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Bulgarien: Die Spuren des Kommunismus in der Bürgererziehung
Geschrieben von: Andreas Weiß   
Montag, den 19. Dezember 2011 um 00:00 Uhr
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Im Rahmen der Artikelserie zur Politischen Bildung im internationalen Kontext wird an dieser Stelle Bulgarien thematisiert.

bulgarien_teaser12. Beitrag der Reihe: Bulgariens junge Demokratie brachte im Jahr 1999 die politische Bildung auf den Lehrplan der Schulen. Doch auch über 20 Jahre nach der Überwindung des Kommunismus finden sich im Bildungssystem Strukturen, Missstände und Überbleibsel, die stark an die Vergangenheit erinnern. Georgi Dimitrov summiert die bulgarischen Verhältnisse und macht schließlich auch konkrete Vorschläge zur Neufassung der politischen Bildung.

Zwiespältigkeit demokratischer Erziehung in bulgarischen Schulen

Die institutionalisierte politische Bildung bulgarischer Schüler kann trotz ihres kurzen Bestehens bereits elementare Komponenten aufweisen. So wird von der ersten bis zur zwölften Klasse gesellschaftliches, bürgerliches und politisches Wissen vermittelt. Es existieren nationale Standards, welche die Inhalte zentral steuern und Lehrkräfte werden mit den Themen auf Fortbildungen vertraut gemacht. Ausreichend Lehrbücher und Materialien sind vorhanden, und eine Vielzahl an Organisationen in Projektarbeit mit dem Bildungsministerium tätig. Behält man im Hinterkopf, dass die politische Bildung in der Schule in diesem Land keine Tradition aufweisen kann, bestehen gute Konzepte. Leider ist dies nur auf dem Papier der Fall.

In einer Studie zum Zustand der interdisziplinären Vermittlung von staatsbürgerlicher Kompetenz wurden Dokumente analysiert und Interviews mit zentralen Personen im Bildungswesen geführt. Die Ergebnisse zeigen: In der Realität der Schule besteht großer Widerwille der Schüler gegen das Fach, was vormals sogar den Ausfall der Reifeprüfung in dem Fach als Effekt hatte. Das Abschneiden der Schüler war als so negativ erwartet worden, dass es sich nachteilig auf den Ruf der Domäne hätte auswirken können. Die Unbeliebtheit ist aber nicht auf das bloße Desinteresse der Schüler zurückzuführen. Es bestehen vielmehr starke Differenzen zwischen den Zuständen als Konzept wie eingangs beschrieben und der realen Unterrichtsqualität. In der bulgarischen Schultradition besteht der Fokus auf Wissen und weniger auf der Erlernung von Kompetenzen. Das führt so weit, dass vom Schüler zwar die Definition von „Diskussion" wiedergegeben werden muss, diese aber niemals stattfindet. Diese methodischen Verfehlungen in der Staatsbürgerkunde sind nicht zuletzt durch die Ausbildung der Lehrkräfte bedingt, die in ihrer universitären Vorbereitung auf den Schulalltag keine gesonderte Anleitung für Sozialkunde erhalten. In Verbindung mit Unterrichtsmaterialien, die eigentlich kein demokratisches Denken fördern, entsteht so ein interaktionsloses und autoritäres Lernumfeld, wie Dimitrov bemängelt. Durch die Abstraktion des demokratischen Denkens auf eine bloße theoretische Ebene steht der eintretende Effekt im Gegensatz zur ursprünglichen Intention. Die Schüler entwickeln eher Abneigung gegenüber staatsbürgerlichen Thematiken statt sich für Politik und Gesellschaft zu begeistern.

Ruf nach Neugestaltung

Der Zustand der politischen Bildung spiegelt den der Gesellschaft als solches wieder. Es besteht eine enorme Spannung zwischen Worten und Taten, sowohl in der Konzeption schulischer Bürgererziehung als auch in weiteren Politikfeldern. Im post-kommunistischen Bulgarien sind die Ursachen dafür relativ schnell gefunden. Die Herausbildung der demokratischen Zivilgesellschaft ebenso wie die Neuformierung der politischen Institutionen scheinen noch nicht gänzlich abgeschlossen zu sein. Es halten sich noch immer Strukturen der Vergangenheit wie etwa ausgeprägtes Autoritätsdenken und das Ausbleiben öffentlicher Diskussionen. Diesen Verhältnissen kann mit der momentanen politischen Bildung jedoch nicht entgegengewirkt werden kann. Daher fordert Dimitrov die verstärkte Demokratisierung des Bildungssystems, damit der Konsens von Experten zur Unterrichtsgrundlage werden kann. Er geht sogar so weit, eine generelle Reform öffentlicher Institutionen zur Förderung des zivilgesellschaftlichen Miteinanders anzustreben.

Quelle:

Dimitrov, Georgi: "Shut Up When You Talkin with Me"/Civil Education in a Post-Communist Society Challenged by the Institutionalized Public Culture. The Case of Bulgaria, in: Journal of Social Science Education, 1/ 2008 (Online verfügbar)

 
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