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Warum gibt es eigentlich
Staaten? Warum schließen sich Menschen überhaupt zu Gemeinschaften zusammen und
warum geben sich diese Gemeinschaften Regeln, Ordnungen und Strukturen - z.B. in
Form einer Verfassung?
Für diese Fragen gibt und gab es innerhalb der Disziplin der politischen Theorie unterschiedliche Antworten.
Teil 2 des Artikels "60 Jahre Grundgesetz". Teil 1
Teil 2: Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im Verhältnis von Mensch und Gesellschaft: Sicherheit, Freiheit und Vertrauen
Eine mögliche Antwort
könnte beispielsweise etwa so lauten: Menschen tun dies aus einem Bedürfnis
nach Sicherheit heraus. Sie wollen
verhindern, dass andere Menschen ihnen schaden und willkürlich Macht gegen sie
ausüben können. So schränkt sich der einzelne Mensch ein und gibt bestimmte
Funktionen ab. Nicht er übt diese Funktionen oder Handlungen mehr eigenmächtig
aus, sondern der Staat tut dies: z.B. gilt das für die Funktion des Richtens,
Aufklärens und Bestrafens von Verbrechen und Vergehen - diese Aufgaben
erledigen nun staatliche Organisation wie das Gericht, die Polizei und u.U. das
Gefängnis. Und zwar nach von uns in der Regel als gerecht empfundenen
festgelegten Prinzipien (Gesetzen). Dieser Zustand erscheint uns womöglich so
vertraut, dass uns die Vorstellung, dass es auch anders sein könnte, sehr
schwer fällt. Was uns selbstverständlich erscheint ist es jedoch nicht
unbedingt - noch während des Übergangs zur modernen Gesellschaft hatte bei uns
beispielsweise der Hausvater in gewissen Grenzen das Recht und die Pflicht über
die Mitglieder seiner Hausgemeinschaft, d.h. seine Frau, die Kinder, aber
insbesondere auch die Mägde und Knechte, Recht zu sprechen.
Sicherheitsbedürfnis als treibende Kraft für Staatsbildung
Diese hier kurz
skizzierte Sichtweise auf das Sicherheitsbedürfnis des Menschen als treibende
Kraft für die Bildung eines Staates impliziert - ganz im Sinne der von Thomas
Hobbes zuerst gebrauchten Redeweise, der den Menschen als des Menschen Wolf bezeichnet
hat (homo homini lupus) - dass der Andere für den Einzelnen zunächst einmal eine
potentielle Bedrohung darstellt, ein Sicherheitsrisiko, das minimiert werden
muss - eine Sichtweise, die man teilen kann aber nicht muss. Jedenfalls kann
man anerkennen: Wenn eine Gemeinschaft sich bestimmten Regeln, die dem Interesse
der persönlichen Sicherheit und Unversehrtheit jedes Einzelnen gewidmet sind verpflichtet,
und auch dafür sorgt, dass diese Regeln eingehalten werden, dann schafft das
einen Raum, in dem sich der Einzelne sicher und angstfrei bewegen kann.
Wie es ist, wenn ein
solcher Raum der verlässlichen Sicherheit nicht existiert, hat unter anderem
die Deutsche Geschichte nach dem Übergang bzw. dem Zerbrechen der Weimarer
Demokratie in die Nazi-Diktatur gezeigt. Aber auch in jüngerer Zeitgeschichte
ließe sich an verschiedenen Punkten ein Rückgang, Zerfall oder Fehlen dieser
Sicherheiten beobachten. Nur eines von vielen möglichen weiteren Beispielen,
das zeitlich gesehen etwas weniger weit zurück liegt, wäre der von Europa sooft
links liegen gelassene afrikanische Kontinent, mit seiner Vielzahl an
innerstaatlichen Konflikten, instabilen Regierungen, manipulierten Wahlen und
Teils offenen Bürgerkriegen wie dem in Ruanda 1994. Räumlich näher lag uns der
Zusammenbruch des Jugoslawischen Staates und den darauf folgenden Konflikten,
wie etwa den Kosovo-Konflikt. An diesen Beispielen lässt sich der Zusammenbruch
an Sicherheit aufgrund der Fehlfunktion eines Staates bzw. einer Demokratie sehr
eindrücklich beobachten.Wir mögen uns von
Situationen wie diesen (zurecht) weit entfernt fühlen, doch wir sollten uns
dabei vergegenwärtigen, dass Sicherheit nicht gleich Sicherheit ist und das es
auch subtilere Formen einer Negativ-Entwicklung gibt als den direkten Zerfall
oder das direkte Versagen. Man kann z.B. in Sicherheit sein und gleichzeitig
Gefangener sein, man kann beschützt oder bewacht und unfrei sein.
Möglicherweise gibt es also verschiedene Qualitäten oder verschiedene Arten von
Sicherheit, die sich in ihrem Wert für den Einzelnen unterscheiden. Nicht
umsonst also findet die Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte in den USA
nach dem 11. September 2001 sowohl im eigenen Land als auch im Ausland eine
Reihe von Kritikern und auch in Deutschland gibt es immer wieder Stimmen, die Tendenzen
kritisieren, die verfassungsrechtlich gewährte Freiheiten unter dem Verweis auf
Sicherheitsbedürfnisse der Bürger einschränken möchten.
Der Sinn von Politik: Freiheit
Unter diesem Aspekt
kann die Definition von Politik, wie sie Hannah Arendt lieferte, auch als
Mahnung gehört werden: "Auf die Frage nach dem Sinn von Politik gibt es
eine so einfache und in sich so schlüssige Antwort, dass man meinen möchte,
weitere Antworten erübrigten sich ganz und gar. Die Antwort lautet: Der Sinn
von Politik ist Freiheit".
Menschen möchten also nicht
nur in Sicherheit sein, sie möchten dabei auch in Freiheit leben - und wer
wissen will, was man sich unter solcher Freiheit vorstellen kann, wie dieses
große uns scheinbar so leicht verständliche Wort mit konkreten Inhalten gefüllt
werden kann, der kann sich z.B. in den ersten 19 Artikeln unseres Grundgesetzes
einen Eindruck davon verschaffen. Die Werte Sicherheit und Freiheit müssen nicht
im Widerspruch zueinander stehen, so als könne man nur entweder das eine oder
das andere haben. Beides zugleich zu verwirklichen ist eine Herausforderung,
der sich möglicherweise überhaupt nur eine demokratische Grundordnung
erfolgreich stellen kann.
Sicherheit, Freiheit, Vertrauen
Sind aber die Bedürfnisse
nach Sicherheit und Freiheit bereits ausreichend, um zu erklären, warum sich
Menschen zu Gemeinschaften zusammenschließen? Gibt es nicht noch weitere Werte,
die die Qualität und Attraktivität einer Gemeinschaft ausmachen? Wenn wir - wie
gerade empfohlen - einen Blick in das Grundgesetz der Bundesrepublik werfen,
lesen wir da von der unantastbaren Würde des Menschen in deren Dienst sich der
Staat stellt; wir lesen von dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit,
der Glaubens-, Meinungs-, und Gewissensfreiheit, der Gleichberechtigung und dem
Widerspruch gegen Diskriminierung, der Freiheit des Wohnortes, des Berufs, der
Versammlungsfreiheit, usw. Hier ist weit mehr angesprochen, als die Erfüllung
eines Bedürfnisses nach Sicherheit - hier wird aber auch mehr über das
menschliche Zusammenleben ausgesagt, als sich in den Freiheitsbegriff summieren
lässt. Hier geht es darüber hinaus auch um spezifische Qualitäten menschlichen
Zusammenlebens bzw. menschlicher Kooperation und um die Möglichkeit, über das
eigene Leben selbstverantwortliche Entscheidungen treffen zu können. Menschen
gründen also nicht nur deshalb demokratische Staaten, damit ihre Sicherheit und
individuelle (egoistische?) Freiheit gewährleistet wird (oder haben dies
zumindest bisher nicht nur aus diesen Gründen getan). Ein solcher
Zusammenschluss von Menschen ist letztlich nur als ein Akt des Vertrauens möglich, eine nicht ganz
unwichtige Tatsache, auf die beispielsweise der Wirtschaftswissnschaftler
Albert O. Hirschman oder auch der Soziologe und Politikwissenschaftler Robert
D. Putnam hinweist. Hirschman etwa beschreibt Vertrauen als eine moralische
Ressource, die - im Gegensatz zu der Implikation des sonst rein ökonomisch
belegten Ressourcenbegriffs - bei Gebrauch anwächst und nicht verbraucht wird.
Vertrauen ist also tätig - ist neudeutsch gesprochen „Investment" und so
möglicherweise ein Korrektiv zum Sicherheitsbegriff, der einseitig fordernden
und passiven Charakter hat. Dieses Vertrauen ist möglicherweise ebenso ein
Grundbedürfnis des Menschen, wie es das nach Sicherheit oder Freiheit ist. Es
zielt ab auf gemeinsames Handeln, auf gemeinsames Leben und gemeinsames Gestalten
der Gegenwart sowie der Zukunft durch gemeinsam getroffene oder herbeigeführte
Entscheidungen. Die Politikwissenschaft fragt - wie man des Öfteren liest - in
jüngster Zeit verstärkt nach der Bedeutung des Begriffs „Vertrauen" in
politischen Prozessen und Strukturen; und zwar im Rahmen des Nachdenkens und
Forschens über die politische Kultur (civic culture). Vertrauen ist für uns in
aller Regel kein abstrakter Begriff - sondern in vielfachen menschlichen
Beziehungen Alltagserfahrung. Womöglich ist es an der Zeit, die politische Relevanz
dieses Begriffs als Fundament einer demokratischen Grundordnung wiederzuentdecken
und zu beleben, die den Werten der Sicherheit und der Freiheit erst ihre
eigentliche Qualität verleiht.
Eine kurze Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte - also
sozusagen „die Geburt" - sowie die „besonderen Merkmale" des Grundegesetzes Teil 1 des Artikels
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