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Spätestens seit dem Beutelsbacher Konsens von 1976 gehört es zu den selbst gesteckten Zielen der politischen Bildung, Streitkultur zu pflegen und zu fördern. Zur Erinnerung: Im Beutelsbacher Konsens werden drei Richtlinien formuliert, die zugleich einen Status als kleinster gemeinsamer Nenner und ebenso auch als Qualitätsmerkmal von politischer Bildung für sich beanspruchen. Neben der Forderung, die Adressaten politischer Bildung nicht zur Übernahme einer vorgefassten Meinung hin zu manipulieren und der didaktischen Zielsetzung, sie in die Lage zu versetzen, ihre eigenen Interessen und die vorgefundene politische Lage in Bezug zueinander zu setzen, erklärten die Protagonisten des Beutelsbacher Konsens auch das sog. „Kontroversitätsprinzip“ zum Leitkriterium professioneller politischer Bildung. Das Kontroversitätsprinzip wurde im Beutelsbacher Konsens wie folgt auf den Punkt gebracht: „Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muß auch im Unterricht kontrovers erscheinen“.
Es geht dabei darum, das Spiel der Meinungen, Argumente und Positionen,
das in der öffentlichen Debatte um politische Fragen herrscht, in seiner
Originalität und Gegensätzlichkeit auch wirklich und möglichst
unverfälscht den Adressaten politischer Bildung zugänglich zu machen.
Laut Wolfgang Sander, dem Herausgeber und Chefredakteur des Magazins
„kursiv - Journal für politische Bildung“, sind in unserer Gesellschaft
erkennbare Defizite zu verzeichnen, was den öffentlichen Umgang mit
Konflikten und Streit angeht. Daher widmet das Magazin dem Thema
„Kontroversität in der politischen Bildung“ einen eigenen
Themenschwerpunkt. Das Magazin widmet dem Thema drei Artikel, die der
Frage der Bedeutung von Streit und Streitkultur auf gesellschaftlicher
und auch bildungspraktischer Ebene nachgehen.
Warum
Gesellschaften Konflikte brauchen
Dr. Thorsten Bonacker macht in seinem Artikel „Warum Gesellschaften Konflikte
brauchen" auf dem Hintergrund sozialwissenschaftlicher Konflikttheorien auf die
funktionale Bedeutung von Konflikten aufmerksam. Konflikte werden dort nicht
als Bedrohung gesellschaftlichen Zusammenhalts interpretiert, sondern aus einer
gerade entgegengesetzten Perspektive als gemeinschaftsstiftend und gemeinschaftsfördernd.
In dieser theoretischen Perspektive, die sich historisch bis zu Georg Simmel
zurückführen lässt, ist dabei von grundlegender Bedeutung, dass Konflikte
friedlich ausgetragen werden.
Die moderne konflikttheoretische Perspektive lässt sich laut Bonacker durch
vier Thesen beschreiben: 1. Konflikte werden als spezifische Form der
Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung verstanden (Simmel, Dubiel, Luhmann),
2. Konflikte sind eine unvermeidbare Folge der horizontalen Differenzierung
moderner Gesellschaften, 3. Konflikte sind eine unvermeidbare Folge der
vertikalen Differenzierung moderner Gesellschaften, 4. moderne Gesellschaften
zeichnen sich durch die Institutionalisierung ziviler Konfliktbearbeitungen
aus.
Während Bonacker für die erste These zunächst auf das sich aus ihr ergebende
konstruktive Potential hinweist, Konflikte als „normale soziale Phänomene" zu
begreifen, unterlässt er es doch auch nicht auf die „Eskalationsdynamik"
hinzuweisen, die öffentliche Konflikte potentiell in sich bergen. Diese Dynamik
könne unter Umständen sogar dazu führen, dass das Handeln der Akteure im
Konflikt nicht mehr an den eigenen Zielen und Interessen ausgerichtet ist,
sondern sich nur noch auf dem Konfliktgegner unterstellte Ziele und Absichten
konzentriere, in letzter Konsequenz sogar bis zu einer extremen Form, so dass
sich im Konflikt eine „Logik der Gewalt" entwickele.
Mit Verweis auf Max Weber erläutert Bonacker den in der zweiten These
verwendeten Begriff der horizontalen Differenzierung unter dem Gesichtspunkt
der Pluralität der Werte. Nicht mehr ein oder mehrere gemeinsame Werte
könnten in einer Individualisierten Gesellschaft Integration des Subjekts
gewährleisten, sondern es sei die „rationale Diskussion" über diese
Werte, die noch Gemeinschaft stifte. Die Aufteilung (Segmentierung) moderner
Gesellschaften in für sich existierende gesellschaftliche Teilbereiche bzw.
Institutionen birgt demnach Konfliktpotential in sich. Beispielhaft nennt
Bonacker die schwelenden Konfliktherde zwischen den Teilbereichen Ökonomie und
Ökologie sowie zwischen Wirtschaft und Politik. Gleichzeitig seien in der
modernen Gesellschaft aber wieder eigene Institutionen entstanden, die diese
Konfliktaustragung wiederum funktional bzw. produktiv regulieren. Bonacker
führt das Rechtssystem, Massenmedien und Protestbewegungen als Beispiel an.
Für These der Konflikthaftigkeit moderner Gesellschaften auf vertikaler Ebene
verweist der Autor auf „Klassen-, Rangordnungs- und Statuskonflikte", deren
Bedeutung bzw. Ursache er mit Dahrendorf in der „ungleichen Verteilung von
Herrschaftsrollen" sieht. Hier bilden sich entlang der Achse „Erhaltung des
status quo" und „Veränderung" Interessengruppen aus, für die eine
„kollektive Forderung nach Anerkennung" charakteristisch sei. Die Pointe dieser
These: Die dauerhafte Verweigerung der Anerkennung von Ansprüchen auf
ökonomische und politische Teilhabe sowie soziale Wertschätzung, führt unter
den faktisch gegebenen Bedingungen eines universalistischen Normverständnisses
(also der Idee, dass es überhaupt so etwas wie allgemein bzw. kollektiv
geltende Normen geben sollte) zu „desintegrativen Konflikten" (Heitmeyer,
Honneth). Die sich aus den Effekten gesellschaftlicher Differenzierung
ergebenden Konfliktpotentiale werden in modernen Gesellschaften dadurch
entschärft, dass diese Konflikte institutionalisiert und prozedural (d.h. gemäß
eines kollektiv anerkannten Verfahrens) reguliert werden.
Voraussetzung aber, um eine solche konstruktive Austragung von Konflikten
durchzuführen, sei die wechselseitige Anerkennung - Bonacker verweist auf hier
auf Durkheim, der in diesem Zusammenhang vom „lebensweltlichen
Solidaritätsempfinden" gesprochen hat. Damit ist Bonacker beim Stichwort
„Streitkultur" angekommen. Die Mechanismen zur Konfliktaustragung, die die
moderne Gesellschaft bietet, reichten für sich genommen noch nicht zur
konstruktiven Konfliktaustragung aus. Nur wenn Konflikte kollektive, soziale Koordinationsleistungen
hervorrufen (selbst wenn sich keine Lösung ergibt), könnten sie integrative
Wirkung entfalten. Streitkultur versteht Bonacker daher einerseits als Effekt
gesellschaftlicher Entwicklungs- und Lernprozesse, andererseits aber auch als
ihre Bedingung, wenn er erklärt, dass in der Gesellschaft und ihren
Institutionen ausgetragene Konflikte auf eine förderliche Streitkultur
angewiesen seien.
Streitkultur
in der Demokratie
Dr. Mark
Arenhövel problematisiert in seinem Beitrag die Tatsache, dass Streit zum einen
auf der Ebene der individuellen Interaktion zwischen Menschen als auch auf der
Ebene der Gesellschaftlichen und politischen Diskussion oftmals als
unerwünschter Zustand wahrgenommen und empfunden wird. Dies ließe sich unter
anderem daran verdeutlichen, dass Streit innerhalb politischer Parteien von den
Wählern nicht honoriert wird. Arenhövel untermauert diese Beobachtung, indem er
auf den Stellenwert aufmerksam macht, den in der politischen Sprache
beispielsweise die Begriffe „Einheit, Parteidisziplin, konzertierte Aktion,
Konkordanzdemokratie, Fraktionszwang und Tarifpartnerschaft" erlangt haben.
Diese individuelle und öffentliche Wahrnehmung von Streit sei zum einen einer
mediatisierten politischen Kommunikation geschuldet, zum anderen aber
mindestens ebenso auch einem sich unter dem Eindruck der Thesen der Theorie der
„Reflexiven Modernisierung" wandelnden allgemeinen Gesellschafts- und Politikverständnisses.
Die auf Soziologen wie Lash, Beck und Giddens zurückgehende Theorie der
„Reflexiven Modernisierung" erklärt, dass die großen gesellschaftlichen und
politischen Konflikte des 20. Jahrhunderts entweder ihre Relevanz verloren
hätten oder gar gelöst wären (Links-Rechts-Schemata, ideologisch motivierte
Konflikte über Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, etc.). Außerdem meint
die Theorie zu erkennen, dass inzwischen eine neue gesellschaftliche und
politische Agenda existiere, die von einem „unideologischen" und pragmatische
orientierten „Dritten Weg" motiviert wäre. Diese Sichtweise wäre dann auch ein
Deutungsmuster, mit dem sich die zu beobachtende Ununterscheidbarkeit der
europäischen Volksparteien soziologisch erklären ließe. Laut Arenhövel ist
diese Sichtweise mittlerweile fester Bestandteil der „politischen
Gegenwartskultur" geworden, dies zeige sich auch im Trend der
„Justizialisierung der Politik". Damit ist die Verlagerung von kontroversen
politischen Entscheidungen vom Parlament in den Zustandsbereich der höchsten
Justiz gemeint. Arenhövel sieht diese Strategie mittlerweile bei den Parteien
fest verankert (Stichwort: Auslandseinsatz der Bundeswehr). Auch beobachtet der
Autor eine Tendenz politische Fragen zu moralisieren und nimmt damit Bezug auf
das viel beachtete Buch von Chantal Mouffe „Über das Politische: Wider die
kosmopolitische Illusion" (2007). Beispielhaft für eine solche Moralisierung
des Politischen sei die Tendenz gewesen, die Verantwortung für die Finanzkrise
und die mit ihr einhergehende Gefährdung systemrelevanter Banken und
Unternehmen bei „unmoralischen, gierigen Managern" zu suchen - und auch zu
finden - statt mögliche Fehler im System aufzudecken. Dieser Trend führe
faktisch zu einer Verdrängung der eigentlich notwendigen und für das Politische
konstitutiven rationalen Diskussion und des Abwägens des Für und Wider.
Seine Beobachtungen veranlassen Arenhövel, die Frage laut werden zu lassen, ob
sich unsere Gesellschaft auf dem Weg in die „Post-Demokratie" (Ranciére) befindet,
die den Konsens und die Verdrängung bzw. das Verschweigen politischer
Gegensätze zu ihrem Leitbild erhoben hat. Während auf die Frage der
Integrationsfähigkeit moderner Gesellschaften häufig mit Begriffen wie
„Toleranz", „gegenseitige Achtung und Anerkennung" und dem Verweis auf die
„Vergesellschaftungskraft gemeinsamer Werte" geantwortet werde, möchte
Arenhövel diesem Trend ein Plädoyer für eine lebendige Streitkultur
gegenüberstellen. Er schließt sich damit der sozialwissenschaftlichen
Theoriebildung an, die Demokratie als „die öffentliche Inszenierung von
Dissens" begreift und eine „lebendige" Streitkultur als essentiellen
Bestandteil dieser Demokratie begreift.
Dabei geht er davon aus, dass auch im Konflikt und im Streit „symbolisch
integrierendes Kapital" als soziale Ressource aufgebaut werden kann (Dubiel).
Man könne demnach auch im Streit Vertrauen zueinander aufbauen und in
ihm einen zugleich integrierenden „symbolischen Raum begründen". Nicht ein
rationaler Konsens (Habermas) oder ein „faires Verfahren" (Rawls) werden in
dieser Konzeption als integrierendes Element verstanden, sondern der Streit
selbst! „Streit" wird dabei freilich im „Medium der demokratisch strukturierten
Arenen einer freien, gewaltlosen Meinungsbildung" gedacht.
Arenhövels Fazit lautet: Unsere Demokratie leidet eher an zu wenig als an zu
viel Streit. Er formuliert prägnant: „Nichts ist schädlicher für die Demokratie
als die Rede davon, es gäbe keine Alternativen. In freien Gesellschaften gibt
es immer Alternativen, und um die beste zu finden, bedarf es des friedlichen
aber leidenschaftlichen Streits". Dies erfordere einerseits Mut auf Seiten der
Politiker, andererseits die Einsicht auf Seiten der Bürger bzw. Wähler, Streit
auch wirklich als „produktives Ringen um beste Entscheidungen" zu verstehen.
Moderne Gesellschaften sind dann nicht mehr als „Versammlung von
Seelenverwandten zu verstehen, die sich in einem gemeinsamen Ziel vereint
haben", sondern viel eher als eine „Arbeitsgemeinschaft von Exzentrikern zum
Zweck des Wechselseitigen Schutzes" (Rorty).
Prinzip
Kontroversität - Streitkultur in der politischen Bildung
Dr. Peter
Henkenborg beleuchtet in seinem Beitrag das Spannungsverhältnis zwischen
Anspruch und Wirklichkeit, in das der politische Bildner beim Versuch der
praktischen Umsetzung des Kontroversitätsprinzips immer wieder gerät. Dieses
Prinzip fordere vom politisch Bildenden, die eigene Meinung oder bestimmte
Ideologien oder Werte nicht anderen aufzuzwingen bzw. sie in ihrer
Meinungsbildung zu manipulieren. Henkenborg beschreibt die Bedeutung des
Kontroversitätsprinzips in seinem Beitrag auch aus historischer Perspektive:
Während noch in den 1960er Jahren politische Bildung vom linksorientierten
Spektrum als „Teil eines Projekts der Gesellschaftsveränderung" angesehen wurde
und politisch Konservative entsprechend gegenhalten wollten, entstand durch den
Beutelsbacher Konsens von 1976 eine neue, fruchtbarere Perspektive auf die
politische Bildung, die Henkenborg als „Repädagogisierung" bezeichnet,
d.h. als die (Neu)Beschreibung der politischen Bildung als „pädagogische
Situation", in der die Mündigkeit des Individuums als Ziel- und
Prozesskategorie gleichermaßen im Vordergrund steht - dies getreu der These von
Michael Greven „Man kann in Unfreiheit nicht zur Freiheit erziehen".
Der Autor beschreibt auf der Basis empirischer Forschungsergebnisse sechs sog.
„Lernfallen", die Kontroversität in der politischen Bildung be- oder verhindern
können.
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Die sogenannte „Stoffalle", bei der politische Bildung zu stofflastig und
damit letztlich zu unpolitisch gestaltet wird
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Die sogenannte „Wissensfalle, bei der politische Bildung zu informierend und
faktenorientiert gestaltet wird
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Die sogenannte „Moralfalle", bei der politische Bildung zu gesinnungsethisch
ist und das Nachdenken über die Folgen politischen Handelns vernachlässigt
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Die sogenannte „Vermittlungsfalle", bei der sich politische Bildung nicht
mehr ausreichend mit Aneignungsperspektiven, Lernthemen, Bedürfnissen, sowie
Fragen und Problemen der Schüler auseinandersetzt
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Die sogenannte „Überwältigungsfalle", deren Hauptproblem es ist, dass sie
Mehrdeutigkeit in Eindeutigkeit verwandelt und Tendenzen der Belehrung, der
Harmonisierung und das Schwarz-Weiß-Malens in sich trägt
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Die Lernkulturfalle, die bei der Inszenierung von Kontroversität im Sinne von
Lernumgebungen versagt und beispielsweise sich methodisch zu stark im Stil des
Frontalunterrichts bewegt
Als ursächlich für die Entstehung dieser Lernfallen, die Henkenborg auch als
„Kontroversitätsfallen" bezeichnet, sieht er vier Problemfelder auf Seiten der
Lehrenden.
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Ein bestimmtes Gesellschaftsbild, das im Wesentlichen auf eine Polarisierung
der Bedeutung politischer Bildung als entweder emanzipatorisches oder
affirmatives Projekt aufbaut
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Professionelle Unsicherheiten, die so weit reichen können, dass eine „Angst
vor der Kontroverse" beim politisch Bildenden vorhanden ist, die auch als
„Angst vor dem Unerwünschten Ausgang der Diskussion" existieren kann. Beides
wird subjektiv als (psychische) Überforderung wahrgenommen. Ein mangelndes
Methodenrepertoire tut sein Übriges dazu, so dass Kontroversität als
Bildunginhalt und Kommunikationsregulativ nicht mehr vorhanden ist
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Ein bestimmtes Unterrichtsverständnis, das wiederum mit der Präferenz von
bestimmten Unterrichtsskripts verbunden ist, behindert die Entfaltung der
thematisch eigentlich angemessenen Kontroversität. Ein Unterrichtsskript
beinhaltet das schematische Verfolgen vordefinierter Lernziele, das Vermitteln
eines bestimmten Wissens oder Stoffes seitens der oder des Lehrenden.
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Institutionelle Rahmenbedingungen machen direkt oder indirekt Vorgaben
inhaltlicher oder zeitlicher Art, so dass die Gefahr droht, dass die
Komplexität politischer Bildung zu sehr reduziert wird (z.B. bei
Lehrplanvorgaben). Im außerschulischen Bereich gehören auch (partei-)politische
Ausrichtungen von Bildungsinstitutionen (Henkenborg pointiert sie als
„Tendenzbetriebe") zu solchen Vorgaben, so dass die Bedeutung des Beutelsbacher
Konsenses für den außerschulischen Bereich immer wieder in der Fachliteratur in
Frage gestellt worden ist.
Wichtig ist Henkenborg nun, dass sich im Rückgriff auf das
Kontroversitätsprinzip Qualitätsmerkmale definieren lassen, so dass das Kontroversitätsprinzip
nicht nur als theoretisches Regulativ, sondern auch als „didaktisches Prinzip"
verstanden und mit Inhalt gefüllt werden kann. Wiederum nennt er sechs
Qualitätsmerkmale, durch den der „Prozesstandard Kontroversität"
beschrieben bzw. operationalisiert werden soll.
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Das Kriterium „Konflikt": Konflikt und Streit sollen als wesenhaft für das
Politische und als Teil einer pluralistischen Gesellschaft anerkannt werden. Zu
fragen sei: „Wird das, was in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft kontrovers
ist, auch in der politischen Bildung kontrovers behandelt oder werden die
zentralen Kontroversen eines Themas ausgeblendet?"
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Die Kriterien „Interessen" und „Gemeinwohl" (von Bredwo und Noetzel): Mit
diesen Kriterien ist das Spannungsverhältnis zwischen dem Individuum auf der
einen Seite beschrieben, das in eine kritische Distanz zu seiner
Gemeinschaft eintritt, und einer „Gemeinwesenorientierung" auf der
anderen Seite, bei der es um die Frage des gemeinsamen Nutzens,
gemeinschaftlicher Interessen und Ziele, um Solidarität und gemeinsame Werte
und Normen geht. Als Leitfrage formuliert Henkenborg hier: „Ermöglicht
politische Bildung in der Behandlung politischer Konflikte und Probleme eine
aufeinander bezogene reflexive Auseinandersetzung mit eigenen Interessen
einerseits und den Ansprüchen des Gemeinwohls andererseits?"
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Das Kriterium „Vielfalt": Es geht hier um die Deutung des Konflikts als
„produktive Ressource" und eine sich daraus ergebende Perspektive der
Anerkennung und des Respektierens anderer sozialer, ethnischer und kultureller
Gruppen. Gefragt wird von Henkenborg: „Sind bei der Verhandlung politischer
Konflikte und Probleme Aspekte von Vielfalt und Anerkennung bedeutsam und
werden sie angemessen aufgegriffen?"
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Das Kriterium „Differenzerfahrung": Politische Bildung wird hier lern- bzw.
bildungstheoretisch begriffen und der Konflikt als „fruchtbarer Moment im
Bildungsprozess" (Copei) verstanden. In ihm wird der einzelne Mensch zu einer
Entscheidung aufgefordert. Unterschiede, Kontroversen, Differenzen sind demnach
grundsätzlich als lernförderlich anzusehen. Jedoch gesteht der Autor zu, dass
sie unter Umständen gerade Kinder und Jugendliche auch überfordern können.
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Das Kriterium „Mulitperspektivität": Henkenborg bezieht hier explizit eine
konstruktivistische Sicht ein, die Heterogenität und Verschiedenheit in Bezug
auf die Beschreibung der Welt als gleichwertige Perspektiven auf die
Wirklichkeit integriert. Zu fragen sei: „Werden politische Konflikte und
Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven beteiligter und betroffener
Menschen dargestellt, die wiederum unterschiedliche soziale, ethnische,
geschlechtliche, weltanschauliche Positionen und Interessen repräsentieren?
Wird die multiperspektivische Behandlung politischer Konflikte und Probleme mit
didaktischen Operationen der Perspektivenübernahme und des Mitfühlens
verbunden?"
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Das Kriterium „pädagogischer Takt“ (Herbart): Hier geht es um die Fähigkeit des/der Pädagogen/In, sich in entscheidenden Momenten zurückzunehmen und Raum für „Spontaneität und eigenen Deutungen“ der Schüler zu lassen – ohne dabei selbst profillos zu sein bzw. sein zu müssen. Henkenborgs Leitfrage lautet hier: „Entwickeln politische Bildnerinnen und Bildner in der Auseinadersetzung mit politischen Konflikten und Problemen einen angemessenen pädagogischen Takt?“
Links:
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Buchtipp zum Thema Mouffe, Chantal: "Über das Politische - Wider die kosmopolitische Illusion" - eine Rezensionsübersicht über diesen Titel finden Sie hier
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