):

 

M 5: Beobachtungsaufgaben

1. Welche Argumente und Gegenargumente fallen?

2. Welche Gefühle kann man erkennen?

3. Welche Beziehungen sind zwischen den Beteiligten erkennbar?

4. Wie ist die Körpersprache und Mimik?

 

Nach jedem Rollenspiel werden zuerst die „Stammtischbesucher“ – der „Innenkreis“ – gebeten, ihre Eindrücke, Stimmungen und Gefühlslagen zu schildern. Anschließend können die Beobachter des „Außenkreises“ ihre Beobachtungen und Mitschriebe darlegen. In diesem Plenumsgespräch bietet sich eine inhaltliche Vorgabe als Gesprächsleitfaden an. Gesucht werden erste Antworten auf folgende Fragen, die – auf Folie oder als Wandzeitung (vgl. M 6) präsentiert – einen Leitfaden ergeben:

 

M 6: Auswertungsfragen

Emotionale Ebene:

- Welche Gefühle, Stimmungen konntet ihr erkennen?

- Bei wem traten sie wie auf?

- Kamen Aggressionen auf?

- Konnten sie verhindert werden?

- Wie war das Verhältnis der beiden „Spielgruppen“ untereinander?

Rhetorische Ebene:

- Wo konnten sich Argumente oder Gegenargumente durchsetzen?

- Wann und wie wurden sie abgeblockt?

- An welchen Stellen hätte man etwas anders/besser machen können?

- Welche körpersprachlichen Zeichen waren erkennbar?

Inhaltliche Ebene:

- Welche Argumente wurden vorgetragen?

- Welche waren gut?

- Bei welchen konnte nichts Wirkungsvolles erwidert werden?

- Was hätte man hier sagen können?

- Welches Argument fehlte?

(nach: Hufer 2008, S. 43f.)

 

Inhaltliche Auseinandersetzung und Sammlung von Gegenargumenten

In dieser Sequenz erfolgt die intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten der Parolen, den im Rollenspiel genannten Argumenten und politisch gebotenen Gegenargumenten. Gerade weil es zu Nachfragen kommt, wie dieses oder jenes Argument zu bewerten sei, welche Fakten denn nun richtig seien und was man bestimmten Aussagen entgegensetzen könne, ist eine inhaltliche Beschäftigung mit den Parolen nunmehr angezeigt. Spätestens im Anschluss an die Rollenspiele wird den Schüler/-innen nämlich klar, dass Argumentieren die Kenntnis von Sachwissen voraussetzt!

Die Schüler/-innen arbeiten in der Folge in Kleingruppen und versuchen mit bereitgestellten Materialien, Gegenargumente für Stammtischparolen zu finden. Diese Gegenargumente werden in prägnanten Sätzen schriftlich festgehalten und sind die Grundlage für die im späteren Verlauf erneut stattfindenden Rollenspiele (vgl. M 7).

 

M 7 Stammtischparolen und Gegenargumente

Parole: „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“

Gegenargument: Ohne die ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würden viele Wirtschaftszweige wie z.B. die Gastronomie an noch größerem Personalmangel leiden. Mehr als 680.000 Ausländerinnen und Ausländer sind in Deutschland selbstständig. Sie haben in ihren Betrieben Tausende von Arbeitsplätzen geschaffen. Die Arbeitslosenquote der ausländischen Bevölkerung ist höher als bei den Deutschen (2011: 15,8%). Welche Arbeitsplätze haben sie weggenommen?

 

Parole: „Ausländer raus!“

Gegenargument: Ohne die ausländischen Kolleginnen und Kollegen wären ganze Wirtschaftszweige von heute auf morgen bankrott. Vor allem der Kranken- und Pflegedienst, die Baubranche und das Hotel- und Gaststättengewerbe. Zudem sind inzwischen ganze Industriezweige auf ausländische Fachkräfte angewiesen, um international konkurrenzfähig bleiben zu können. Der künftige Bedarf an qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland wird auf über 500.000 Menschen pro Jahr geschätzt.

 

Für die Moderatoren bedeutet dies, dass sie einen erheblichen Fundus an Materialien bereitstellen und möglichst viele Themen (Ausländerpolitik, Sozialpolitik und Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Politikverdrossenheit, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, Nationalsozialismus, Rechtsextremismus) abdecken müssen. Eine umfangreiche (und vor allem frühzeitig beginnende) Sammlung von diversen Handbüchern, Arbeitsheften, statistischen Unterlagen, Texten und Materialien ist daher sinnvoll.

 

Gegenstrategien/Gesprächstechniken

Das zentrale Interesse gilt den Gegenstrategien und der Frage, wie man sich in Situationen der verbalen Eskalation verhalten soll. Schüler/-innen fragen häufig nach konkreten und praktischen Tipps. Unter der Überschrift „Schlagfertigkeit, Überzeugen, Durchsetzungsfähigkeit“ kann Schülerinnen und Schüler eine Einführung in elementare rhetorische Kenntnisse, die sie in Übungen (vgl. M 8) unmittelbar anwenden und ausprobieren können, geboten werden. In aller Regel kommen diese Tipps und „Tricks“ dann auch in weiteren Rollenspielen zur Anwendung.

 

M 8: Rhetorische Tipps und Hilfen

Die Dolmetscher-Technik

Übersetze den „Angriff“ in eine harmlose Bemerkung, die evtl. eine positive Bedeutung hat.

Beispiel:

A: „Du bist eine Pfeife.“

B.: „Ja, stimmt – alles hört auf mich.“

 

Versuche in den folgenden Beispielen immer einen positiven Aspekt zu entdecken.

„Du bist ein Kamel.“

„Du bist vielleicht eine Krücke.“

„Du bist doch nur eine Marionette.“

„Du benimmst dich wie die Axt im Walde.“

„Du bist aber altmodisch.“

 

Übung: „Lieber/besser als“

Bei dieser Technik wird das Gesagte nicht bestritten. Die Bedeutung wird aber heruntergespielt. Dann wird ein (indirekter) Gegenvorwurf gestartet. Denn alle Worte, die nach dem „als“ kommen, richten sich an das Gegenüber.

Beispiel:

A: „Du bist aber eingebildet.“

B: „Besser eingebildet als ungebildet.“

 

Formuliere um:

„Du bist ein ganz schönes Großmaul.“

„Das finde ich schlecht.“

„In dieser Sache bist du aber kurzsichtig.“

„Du siehst aber ganz schön mitgenommen aus.“

 

Sammlung von Gegenstrategien und Auswertung

Jedes Argumentationstraining sollte sich gegen Ende intensiv mit der Frage nach sinnvollen Verhaltensweisen und plausiblen Gegenstrategien beschäftigen. In einem Brainstorming-Verfahren werden in der vorletzten Phase des Trainings mögliche Verhaltensweisen für konfrontative Situationen gesammelt und notiert. Im Rahmen dieser Phase greifen die Schüler/-innen in aller Regel auf die in den Rollenspielen gemachten und „erlebten“ Erfahrungen zurück, generalisieren ihre Erkenntnisse bzw. formulieren diese in mögliche Verhaltensregeln um. Diese Vorschläge werden geordnet, gruppiert und in einer Reihe von Merksätzen neu formuliert (vgl. M 9):

 

M9: Welches Verhalten ist zu empfehlen?

- Einsicht in die eigene Situation: Wenn man etwas entgegnen will, zieht man oft den Kürzeren.

- Es ist schwierig, Gegenargumente zu vertreten. Im Gegensatz zu den Parolen sind die dahinter stehenden Themen umfangreich. Daher gibt es auf Parolen so gut wie keine Gegenparolen.

- Direktes Nachfragen kann eine gute Gegenstrategie sein.

- Informationen überzeugen nicht immer; sie werden oft „umgedreht“.

- Belehrung schafft Abwehr.

- Erhobene Zeigefinger schaffen Abwehr.

- Moralische Argumente provozieren häufig Widerstand.

- Humor entspannt; der eine oder andere passende Witz kann das „Klima“ verbessern.

- Auf keinen Fall überheblich werden!

(nach: Hufer, 2008, S. 90f.)

 

Die Auswertung des Trainings erfolgt in einem so genannten Blitzlicht oder anhand einiger weniger Leitfragen.

 

Schlussbemerkung

Unterrichtsprojekte, wie das hier vorgestellte, leben stets mit dem Wagnis, dass es Differenzen zwischen den gemeinsam erarbeiteten Inhalten, den angeeigneten Kompetenzen und der Alltagspraxis geben kann. Solche Trainings sehen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, dass die „Schonraum-Pädagogik“ keine Übertragung des erlernten Verhaltens in den Alltag garantiert. Diese skeptische Frage im Hinblick auf langfristige Wirkungen ist verständlich. Neu sind solche Vorbehalte nicht. Trotz dieses Dilemmas – das im Übrigen jeder Erziehungs- und Bildungsbemühung innewohnt – müssen der präventive Gehalt und die stärkende Wirkung auf die Selbstsicherheit der Schüler/-innen positiv gewürdigt werden. Die Alternative wäre letztlich nichts zu tun!

 

Zur Person

Siegfried Frech ist Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

 

Literatur

Brinkmann, H. U., Frech, S., Posselt, R.-E. (Hrsg.): Gewalt zum Thema machen. Gewaltprävention mit Kindern und Jugendlichen. Bonn 2011.

Frech, S.: Zivilcourage als sozial mutiges Handeln. Was begünstigt, was verhindert Zivilcourage? In: Wochenschau Verlag (Hrsg.): Politik und Wirtschaft unterrichten. Sonderausgabe September/Oktober 2013: Soziales Lernen, S. 30-39.

Hufer, K.-P.: Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen. Schwalbach/Ts. 82008.

Hufer, K.-P.: Argumente am Stammtisch. Erfolgreiche gegen Parolen, Palaver und Populismus. Schwalbach/Ts. 22013.

Meyer, G., Frech, S. (Hrsg.): Zivilcourage. Aufrechter Gang im Alltag. Schwalbach/Ts. 2012.

Meyer, G., Dovermann, U., Frech, S., Gugel, G. (Hrsg.): Zivilcourage lernen. Analysen – Modelle – Arbeitshilfen. Bonn, Stuttgart 2004.

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