Donnerstag, 19 September 2013 00:00

Warum wählen gehen? – Oder: Was hindert viele daran, 15 Minuten zu investieren?

geschrieben von  Christian Boeser und Frank Wagner
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Sonntag, 22. September 2013, 17.45 Uhr. Noch 15 Minuten könnte man wählen gehen, bevor die Wahllokale für die Bundestagswahl und Landtagswahl in Hessen schließen. Könnte man. Aber sollte man? Viele entscheiden sich bewusst dagegen (wirklich vergessen wird es von den Wenigsten). Welche Gründe werden häufig fürs Nichtwählen angeführt und was lässt sich darauf entgegnen?

 

©  Alexander Hauk/ pixello

Ich möchte mit meiner Wahlverweigerung Protest ausdrücken!

Eine politisch motivierte Wahlenthaltung ist bei einem Teil der Nichtwähler festzustellen. Problematisch ist, dass Nichtwählen keine eindeutige Protestbotschaft darstellt: Bin ich mit allem zufrieden - soll sich also nichts ändern? Oder bin ich mit allem unzufrieden - soll sich also alles ändern? Rationaler ist es, die Partei zu wählen, die am ehesten den eigenen Protest artikuliert.

Hinzu kommt noch etwas anderes: Wer nicht wählt, erhöht die Chancen extremistischer Parteien in das Parlament zu kommen (bei 5% der abgegebenen Stimmen) bzw. öffentliche Gelder in Form von Wahlkampfkostenrückerstattung zu erhalten (bei 0,5% der abgegeben Stimmen).

Die Politiker nehmen uns ohnehin nicht ernst!

Viele Bürger haben das Gefühl, von "den Politikern" nicht ernst genommen zu werden. Und tatsächlich gibt es bei manchen Politikern eine gewisse Form der Bürgerverdrossenheit. Manche Politiker glauben, Ehrlichkeit lohne nicht, der Bürger erwarte vielmehr, dass ihm im Wahlkampf das Blaue vom Himmel versprochen werde. Oder mit den Worten der ehemaligen Bundesministerin Andrea Fischer gesprochen: "Wenn die Bürger Ehrlichkeit nicht honorieren dann kriegen sie die feigen Politiker die sie verdienen." Politiker nehmen nämlich sehr genau wahr, was ihnen Stimmen bringt und was sie Stimmen kostet - schließlich geht es alle paar Jahre um ihren Job! Eine niedrige Wahlbeteiligung junger Menschen führt dann auch dazu, dass die Interessen der jungen Generation (z.B. Klimaschutz oder Abbau der Staatsverschuldung) eher ins Abseits geraten. Wer also ernst genommen werden will, muss dafür auch etwas tun!

Ich kann mich mit keiner Partei hundertprozentig identifizieren!

Diese Aussage wird von Vielen geteilt. Zustimmen würden dieser Aussage auch Angela Merkel, Peer Steinbrück und auch die anderen Spitzenkandidaten der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien. Alle haben schon parteiinterne Niederlagen in inhaltlichen Fragen erlitten und engagieren sich dennoch für „ihre" Partei. Einfach deshalb, da sowohl Parteien konkret als auch das Leben allgemein niemals perfekt sind. Wir treffen ständig Entscheidungen, mit denen wir uns nicht hundertprozentig identifizieren, sei es beim Fernsehprogramm oder sei es beim Urlaubsort. Warum nicht auch bei einer Wahl?!

Ich kenne mich nicht genügend aus!

Insbesondere junge Menschen haben oftmals eine sehr hohe Anspruchshaltung an das eigene Wahlverhalten: Die eigene Wahlentscheidung, so die Erwartung an sich selbst, muss sehr gut begründbar sein und nach intensiver Auseinandersetzung und reiflicher Überlegung erfolgen. Diesen hohen Anspruch erfüllen aber die wenigsten Wähler, ob jung oder alt, in unserem Land. Zwar haben die meisten bestimmte Präferenzen, welches politische Lager sie favorisieren, aber die letztendliche Wahlentscheidung hängt von sehr vielen Faktoren ab, und wird nicht selten erst kurz vor der Wahl getroffen. Die Angst, sich nicht genügend in der Politik auszukennen, sollte kein Hinderungsgrund sein. Hilfreich für die eigene Entscheidungsfindung sind gleichwohl Tools aus dem Internet wie beispielsweise der Wahl-o-Mat.

Auf meine Stimme kommt es nicht an!

Zugegeben: Die eigene Stimme ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wahlentscheidend. Und wenn man selbst nicht zur Wahl geht, also einer weniger wählen geht, erscheint das nicht so dramatisch. Hier sticht aber tatsächlich das Argument von Großmutter, die einen ermahnte, das auf den Boden geworfene Bonbonpapier wieder aufzuheben: "Wenn das jeder machen würde"! Oder, wer es gerne anspruchsvoller hat, der kategorische Imperativ von Kant: "Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann."
Konkret: Wenn nur noch eine Minderheit wählen gehen würde, wären unsere Politiker nicht mehr ausreichend legitimiert. Wir müssten uns statt der demokratischen Legitimation eine andere Variante überlegen, wie wir die Koordinatoren unseres Gemeinwesens bestimmen. Möglich wären beispielsweise Losentscheid, Berufung durch eine Behörde oder gleich die Vererbung politischer Macht wie im Absolutismus. - Alles keine verlockenden Alternativen.

Das ist mir echt zu stressig!

Der zeitliche Aufwand für die Wahl liegt im Schnitt bei 15 Minuten (davon sind 10 Minuten im wörtlichen Sinne ein Sonntagsspaziergang). Der Aufwand ist also überschaubar. Und es geht um etwas Wichtiges: Es ist nicht selbstverständlich, wählen zu können. In vielen Ländern dieser Welt gibt es keine demokratische Mitbestimmung. Und in vielen Ländern ist der Einsatz für Demokratie und das Engagement gegen Tyrannei etwas, was viel Mut verlangt. Auch in Deutschland wurde das Wahlrecht gegen Widerstände erstritten. Es hat auch etwas mit Respekt vor diesem Engagement zu tun, das Wahlrecht ernst zu nehmen.

Übrigens: Es macht auch nichts, falls man seine Wahlbenachrichtigung verlegt hat: Personalausweis mitnehmen und den Nachbarn fragen, wo die Wahl stattfindet.

 

Der Artikel wurde von Christian Boeser für eine Wahl-Sonderausgabe der Zeitschrift "InUmÜber Oberbayern" des oberbayerischen Jugendrings im Jahre 2008 verfasst. Für das Wahljahr 2013 wurde der Beitrag von Frank Wagner überarbeitet.

Gelesen 1620 mal Letzte Änderung am Montag, 15 Dezember 2014 15:14
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